Die EU ohne Großbritannien - wie funktioniert das?

Brexit: Möglicher Ablauf, mögliche Folgen

Was kommt auf Verbraucher und Unternehmer in Bayern, Deutschland, im Vereinigten Königreich und in der EU durch den Brexit zu? Wie könnte der Austritt ablaufen und welche Folgen hat er? Hier finden Sie die verschiedenen Szenarien des Brexits.

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Am 23. Juni 2016 haben sich 51,9 Prozent der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden, den sogenannten Brexit. Die offiziellen Verhandlungen können erst beginnen, wenn Großbritannien seinen Austrittswunsch förmlich einreicht. Die britische Premierministerin Theresa May hat den Austrittsantrag am 29. März 2017 gestellt. Am 8. Juni 2017 wird es Neuwahlen im Unterhaus geben. Mit den Wahlen verfolgt Premierministerin May das Ziel, die Verhandlungen über den Brexit auf eine breitere parlamentarische Basis zu stellen.

Es gibt für die EU und das Vereinigte Königreich unterschiedliche Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zukünftig zu organisieren.

Für den Zugang zum Binnenmarkt, so die Staats- und Regierungschefs der EU, ist die Akzeptanz der vier Grundfreiheiten, nämlich freier Waren- , Kapital- und Dienstleistungs- und Personenverkehr Voraussetzung. Während die Briten hohes Interesse am Zugang zum Binnenmarkt haben, stehen sie der Fortführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit kritisch gegenüber. In diesem Spannungsfeld werden sich voraussichtlich die Verhandlungen abspielen.

Den kompletten Leitfaden zum Brexit-Austritt finden Sie hier zum Download.

Brexit: Der Prozess des Austritts

  • Zeitrahmen: Die EU und GB haben nach der formalen Mitteilung des Austrittswunsches für die Einigung über die Modalitäten zwei Jahre Zeit. Die britische Premierministerin hat am 2. Oktober 2016 angekündigt, den offiziellen Austrittsantrag zu stellen. Am 29. März 2017 war es soweit: Premierministerin Theresa May hat nach Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union den Austrittsantrag bei der EU eingereicht. Folglich ist das Vereinigte Königreich spätestens im April 2019 unabhängig von der EU – die EU-Mitgliedschaft von Großbritannien würde automatisch enden.
  • Entscheidungsfindung innerhalb der EU: An den Austritts-Abstimmungen darf das Vereinigte Königreich nicht teilnehmen. Aber während der gesamten Verhandlungen bleiben die Briten vollwertiges Mitglied der EU.
  • Bürgerrechte: Rechte wie Binnenmarktfreiheiten oder das Diskriminierungsverbot, die an das EU-Recht gekoppelt sind, treten mit dem Austritt voraussichtlich außer Kraft.
  • EU-Verträge: Alle EU-Verträge, unmittelbar anwendbares EU-Recht und Verordnungen gelten nach dem Austritt nicht mehr im Königreich und müssen neu verhandelt werden.

Auf was müssen sich die bayerischen Betriebe einstellen? IHK-Außenwirtschaftschef Frank Dollendorf gibt einen Ausblick.

Szenarien der künftigen Beziehung zwischen der EU und Großbritannien

Schon jetzt nimmt das Vereinigte Königreich in der EU eine Sonderrolle ein. Es gehört weder der Euro-Zone an noch zum Schengen-Raum. Wie stark sich die Beziehung zu GB ändern und welche Auswirkungen für die bayerische Wirtschaft resultieren, hängt entscheidend davon ab, welches Ergebnis die Verhandlungen bringen. Nach aktuellem Stand sind derzeit vor allem zwei Modelle denkbar:

