Rohstoffe

Zu schade zum Wegwerfen

Ausrangierte Produkte enthalten oft wertvolle Stoffe. Wie Unternehmen mit Abfall, Recycling und Entsorgung umgehen, wird zunehmend zum wichtigen Faktor im Wettbewerb. LORENZ GOSLICH

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Müll mit wertvollen Rohstoffen Foto: Heinz Entsorgung GmbH & Co. KG

Wer viel mit Smartphone und Tablet unterwegs ist, kennt die Situation. Die Akkuanzeige färbt sich bedenklich rot, ausgerechnet vor einem besonders wichtigen Anruf. In solchen Zwangslagen helfen sogenannte Powerbanks, praktische Zusatzakkus zum Mitnehmen. Sie lassen sich wie das Ladekabel ins Mobilgerät einstöpseln. Wenn sie jedoch eines Tages ihre Leistung verlieren und ausrangiert werden, sind sie viel mehr als Abfall. Die Zusatzakkus enthalten nicht nur giftige Substanzen, vor denen die Umwelt geschützt werden muss, sondern auch wertvolle Rohstoffe wie Nickel, Eisen, Zink oder Mangan. Und die können wiederverwertet werden.

Mit Recycling lassen sich aus weggeworfenen Produkten sogenannte Sekundärrohstoffe gewinnen, die für bayerische Unternehmen immer wichtiger werden. „Wir haben in Deutschland nur zwei Rohstoffe“, sagt Otto Heinz (47), Sprecher der Geschäftsführung der HEINZ Entsorgung GmbH & Co. KG, „unsere Abfälle und unser Hirn.“

Unübersichtliches Ressourcenmanagement

Deutschland produziert bereits Sekundärrohstoffe im Wert von 8,4 Milliarden Euro, so der Verband der Bayerischen Entsorgungsunternehmen (VBS). Sie machen 13 Prozent der insgesamt genutzten Rohstoffe aus. So werden zum Beispiel 45 Prozent des deutschen Stahls aus Schrott hergestellt. Allerdings ist das Ressourcenmanagement mit seinen zahlreichen Vorschriften, Daten- und Meldepflichten in manchen Details für Unternehmen unübersichtlich.

Die praktischen Powerbanks zum Beispiel gelten in Deutschland eigentlich als Batterien und müssen entsprechend entsorgt werden. Nicht selten sind die mobilen Energiespeicher jedoch mit noch ganz anderen Funktionen ausgestattet: Leuchten, Radios, Tassenwärmer, Wecker, USB-Datenspeicher. Damit wären sie als Elektrogeräte einzustufen. Die in Dornach bei München ansässige Reverse Logistics Group, ein auf Rücknahmemanagement spezialisiertes Unternehmen, hat kürzlich bei den zuständigen Stellen nachgefragt, welcher Entsorgungsweg denn nun für die Powerbanks gelte. Ergebnis: Behörden etlicher EU-Länder haben in dieser Angelegenheit noch nicht entschieden oder sich gar überhaupt nicht mit dieser Frage befasst.

Solche Unklarheiten entbinden Unternehmen jedoch nicht von ihren umfangreichen Pflichten. So sind die Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten für den gesamten Lebensweg der Geräte verantwortlich. Als Hersteller gelten beispielsweise auch deutsche Händler, die online nach Österreich oder Italien verkaufen. Viele Informationen über Produktbestandteile, Verkaufs- und Rücknahmedaten müssen sie an die dortigen Behörden und Systeme melden. Bei Lieferungen in ein anderes EU-Land müssen Händler zudem dort einen Bevollmächtigten nachweisen, sofern sie keine eigene Niederlassung im Zielland betreiben.

