CSR

‎„Gewaltiger Push“‎

Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung, über den anhaltenden Trend zu mehr Nachhaltigkeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. MARTIN ARMBRUSTER

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Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rats für Nachhaltige Entwicklung, Foto: Goran Gajanin

Frau Thieme, der CSR-Tag verzeichnet Rekordbeteiligung. Hat das Thema endlich den Stellenwert, den es verdient hat?

Ach, ich könnte mir auch gut 3000 Teilnehmer vorstellen (lacht). Aber ich bin schon sehr dankbar dafür, dass wir das Thema an einem so bedeutenden Industriestandort wie München und Oberbayern so gut platzieren können.

Der CSR-Tag stand diemal unter dem Titel „Die Neuvermessung der Welt“. Können Sie sich damit identifizieren?

Wer das Buch gelesen hat („Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, die Red.), weiß, dass das einen geschichtlichen Bezug zu Humboldt hat. Es ging um die Frage, was uns neue Erkenntnisse über Welt und Wissenschaft zu sagen haben. In der Nachhaltigkeitsdebatte geht es tatsächlich um eine Neuvermessung. Nach dem Brundtland-Bericht (1987, „Our Common Future“, benannt nach der norwegischen Ex-Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, der als Beginn der Diskussion um nachhaltige Entwicklung erachtet wird, die Red.) mussten sich die reichen Industriestaaten im Norden der großen Frage stellen: Wie sollen wir miteinander die Zukunft dieses Planeten gestalten? Danach folgten die Millennium Development Goals, die klimapolitischen Beschlüsse. Seit zwei Jahren, seit der Verabschiedung der Agenda 2030 und ihrer 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs), hat das Thema einen zusätzlichen Schub bekommen. Jetzt geht es um die gemeinsame Gestaltung unserer Welt. Da sind Regierungen, Zivilgesellschaft und die Wirtschaft weltweit gefordert. Deshalb finde ich auch den zweiten Teil des Titels des CSR-Tages sehr spannend.

Sie meinen die „unternehmerischen Chancen und Lösungsansätze“?

Genau, weil es jetzt um gemeinsames, sinnvolles Handeln geht.

Wirtschaftswachstum, Umsatz und Gewinn – das sind Fixpunkte der alten Wachstumspolitik. An welchen Messgrößen sollen sich Unternehmen künftig orientieren?

Eine liegt ja klar auf der Hand: Das sind die CO2-Emissionen. Ferner brauchen wir Klarheit über Ressourcenintensität und Recyclingquoten. Was noch vollständig fehlt, sind Zukunftskonzepte für die Logistik- und Verkehrsthematik. Ich halte das für ungemein wichtig.

Aus welchem Grund?

Ich gönne China oder Südkorea die Chance, ihre Wirtschaft mit dem Export von Elektroartikeln zu entwickeln. Dennoch stellt sich die Frage: Müssen wir die Smartphones tatsächlich über so große Strecken transportieren? Und das nur deshalb, damit sie in Fabriken gefertigt werden, in denen Menschen arbeiten, die weit schlechter bezahlt werden als die hier bei uns?

Internationale Arbeitsteilung und globale Lieferketten sind aber aus der heutigen Wirtschaft kaum wegzudenken.

Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen, müssen wir uns aber genau diese Dinge anschauen. Wie viel Transport haben wir, wie viel Emissionen produzieren wir – und wie viel Regionalisierung brauchen wir, um CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren? Dafür brauchen wir Antworten. Natürlich dürfen wir dabei den Wettbewerb nicht beschädigen, der immer für die besten Lösungen sorgt. Wir müssen alle diese Fragen miteinander verbinden. Das ist die große Herausforderung. Dafür haben wir noch kein Patentrezept.

Gab es Momente, in denen Sie dachten: Ich habe einen Durchbruch erzielt?

Ja, die gab es. Als Frau Wanka (Ex-Bundesforschungsministerin, die Red.) berichtete, sie würde Budgets für Forschung für nachhaltige Entwicklung erhöhen. Und als sie sagte, dass sie gerne jemanden hätte, der sich für nachhaltige Entwicklung im Hightech-Forum engagieren würde. Und ich erinnere mich, wie ein Wirtschaftsberater der Regierung nach einem Gespräch plötzlich gesagt hat: „Ja, am Thema Nachhaltigkeit ist was dran.“ Das sind die Tage, an denen ich abends nach Hause fahre und sage: „Heute hat sich das wieder gelohnt.“

Thema des CSR-Tages sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Das sind ja sehr anspruchsvolle Ziele.

Ja, das stimmt.

