Fintech

Die Banken haben die Kunden

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Viele Technologie-Startups aus dem Finanzsektor haben ihre Strategie geändert. Sie setzen auf Kooperation mit den etablierten Geldhäusern. Der Großteil der Fintechs wird es trotzdem schwer haben. SABINE HÖLPER

Als Steffen Reitz (34) und Holger Teske (33) 2011 das Unternehmen Gini gründeten, wollten sie einen digitalen persönlichen Assistenten erschaffen, der den Menschen dabei hilft, ihren Papierkram zu erledigen. „Wir waren der Annahme, dass wir unser Produkt direkt an den Endkunden bringen“, sagt Reitz. „Mögliche Partner hatten wir anfangs nicht auf dem Schirm.“ Gut fünf Jahre später kooperiert das Münchner Fintech-Unternehmen mit zahlreichen Kreditinstituten des Landes, darunter die HypoVereinsbank, die Commerzbank-Tochter Comdirect und die Deutsche Bank. Gini stellt den Banken ein Programm zur Verfügung, mit dem Kunden Rechnungen einfach via Handy bezahlen können. Sie müssen keine Überweisungsformulare mehr ausfüllen, sondern fotografieren die Rechnung einfach ab.

Gini ist ein Vorzeigebeispiel für ein erfolgreiches oberbayerisches Fintech-Unternehmen. Das Startup macht rund 1,5 Millionen Euro Umsatz, erwartet in diesem Jahr eine Umsatzverdopplung und erwirtschaftet Gewinne. Und es ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Kooperation zwischen einem Fintech und etablierten Geldhäusern. Dass beides zusammenkommt, ist kein Zufall. Experten sehen in der Zusammenarbeit mit der altehrwürdigen Finanzindustrie den entscheidenden Erfolgsfaktor. André Bajorat, Gründer des Hamburger Fintechs Figo, formuliert es konkret: „Die Etablierten müssen die Kunden der Fintechs werden.“

Noch vor drei, vier Jahren sprach niemand in der Branche über Kooperationen. Damals war von Disruption die Rede, also von Innovationen, die bestehende Geschäftsmodelle oder den gesamten Markt umwälzen. Es hieß, die Startups könnten die alte Bankenwelt ins Wanken, wenn nicht gar zum Einstürzen bringen. Aber seither hat sich viel getan. So sind Fintechs keine kleine, überschaubare Gruppe mehr. Heute beträgt ihre Zahl in Deutschland, je nach Definition und Zählung, zwischen 305 (Beratungsfirma EY) und 405 (Barkow Consulting). Zwar konzentrieren sich die Startups jeweils auf einzelne Finanzangebote, gemeinsam aber bilden sie das gesamte Spektrum der Branche ab – vom Girokonto über die Geldanlage bis hin zur Kreditvergabe. Recht neu und vor allem in München auf dem Vormarsch sind die digitalen Versicherer, die sogenannten Insurtechs wie etwa Finanzchef24. Mehrere hundert innovative Firmen lassen sich nicht ignorieren. Und so wundert es nicht, dass die Rahmenbedingungen für die Neuen bedeutend besser geworden sind. Während Gründer noch vor kurzem klagten, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin, verweigere den Dialog, loben die jungen Unternehmer heute schnelle Prozesse und die gute Zusammenarbeit.

Nach dem Brexit: Wird München die neue Fintech-Hauptstadt?

Nach dem Brexit könnte ein Teil der Firmen aus Großbritannien abwandern und London seine Position als Fintech-Kapitale verlieren. Profitieren dürfte vor allem der Standort Deutschland. Welche Stadt zur nächsten Metropole der jungen Finanzunternehmen avancieren könnte, ist offen. Für Frankfurt am Main spricht, dass dort die etablierte Bankenwelt sitzt. In Berlin dagegen arbeiten derzeit die meisten Fintechs in Deutschland. Und München? In der bayerischen Hauptstadt ansässige Fintechs loben die innovationsfreundliche Finanzaufsicht, die exzellenten Universitäten, die bestens ausgebildete Finanzmathematiker, Informatiker und andere Experten hervorbringen.