  • Das sogenannte WTO-Modell („harter Brexit): Der Zugang zum europäischen Binnenmarkt erfolgt für GB lediglich unter den Bedingungen, die auch für Drittländer gelten. Es gäbe somit keinen freien Waren- und Dienstleistungsverkehr mehr. Zölle würden wieder eingeführt. Dieses Modell hätte die weitreichendsten Folgen und würde die wirtschaftlichen Beziehungen erheblich belasten.
  • Freihandelsabkommen zwischen GB und der EU: Dieses Modell sieht einen gegenseitigen ‎freien bzw. begünstigten Marktzugang vor, ohne Zölle und Quoten, aber mit nicht-tarifären Handelshemmnissen. Auch ein Aufbau von nicht-tarifären Handelshemmnissen erschwert den Außenhandel, so dass mit einem geringeren Handelsvolumen zu rechnen ist. Im Vergleich zum WTO- Modell wären die Auswirkungen jedoch geringer. Dieses Modell wird von Premierministerin Theresa May bevorzugt.

Folgen des Brexit

Folgen des Brexit für Deutschland und Bayern:

  • Es könnte zu einem Wohlstandsverlust kommen. Das Ifo-Institut geht von einem Rückgang des BIP pro Kopf in Deutschland zwischen 0,6 und 3 Prozent aus.
  • Besonders für Unternehmen, die stark auf GB spezialisiert sind kann es zu wirtschaftlichen Einbußen kommen.
  • Mittelfristig rechnet jedes zweite Unternehmen mit sinkenden Exporten nach GB und mit niedrigeren Importen für die Zeit nach der Verhandlungsphase.
  • Das Vereinigte Königreich ist fünftwichtigster Handelspartner Bayern. Diese Position wäre gefährdet.
  • Der Tourismus in Bayern könnte leiden, da Aufenthalte in der Eurozone für Briten teurer würden. Briten stellen 6 Prozent der Touristen in Bayern.
  • Gleichzeitig könnten die Direktinvestitionen der Briten in Bayern und Deutschland zunehmen, wenn das Vereinigte Königreich den Zugang zum Binnenmarktzugang verliert.

Folgen des Brexit für die EU:

  • Die EU wird kleiner: Sie verliert 13 Prozent ihrer Arbeitnehmer und 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft. Sie verliert ihre zweitgrößte Volkswirtschaft und ihren viertgrößten Nettozahler.
  • Es würden 11,5 Milliarden Euro an Beitragszahlungen wegfallen.
  • Handelspolitisch besonders betroffen wären die Niederlande, Irland und Zypern, da GB in den Handelsbeziehungen dieser Länder eine dominierende Rolle einnimmt.
  • Der Brexit bedeutet einen Rückschlag für den europäischen Integrationsprozess und für die sicherheitspolitische Belastbarkeit der EU und GB.
  • Das wirtschaftspolitische Kräfteverhältnis in Europa gerät aus dem Gleichgewicht und die EU verliert zudem ein wichtiges politisches Sprachrohr.

Folgen für das Vereinigte Königreich:

  • Bei einem Austritt entfällt nicht nur der Marktzugang, sondern es gehen auch die vier Grundfreiheiten verloren. Es entstehen Probleme bei Regulierungen und fehlen EU-Gelder für Forschungsvorhaben. Der freie Zugang zum EU-Binnenmarkt bringt nach Schätzungen der britischen Regierung derzeit das 5 bis 15-fache der britischen Nettozahlungen zurück.
  • Die Briten sind Nettozahler innerhalb der EU. Es entfielen ca 10,5 Mrd. Euro im EU-Haushalt. Diese Ersparnis tritt in Kraft, wenn sich GB für das WTO-Modell oder ein Freihandelsabkommen entscheidet.
  • Zu erwarten ist ferner eine Abwertung des Pfunds.
  • Der Finanzplatz London als einer der wichtigsten Devisenmärkte würde gefährdet.
  • Ausländische Direktinvestitionen in GB als auch bayerische Investitionen in GB dürften einbrechen.
  • Es könnte zu einer Wiedereinführung von Zöllen und Ursprungszeugnissen kommen. und damit zu einer Dämpfung des Außenhandels von GB.
  • EU-Freihandelsabkommen werden wegfallen.
  • Gefährdung des territorialen Zusammenhalts im differenzierten Staatengebilde von GB. So diskutiert Schottland derzeit über die Ausrichtung eines weiteren Unabhängigkeitsreferendums.