Bayerischer Hof

Mit Leuchtkraft

Die Chefin des Hotels Bayerischer Hof Innegrit Volkhardt verbindet leichthändig Tradition und Moderne. Von politischen Krisen lässt sie sich dabei nicht schrecken. CORNELIA KNUST

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Innegrit Volkhardt, Geschäftsführerin Hotel Bayerischer Hof. Foto: Anja Wechsler

In ihr ist eine Kommentatorin der Weltlage verloren gegangen. Wer mit Innegrit Volkhardt (52) über das Geschäft spricht, ist schnell tief drin in der großen Politik. Nicht nur, weil ihr Hotel Bayerischer Hof alljährlich die Münchner Sicherheitskonferenz beherbergt. Sondern weil jede Wendung der Weltstrategen, jeder neue Krisenherd oder Terroranschlag, jede Fieberkurve von Währung oder Konjunktur Einfluss haben kann auf die Buchungen in diesem großen Luxushotel.

Hier kann man lernen, dass selbst ein Flaggschiff wie der Bayerische Hof, ein Traditionshaus mit starker Position, seinen Erfolg immer neu erkämpfen muss – mit Blick auf die große Welt, aber auch auf den Kosmos der eigenen Stadt.

Der König kam zum Baden vorbei

Schon die Eröffnung des Hotels 1841 war politisch motiviert: König Ludwig I. brauchte eine elegante Bleibe für seine Staatsgäste. Der Unternehmer und erste Münchner IHK-Präsident Joseph Anton Maffei beauftragte den Architekten Friedrich von Gärtner mit dem Umbau eines Wirtshauses am Promenadeplatz. Der König soll zweimal im Monat zum Baden herübergekommen sein. 1897 wurde das Hotel vom Konditor Herrmann Volkhardt gekauft und dann von seinem Sohn Hermann fortgeführt. 1944 wurde das Hotel im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs vollkommen zerstört. Kriegsheimkehrer Falk Volkhardt, der Enkel von Herrmann Volkhardt, baute es wieder auf.

„Wir sind als Branche sehr, sehr labil“, sagt die heutige Chefin Innegrit Volkhardt, die das Hotel in der vierten Generation führt. Vor allem US-Präsident Donald Trump gefährde aktuell den Tourismus einerseits und den exportgetriebenen Absatz von Wirtschaftsunternehmen andererseits. Der polternde Trump verschrecke seine eigenen Landsleute, zum Beispiel Teilnehmer von Incentivereisen, bei denen das Reiseziel Europa plötzlich als politisch inkorrekt gilt, oder aber durch sogenannte Travel Bans in ausgewiesene Länder. Die Angst, aus bestimmten Ländern nicht mehr ausreisen zu dürfen, wird durch solche Verbote geschürt.

Die Zusammenhänge sind manchmal komplex: Wenn das Fracking in den USA boomt und daher der Ölpreis fällt, dann nehmen die Staaten im Mittleren Osten weniger ein und werden den Medizintourismus ihrer Bürger nicht mehr so großzügig finanzieren – auch das kommt bei den Münchner Hotels sofort an.

Der Bayerische Hof mit seinen 560 Mitarbeitern und 320 Zimmern lässt sich davon nicht schrecken – im Gegenteil. Er fährt seit Jahren ein ambitioniertes Investitionsprogramm, glänzt mit dem einzigen 3-Sterne-Restaurant Münchens und neuerdings der größten Luxussuite der Stadt. Das Hotel ist nach leichten Erlösverlusten im Vorjahr, bedingt unter anderem durch den rückläufigen Tourismus in den Sommermonaten wegen des Terroranschlags im Olympia-Einkaufszentrum, zwar nicht mehr das umsatzstärkste Haus Deutschlands; das Berliner „Estrel“ ist seit 2016 die Nummer eins. Doch mit nach eigenen Angaben 63 Millionen Euro Umsatz, 75 Prozent Auslastung und 373 Euro Durchschnittspreis pro Zimmer spielt der Bayerische Hof auf Platz zwei nach wie vor ganz vorne mit. 2017, so die Hotelchefin und Komplementärin der Gebrüder Volkhardt KG, sei der Umsatz wieder leicht gestiegen.

