Finanzierung

Geld vom Schwarm‎

Auch etablierte Mittelständler nutzen zunehmend die Möglichkeiten der Crowd für die Finanzierung. Welche Vorteile das bietet und worauf Unternehmen achten müssen. MONIKA HOFMANN

Panorama von vielen Händen, die Dollar, Euro und Yen in die Höhe halten
© - © www.miriamdoerr.com Mehr als nur Geld - die Crowd liefert auch Feedback zu neuen Produkten

Er wird es immer wieder tun: Mike Otterpohl, Geschäftsführer der LMT Leuchten + Metall Technik GmbH, finanziert bereits das zweite Projekt über die Crowd (auf deutsch: Schwarm), also über eine Vielzahl von Kapitalgebern, die via Internetplattform zusammenkommen. Und sogar ein drittes könnte er sich vorstellen, sagt der Unternehmer.

Mit seinem Bruder Tobias Otterpohl führt er den Mittelständler in Hilpoltstein, der Beleuchtungs- und Metallbaulösungen entwickelt, fertigt und installiert. Seit der Gründung 1984 stattete LMT weltweit Hunderte von Bahnhöfen, Flughäfen, Marktplätzen, Museen und Kirchen mit eigens entwickelten Beleuchtungssystemen aus. Bereits die erste Finanzierungsrunde über den Starnberger Finanzierungsmarktplatz Unternehmerich verlief äußerst erfolgreich: „Für unser Projekt ‚Ein Lichtblick in Bayern‘ warben wir deutlich mehr Mittel ein als erwartet“, so Otterpohl. Es ging darum, eine neuartige, ressourcenschonende LED-Leuchtenfamilie zu entwickeln, die sich für Bürogebäude, Veranstaltungsräume, Restaurants und Geschäfte eignet.

Dank der Crowdinvestments von 250000 Euro kann LMT sie in Serie produzieren. Otterpohl spürte schon damals die Macht der Crowd: „Aufgrund der starken Werbeeffekte, die vor allem die Investoren als Multiplikatoren prägten, füllten sich unsere Auftragsbücher zusätzlich.“ Für das neue Projekt, eine energieeffiziente Laseranlage, sammelte LMT 141000 Euro ein, wieder über die Plattform Unternehmerich. „Die Unterstützung der Gemeinschaft ist für uns keine Ausnahme, sondern eine echte Alternative“, betont Firmenchef Otterpohl. Mit dem neuen Laser will das Unternehmen die Produktion effizienter gestalten, bis zu 80 Prozent der Energiekosten einsparen und die Rüstzeiten minimieren.

Kapital plus Marktforschung

Gerade Mittelständler, die sich bereits auf ihren Märkten positioniert haben, entdecken mit der Finanzierung über die Crowd ein neues Instrument für sich. Ein großer Vorteil sei, dass die Gemeinschaft der Investoren darüber entscheidet, ob sie ein Projekt unterstützt, sagt Linette Heimrich, Crowdfundingexpertin der IHK für München und Oberbayern. „Damit ist diese Finanzierungsvariante zugleich ein gutes Instrument der Marktforschung.“ So testen zunehmend etablierte Mittelständler vorab neue Ideen über die Crowd. Auch für junge, schnell wachsende Firmen kann diese Strategie sinnvoll sein, so Heimrich: „Crowdinvesting kann für Start-ups eine Lücke bei der Unternehmensfinanzierung schließen, da sie meist zu risikoreich für Banken und zu klein für institutionelle Risikokapitalgeber sind.“ Zudem könnten Firmen so auf einen diversifizierten Instrumentenmix bei der Finanzierung achten. Inzwischen haben sich vielfältige Formen der Schwarmfinanzierung etabliert. So können Unternehmen Firmenanteile über die Crowd verkaufen. In diesem Fall müssen sie nach dem Kleinanlegerschutzgesetz einen Wertpapierprospekt erstellen. Das erleichtert es Anlegern, sich über Unternehmenswert, Umsätze und Eigentumsverhältnisse zu informieren. „Viele Plattformen bieten daher mittlerweile nur partiarische Nachrangdarlehen an“, beobachtet Expertin Heimrich.

Diese Darlehen werden bei einer Insolvenz nachrangig bedient, zählen aber zum Eigenkapital. Die Investoren können im schlechtesten Fall ihr eingesetztes Geld verlieren. Geht alles gut, werden sie am Gewinn beteiligt. Sie besitzen jedoch weder Unternehmensanteile noch Mitspracherecht. Ein Wertpapierprospekt ist nicht notwendig.

