So war's: Der German-Baltic Digital Summit am 7. Oktober 2021 in der IHK für München und Oberbayern

Einfach mal machen

German-Baltic Digital Summit mit Wirtschaftsminister Aiwanger – Bayern sucht Partner für Digitalisierung und anderes Denken

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© IHK für München und Oberbayern

Baltische Staaten? Würde man Passanten auf der Straße danach fragen, fielen wahrscheinlich nur wenigen hierzu Lettland, Litauen und Estland ein. Warum Bayerns Wirtschaft an diesen Ländern so großes Interesse hat, das machte der German-Baltic Digital Summit am 7. Oktober 2021 in der IHK München sehr deutlich. Der Titel „Digital Summit“ machte ja schon klar, um was es geht. Auf Twitter hatte ein User kommentiert: „Da sprechen die modernen Länder mit der Vergangenheit, Bayern ist in der Digitalisierung noch in der Steinzeit.“ Das mag überspitzt formuliert sein, trifft aber den Kern. In Sachen Digitalisierung sind die baltischen Länder schon da, wo Bayern unbedingt hin will: an die Weltspitze. Lettland, Litauen und Estland sind in allem stark, was Zukunft verspricht. High-Speed-Internet ist Standard, Estland hat E-Government fast vollständig umgesetzt. Die baltischen Länder gelten als Brutstätte wachstumsträchtiger Tech-Startups, und sie locken internationale Investoren an. Noch liegen die bayerisch-baltischen Handelszahlen in überschaubaren Dimensionen. Bayerische Unternehmen exportieren pro Jahr Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von 820 Millionen Euro in den baltischen Raum. Aber die baltische Wirtschaft verfügt über Know-how und Ideen, die für Bayerns Unternehmen Gold wert sein könnten. Umgekehrt könnten baltische Start-ups von der Stärke der bayerischen Industrie profitieren.

IHK-Präsident Prof. Klaus Josef Lutz betonte daher vor den rund 150 Teilnehmern der hybriden Veranstaltung die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Die baltischen Länder seien führend im Bereich Fintech. Bayern hinke hier weit hinterher.

Ein Ministerpanel diskutierte die Schlüsselfrage: „The Baltic digital models meets Bavarian industry: How to combine the ‎best from two worlds?“ Bayerns -Dr. Ulrike Wolf, Ministerialdirektorin im Bayerischen Wirtschaftsministerium versuchte hier gemeinsam mit den Wirtschaftsministern aus Lettland, Jānis Vitenbergs, und Litauen, Aušrinė Armonaitė, Antworten zu finden. Estlands Botschafter Alar Streimann und AHK-Präsident Reinhold Schneider komplettieren die Runde.

Ein so hochrangig besetztes und fachkompetentes Podium ist selbst für die IHK etwas Besonderes. Moderiert wurde das Ganze von einem ausgewiesenen Experten für die baltischen Länder: dem AHK-Geschäftsführer Florian Schröder.

Schröder rät bayerischen Unternehmen generell dazu, sich mit Estland, Lettland und Litauen zu beschäftigen. Seiner Ansicht nach gibt es dafür starke Argumente: attraktive Steuermodelle, niedrige Lohnkosten, politische und wirtschaftliche Stabilität, Gründer-Spirit, Wachstumsstärke, gutes Bildungssystem. Laut einer AHK-Umfrage sind Investoren mit den baltischen Rahmenbedingungen hoch zufrieden. Fast 90 Prozent würden es sofort wieder tun.

Auch Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger lobte in der IHK, die baltischen Staaten spielten in der Digitalisierung eine „leuchtende Rolle“. Hier müsse man von diesen Ländern lernen. Nicht zuletzt habe die Corona-Krise gezeigt, dass man hierzulande mit den bestehenden Mängeln in der Digitalisierung nicht in der Lage sei, das Funktionieren von Land, Wirtschaft und Gesellschaft ordentlich zu managen.