In Frauenhand

Die Volkhardts – das ist Frauenpower pur. Die beiden Schwestern Innegrit und Michaela haben die Firma inklusive Hotel in Kitzbühel und Weinhandlung in Pasing von Vater Falk geerbt. Michaela hat mittlerweile Teile ihrer Hälfte an ihre beiden Töchter weitergegeben. Eine von ihnen hat die Hotellehre erfolgreich absolviert, studiert aktuell BWL und zeigt wachsendes Interesse am Geschehen am Promenadeplatz. Und auch Falks Witwe Erika ist immer noch präsent.

„Ich muss mich selber wohlfühlen“

Doch das Gesicht und die Seele des Hauses ist seit 26 Jahren Innegrit Volkhardt: groß, schlank, dynamisch und unprätentiös. Als der Vater schwer erkrankte, entschied sie sich, gleich nach dem BWL-Studium die Geschäfte zu übernehmen. Seitdem hält sie mit Entschiedenheit und hohem Arbeitsethos das Imperium am Laufen. Die Restaurants und Säle, zuletzt auch einen ganzen neu aufgebauten Zimmertrakt über dem Theater „Komödie im Bayerischen Hof“ modernisiert sie mit Designern wie Axel Vervoordt, die den reduzierten Stil und gedeckte Töne schätzen. „Ich folge da keinem Trend“, sagt Volkhardt beim Interview in der neuen 350-QuadratmeterSuite mit umlaufender Terrasse. „Ich muss mich selber wohlfühlen.“

Ihre Art, das Hotel zu führen, findet Anerkennung. „Sie ist eine Frau mit Visionen, die investiert, und zwar auch in junge Leute, und ihnen mit Vertrauen begegnet“, sagt der Sternekoch Jan Hartwig (35) aus dem Restaurant „Atelier“ im Bayerischen Hof, den man beim Rundgang in der Küche trifft. Und auch die Hotelierkollegen loben. „Innegrit Volkhardt ist für mich der Inbegriff des individuellen Hoteliers, der Bayerische Hof das Prachtexemplar eines Hotels, das für maximale Individualität steht und rücksichtslos gegenüber jeder Art von Zeitgeschmack ist“, so Dietmar Müller-Elmau, Inhaber von Schloss Elmau, in einem Jubiläumsbuch des Hauses.

Doch auch wenn Volkhardt in sich ruht und emsig arbeitet – die Welt um sie herum verändert sich. Sie klagt nicht sonderlich über die Personalnot: „Jeder jammert darüber, fast in der ganzen Welt ist das so in unserer Branche.“ Sie schimpft nicht einmal besonders auf den Privatunterkünftevermittler Airbnb: „Das geht schon in Richtung Authentizität. Das Ungerechte ist nur, dass wir Hoteliers alle Auflagen erfüllen und Gesetze befolgen müssen und diese Anbieter nicht.“ Der große Aufreger – und hier erlischt das charismatische Lächeln der Hotelière – ist gerade die Stadt München selbst.

Ihre Behörden haben den Umbau der ehemaligen Staatsbank nebenan zu einem 5-Sterne-Haus genehmigt. Die Schörghuber-Gruppe hat die Immobilie vor ein paar Jahren erworben und will sie an den Luxushotelbetreiber Rosewood verpachten. Doch Innegrit Volkhardt ging vor Gericht: wegen der problematischen Verkehrssituation. „Wenn ich die Eröffnung neuer Hotels in München verhindern wollte, da hätte ich lang zu tun“, sagt sie. „Ich habe nichts gegen einen Wettbewerber nebenan, solange er funktioniert, aber ich habe etwas gegen vorhersehbares Chaos.“ Die Chefin des Bayerischen Hofes meint, die Belieferung des neuen Hotels und die Anfahrt der Gäste würden nicht klappen. Sie schlägt den Bau eines Parkhauses vor und hat schon Planänderungen bewirkt (weniger Zimmer, Verlegung des Haupteingangs).

Aber ihre Klage gegen das Projekt an sich kam nicht durch. Die Beschwerde zur Zulassung eines Revisionsverfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ist noch anhängig. „Auch der Münchner muss ja mit dieser belastenden Verkehrssituation zurechtkommen“, stellt Volkhardt fest. „Doch meine Briefe an die zuständigen Persönlichkeiten der Kommune, wie sie sich denn die Zukunft der Stadt vorstellen, blieben leider unbeantwortet.“ Als „alteingesessenes Münchner Unternehmen“ und „Betrieb mit einer gewissen Leuchtkraft“ hat sie sich wohl einen etwas anderen Umgang erwartet.