Für die komplexen umweltgesetzlichen Aufgaben im Unternehmen wird der Begriff „Environmental Compliance Management“ mehr und mehr üblich. Ein vielschichtiges Thema, erst recht wegen der äußerst unterschiedlichen nationalen Regelungen. Um den Vorschriften der EU und der einzelnen Länder gerecht zu werden, müssen sich Hersteller und Importeure in jedem Markt für jede betroffene Produktkategorie einem Rücknahmesystem anschließen. In Europa gibt es 300 bis 400 dieser Systeme für gesetzlich erfasste Altprodukte, etwa für Verpackungen, Gerätebatterien und Elektroaltgeräte.

Beim Weg durch den Regel-Dschungel hilft den Unternehmen die IHK für München und Oberbayern. Fachkundige Unterstützung und Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch bietet darüber hinaus der Umweltcluster Bayern in Augsburg, den die IHK mit aufgebaut hat. Sprecher des Netzwerks ist seit vier Jahren Reinhard Büchl, Seniorchef der in dritter Familiengeneration geführten Ingolstädter Unternehmensgruppe Büchl Entsorgungswirtschaft. Er weiß: Wenn Firmen als Erzeuger von Abfall bis zum Schluss in der Verantwortung für ihr Produkt stehen, ist es entscheidend für sie, „den richtigen Partner zu finden, der gleichzeitig kompetent und zuverlässig ist, und mit ihm möglichst lange zusammenzuarbeiten“. Orientierung bei der Wahl eines passenden Entsorgungsfachbetriebs geben etwa Zertifizierungssysteme.

Recycling beim Einkauf berücksichtigen

„Die tatsächliche Entsorgung und das Recycling sind kein Hexenwerk“, betont Andreas Kröniger, der bei Reverse Logistics für Environmental Compliance Management verantwortlich ist. Vorausgesetzt, ein Unternehmen denkt das Ende seiner Produkte von Anfang an mit. Kröniger hält es für sinnvoll, den Produktionsprozess so auszurichten, dass die spätere Verwertung schon beim Einkauf berücksichtigt wird.

„Vom ersten Bleistiftstrich des Architekten an sollte ein Abfallplan mit verfolgt werden“, rät Umweltcluster-Sprecher Büchl. Er sieht zwei Schlüsselfaktoren: Stoffstromkompetenz und Entsorgungslogistik. Beim Auto zum Beispiel gehe es um fachgerechte Entsorgung von 60 bis 70 verschiedenen Abfallsorten. Möglichst 100 Prozent der Abfälle in den Wirtschaftskreislauf zurückzuführen gilt als ehrgeiziges Ziel. Bei vielen Unternehmen sind es noch weniger als 50 Prozent, weiß Büchl.

Die wiederverwerteten Stoffe sind nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Rohstoffversorgung der heimischen Industrie. Für den Unternehmer ist auch das geschärfte öffentliche Bewusstsein für Nachhaltigkeit ein entscheidender Faktor. Der Einfluss auf das Image eines Betriebs sei nicht zu unterschätzen. Wenn beispielsweise giftiger Abfall auf gewöhnlichen Mülldeponien landet, ist der Ruf eines Unternehmens schnell geschädigt – besonders, wenn in Entwicklungsländern Menschen den Abfall nach verwertbaren Reststoffen durchwühlen.

Wie aber sieht es mit den Kosten aus? Von den immer sensibleren Verbrauchern gehe zunehmend Druck aus, sagt Büchl: „Und der geht über den Handel an die Produzenten.“ Das Thema werde daher mehr und mehr zum wettbewerbsentscheidenden Faktor, auch im Mittelstand. Gegengerechnet werden können zudem zusätzliche Einnahmen durch Wiederverwertung der Rohstoffe. „Wir hatten schon Projekte“, so Büchl, „bei denen sich die Investitionsaufwendungen innerhalb eines halben oder ganzen Jahres amortisiert haben.“ Auch Entsorgungsunternehmer Heinz ist überzeugt: „In der Regel ist der ökologische Vorteil auch ein ökonomischer Vorteil.“