Exponat Mai 2021

Weißblauer Dunst: Zigaretten aus Bayern

Bis 1900 stieg München hinter Dresden, Berlin und Hamburg zu einem Zentrum der deutschen Zigarettenindustrie auf. Bis 1905 erfolgte die Produktion in Handarbeit, danach setzte die industriealisierte Fertigung ein, wie das Exponat des Monats des Bayerischen Wirtschaftsarchivs zeigt.

Der Münchner Bürger der Biedermeierzeit griff zu Pfeife oder Zigarre, wenn er dem Tabakrauchen frönen wollte. Angeblich gab es hierzulande erstmals 1852 ausländische Zigaretten zu kaufen. Groß war das Angebot seinerzeit sicher nicht.

14 Jahre später verlagerte der damalige türkische Generalkonsul W. F. Grathwohl einen Fabrikationsbetrieb aus dem ehemaligen Konstantinopel (heute Istanbul) an die Isar und begründete damit vor 155 Jahren die erste bayerische Produktionsstätte. Nur allmählich stieg die kleine Zahl der Zigarettenliebhaber. 1876 eröffnete in München die auf griechische Tabake spezialisierte Firma Pan C. Papasthatis, 1883 die Firma von Georg Zuban mit mazedonischem Rohtabak. Mit wachsender Nachfrage entstanden auch in Regensburg und Fürth eigene Betriebe.

Hinter Dresden, Berlin und Hamburg stieg München bis 1900 zu den Zentren der deutschen Zigarettenindustrie auf. Bis bei Zuban 1905 die erste Zigarettenmaschine anlief, erfolgte die Herstellung fast ausschließlich in Handarbeit. Damals lag die bayerische Produktion bei 105 Millionen Stück, 1914 war es schon mehr als das Zehnfache. Auch ausländische Importeure drängten auf den Markt und verlegten ihre Fertigung nach Deutschland, um die hohen Zollgebühren zu umgehen. In München gründete die österreichische Monopolverwaltung die Austria GmbH, die ihre Erzeugnisse über die Zigarettenhandelsfirma Carl Philipps Wwe. vertrieb. Auch in der Zwischenkriegszeit qualmte man in Bayern munter weiter. 1927 erwarb der Kölner Hersteller Haus Neuerburg den Wettbewerber Zuban. Gut 50 Jahre später ging der Standort an den Tabakkonzern Philipp Morris, der dort bis 2008 produzierte.

Als das Zigarettenrauchen in Mode kam, hielt man das schlanke Rauchwerk wegen der vermeintlich leichteren Orienttabake im Vergleich zur Zigarre für weniger schädlich. Die Zigarette galt als Produkt der Moderne und symbolisierte schnelles, genussvolles Leben. Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv haben sich zahlreiche Dokumente zur Geschichte der Glimmstängel made in Bavaria erhalten.

Dr. Harald Müller, Wiss. Mitarbeiter des Bayerischen Wirtschaftsarchivs