AHK-Präsident Schneider erklärte, Sinn der Veranstaltung sei es, Brücken zu bauen zwischen den baltischen Staaten und Bayern. Seinen Worten zufolge wäre das eine Ideal-Beziehung. Beide Seiten teilten dieselbe Geschäftskultur und die gleichen Werte.

Ein Ergebnis des Ministerpanels war, dass die baltischen Länder und Bayern vor dem gleichen Problem stehen. Bildung, Ausbildung und das Angebot an Talenten werden für die Zukunft der Wirtschaft entscheidend sein. Und eines gab Dr. Wolf zu bedenken: Bayerns Stärken seien über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und Geschäftsmodelle. Da falle der Wandel ungleich schwerer als etwa in Estland, wo sich eine junge Digitalwirtschaft quasi von null an rasant entwickeln konnte.

Was das alles mit dem realen Wirtschaftsleben zu tun hat, das schilderte Indrė Blauzdžiūnaitė in ihrer „Success story from Baltics“. Blauzdžiūnaitė ist Senior Sustainability Manager des Unternehmens Trafi mit Sitz in Litauen. Trafi wurde 2007 gegründet und arbeitet mit Städten und Unternehmen zusammen, um die Mobilität der Zukunft zu entwickeln.

Es geht, vereinfacht gesagt, um die Alternative zu Auto und dem Verkehrsinfarkt. Die Idee: Man entwickelt eine App, die dem Nutzer auf einen Klick/Touch zeigt, wie und mit welchem Verkehrsmittel er von A nach B kommt. Trafi hat mit der Münchner Verkehrsgesellschaft die App MVGO entwickelt und 2020 an den Start gebracht.

MVGO ist kostenlos. Sie verhilft den Nutzern in München den schnellen Überblick über die verfügbaren Transportmittel. Vom Smartphone aus lässt sich das sofort buchen und bezahlen.

Nachhaltige Mobilität in einer Smart City war eines der vier vertiefenden Schwerpunktthemen des Digital Summit. Hinzu kamen „E-Health“, „Cyber-Security“ und die Chancen der Digitalisierung der Gesellschaft für eine nachhaltige Zukunft.

Wie viel es zu tun gibt, bevor die digitale Zukunft endlich anbricht, das schilderte Dr. Thomas Ewert sehr anschaulich. Der Mann vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel fungierte als Moderator der E-Health-Diskussion und erinnerte an traumatische Corona-Erfahrungen.

Ewert kritisierte, dass Deutschland immer erst eine Krise brauche, um in die Gänge zu kommen – und leider hätten die digitalen Mängel die Krise verschärft.

Laut Ewert hatte die Regierung keine Möglichkeit, zu überblicken, was bundesweit in den Krankenhäusern passierte, und wie viele Impfdosen wo gebraucht wurden. Die Diskussion machte zudem deutlich, dass der Datenschutz für E-Health als Bremse wirkt. Die Expertenrunde kam zum Fazit, dass es Standards und Regularien als Basis brauche. Darüber hinaus müsse der Umgang mit den Daten generell transparenter werden. Es gelte, das Vertrauen der Verbraucher wieder aufzubauen.

Bemerkenswert war neben der fachlichen Debatte das, was die baltischen Gäste den Deutschen rieten. Es geht um eine andere Mentalität, um genau das, was IHK-Vizepräsidentin Dagmar Schuller vor wenigen Tagen in den IHK-Medien gefordert hat: den Abschied vom deutschen Perfektionsdenken.

Schuller erklärte, das, was die deutsche Industrie groß gemacht habe, erweise sich in der digitalen Transformation als Hürde. Schuller und die baltischen Minister und Unternehmer sind sich da komplett einig: Schnelligkeit ist alles. Statt Perfektion herrscht heute die laufende Verbesserung. Einfach mal machen und ausprobieren.

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