IHK Magazin

Künstliche Intelligenz: Gute Chancen

Der Standort München und Oberbayern hat bestes Potenzial, bei künstlicher Intelligenz vorn mitzuspielen. Um dies zu erreichen, müssen Kräfte schnell mobilisiert und gebündelt werden. JOSEF STELZER

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Dagmar Schuller, audEERING-Geschäftsführerin. Foto: Arlet Ulfers

Die amerikanische TV-Serie »Knight Rider«, produziert in den 1980er-Jahren, war ihrer Zeit weit voraus: Ein schwarzer Sportwagen namens K.I.T.T. fährt autonom, er denkt und spricht wie ein Mensch. Im Film überwacht die fiktive Fahrzeugtechnik die Umgebung, warnt die Hauptfigur bei Gefahr und erkennt deren Laune schon beim Einsteigen. Womöglich werden einige dieser Fantasien bald Wirklichkeit.

Die audEERING GmbH, Gilching, entwickelt zurzeit eine neuartige künstliche Intelligenz (KI), die im Fahrzeuginneren anhand der Stimmen der Insassen Stress, Aggression oder Müdigkeit feststellen und per Lautsprecher eine Fahrpause empfehlen kann. 2012 gegründet, wurde audEERING beim Bayerischen Innovationspreis 2018 für seine automatische Emotions- und Sprecherzustandserkennung mithilfe intelligenter Sprachanalyse ausgezeichnet.

Mit der Technologie lassen sich etwa die Emotionen von Call-Center-Mitarbeitern während der Telefonate analysieren. »Daraus ergeben sich zum Beispiel Fortbildungsmaßnahmen für die Call-Center-Agenten«, erklärt audEERING-Geschäftsführerin Dagmar Schuller. »Oberbayern eignet sich extrem gut für Projekte und Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz und Robotik, zumal man exzellent ausgebildete Talente findet.« Mit anderen Firmen, Start-ups und Forschungsinstituten, die sich mit diesen Themen beschäftigen, ist sie bereits sehr gut vernetzt. »Ein Unternehmen in unserer Nachbarschaft in Gilching baut Roboter, unter anderem für die Altenpflege. Wir wollen unsere Technologien kombinieren, um eine möglichst natürliche Kommunikation mit dem Roboter zu realisieren«, so die 43-jährige Unternehmerin.

Rasante Enwicklung

Die große Dichte an KI-Forschungseinrichtungen und Unternehmen in Oberbayern und besonders im Großraum München bietet günstige Voraussetzungen, um Produkte und Lösungen voranzubringen. Um sich international als KI-Standort dauerhaft zu behaupten, reicht das womöglich nicht. KI entwickelt sich rasant. Entsprechend hoch ist der internationale Wettbewerb getaktet, der Faktor Zeit ist entscheidend.

Deshalb fordert die IHK für München und Oberbayern in einem Positionspapier, dass Strategien und Maßnahmen zur Förderung von KI auf bayerischer, Bundes- und EU-Ebene schnell und schlagkräftig realisiert werden müssen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) verglich 2018 die wichtigsten KI-Standorte in Deutschland miteinander. Demnach befindet sich in Oberbayern mit der Technischen Universität München (TUM) deutschlandweit die bedeutendste Hochschule.

Zur TUM gehört auch die Munich School of Robotics and Machine Intelligence (MSRM). Sie bringt das Know-how in Robotik, KI und Wahrnehmungsforschung aus verschiedenen Fakultäten unter einem Dach zusammen und verbindet ingenieur- und naturwissenschaftliche Fachbereiche mit Politik- und Gesellschaftswissenschaften. Im TUM-Forschungszentrum Geriatronik in Garmisch-Partenkirchen wiederum tüfteln Forscher an speziellen Roboterassistenten, die ein selbstbestimmtes Leben im hohen Alter ermöglichen sollen.

KI-Gründer

Das IW untersuchte auch die Start-up-Szene in Deutschland. In München zählte das Institut 30 KI-Firmen. Im Städtevergleich steht Berlin mit 70 Unternehmen bundesweit an der Spitze. »In Berlin gibt es zwar mehr KI-Gründungen. Doch in München ist die Gründerszene nachhaltiger, äußerst innovativ und solide«, meint audEERING-Chefin Schuller, die ihr Unternehmen gemeinsam mit vier Mitgründern als Spin-off der TUM gestartet hat.

Um Oberbayern weiter zu stärken, nicht zuletzt für den internationalen Wettbewerb, hält die Unternehmerin eine unkompliziertere und schnellere Forschungsfinanzierung für hilfreich, etwa durch eine Zwei-Drittel-Finanzierung in einem Zeitraum von wenigen Monaten. »Die Bayerische Staatsregierung könnte hier eine aktivere Rolle übernehmen, auch bei der Initiierung von Konferenzen und Network-Events«, sagt Schuller.

Zudem sollten sich die Firmen untereinander noch mehr austauschen und sich gegenseitig unterstützen. »Gerade die Kombination von KI und Robotik sollte man jetzt vorantreiben, zumal wir in der Region hier einen Innovationsvorsprung haben«, betont sie. Robert Walters, Geschäftsführer und Gründer der Münchner In Media Advertising GmbH (adpressi.com), wünscht sich ebenfalls mehr Unterstützung. »Die Unternehmen müssen schneller Kapital
und Investorengelder erhalten.« Experten für KI-Projekte sowie die Rechenleistung der IT-Systeme für das Trainieren und damit für die Verbesserung der künstlichen Intelligenz seien kostspielig.

IHK in der Vermittlerrolle

Walters nutzt KI zur Bilderkennung und Weiterverarbeitung von digitalisierten Fotos, die für den privaten wie kommerziellen Einsatz kostenlos zur Verfügung stehen. Im Gegenzug wird Werbung eingeblendet, die genau zum jeweiligen Bildmotiv passt. Von KI erwartet Walters gravierende, branchenübergreifende Auswirkungen auf die Wirtschaft sowie auf die Gesellschaft insgesamt: »Wer sich nicht entsprechend aufstellt, gerät im Wettbewerb ins Hintertreffen, das kann existenzbedrohend werden.« Die Unternehmer müssten sich im Klaren darüber sein, was auf sie zukommt. Walters: »Die IHK nimmt hier eine wichtige Vermittlerrolle ein.«