Länder & Märkte

China

Sie haben bereits Geschäftsbeziehungen zu China oder möchten diese aufbauen? Hier finden Sie weiterführende Informationen für Unternehmen.

China braucht den Freihandel

chinaskongressklein_1
© Imago

Moderate Wachstumsziele und Freihandelsversprechen: Chinas Staatspräsident Xi Jinping schlägt neue Töne an. Auch die jüngste Sitzung des Nationalen Volkskongresses in Peking hat diesen Kurswechsel bestätigt. „Wirtschaft Aktuell“ befragte Christoph Angerbauer, General Manager der AHK Shanghai, zum Stand der Reformbemühungen Chinas.

China ist furios in das Jahr gestartet. Staatschef Xi Jinping plädierte auf dem Wirtschaftsforum Davos so deutlich wie nie für freien Handel und offene Märkte. Wie glaubhaft ist das?

Das war auch für uns überraschend. Dass Xi Jinping der große Fürsprecher des Freihandels wird, hätten wir so nicht erwartet. Das ist offensichtlich eine Folge der Entwicklungen in den USA.

Ist das nur PR oder ein ernsthafter Kurswechsel?

Das kann man nicht so einfach mit Ja oder Nein beantworten. Wir sehen in China wirkliche Schritte in Richtung Marktöffnung. Auf der anderen Seite gibt es aber immer noch viele harte Beschränkungen für Ausländer. Chinas Schlüsselbranchen sind vor dem Zugriff ausländischer Investoren geschützt, Banken und Versicherungen müssen mit einem chinesischen Partner zusammenarbeiten und so weiter. Diese Widersprüche sind Folge des großen Umbruchs, der sich derzeit in Chinas Wirtschaft abspielt.

Wohin steuert Chinas Wirtschaft?

Nicht jeder in Deutschland erkennt das Ausmaß des Anpassungsdrucks, unter dem China heute steht. Für China war der Export lange Zeit einer der großen Wachstumstreiber. Seit fünf Jahren ist damit Schluss, weil Lohnkosten in China deutlich gestiegen sind. Der Export trägt nichts mehr zum chinesischen Wachstum bei. Die Zeiten, in denen chinesische Massenhersteller mit billigen Spielsachen den Weltmarkt überschwemmt haben, sind vorbei. Auch deutsche Unternehmen, die wegen der niedrigen Lohnkosten nach China gekommen sind, wandern ab. Viele gehen nach Südostasien, nach Bangladesch oder Vietnam.

Warum drängt China dann auf freien Handel?

Weil China den Freihandel braucht. China versucht bereits mit Erfolg Produkte mit höherer Qualität herzustellen. Um noch besser zu werden, braucht Peking westliches Know-how. Man setzt auf Automatisierungstechnik ausländischer Anbieter, um die höheren Lohnkosten auszugleichen. Die Regierung in Peking weiß genau: Internationalisierung hilft den eigenen Unternehmen.

Was ist dran an dem Einwand, China sei nur für Freihandel, wenn es eigenen Interessen diene?

Da ist was Wahres dran. Allerdings können davon auch andere Länder profitieren. Ein Beispiel ist das Projekt neue Seidenstraße. Unter dem Motto „One belt, one road“ startet China wahnsinnig viele Projekte auf der Kontinentalplatte zwischen Europa und Zentralasien. Das bringt der ganzen Region wichtige Impulse.

Im Herbst 2016 hat der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit seiner Kritik am unfairen Wettbewerb Chinas für Diskussionen gesorgt. Wie glücklich waren die deutschen Unternehmen in China über Gabriels Attacke?

Die Stimmungslage ist gemischt. Große Unternehmen und Konzerne stehen mehrheitlich hinter Gabriel. Die sagen: Endlich haut mal einer auf den Tisch. Diese Firmen haben aber auch selbst die Macht, ihre Interessen in China zu vertreten. Bei den kleineren und mittelständischen Unternehmen sieht das anders aus. Die sagen, Gabriel schadet uns damit nur. Sie befürchten Nachteile im Tagesgeschäft, sollten die politischen Spannungen anhalten.

China hat deutschen Unternehmen mehr Rechtssicherheit und E-Government versprochen. Bis 2018 will Peking zu Ergebnissen kommen. Ist das realistisch?

Ja. Beim E-Government gibt China richtig Gas. Es gibt neue Vorschriften, die besagen, dass Gesellschaftsgründungen in China künftig online erfolgen sollen. China orientiert sich da an Hongkong, das als einer der freiesten Wirtschaftsstandorte der Welt gilt. In Hongkong haben sich E-Government-Prozesse sehr bewährt. In China hat man zu Jahresbeginn vergleichbare Modelle eingeführt. Das muss sich jetzt alles zurechtrütteln, damit in der Praxis alles rund läuft. Ich bin mir sicher, dass China das ausbauen wird.

Wie steht es mit der Rechtssicherheit?

Da tue ich mir als Jurist schwer. Die Unternehmen berichten über Verbesserungen in jüngster Zeit, ein Problem aber bleibt: Unser Begriff von Rechtsstaat basiert auf der Gewaltenteilung, der politischen Unabhängigkeit der Justiz. Genau das gibt es in China nicht. Es gibt dort keine unabhängigen Gerichte. Die Richter werden von der Partei eingesetzt. China und Deutschland verwenden zwar den gleichen Begriff Rechtstaat, meinen aber etwas völlig anderes.

Gibt es Fortschritte beim Schutz geistigen Eigentums in China?

