Arbeiten 4.0

Wandel der Arbeitswelt betrifft alle Unternehmen

Die Schlagworte „Arbeiten 4.0“ und "New Work" stehen für tiefgreifende und schnell fortschreitende Veränderungen in der heutigen Arbeitswelt. Die Digitalisierung stellt bestehende Geschäftsmodelle in Frage, ändert Berufsbilder und beschleunigt Innovationsprozesse. Dies erfordert einen grundsätzlichen Kulturwandel und eine ganz neue Art der (Zusammen)arbeit in den Unternehmen.

Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Vieles spricht dafür, dass wir uns erst am Anfang einer rasanten Entwicklung befinden: Verbesserte Algorithmen, maschinelles Lernen und Big Data beginnen erst, ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Dazu kommt: Digitale Technologien und Geschäftsmodelle sind schnell und kostengünstig skalierbar. Was einmal digital erstellt wurde, kann nahezu beliebig reproduziert und abgerufen werden. Dadurch entstehen ganz neue Geschäftsmodelle – und alte werden obsolet.

Auch das Verhältnis von Mensch zu Maschine ändert sich. Arbeiten, die einen hohen Routinegrad beinhalten, laufen Gefahr, automatisiert und von Maschinen übernommen zu werden. Das gilt nicht mehr länger nur für den Arbeiter am Fließband, sondern gerade auch für wissensbasierte Tätigkeiten. Die Chancen des digitalen Wandels für Menschen liegen in Aufgaben mit geringem Routinegehalt – sowohl physisch (z. B. Friseur) als auch kognitiv.

VUCA-Welt

Die Welt des digitalen Wandels und der neuen Arbeitswelt wird häufig als VUCA-Welt bezeichnet. Ein Akronym, das für die englischen Worte „Volatility“, „Uncertainty“, „Complexity“ und „Ambiguity“ steht. Gemeint sind damit die Unsicherheit und komplexen Rahmenbedingungen, unter denen heute Unternehmen organisiert, Mitarbeiter geführt und Entscheidungen getroffen werden müssen.

Wegen dieser geänderten Rahmenbedingungen - entstanden und verstärkt durch die rasante technologische Entwicklung – treffen wir heutzutage in Organisationen auf sogenannte „wicked problems“. Dieser Begriff bezeichnet Probleme, die aufgrund ihrer komplexen Einflussfaktoren, unterschiedlicher Interessen der Beteiligten und manchmal sogar widersprüchlicher Eigenschaften nur sehr schwierig zu lösen sind.

In dieser Welt der wachsenden Unsicherheit ist es wichtig, mutig und mit einer offenen Haltung an das Thema Digitalisierung heranzugehen - und sich nicht nur auf schrittweise Verbesserungen von Produkten, Dienstleistungen und Prozessen zu fokussieren. Es kommt letztlich darauf an, das eigene Geschäftsmodell immer wieder kritisch zu hinterfragen, um die zahlreichen Chancen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, zu nutzen.

Digitale Geschäftsmodelle

Häufige Strategien von Start-ups sind die Verkürzung klassischer Wertschöpfungsketten – indem sie analysieren und kritisch hinterfragen, welche Schritte wirklich zwingend nötig sind oder schneller und einfacher gemacht werden können – sowie plattformbasierte Geschäftsmodelle.

Plattformen produzieren nicht selbst, sondern sind Vermittler zwischen Anbietern und Kunden. Sie kommen daher mit geringem Anlagevermögen und vergleichsweise schlanker Organisation aus. Ihr Geschäftsmodell ist leicht skalierbar. Dadurch sind sie in der Lage, weitaus höhere Gewinnmargen zu erwirtschaften als ihre etablierten Konkurrenten. Indem sie Marktstrukturen verändern und Wertschöpfung neu verteilen, ziehen sie etablierten produzierenden Unternehmen einen Teil des Gewinns ab und versperren diesen den Zugang zum Endkunden. Große (und auch mittelständische) Unternehmen drohen damit in der Nahrungskette immer weiter nach unten durchgereicht zu werden.

Beispiele dafür sind:

  • Uber (Taxidienst ohne eigene Fahrzeuge)
  • Facebook (größte Contentplattform ohne eigene Redakteure)
  • airbnb (größter Übernachtungsvermittler ohne ein einziges eigenes Zimmer)

Innovation

Die bekannteste Methode, wenn es um Innovation geht, ist Design Thinking. Design Thinker begeben sich komplett in die Rolle des Anwenders eines Produkts: Im Zentrum des Prozesses stehen Nutzerbedürfnisse, Nutzerwünsche und nutzerorientiertes Erfinden.

