Die Kobots kommen‎

Mit kollaborierenden Robotern können Beschäftigte effizienter arbeiten und die Unternehmen Kosten sparen. Zahlreiche oberbayerische Start-ups mischen auf dem Markt mit. STEFAN BOTTLER

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Roboterassistenz für die HNO-Chirurgie: Medineering - Foto: Medineering

Weit über 400 000 Industrieroboter hat der japanische Konzern Yaskawa in 40 Jahren produziert. Viele sind für das Schweißen, Lackieren oder andere Produktionsprozesse programmiert worden und erledigen diese Arbeiten vollautomatisch. Yaskawas Neuentwicklung Motoman HC 10 jedoch zählt zu einer neuen Spezies von Maschinen, den sogenannten kollaborierenden Robotern, kurz: Kobots. Sie reagieren auf menschliche Berührung und arbeiten Hand in Hand mit den Kollegen aus Fleisch und Blut.

„Der neue Roboter wird Arbeitnehmer bei Montage-, Verpackungs- und anderen körperlich anstrengenden Arbeiten unterstützen“, verspricht Marion Annutsch (48), Marketingchefin von Yaskawa Europe in Allershausen im Landkreis Freising. Damit wendet sich einer der weltweit führenden Hersteller von Industrierobotern einem Markt zu, auf dem bereits zahlreiche oberbayerische Start-ups aktiv sind.

Manche Branchenkenner prognostizieren Kobots in den nächsten zwei bis drei Jahren den Durchbruch. „Mit Kobots können die Unternehmen endlich wirklich intelligente Assistenzsysteme in ihre Arbeitsabläufe integrieren“, sagt Alois Knoll, Professor für Robotik an der Technischen Universität München (TUM). „Die vorhandenen Lösungen decken erst fünf bis zehn Prozent des Markts ab.“

Ausgereifte Technologie

An Arbeitsplätzen für Kobots herrscht kein Mangel. Sie können vor allem Tätigkeiten, die körperlich belastend oder eintönig sind, erledigen. „Unternehmen müssen vor einer Entscheidung über diese noch weitgehend unbekannte Technologie ihre Prozesse mit Bewertungskriterien und Checklisten diagnostizieren“, rät Horst Wildemann (76), Professor für Wirtschaftswissenschaften an der TU München. „Hierfür empfehle ich die Zusammenarbeit mit Dienstleistern und Roboterherstellern.“ An der Technologie sollten Lösungen nicht scheitern. „Viele Kobots sind schon sehr ausgereift und arbeiten extrem feinmechanisch“, sagt Ute Berger, IHK-Referatsleiterin Industrie und Innovation.

Zu den bekanntesten Kobot-Herstellern zählt die Franka Emika GmbH. Das Start-up aus München sorgte auf der Hannover Messe 2017 mit „Panda“ für Furore: ein vielseitig einsetzbarer und einfach zu bedienender Roboter. Wegen seiner außergewöhnlichen Sensortechnik besitzt er einen fast menschlichen Tastsinn und wird wie ein konventionelles Smartphone mit Apps programmiert. Rund 200 Systeme hat Franka Emika an Universitäten und Forschungsinstitute ausgeliefert, 2018 folgt eine Version für Industrieunternehmen. Vor allem aus der Automotive-, Elektronik- und Pharmabranche kommen Anfragen. „Jedes Kind kann unseren Roboter bedienen“, verspricht Produktmanager Carlo Bagnato. Mit einem Einstiegspreis von knapp 10000 Euro sollen sich auch kleinere Firmen einen „Panda“ leisten können. Im November 2017 erhielt das Start-up den Deutschen Zukunftspreis.

Helfer für Chirugen

Für technologischen Fortschritt sorgen auch Anbieter wie die Münchner Medineering GmbH. Ihre Roboter sind gerade einmal handgroß und unterstützen Chirurgen bei Operationen, indem sie Endoskope und andere Geräte in den menschlichen Körper einführen. Der Chirurg, der den Roboter mit einem Fußpedal steuert, kann so mit beiden Händen operieren.

Das Start-up fing mit Kobot-Anwendungen für die Hals-, Nasen- und Ohren-(HNO-)Chirurgie an. Jetzt denkt Geschäftsführer Maximilian Krinninger (37) über Einsätze in der Orthopädie und in weiteren Medizingebieten nach. „Mit unserer modularen Roboterplattform können wir Lösungen entwickeln, die auf jede Operation genau zugeschnitten sind“, sagt Krinninger, der das Unternehmen 2014 zusammen mit Stephan Nowatschin gegründet hat.

Medizintechnische Kobot-Lösungen müssen aufwendige Zulassungsverfahren durchlaufen. Dennoch wagen sich weitere Anbieter auf den schwierigen Markt. Die Reactive Robotics GmbH will mit einem robotergestützten Assistenzsystem, das die Therapierung von Patienten auf Intensivstationen beschleunigt, durchstarten.

Auf einem ganz anderen Gebiet bewegt sich Kewazo. Das 2016 gegründete Garchinger Start-up hat einen Kobot entwickelt, der die Montage von Gebäudegerüsten um bis zu 40 Prozent beschleunigen soll. Gründer Sebastian Weitzel (27) will 2022 rund 40 Millionen Euro Umsatz machen. Solche Rechnungen werden nur aufgehen, wenn die prognostizierten Einsparungen auch eintreffen. Die Münchner Magazino GmbH kann hier erste Erfolge vorweisen. Sie bietet mobile Kommissionierroboter für Logistikzentren und sammelte gerade in einer Finanzierungsrunde 20,1 Million Euro ein. Unter anderen beteiligte sich der Berliner Onlineversender Zalando an dem Start-up.

Die rund zwei Meter hohen Magazino-Roboter, die schon von einem halben Dutzend Firmen eingesetzt werden, identifizieren mit künstlicher Intelligenz und über 2-D- und 3-D-Kameras einzelne Objekte im Regal, greifen sie und legen sie an ihrem Bestimmungsort ab. Fiege Logistik setzte drei dieser Roboter ein Jahr lang für die Kommissionierung von online gekauften Schuhe ein. Die Kosteneinsparungen waren offenbar überzeugend: Die Firma orderte 30 weitere Roboter.