Fachkräfte in Bayern

Noch viel Potenzial

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© shironosov

Eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen ist ein Schlüssel zur Linderung des Fachkräfteproblems .


AfD-Politiker Uli Henkel (siehe Interview) mag die Welt nicht mehr verstehen. Die AfD sei frauenfeindlich? Das könnte nicht stimmen. Dem AfD-Programm zufolge sollen Frauen ohne Rentenabschlag frei wählen dürfen: Entweder Mutter sein und bei den Kindern zuhause bleiben – oder im Beruf Karriere machen. Doch ist es sinnvoll, dass der Staat eine Betreuung zu Hause finanziell gleichstellt mit einer Betreuung in Kitas oder Ganztagskindergärten, damit Frauen arbeiten können?

Elfriede Kerschl, IHK-Fachfrau für Fachkräfte, Volkswirtschaft und Demografie, betont, die IHK-Organisation arbeite seit Jahren daran, dass Frauen möglichst nicht vor der Wahl zwischen Familie oder Beruf/Karriere stehen. „Wir wollen dazu beitragen, dass sich Beruf bzw. Karriere und Familie möglichst leicht miteinander verbinden lassen“, betont Kerschl. Die Frage, ob die Frauen das auch wollen, sei längst entschieden. Die Mütter wollen und die Wirtschaft braucht mehr Vereinbarkeit von Job und Familie – zugleich wissen die Unternehmen, dass sie mit einer guten Vereinbarkeit ihre Arbeitgeberattraktivität erhöhen.

Wir wollen dazu beitragen, dass sich Beruf bzw. Karriere und Familie möglichst leicht miteinander verbinden lassen.

Elfriede Kerschl, IHK-Expertin

Wie dringlich das ist, zeigt nach Ansicht Kerschls etwa der Fachkräftereport Bayern. Schon in diesem Jahr fehlen den bayerischen Unternehmen 260.000 Fachkräfte. Im Jahr 2030 werden es knapp 550.000 sein. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat in seiner Regierungserklärung betont, was die Wirtschaft schon seit langem fordert: Gerade das wirtschaftlich starke Bayern muss jedes Fachkräftepotenzial erschließen.

Dazu gehören zuvorderst die Frauen. „Häufig arbeiten sie in Teilzeit oder machen eine längere familienbedingte Pause – auch weil sich Beruf und Familie in einigen Fällen immer noch nicht optimal verbinden lassen“, erklärt Kerschl. Die IHK-Organisation hat daher gemeinsam mit der Bundesregierung 2007 die Initiative „Erfolgsfaktor Familie“ gestartet. Mehr als 6.700 Unternehmen sind derzeit deutschlandweit Mitglied dieses Netzwerks. Stand anfangs nur das Thema berufstätige Eltern und Kinder im Vordergrund, geht es heute auch um die Pflege von Angehörigen.

Ganz oben auf der Agenda: bessere Kinderbetreuung, mehr Ganztagsschulen

Die bayerischen IHKs haben außerdem gemeinsam mit der vbw, den Handwerkskammern und der Staatsregierung den Familienpakt Bayern gegründet, der im Freistaat die Unternehmen bei der Umsetzung einer familienfreundlichen Personalpolitik unterstützt. Die IHK für München und Oberbayern hat sich in ihrem Bezirk mit einer ganzen Palette an Maßnahmen für das Thema engagiert – mit Veranstaltungen, Workshops, Unternehmensbesichtigungen, der Gründung des Arbeitskreises Frauen und klaren Forderungen gegenüber der Politik. Dazu gehören:

  • Rechtsanspruch für Kinder bis 12 Jahren auf Ganztagsbetreuung
  • Bedarfsgerechter und flächendeckender Ausbau der Kinderbetreuung
  • Sicherstellung der Nachmittags- und Ferienbetreuung an Schulen
  • Bedarfsgerechter Ausbau der Ganztagsschulen
  • Einheitlicher kommunaler Ansprechpartner für betriebliche Kinderbetreuung

Nach Einschätzung aller Fachleute würde das viele Probleme berufstätiger Mütter und vieler Personalchefs lösen.

In Norwegen ist man deutlich weiter

Die Zwischenbilanz von IHK-Fachfrau Kerschl fällt zwiespältig aus. Einerseits haben auch die IHK-Initiativen das Umdenken gefördert. Die Einsicht ist da, was mangelt, ist die Umsetzung. Im internationalen Vergleich ist Norwegen etwa weit voraus. Kindertagesstätten-Plätze sind dort kein Thema mehr. Dass Vater und Mutter voll berufstätig sind, ist fast selbstverständlich. Zum Schulbetrieb gehört auch die Nachmittagsbetreuung der Kinder. Anders als in Deutschland wird im Job auf die Präsenzzeit am Arbeitsplatz wenig Wert gelegt. Man arbeitet dort, wo es im Alltag am besten passt. „Es gibt noch viele Dinge, die wir hierzulande verbessern können. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Und wir als IHK arbeiten täglich daran“, erklärt Kerschl.