Ja – und zwar aus eigenem Interesse. In keinem Land werden so viele Schutzrechte angemeldet wie in China. Der Grund ist einfach: Chinesische Firmen kopieren sich heute gegenseitig. Die Regierung hat erkannt, dass man das stoppen muss, weil es die Entwicklung des Landes lähmt.

Großer Aufreger im vergangenen Jahr war der Streit über E-Mobilität. China wollte deutschen Herstellern feste Absatzquoten vorschreiben. Wie ist denn da der Stand der Dinge?

Da ist es sehr ruhig geworden. Das Gesetz wurde noch nicht verabschiedet. Der deutsche Botschafter hat damals den geplanten Entwurf kritisiert. Es gibt derzeit keine Neuigkeiten, was aber nicht heißt, dass das Thema vom Tisch wäre. Das kann schon nächsten Monat beschlossen werden. (Laut einem Bericht des Handelsblatts hat Peking ganz aktuell auf den Druck Berlins reagiert – und die Regeln entschärft, die Red.)

Der digitale Handelsriese Alibaba hat im Sommer 2016 gemeinsam mit einem chinesischen Industriekonzern das erste Internet-Auto vorgestellt. Wie ernst ist das zu nehmen?

Das ist ein absolut spannendes Thema. Das ist das Gegenstück zu dem, was Google in den USA versucht. Es geht da nicht um ein neues Auto-Modell. Man entwickelt neue, zeitgemäße Konzepte für die Mobilität. Wir brauchen Lösungen für den Dauerstau, Parkplatz-Not und Umweltprobleme.

Entsteht da eine neue Konkurrenz für Bayerns Autoindustrie?

Wie weit sie in China sind, kann ich nicht sagen. Aber natürlich sind Alibaba und Tencent, Cinas zweiter großer IT-Konzern, immer daran interessiert, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Ich kann deutschen Unternehmen nur raten, aufmerksam zu verfolgen, was sich in China tut.

„China 2025“ lautet Pekings neue Strategie. Bis dahin will China in Schlüsselbranchen zur Weltspitze aufsteigen. Eröffnet das unseren Unternehmen die Chance zu neuen Aufträgen?

Wie schon gesagt: ein Gewinner ist die Automatisierungstechnik. Da sehen wir derzeit die größten Wachstumsraten. Deutsche Anbieter sind in diesen Tagen wahnsinnig gut im Geschäft. China verspricht sich von mehr Automatisierung auch bessere Qualität. In China gibt es nach wie vor viel zu wenige gut qualifizierte Fachkräfte. Auch Hightech-Anbieter sind in China derzeit besonders gefragt. Weiteres Beispiel ist die Medizintechnik. Die hat in China bislang fast keine Rolle gespielt. Das ändert sich jetzt.

Ist China eine Marktwirtschaft oder nicht? Die Frage hat zu einem Dauerkonflikt zwischen Europa und China geführt. Ist da eine Entspannung in Sicht?

Nein, ich denke nicht. China pocht auf die Umsetzung einer WTO-Vorschrift, wonach dem Land der Status Marktwirtschaft nach einer bestimmten Frist automatisch verliehen wird. Die EU behält sich ein Prüfrecht vor. Wenn man sich die Kriterien genau ansieht und ehrlich ist, kommt man zu dem Ergebnis: China ist keine Marktwirtschaft. Nun hat die EU China formal als Marktwirtschaft anerkannt. Die EU argumentiert jetzt aber, die WTO-Kriterien seien veraltet, man brauche neue Regularien. Man will sich weiter mit Strafzöllen gegen chinesische Stahl-Importe zu Dumpingpreisen zu schützen. Das wird kommen. Und China wird zu Gegenmaßnahmen greifen.

Wie steht es mit den Kapitalverkehrskontrollen? China will damit die Kapitalflucht stoppen. Wird das tatsächlich umgesetzt?

Das war Ende 2016 ein großer Aufreger. Was wir sehen, ist ein höherer administrativer Aufwand. Unsere Unternehmen müssen mehr Dokumente vorlegen. Es gibt bislang aber keine wirklich Beschränkung der Kapitalflüsse und vor allem der Gewinnausschüttung. Die Sorge der Unternehmen war ja, wie kriege ich jetzt noch mein Geld aus dem Land raus.

Was bedeutet Chinas neuer Kurs für Neueinsteiger in den Markt? Sind die Anforderungen härter geworden?

Sie haben sich gewandelt. Die regulatorischen Vorschriften sind detaillierter geworden. Das ist eine ganz normale, auch gute Entwicklung. Das eigentliche Problem ist heute der chinesische Wettbewerb. Für die ersten deutschen Unternehmen, die nach China gingen, war das komplett anders. Ihre Konkurrenten waren damals europäische, japanische oder amerikanische Firmen. Wer heute in China einsteigt, muss sich gegen chinesische Firmen behaupten. Das ist die ultimative Herausforderung.

China Regierung übt sich in Bescheidenheit. Die Wachstumsziele wurden gesenkt. Wird China dennoch ein Top-Markt für Bayerns Wirtschaft bleiben?

Davon bin ich überzeugt. China wächst immer noch deutlich stärker als alle anderen Länder. Seine Bedeutung für die Weltwirtschaft wird weiter steigen.

Die Fragen stellte Martin Armbruster
Redaktion Wirtschaft
Das IHK-Magazin für München und Oberbayern

Ansprechpartnerin bei China-Fragen: Ilga Koners