Ist das für die Wirtschaft nicht viel zu komplex?

Nein, im Gegenteil. Diese 17 Ziele haben dem Thema Nachhaltigkeit einen gewaltigen Push gegeben. Sie machen das Ganze in der Praxis besser greifbar. Der Begriff Nachhaltigkeit ist ja ziemlich abstrakt. Da kommt von einem Unternehmer schnell der Einwand: „Ich kann jetzt umweltgerechte Produktion machen, aber da steht mir mein Betriebsrat sofort auf den Füßen. Hinterher falle ich aus dem Markt raus – dann sind auch die Arbeitsplätze weg.“ Wir müssen da anders ansetzen.

Was schlagen Sie vor?

Wenn man beispielsweise sagt: „Schau dir das, was du tust, nicht nur in Bezug auf Arbeitsplätze, Gewinn, Ertrag an. Überlege dir doch bitte mal, wie du in deinen Investitionszyklen auch ökologische und soziale Ziele verfolgen kannst. Oder in deiner Lieferkette.“ Wir haben längst tolle Beispiele dafür, wie wunderbar das funktioniert: Ob das nun Alnatura (Bioladen-Kette, die Red.), Rapunzel (Naturkost, CSR-Preis der Bundesregierung) oder Patagonia (Hersteller für Outdoor-Bekleidung aus Recyclingfasern, Produkte sind selbst wieder recycelbar) ist – plötzlich sehen wir: Der Markt entwickelt sich.

Das funktioniert aber nur, wenn das Umfeld mitzieht.

Klar. Es müssen die Betriebsräte mitmachen. Die haben dann vielleicht geringere Tarifsteigerungen, dafür aber sichere Arbeitsplätze, weil das Geschäftsmodell längerfristig tragfähig ist. Auch die Geldgeber müssen mitziehen, seien es Gesellschafter oder Finanzmarktakteure. Das ist das, was wir in den vergangenen zehn Jahren dem Finanzmarkt versucht haben klarzumachen.

Im Zweifel wollen die doch Rendite sehen.

Diese Bedenken sind vom Tisch. Nachhaltig orientierte und handelnde Unternehmen machen höhere und zuverlässigere Gewinne. Das hat seriöse wissenschaftliche Forschung längst gezeigt.

Ist die Botschaft bei den Investoren auch angekommen?

Hier in München haben Sie ein schönes Beispiel. Die Münchener Rück lebt seit Jahrzehnten mit der Katastrophenerkenntnis, dass sie danach die Schäden regulieren muss. Als Konsequenz hat sich die Versicherung gesagt: „Unsere Finanzanlagen stecken wir nur in Unternehmen, die im Klimaschutz und in der Nachhaltigkeitspolitik engagiert sind. Wenn wir unsere Einflussmöglichkeiten als Investoren nicht nutzen, wer dann?“ Das hat Schule gemacht. Allerdings könnte der Trend in Deutschland noch deutlich stärker sein.

Müssen auch die Verbraucher mehr Verantwortung übernehmen?

Das wäre natürlich wichtig. Wir haben schon 2003 einen nachhaltigen Warenkorb zusammengestellt. Da haben wir nicht nur Labels und Zertifizierungen abgebildet, da ging es auch um ganz praktische Tipps für Haushalt und Einkauf. Wir müssen zum Beispiel an unsere Ernährungspyramide ran, das hat inzwischen sogar das zuständige Ministerium begriffen.

Wie kam es zu diesem Lernprozess?

Von den zuständigen Ministerien kamen viele Jahre lang zwei gegensätzliche Empfehlungen. Die eine lautete: Esst weniger Fleisch, der Gesundheit und Umwelt zuliebe. Die andere hieß: Bitte Fleisch essen. Hilfreich war das nicht. Im Grunde weiß doch heute jeder, welche Folgen der übermäßige Fleischkonsum der reichen Länder hat.

Auf der Hitliste deutscher Kantinen stehen aber Currywurst und Schnitzel.

Fleisch gab es früher nur am Sonntag – und keiner hat irgendetwas vermisst. Ich denke, wir brauchen eine neue Kultur der Sparsamkeit. Das bedeutet aber keinen Verzicht. Bewusster Konsum macht die Menschen zufriedener, weil sie wissen, dass er weniger Schäden verursacht. Im Grunde geht es um die Frage: Wie macht man eine neue Haltung chic? Der Nachhaltigkeitsrat hat auf Initiative des Bundestags hierfür den Fonds Nachhaltigkeitskultur gegründet, um die Hebelwirkung von Kultur und Alltagskultur für die nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft zu stärken und nachhaltigen Konsum und nachhaltige Produktionsmuster voranzubringen. Aktuell können sich Projekte aus dem Bereich „Esskultur“ bewerben, weitere Wettbewerbe, unter anderem zu den Themen Mobilität und Baukultur, werden folgen.

