Standortpolitik

Schwieriger Zeitplan für ein Jahrhundertbauwerk‎

Während in Tirol und Südtirol die Bauarbeiten für den weltweit größten Eisenbahntunnel voranschreiten, wird in Oberbayern um die Zulauftrassen gerungen. Für bayerische Firmen eröffnet die Verbindung vielfältige Chancen. STEFAN BOTTLER

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Herzstück der Eisenbahnverbindung München-Verona: der Brenner Basistunnel

Weltweit exportiert die deutsche Automobilindustrie rund 4,5 Millionen Pkws. Viele Fahrzeuge gehen nach China, Japan, Südkorea und in weitere südostasiatische Länder. Wie andere deutsche Hersteller wickelt die Münchner BMW Group solche Lieferungen auf der Schiene über die deutschen Nordseehäfen ab. „Wir prüfen derzeit erneut, ob wir Ausfuhren in diese Länder über den Brenner und einen Adria-Hafen effizienter organisieren können“, sagt ein Unternehmenssprecher. Bislang nutzt BMW die Schienenverbindung über den Brenner ausschließlich für Exporte nach Italien.

Ab Verona werden die Pkws per Lkw zu den Händlern geliefert. Wenn jedoch der 64 Kilometer lange Brenner Basistunnel (BBT) eröffnet und die Zulaufstrecken in Deutschland und Italien vierspurig ausgebaut sind, wird BMW alle Verkehre von und nach Asien auf den Prüfstand stellen. Auch Transporte von Zulieferern und zu Montagewerken könnten dann nochmals optimiert werden, so der Autokonzern. Solche Überlegungen zeigen, dass der Brenner Basistunnel Auswirkungen weit über Europa hinaus haben wird. Während jedoch der Tunnel voraussichtlich 2026 eröffnet wird und der vierspurige Ausbau der italienischen Zulaufstrecken bereits beschlossene Sache ist, gibt es für die deutsche Strecke ab München kaum Fortschritte. Für die Region Rosenheim steht nicht einmal der Verlauf der künftigen Trasse fest. Gegenwärtig prüft DB Netz, die Infrastrukturtochter der Deutschen Bahn, drei mögliche neue Strecken westlich und östlich der bisherigen Trasse.

Auf Foren, an denen unter anderem Vertreter aus Kommunalpolitik, Wirtschaft und Umweltverbänden teilnehmen, sowie in direkten Gesprächen mit Bürgermeistern, Landräten und Abgeordneten will DB Netz strittige Fragen möglichst schnell klären. „Die Region beschäftigt sich intensiv mit dem Nordzulauf“, sagt Torsten Gruber, Portfoliomanager Verkehrswege von DB Netz. „Wir müssen den Schwung der Diskussionen für Fortschritte nutzen.“ Die Pläne über mögliche Trassenkorridore hatten Ende 2016 zu heftigen Widerständen bei der Kommunalpolitik und der ansässigen Bevölkerung geführt.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte am 6. März auf einem Treffen mit Bürgermeistern, Betroffenen und der Deutschen Bahn AG in Rosenheim einen Neustart des Planungsdialogs unter Einbindung eines externen Mediators zu. Das Bundesverkehrsministerium wird eine Szenarienstudie zur Bedarfsermittlung bis 2050 in Auftrag geben. Dobrindt schätzt, dass es rund 20 Jahre dauern wird, bis in Bayern eine leistungsfähige Neubaustrecke mit maximal zwei Gleisen realisiert wird. „Wir verschenken für unsere bayerischen Exportunternehmen nach Fertigstellung des Brenner Basistunnels Ende 2026 mindestens zwölf Jahre Markt-, Transport- und Absatzchancen“, sagt IHK-Verkehrsexperte Gerhard Wieland. Auch die politisch gewünschte Verlagerung von Transporten auf die Schiene werde aus diesen Gründen nicht so schnell vorankommen.

Erfreulich sei, dass die IHK offiziell als Partner in den Dialogprozess eingebunden sei. Aber man müsse irgendwann auch zu Ergebnissen kommen. „Viele Bürger wissen nicht, wie wichtig für unsere Unternehmen die Verbindung zu Italiens Märkten und Häfen ist“, so Wieland. Sie sichern auch den Zugang zu bedeutenden Zielhäfen in Übersee. „Das müssen wir in den Gesprächen ebenso deutlich machen wie die Tatsache, dass die Wirtschaft Oberbayerns ganz erheblich von dem Zugang zum Tunnel profitieren wird“, kündigte der IHK-Verkehrsexperte an. „Es geht um unseren Wohlstand und den Nutzen für jeden Bürger, wenn etwa der ICE Richtung Verona in Rosenheim hält.“ Wieland erinnert an die Zusage von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei wichtigen Verkehrsprojekten für eine schnellere Umsetzung zu sorgen. „Wir sollten uns tatsächlich an der Schweiz orientieren“, so der IHK-Verkehrsexperte. „Dialogprozesse mit den Bürgern sind wichtig, aber das alles bitte mit klaren Zeitvorgaben.“

Die Zeit drängt auch aus einem anderen Grund. Brenner Basistunnel und Zulaufstrecken sind Teil des europäischen Verkehrskorridors von Skandinavien nach Sizilien, der auch an anderer Stelle ausgebaut wird. Voraussichtlich im Dezember 2017 wird die Neubaustrecke zwischen Erfurt und Nürnberg in Betrieb genommen. „Als Folge der deutlich verkürzten Fahrzeiten wird auch die Nachfrage nach Schienengüterverkehren steigen“, ist IHK-Referent Wieland überzeugt. Internationale Verkehre über den Brenner dürften dann nochmals zulegen. Auch der Ausbau anderer Magistralen etwa zwischen Paris und Bratislava wird laut Wieland die Schiene für Italien-Verkehre noch attraktiver machen und die Frequenzen über den Brenner weiter erhöhen. Weil jedoch auf der deutschen Zulaufstrecke ab München maximal 180 Züge am Tag fahren können, der Brenner Basistunnel jedoch 400 Züge am Tag aufnahmen kann, drohen Engpässe schneller als erwartet.

Die Österreicher treiben unterdessen den Bau des Tunnels voran. Über 60 Kilometer Gestein sind aus den Alpen bereits herausgebrochen worden, inklusive Zufahrts- und Rettungstunnel sind 230 Kilometer zu graben. Im Februar 2017 begann die österreichisch-italienische Projektgesellschaft Brenner Basistunnel BBT SE (BBT) mit den Umbau- und Gleisanschlussarbeiten auf dem Innsbrucker Hauptbahnhof. Im Frühjahr 2017 will sie Bauarbeiten über 1,3 Milliarden Euro für den größten Abschnitt zwischen Pfons südlich von Innsbruck und dem Brennerpass vergeben. „Der bisherige Zeitplan kann eingehalten werden“, versichert BBT-Vorstand Konrad Bergmeister. 2025 soll der erste Probezug durch das 8,6 Milliarden Euro teure Bauwerk fahren, für 2026 ist die endgültige Fertigstellung vorgesehen.