Finanzierung

Weit mehr als nur Geld

Unternehmen, die ihr Potenzial entwickeln wollen, brauchen dafür langfristig denkende Investoren. Family Offices bieten genau das. In München und Oberbayern wächst ihre Zahl kräftig. MONIKA HOFMANN

Sie arbeiten meist im Stillen und hängen ihre Engagements nicht an die große Glocke. Daher bleibt ein hiesiger Finanzierungstrend für viele Firmenlenker bisher fast unbemerkt: Family Offices – Dienstleister, die große private Vermögen managen – spielen inzwischen für den Kapitalmarkt in München und Oberbayern eine wichtige Rolle. „Sie gewinnen zunehmend an Bedeutung“, beobachtet Barbara Zitzmann, Inhaberin der Capital Gate advisory GmbH in Weyarn. Sie berät Family Offices und international tätige Mittelständler. In der Niedrigzinsphase suchen Investoren nach rentablen Anlagen. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass derzeit Beteiligungskapital von privaten Investoren am hiesigen Standort gut verfügbar ist. Als Kapitalgeber für Firmen sind private Investoren inzwischen in ganz Bayern nicht mehr wegzudenken. Das zeigt sich etwa bei der Finanzierung von Startups. Die Bilanz des Unterstützungs- und Finanzierungsnetzwerks BayStartUP in München und Nürnberg dokumentiert: 2016 stammten mehr als 45 Prozent des an 54 Startups vermittelten Volumens von privaten Investoren. „Bei sechs von zehn Finanzierungsrunden waren Business Angels oder Family Offices beteiligt, sie spielen damit in Bayern eine immer wichtigere Rolle“, stellt BayStartUP-Geschäftsführer Carsten Rudolph fest. Aber auch Wachstumsfirmen und gestandene Mittelständler profitieren von Family Offices als Investoren, ist Expertin Zitzmann überzeugt. Die privaten Geldgeber engagieren sich langfristig und denken nicht schon beim Einstieg an das Ende ihrer Beteiligung. Zudem tragen Family Offices häufig über eigene Experten und Berater dazu bei, die betrieblichen Prozesse im Unternehmen zu verbessern. Wenn etwa bislang national orientierte Firmen den Sprung ins Ausland wagen, können sie sich von den Partnern mit Wissen und Netzwerken unterstützen lassen. Klar ist aber auch: Firmenchefs müssen meist einen Kontrollverlust in Kauf nehmen, wenn sie Investoren beteiligen. Viele Mittelständler lassen sich nur auf Minderheitsbeteiligungen ein, um sicherzustellen, dass das operative Geschäft und die strategischen Entscheidungen in ihren Händen bleiben. Wer Geldgeber sucht, sollte in jedem Fall vorab genau prüfen, welche Ziele sein potenzieller Partner hat, empfiehlt Beraterin Zitzmann. „Wichtig ist vor allem, dass beide Seiten einander wertschätzen, gerne zusammenarbeiten – und dass die Unternehmensziele zusammenpassen.“

Welche Ziele verfolgen Family Offices?

„Sie investieren gerne in Einheiten, die sie verstehen und bei denen sie im Falle einer Schieflage auch frühzeitig eingreifen können“, weiß Zitzmann. Zwei Strategien sind dabei häufig zu beobachten: Family Offices beteiligen sich an Firmen und Anlagen, die nichts mit ihrem eigenen Kerngeschäft zu tun haben. Sie suchen also nach Möglichkeiten zur Diversifikation, um die Risiken zu streuen. Oder sie investieren gerade in solche Technologien und Märkte, die mit ihrem Kerngeschäft zusammenhängen und jetzt oder in Zukunft zusätzliche Marktchancen bieten können. Wer als Firmenchef Family Offices als Investoren gewinnen möchte, muss deshalb mit ausgeprägter Innovationskraft, einem erfinderischen Team und hohem Marktpotenzial punkten. „Es ist heute sehr wichtig, dass nicht nur die Fach- und Führungskräfte, sondern auch der Firmenlenker die Innovationen vorantreiben können“, betont die Expertin. Ein gut funktionierendes Risikomanagementsystem und eine offene, ehrliche Kommunikation sind ebenso Pflicht wie eine überzeugende Darstellung der Managementkapazität. „Insbesondere Nachfolgethemen müssen die Unternehmer klären und dokumentieren, wer über welche Kompetenzen verfügt“, ergänzt Zitzmann. Family Offices spezialisieren sich in der Regel. Es gibt Experten für Betriebe in der Start- und in der Expansionsphase, aber auch welche für etablierte Unternehmen vor einer Übergabe. Solche Nachfolgeregelungen sind Kern der Strategie der Forum Family Office GmbH, die seit 1990 in München das Vermögen einer einzigen Familie verwaltet. Burkhard Wittek (63), Partner bei Forum, kommentiert das so: „Wir verfolgen stets die gleiche Investmentphilosophie: Wir bauen qualitätsvolle Unternehmen mit auf und sichern so, dass ihre Werte langfristig wachsen.“ Wittek investiert nur in solche Firmen, deren Geschäftsmodelle er versteht, also in erster Linie in solide Industrieunternehmen oder Dienstleister. „Technologie können wir nicht, da gibt es bessere Family Offices als uns“, sagt er offen. Die Familie, die hinter Forum steht, besaß früher selbst ein Unternehmen. „Daher verstehen wir uns als langfristiger, zuverlässiger Partner und nicht als Investor, der nur den Exit innerhalb einer definierten Laufzeit im Visier hat“, betont Wittek. „Weil wir selbst eine Unternehmerfamilie repräsentieren, haben wir Respekt vor Unternehmern – wir schätzen sie als Persönlichkeiten, nicht als Schachfiguren im Spiel um Profite.“ Für Forum sind vor allem Unternehmen interessant, die ein besonderes Geschäftsmodell mit starken Wettbewerbsvorteilen kombinieren. Wenn es beispielsweise um das Herauskaufen von Mitgesellschaftern, um Nachfolgethemen oder die Altersversorgung geht, arbeitet die Forum-Gruppe gern mit dem Firmenchef gemeinsam an Lösungen. Eine weitere Variante sind Unternehmer, die einen Teil ihres Betriebs abzugeben bereit sind, um mit einem erfahrenen Partner das Potenzial ihrer Firma schneller entwickeln zu können. Voraussetzung ist immer, dass sich die unternehmerischen Ziele decken und man auch menschlich gut zusammenpasst. „Das finden wir vorab in Gesprächen heraus, da merken wir schnell, ob wir gleich ticken“, so Wittek. Aktuell hält Forum fünf Unternehmensbeteiligungen, zwei davon an Firmen in Oberbayern. Dazu zählt die RDL-Group GmbH in Ottobrunn, ein Onlinevermarkter von Umkehrosmose-Filtern für Haushalte. Umweltschutz, Abfall- und Wasseraufbereitung für die produzierende Industrie sind das Kerngeschäft der cobos Fluid Service GmbH in München. Das Schwabinger Unternehmen ist Marktführer in seinem Segment und fokussiert sich auf die Aufarbeitung von industriellen Abwässern, Öl-Wasser-Emulsionen und Spülwässern. Beide Firmen verfügen über eine gute Marktposition und ein großes Wachstums-potenzial. Wittek: „Sie sind sehr innovativ und bringen beste Voraussetzungen mit, um ihre Potenziale mit uns weiterzuentwickeln – das entspricht genau unserer nachhaltigen Anlagestrategie.“