Was würde helfen?

Einen Zusammenhang sieht man sehr deutlich: In Städten, wo das Bildungsniveau höher ist, gibt es mehr Bioläden. Es wäre sicher wichtig, wenn die Bildungspolitik endlich Nachhaltigkeit in die Lehrpläne von Schulen und Unis integrieren würde. Es gibt Fortschritte. Die Kultusbürokratie arbeitet daran, selbst im Studiengang BWL Nachhaltigkeit zu verankern. Auch der Nachhaltigkeitsrat leistet einen Beitrag. Im Rahmen des neuen Bildungswettbewerbs „Zukunft, fertig, los“ für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sucht er die besten Ideen zur Bekanntmachung der 17 Nachhaltigkeitsziele.

Möglicherweise sitzen die Grünen im Kabinett der neuen Bundesregierung. Bringt das mehr Schwung in den Nachhaltigkeitstrend?

Wenn sich Union, FDP und Grüne tatsächlich einigen, könnte das für das Thema eine Traumkonstellation sein. Wenn die das klug anstellen, bekämen wir einen selbsttragenden Prozess der Nachhaltigkeit, der nicht rückwärtsgewandt, engstirnig oder überreguliert ist. Wir haben die Chance auf einen neuen Ordnungsrahmen für eine soziale und ökologische Marktwirtschaft. Ich habe deshalb als Ratsvorsitzende an alle Jamaika-Koalitionäre ein
Schreiben geschickt – mit der Bitte, das Thema Nachhaltigkeit in den Koalitionsvertrag hineinzunehmen.

Lesen die das in Berlin?

Bei Angela Merkel bin ich sicher, dass sie Nachhaltigkeit will. Für die Grünen gilt das sowieso. Und vor allem die Jüngeren in der FDP sehen in der Digitalisierung eine Chance zur sinnhaften Gestaltung. Wir können mit der Digitalisierung vieles viel mehr transparent machen: Produktherkunft, Arbeitsbedingungen, Transportwege, CO2-Emissionen. Auf dieser Datenbasis bekommen wir Wettbewerb von einer völlig neuen Qualität – unter Berücksichtigung der aktuellen Diskussionen, wie viel Regulierung zum Zweck von Datensicherheit und Privatsphäre wir brauchen.

Brauchen wir dafür noch mehr Gesetze? Oder schafft das die Wirtschaft in Eigenregie?

Man hat das ja bei der Debatte über den Frauenanteil in Aufsichtsräten gesehen: Allein die Drohung mit einer Regulierung hat Bewegung gebracht. Das ist traurig, aber ohne ein vernünftiges Maß an Regulierung wird es nicht gehen. Meine Heimatstadt Lübeck war quasi der Geburtsort des Ehrbaren Kaufmanns. Der Unternehmer von damals war ziemlich transparent. Man wusste über sein Leben und die Vermögensverhältnisse alles. Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung müssen wir über Daten Vertrauen herstellen. Wir haben daher bereits 2011 den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) entwickelt, mit dem Unternehmen und Organisationen ihre Nachhaltigkeitsstrategien, Ziele, Maßnahmen, Konzepte und Risiken beschreiben. Die DNK-Entsprechenserklärungen sind öffentlich in einer Datenbank einsehbar. Damit können Marktakteure die nachhaltige Unternehmensführung von Unternehmen vergleichen.

Auch mit Steuerdaten?

Ja, vielleicht auch mit Steuerdaten. Wir leben doch im Steuerminderungswahn. In Lübeck wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Liste der 50 größten Steuerzahler veröffentlicht. Die Unternehmer waren stolz darauf, mit viel Geld zum Gemeinwesen beizutragen. Ich finde es schlimm, wenn heute einige Konzerne Tricks nutzen, um sich für den Fiskus arm zu rechnen.

Die Sustainable Development Goals sollen bis 2030 umgesetzt werden. Ist das zu erreichen?

In New York traf man sich in diesem Sommer, um zu zeigen, was die einzelnen Länder schon umgesetzt haben. Diese Zwischenbilanz war in vielen Teilen ermutigender, als viele Skeptiker gedacht hatten. Die Bundesregierung hat ihre Nachhaltigkeitsstrategie komplett auf diese 17 Ziele abgestellt. Daran wird sich nichts ändern – das hat auch Vorbildfunktion für den Rest der Welt.