Ein zentrales Element ist das „Prototyping“: In kleinen schnellen Runden werden Ideen und Produkte als Prototypen getestet, Meinungen dazu eingeholt, Verbesserungen eingebaut und das verbesserte Produkt wieder am Kunden getestet. So werden langwierige Entwicklungsprozesse am Kundeninteresse vorbei verhindert. Dabei ist es entscheidend, wie ein Designer zu denken und das entsprechende „Mindset“ zu entwickeln. Dieses ist geprägt von Empathie, Interpretation, Inspiration und Iteration.

Entscheidend für wirkliche Innovationen sind neben dem Verständnis für die Philosophie hinter agilen Methoden und dem „Mindset“ auch das Zusammenspiel von technologischer Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und den Kundenbedürfnissen. Trifft all dies zusammen, hat man den sogenannten „sweetspot“ für Innovationen gefunden.

Digital Leadership

Ein traditioneller, steuernder, konservativer und risikoaverser Führungsstil ist in der digitalen Welt zum Scheitern verurteilt. Es sind ganz neue Werte gefragt, die moderne Führung auszeichnen: Mut zu Experimenten, eine offene Fehlerkultur, Kooperation, die Führungskraft als Mentor anstatt Manager und der Abschied von der klassischen „Top-Down“-Kommunikation.

Wie kann Führung also in der digitalen Arbeitswelt aussehen?

1. Selbst Leuchtturm für digitalen Wandel sein: Führungskräfte sollten mit ihrem Verhalten vorbildhaft für die digitale Transformation des Unternehmens sein und Mitarbeiter für den digitalen Wandel begeistern können.

2. Die „Lernende Organisation“: Aufgrund der hohen Innovations- und Veränderungsdynamik müssen Mitarbeiter sich in Zukunft ständig weiterentwickeln – Führungskräfte sollten sie dabei unterstützen.

3. Mentor statt Manager: Führungskräfte werden gerade in virtuellen und schnell wechselnden Arbeitskonstellationen als Mentoren gebraucht, die den Teammitgliedern regelmäßig persönliches Feedback und Orientierung geben.

4. Entscheiden wie ein Start-up: Im digitalen Zeitalter müssen Führungskräfte noch mehr und schneller Entscheidungen treffen – wohlwissend, dass es aufgrund der wachsenden Komplexität und des hohen Innovationsrhythmus immer schwieriger wird, die Auswirkung ihrer Entscheidungen klar abschätzen zu können.

Kulturwandel

Aufgrund ihrer Sozialisierung haben jüngere Mitarbeiter andere Erwartungen an ihren Job als ältere Generationen. Sie fordern mehr Partizipation, Transparenz und sinnhafte Tätigkeit am Arbeitsplatz. Diese Komponenten haben Auswirkungen auf die Arbeitswelt von morgen.

In naher Zukunft müssen sich Unternehmen vor allem auf diese Anforderungen einstellen:

  • Veränderte Kompetenzen der Mitarbeiter
  • Kürzere Innovationszyklen
  • Flexiblere, individuellere Arbeitszeitmodelle
  • Agile Projektarbeit in kleinen Teams
  • Direktere Interaktion mit Kunden
  • Partnerschaftliches Führungsverhalten.

„Arbeiten 4.0“ betrifft alle Unternehmen, unabhängig von Größe oder Branche. Dabei sollten sich Unternehmen die Frage stellen, inwiefern sie vom digitalen Wandel betroffen sind, wie digital sie schon aufgestellt ist und mit welchen Methoden einer modernen Arbeitswelt sie bereits arbeiten.

Aus Sicht der IHK für München und Oberbayern sollten sich besonders mittelständisch und industriell geprägte Unternehmen mit dem Thema befassen. Für sie geht es nicht nur darum, neue Arbeitsabläufe zu implementieren und die Kompetenzen der Mitarbeiter anzupassen. Sie müssen zudem mit bislang unbekannten, branchenfremden Wettbewerbern rechnen. Diese könnten mit komplett digitalen Geschäftsmodellen schnell und disruptiv in die eigenen Geschäftsbereiche eindringen.

Bis auf einige Ausnahmen lässt sich heute prinzipiell jedes Produkt und jede Dienstleistung digital erzeugen oder anbieten. Das bedeutet: Die eigenen Angebote und Arbeitsprozesse müssen schnellstmöglich auf den Prüfstand. Dafür möchte die IHK für München und Oberbayern Unternehmen sensibilisieren und qualifizieren.