Auch Firmenchef Otterpohl setzt auf partiarische Nachrangdarlehen. Mit dem Weg über die Crowd will er die Unabhängigkeit von den Banken stärken. „Damit stellen wir unsere Finanzierung auf eine breitere Basis“, argumentiert er. Zehn bis 20 Prozent der Unternehmensfinanzierung laufen über die Crowd. Zugleich steigert er seine Eigenkapitalquote, weil die Darlehen als Eigenkapital gelten. „Das erleichtert es wiederum, zinsgünstigere Bankkredite zu beschaffen“, stellt Otterpohl fest. Ihm geht es außerdem darum zu testen, wie Projektideen bei potenziellen Kunden ankommen: „Damit betreiben wir quasi Marktforschung.“

Der Aufwand für die Vorbereitung der Crowdfinanzierung fiel beim ersten Projekt relativ hoch aus, beim zweiten deutlich niedriger. „Wir mussten uns erst darüber klar werden, wie wir unsere Kompetenzen so darstellen, dass wir für Investoren interessant sind“, erinnert sich der Firmenchef an das erste Vorhaben.

Für die Nutzung der Internetplattform wird eine Gebühr fällig. Zudem zahlt LMT seinen Investoren Renditen, die über den üblichen Zinsen liegen. „Das mache ich gerne“, sagt Otterpohl, „denn sie unterstützen unsere Projekte mit Risikokapital – und zugleich können wir uns auf sie verlassen.“

Wertvolles Feedback zu neuen Produkten

Unternehmen können die Vorteile der Crowd gut ausspielen, wenn sie neue Projekte oder innovative Produkte auf renommierten digitalen Plattformen präsentieren und dort um Geldgeber für diese Vorhaben werben, urteilt Kurt Müller (60), Partner bei der Target Partners GmbH in München. „Besonders bei Konsumprodukten, aber auch zunehmend in der Industrie stellt dies eine unkomplizierte und schnelle Möglichkeit dar, Feedback zu erhalten und – wenn es positiv ausfällt – einen Kundenstamm aufzubauen“, erläutert der Experte.

Als Wagniskapitalgeber finanziert Müller zusammen mit seinen Partnern gezielt junge Technologieunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Mit der Crowd lässt sich auf diesem Weg zugleich der Markt erforschen, das Produkt finanzieren und Kunden gewinnen“, erklärt der Experte.

Zu viele Anteilseigner schrecken Geldgeber ab

Skeptischer ist Müller, wenn Firmen über die Crowd Unternehmensanteile verkaufen. „Es ist schwierig und aufwendig, zahlreiche Investoren zu koordinieren“, warnt Müller. „Daher schreckt es uns als Kapitalgeber eher ab, wenn junge Unternehmen 150 Anteilseigner haben.“ Finanzieren Firmen aber über die Crowd neue Produkte und kombinieren das gezielt mit Risikokapital von institutionellen Geldgebern sowie mit weiterem Eigen- und Fremdkapital, so Wagniskapitalgeber Müller, dann stellen sie ihre Finanzierung auf eine solidere Basis, als wenn sie nur auf eine einzige Finanzierungsform setzen würden. „Letztendlich werden Banken immer häufiger umgangen, die bisher die Funktion von Geldsammelstellen übernahmen und dieses Geld dann weiterverliehen“, sagt Barbara Zitzmann, Inhaberin der Capital Gate advisory GmbH in Weyarn.

Das Internet ermögliche es Unternehmen, sich einfach und schnell mit einer großen Zahl von Geldgebern zu verknüpfen. Vor allem in München und Oberbayern wählen Firmen zunehmend den Weg über die Crowd, stellt die Expertin fest. Ihnen gehe es nicht nur darum, das Unternehmen oder einzelne Projekte zu finanzieren. Sie wollen auch den Bekanntheitsgrad ihres Unternehmens steigern. „Wer diesen Marketingeffekt gezielt nutzt, sorgt für volle Auftragsbücher und eine gute Marktposition“, ist Zitzmann überzeugt. Wichtige Voraussetzung, damit dies gelingt: „Die Firmen müssen ihre Unternehmenssituation ausführlich darstellen“, sagt Zitzmann. Daher sollten Unternehmen vorab für sich klären, ob sie diesen Transparenz- und Informationsanforderungen der Plattformen und der Investoren wirklich nachkommen wollen. „Ebenso sollten sie den Aufwand hierfür nicht unterschätzen“, ergänzt die Expertin.