Exponat Oktober 2021

„Texas am Tegernsee“: Vom Erdöl zum Heilwasser

Erst war der Tourismus da, dann wurde nach Öl gebohrt und schließlich sorgte das Heilwasser für weiteren wirtschaftlichen Aufschwung: Bad Wiessee am Tegernsee weist eine interessante Entwicklung auf, wie das Bayerische Wirtschaftsarchiv zeigt.

Es war der holländische Erdölpionier Adrian Stoop, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Grundstein für das später so bekannte Bad in Wiessee legte. Der Bergingenieur hatte erfolgreich auf Java nach Öl gebohrt und dafür die Dordtsche Petroleum Maatschappij ins Leben gerufen. Ende des 19. Jahrhunderts war sie die kapitalkräftigste Aktiengesellschaft der Niederlande.

1904 ließ Stoop am Tegernsee den ersten Bohrturm zur Förderung von Rohpetroleum errichten. Früher hatten die Benediktinermönche das sog. „Steinöl“ zu Heilzwecken verwendet. Es war zunächst gar nicht so leicht, in der Region geeignete Arbeitskräfte zu finden. „Der Fremdenverkehr hatte die Männer verwöhnt“, wie der spätere Direktor des Bades, André Driessen, klagte. Mit Rudern, Segeln und Schuhplatteln im Dienste der Touristen hatten sie gutes Geld verdient. Die Fördermengen entwickelten sich jedoch nicht zufriedenstellend.

1909 stieß man bei Bohrloch III schließlich auf ein Thermalwasservorkommen. Der Wiesseer Arzt Erwin von Dessauer erkannte die balneologische Bedeutung des übelriechenden Wassers: Es war die stärkste Jod-Schwefel-Thermalquelle des damaligen deutschen Kaiserreichs. Im Sommer 1912 begann der Kurbetrieb mit zwei hölzernen Badezubern. Bereits zehn Jahre später wurde Wiessee mit dem Titel „Bad“ geadelt und Stoop zum Ehrenbürger ernannt.

Mit 165.000 Anwendungen erreichte das Heilbad am Tegernsee 1935 die stärkste Auslastung. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten Patientinnen und Patienten ab 1948 wieder in Wiessee kuren. Die Reformen im Gesundheitswesen versetzten gut 50 Jahre später den Heilbädern und Kurorten einen empfindlichen Schlag. Die Krankenkassen hielten sich mit Bewilligungen zurück: 1989 halbierte sich innerhalb eines Jahres die Zahl der ambulanten Kuren. 2001 übernahm die Gemeinde Wiessee den Kurbetrieb von der Familie Stoop. Vor zehn Jahren ging die niederländische Zeit endgültig zu Ende, als die Erbengemeinschaft das Jod-Schwefelbad samt dazugehörigem Areal sowie die Quellrechte an die Kommune verkaufte.