ValiKom

Verbesserte Chancen ohne Abschluss

Berufstätige, denen eine abgeschlossene Ausbildung fehlt, können sich ihre am Arbeitsplatz erworbenen Kenntnisse mit einem neuen Zertifikat bestätigen lassen. LORENZ GOSLICH

Seit 1999 arbeitet Aysem Cakir bei Bartu in der Sendlinger Straße in München. Bei dem zum Familienunternehmen Tretter-Schuhe gehörenden Filialisten wird sie sehr geschätzt. Eines aber fehlt der 39-jährigen Tochter türkischer Eltern, die in Deutschland geboren ist: eine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch nun kann sie ein Zertifikat erwerben, das ihr die über Jahre im Betrieb erworbenen beruflichen Kenntnisse bescheinigt.

Möglich macht es ValiKom, ein über drei Jahre laufendes Pilotprojekt. Die Gemeinschaftsinitiative des Bundesbildungsministeriums (BMBF), des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) und des Deutschen Handwerkskammertags (DHKT) schließt eine Lücke: Erstmals werden allgemeingültige Verfahrensstandards und Gütekriterien entwickelt, um die Ergebnisse des Lernens on the job zu bewerten, also jener Kenntnisse, die Beschäftigte oder Arbeitssuchende direkt am Arbeitsplatz oder anderswo erworben haben.

Zehn Schwerpunktberufe sind zunächst für das Pilotprojekt, das vom BMBF gefördert wird, ausgewählt worden, aber auch andere Berufe können validiert werden. Die IHK für München und Oberbayern ist eine von acht IHKs und Handwerkskammern in Deutschland, die sich daran beteiligen, und unter anderem für Fachlageristen sowie Maschinen- und Anlagenführer zuständig.

Ulrike Scheiner, die bei Tretter-Schuhe die Abteilung für Aus- und Weiterbildung leitet, ist begeistert von der Idee: „Das passt genau bei uns rein.“ Mitarbeiterin Cakir wird eine der ersten Teilnehmerinnen in Oberbayern sein. In einer ähnlichen Lage wie sie sind zahlreiche Berufstätige in Deutschland: Quereinsteiger, An- und Ungelernte, Leihkräfte, Aushilfen und viele andere. Rainer Laube, Betriebsrat bei der Münchner ASM Assembly Systems GmbH & Co. KG, kennt etliche solche Fälle: „Es gibt Brüche im Leben, hervorgerufen durch Krankheiten, familiäre und andere Dinge, die einem Berufsabschluss im Wege standen.“

Knapp 14 Prozent der Erwerbspersonen zwischen 20 und 60 Jahren haben keinen Berufsabschluss, stellte die IHK-Forschungsstelle Bildung Bayern (For.Bild) in einer Studie fest. Fast 40 Prozent arbeiten nicht in ihrem erlernten Ausbildungsberuf. Viele von ihnen sind für ihre Betriebe dennoch wichtige Fachkräfte. Ohne Berufsabschluss aber bleiben ihnen bestimmte Karriereschritte und damit höhere Verdienstchancen oft verwehrt. Und nicht nur das: Arbeitgeber können die Mitarbeiter oft nicht gemäß deren Fähigkeiten einsetzen, weil Vorschriften einen schriftlichen Nachweis der Kenntnisse verlangen.

Tretter-Mitarbeiterin Cakir hatte nach Hauptschule und Quali zunächst eine dreijährige Ausbildung zur Arzthelferin absolviert, die Prüfung jedoch nicht bestanden. Sie wollte sie wiederholen, entschied sich dann aber für ein Angebot aus dem Einzelhandel. Bei Bartu hat sie sich in 18 Jahren so gut eingearbeitet, dass sie vertretungsweise immer wieder die Filialleitung übernimmt. Doch eine bestandene Prüfung kann sie bisher nicht nachweisen.

Das ValiKom-Zertifikat ist zwar kein Prüfungsersatz, aber dennoch ein offizielles, durch die IHK ausgestelltes Dokument. Externe Berufsexperten bestätigen die Kompetenzen der Teilnehmer nach eingehender Bewertung im Vergleich mit den jeweiligen Ausbildungsberufen. Damit können nicht nur Arbeitgeber und Personalentscheider die Fähigkeiten besser einschätzen. Tretter-Ausbildungsleiterin Scheiner sieht dies auch als zusätzliche Motivation für die Mitarbeiter: „Es ist eine Bestätigung für sie selbst.“

Genutzt werden kann ValiKom von Personen ganz ohne Berufsabschluss oder von solchen mit Berufsabschluss in einem anderen Zweig. Die Teilnehmer müssen mindestens 25 Jahre alt sein und einschlägige Berufserfahrung vorweisen können. Auch Menschen mit im Ausland erworbenen Berufserfahrungen, die in Deutschland nicht anerkannt werden, können sich beteiligen. In der Erprobungsphase ist das Verfahren kostenlos.

Die Teilnehmer können nur gewinnen. Sollte Cakir zum Beispiel nicht alle Tätigkeiten des Referenzberufs Kauffrau im Einzelhandel beherrschen, ist das nicht weiter schlimm. Sie bekommt auf dem Zertifikat genau jene Kompetenzen bescheinigt, die sie beherrscht. Dass sich in der Tretter-Gruppe weitere Mitarbeiter für ValiKom interessieren werden, hält Ausbildungsleiterin Scheiner für wahrscheinlich. Auch bei ASM haben schon vier Mitarbeiter Interesse an dem Programm gezeigt. In anderen Unternehmen stößt das Angebot ebenfalls auf Zuspruch, wenn auch mancherorts Skepsis zu spüren ist: Die zertifizierten Mitarbeiter könnten sich, durch den ValiKom-Erfolg beflügelt, anderswo bewerben. Diese Sorge teilt Scheiner nicht: „Wenn einer zufrieden ist, wird er bleiben.“ Cakir will sich „auf keinen Fall wegbewerben“. Dafür gefällt es ihr bei Bartu („ein Superunternehmen“) viel zu gut: „Ich liebe es, Dienstleistungen für Leute zu erbringen, die ich nicht kenne.“