Energiewende

Wachsende Risiken

Die Zuverlässigkeit der Stromversorgung ist in Bayern zwar gewährleistet. Im Zuge der Energiewende könnte sich die Versorgungsqualität jedoch verschlechtern. JOSEF STELZER

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© ©Michael Rosskothen - stock.adobe.com Erneuerbare Energie liefern nicht immer gleichmäßig viel Strom

Es ist ein Megaprojekt. Mit der Energiewende hat sich Deutschland nicht weniger als den radikalen Umbau der Energieversorgung vorgenommen. Nur: Das Vorhaben kommt nicht so recht voran. Im Koalitionsvertrag spielt die Energiewende nur eine Randrolle. Dabei steht viel auf dem Spiel. Die Unternehmen sind auf konkurrenzfähige Strompreise und eine stabile Versorgung angewiesen. Es geht um bezahlbare Energie, eine sichere Infrastruktur und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Was also wurde bisher erreicht? Welche Auswirkungen bringt die Energiewende für die bayerischen Unternehmen mit sich? Welche Chancen und Risiken ergeben sich für die Betriebe? Eine aktuelle Studie des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) geht diesen Fragen nach. Die von der Münchner Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft mbH (FfE) durchgeführte Studie „Energiewende im Strommarkt – Versorgungsqualität“ basiert auf Befragungen von Unternehmen des produzierenden Gewerbes, der Industrie der Energiewirtschaft in Bayern.

Auf der einen Seite bestätigt die BIHK-Untersuchung die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in Bayern. Andererseits jedoch steigen die Anforderungen an die Stromnetze durch die zunehmende Einspeisung aus erneuerbaren Energien gravierend an. Denn Windkraft- und Photovoltaikanlagen erzeugen, je nach Jahreszeit, Wetterlage, Bewölkung sowie Tageszeit, abwechselnd viel Strom und dann wieder weniger. Um eine Unter- oder Überversorgung zu vermeiden, muss der in Windkraftanlagen erzeugte Strom aus Norddeutschland auch nach Bayern geleitet werden und der Solarstrom aus den südlichen Bundesländern abfließen. Erschwerend kommt hinzu, dass die in Bayern verbleibenden zwei Kernkraftwerke spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Björn Athmer, Referent für Energie- und Rohstoffversorgung der IHK für München und Oberbayern, warnt vor den unabsehbaren Folgen: „Die Abschaltung der Kernkraftwerke und die Verzögerungen beim Ausbau der Stromnetze bedrohen die Versorgungssicherheit in Bayern.“ Beeinträchtigungen in der Stromversorgung aber gefährden letztlich auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe in Bayern.

Zusätzliche Belastungen entstehen für die Wirtschaft durch steigende Kosten, etwa für höhere EEG-Umlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Laut der BIHK-Untersuchung befürchten Unternehmen, vor allem im produzierenden Gewerbe und in der Industrie, gravierende Nachteile durch den steigenden Anteil der volatilen Energiequellen Windkraft und Photovoltaik. Denn dadurch drohen vermehrt Spannungsschwankungen im Stromnetz.

Kleine Ausfälle mit großen Folgen

Schon kurze Versorgungsunterbrechungen oder Spannungseinbrüche bei der Stromversorgung können bei Anlagen mit empfindlichen Bauteilen zu Ausfällen führen und längere Stillstände verursachen. Zwar vergehen bis zur Wiederherstellung des normalen Betriebsablaufs oft nur wenige Minuten. In manchen Fällen dauert es aber auch Tage, bis eine Anlage nach einer Störung wieder funktioniert. Mitunter beschädigen solche Spannungsschwankungen die empfindlichen Steuerungseinrichtungen von Maschinen. Die nötigen Reparaturaufwendungen können zu stundenlangen oder gar mehrtägigen Ausfallzeiten führen.

Ungewollte Maschinenstopps beeinträchtigen die Produktion mitunter erheblich. „Wegen Unterspannungen hatten wir in der Vergangenheit bereits Stillstände bei Druckmaschinen von bis zu mehreren Stunden“, sagt Markus Fuchshuber (52), Energie- und Umweltmanager der Regensburger Druckerei Franz Anton Niedermayr Graphische Kunstanstalt GmbH & Co. KG. Eine mögliche Ursache für Störungen liege in den Spannungsschwankungen, die aus der verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien resultieren. „Die Elektronik unserer Druckmaschinen reagiert sehr empfindlich auf Netzschwankungen, sodass es zu Ausfällen kommen kann“, erklärt der Energiemanager. Vermehrte Spannungsschwankungen und Einschränkungen bei der Versorgungssicherheit drohen, wenn in Bayern die beiden Kernkraftwerke Gundremmingen C sowie Isar 2 bis Ende 2021 beziehungsweise 2022 abgeschaltet werden.

