03.07.2019

Autoindustrie: Technologiewandel setzt bayerische Leitbranche unter Druck

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Die bayerische Autoindustrie steht wegen immer strengerer Emissionsziele in ihren Hauptmärkten und den dadurch ausgelösten Wettlauf um Alternativen zum Verbrennungsmotor vor einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Eine Studie des Münchner ifo Instituts im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertag (BIHK) ergibt, dass rund 137.000 Arbeitsplätze und damit mehr als jeder dritte Beschäftigte in der Autoindustrie im Freistaat grundsätzlich vom anstehenden Technologiewandel betroffen sind.

‎Abkehr vom Verbrennungsmotor betrifft ein Drittel der Arbeitsplätze in Autoindustrie ‎

Je stärker Unternehmen vom konventionellen Antriebsstrang abhängig sind, umso größer sei die Gefährdung. Allein bei den Zulieferern stünden in Bayern bis zu 55.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, heißt es in der Studie.

Die Prognosen sind laut ifo Institut allerdings mit hoher Unsicherheit verbunden, da sich der tatsächliche Erfolg von Elektroautos am Markt noch nicht absehen lasse. Alternative Antriebsformen sind für die Autohersteller aber unerlässlich, um beispielsweise die künftigen Emissionsgrenzwerte in der EU oder in China einzuhalten. Die zulässigen EU-Emissionen für die Neuwagenflotten der Hersteller werden schrittweise bis 2030 mehr als halbiert. Die Vorgaben bedeuten, dass Neuwagen ab 2030 im Durchschnitt nicht mehr als 59 Gramm Kohlendioxid je 100 Kilometer Fahrleistung ausstoßen dürfen. Dies entspricht einem Verbrauch von 2,6 Liter Benzin oder 2,2 Liter Diesel auf 100 Kilometer.
Nach Expertenmeinung sind diese Ziele ausschließlich mit konventionellen Motoren wohl unerreichbar. Hersteller dürfen zwar weiter Verbrennungsmotoren mit höheren als den geforderten Durchschnittswerten anbieten, müssen aber gleichzeitig einen entsprechenden Anteil von Fahrzeugen mit niedrigen oder ohne Emissionen verkaufen. Rein batteriebetriebene Fahrzeuge gehen mit null CO2-Emissionen in die Flottenbilanz ein.

Außerdem kommt die bayerische Autobranche laut Studie durch die anstehende Revolution im autonomen und vernetzten Fahren unter Druck, die derzeit vornehmlich durch US-amerikanische Anbieter getrieben werde. Es entstehe zwar ein beträchtliches Marktpotenzial, etwa für Künstliche-Intelligenz-Systeme, Dienstleistungen und Hardware wie Sensoren. Andererseits drohe die Gefahr, dass die derzeitigen, mitunter bislang branchenfremden Technologieführer aufgrund von Skalen- und Netzwerkeffekten eine dominante Marktstellung erreichen.

„Die Karten in der automobilen Wertschöpfung werden weltweit neu gemischt. Die bayerische Autoindustrie kann ihre führende Stellung nur dann verteidigen, wenn Firmen, Forschungsinstitute und Politik an einem Strang ziehen“, sagt BIHK-Hauptgeschäfts­führer Manfred Gößl. Die Studie nennt konkreten politischen Handlungsbedarf, um den Wandel in der bayerischen Leitbranche erfolgreich zu begleiten. Die Autoren lehnen Subventionen für die Batteriefertigung ab, weil mit ihnen nur wenige Arbeitsplätze und wenig Wertschöpfung gesichert werden könnten. Stattdessen fordern sie einen klaren Fokus auf Material- und Batterieforschung für das elektrische Fahren.

Zur Förderung des autonomen Fahrens sollte zügig ein innovationsfreundlicher Regulierungsrahmen geschaffen werden, darunter rechtliche Grundlagen für Pilotprojekte in ganzen Regionen oder Städten. Dazu regen die Experten an, das Eigentum von Daten aus dem Fahrzeugbetrieb zu klären. Es wird befürchtet, dass sonst die deutschen Hersteller von US-amerikanischen Konzernen wie Google, Amazon oder Microsoft abhängig werden, weil diese als Betreiber von Cloud-Datenbanken die Daten-Hoheit erlangen.

Den Beschäftigten in der Autobranche müsse mit Qualifizierungsmaßnahmen beim Strukturwandel geholfen werden, damit sie die neuen Anforderungen meistern können. Dafür sei eine aktive Einbindung der Wirtschaft notwendig, wie sie bereits im Bayerischen Zukunftsforum Automobil der Staatsregierung erfolge.

In der bayerischen Autobranche sind insgesamt rund 340.000 Mitarbeiter beschäftigt, wenn die automobilorientierten Anteile der Zulieferbetriebe aus Kunststoff-, Metall- und Elektronikindustrie sowie von Dienstleistern einberechnet werden. Im Kern der Autoindustrie, also bei den Herstellern, die ganz überwiegend Fahrzeuge und Fahrzeugteile herstellen, arbeiten 208.000 Beschäftigte. Die Kernbranche allein erwirtschaftete 2018 einen Umsatz von 106,5 Milliarden Euro und steht damit für mehr als ein Viertel der bayerischen Industrieproduktion.