Mehr Aufwand für das Einspeisemanagement

Deutlich angestiegen ist laut der BIHK-Studie der Bedarf an sogenanntem Einspeisemanagement. Dabei wird die Stromeinspeisung aus erneuerbaren Energien und KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen) ins Stromnetz heruntergeregelt. Das kann nötig werden, wenn durch eine weitere Stromeinspeisung beispielsweise zu Starkwindzeiten eine Netzüberlastung droht. Greifen die Netzbetreiber dann ein, lässt sich die Netzstabilität wahren und die Betriebsmittel, etwa Transformatoren oder Freileitungen, vor Schäden schützen. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz müssen die Anlagenbetreiber, deren Einspeiseleistung heruntergeregelt wurde, für die entgangenen Gewinne entschädigt werden.

Die durch die Netzbetreiber an die Bundesnetzagentur gemeldeten geschätzten Entschädigungsansprüche beliefen sich zum Beispiel für das zweite Quartal 2017 auf rund 146 Millionen Euro. Der stetig steigende Bedarf an Einspeisemanagement verdeutlicht, so die Untersuchung, dass es zunehmend problematisch ist, den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien vollständig in die bestehenden Netze einzuspeisen. Dies untermauert einerseits die Notwendigkeit eines zügigen Netzausbaus auf regionaler wie überregionaler Ebene.

Andererseits zeigt das Ausmaß der netzseitigen Eingriffe auch die zunehmende Komplexität des Netzmanagements zwischen Übertragungsnetz- und Verteilnetzbetreibern. Für das über 1,7 Millionen Kilometer lange deutsche Stromnetz besteht somit auf allen Ebenen ein erheblicher Aus- und Umbaubedarf. Die vorhandenen Netze sind dafür ausgelegt, elektrische Energie von Großkraftwerken an die Verbraucher weiterzuleiten. Die Stromerzeugung findet jedoch immer mehr an weit abgelegenen Orten wie Offshore-Windparks statt. Zudem kommt es wegen der vermehrten Einspeisung aus einer Vielzahl dezentraler Erzeugungsanlagen vermehrt zu einer sogenannten Lastflussumkehr in den Verteilnetzen.

Diese Netze sollen eigentlich Strom in eine Richtung aus den Hochspannungsnetzen zu den Verbrauchern transportieren. In manchen Gebieten produzieren die dezentralen Anlagen aber so viel Strom, dass sich der Fluss umdreht: Der Strom wird zurück ins Übertragungsnetz gespeist. Für solche Anforderungen ist das Stromnetz nicht gebaut worden.

Der Ausbau stockt

Der dringend nötige Netzausbau jedoch kommt nur langsam voran. Die Inbetriebnahme des sogenannten Suedostlinks, der sich über etwa 537 Kilometer zwischen den Netzverknüpfungspunkten Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt und Isar in Bayern erstreckt, ist erst ab 2025 geplant. Gleiches gilt für den Suedlink, der vom schleswig-holsteinischen Wilster nach Grafenrheinfeld in Bayern und von Brunsbüttel an der Nordsee nach Großgartach in Baden-Württemberg verläuft. Der Suedlink soll den an Land und auf See erzeugten Windstrom aus dem Norden nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren. Der rasante Anstieg dezentraler Erzeugungsanlagen (z.B. Photovoltaik) erfordere, so die BIHK-Untersuchung, ebenfalls einen umfassenden Umbau der Verteilnetze für die regionale Stromversorgung.

Die 2014 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) erstellte Studie „Moderne Verteilernetze für Deutschland“ beziffert die dafür notwendigen Investitionen auf 23 bis 49 Milliarden Euro bis 2032. Nach der BMWi-Studie müssten rund 70 Prozent der Maßnahmen bis 2022 abgeschlossen sein, um die steigende Erzeugung aus erneuerbaren Energien in das System integrieren zu können.

Viel teurer als bei den Nachbarn

Doch nicht nur Risiken bei der Versorgungssicherheit stellen die Wirtschaft vor Herausforderungen. Hinzu kommen steigende Strompreise. Als stärkster Kostentreiber erweist sich die EEG-Umlage, mit der die Stromerzeugung aus regenerativen Energien gefördert wird. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz geregelte Umlage beträgt seit Anfang 2018 genau 6,792 Cent je Kilowattstunde. „Das ist zwar etwas weniger als im Vorjahr, doch künftig ist mit weiter steigenden EEG-Umlagen zu rechnen“, so IHK-Fachmann Athmer. Die staatlichen Strompreisbestandteile wie Steuern und Umlagen sind die stärksten Treiber des Strompreises. Sie führen dazu, dass im Vergleich zu den europäischen Nachbarn der Strom in Deutschland deutlich teurer ist. Und das wiederum ist ein deutliches Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Betriebe.