Ideen haben Kraft

Catalin Voss: "Das Gute entgegensetzen"

App-Entwickler Catalin Voss, Redner beim IHK-Talk zum Thema Verantwortung, äußert sich im Interview mit IHK-Redakteur Martin Armbruster zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und den nötigen Dialog über den Sinn neuer Technologien. Voss hat eine Karriere gemacht, die laut „Spiegel“ nur in den USA möglich ist: Der aus Heidelberg stammende Catalin Voss war ein mäßiger Schüler, aber im Silicon Valley hat er den Durchbruch geschafft.

"Jede technologische Neuerung löst Ängste aus."

Auf der IHK-Veranstaltung geht es heute um das große Thema Verantwortung. Wann haben Sie angefangen, sich damit zu beschäftigen?

Zeitlich genau kann ich das nicht sagen. Irgendwann sagte mir mein Bauchgefühl, ich sollte darüber nachdenken. Ich habe mich dann immer stärker mit dem Thema beschäftigt. Heute habe ich die Einsicht: Nicht jede Idee, die die Welt verändert, ist auch eine gute Idee.

Nun haben wir in den USA einen Präsidenten, der auch viele Ideen hat, die die Welt verändern.

(lacht) Das stimmt.

Glauben Sie, dass Trump Einfluss auf das Denken der heutigen Startup-Szene hat?

Ich weiß nicht, ob man von einem positiven Trump-Effekt sprechen kann. Sicher ist aber, dass Trumps Regierungsstil uns viele Probleme sehr klar vor die Augen führt, die schon lange in der Gesellschaft geschlummert haben – und zwar so klar, dass man da nicht mehr einfach dran vorbei schauen kann.

Sie arbeiten an einer App, mit der sich Emotionen erkennen lassen. Welchen Nutzen hätte das für unsere Gesellschaft?

Die Technologie, die wir mit Sension entwickeln, hat drei positive Anwendungsbereiche. Wir haben angefangen, damit die Aufmerksamkeit von Studenten zu messen. Auf der Basis lassen sich bessere Lerninhalte gestalten. Im Auto messen wir die Aufmerksamkeit des Fahrers, damit der nicht am Steuer einschläft. Und wir haben ein großes Projekt in Stanford, das sich „Stanford Autism Glass Project“ nennt. Da entwickeln wir eine Lernhilfe für autistische Kinder, die Probleme damit haben, Emotionen in Gesichtern zu erkennen. Das ist tatsächlich eine Google Glass-App. Das ist eine Daten-Brille, die ihrem Träger dann sagt, wie sich sein Gegenüber fühlt.

Letztlich geht es bei Nachhaltigkeit auch darum, Geld zu verdienen. Ziel soll ja nicht die Insolvenz sein. Wie funktioniert das bei Ihren Apps?

Mit Sension haben wir tatsächlich ein wenig Geld verdient. Das Unternehmen wurde verkauft. Beim „Autism Glass Project“ war uns klar, dass das zunächst keine kommerzielle Zukunft hat. Dafür mussten wir erstmal klinische Studien erstellen. Das haben wir in den jüngsten Jahren bei der Standford Medical School gemacht. In 150 Familien haben die Kinder jetzt diese Brille auf dem Kopf gehabt. Unser Ziel ist nun, diese Anwendung anderen Unternehmen als Lizenznehmer zur Verfügung zu stellen.

Und damit werden dann Gewinne erzielt?

Ich gebe zu – mit dem Autismus-Projekt wird es schwierig, wirklich Geld zu verdienen. Für die Anwendung Autofahrer am Einschlafen hindern ist es dagegen einfach. Für unser „Autism Glass Project“ sehe ich nur zwei Optionen, profitabel zu werden: Wenn Apple eine eigene Datenbrille auf den Markt bringen würde, würde die jeder kaufen. Das würde es uns leichter machen, unsere App zu vermarkten. Oder unsere App wird als medizinisches Produkt anerkannt. Dann könnte die jeder Arzt verschreiben – und die Krankenkassen würden das bezahlen.

Was ist mit der Aufmerksamkeit der Studenten? Wer soll für diese Anwendung bezahlen? Die Unis oder die Professoren?

Tatsächlich benutzen das Online-Lehranbieter. Die können damit ihre Angebote optimieren.

Es muss nicht immer am Professor liegen, wenn Studenten dösen oder mies gelaunt sind. Ihre App könnte doch dazu führen, dass die Lerninhalte sehr unterhaltsam gestaltet werden – die Studenten sind dann super glücklich, zahlen dafür, lernen aber nichts.

Ich sehe das Risiko nicht. Die Professoren würden sich gegen eine Verflachung der Inhalte schon wehren.

Sie sind heute aus der Hochburg der Digitalisierung eingeflogen. Können Sie verstehen, dass man hier in Deutschland Bedenken gegen die Technologie-Sprünge hat?

Ja, wobei ich nachher eher über die Chancen sprechen will.

Das sollen Sie auch. Dennoch erleben wir aber in diesen Tagen nicht nur in Deutschland eine intensive Debatte über die Spaltung der Gesellschaft und die Zukunft der Arbeit. Können Sie die Menschen verstehen, die fürchten, nach der Digitalisierung durch den Rost zu fallen?

Ja, klar. Jede technologische Neuerung bringt Ängste mit sich. Internet und Künstliche Intelligenz werden unsere Welt stärker verändern, als sich das die meisten heute vorstellen können.

Wie können wir verhindern, dass dieser Umbruch aus dem Ruder läuft? Die Welt ist an Skandalen nicht gerade ärmer geworden in jüngster Zeit.

Wir müssen sehr stark an unseren Werten festhalten. Als Verbraucher, Unternehmer, Akademiker oder Politiker – wer auch immer wir sind in diesem Ökosystem. Für uns Technologen bedeutet dass, das wir im ständigen Austausch mit diesen Leuten stehen müssen. Wir müssen das Gespräch suchen mit den Nutzern und allen anderen, die von unserer Technologie betroffen sind. Das versuchen wir ja gerade heute Abend zu machen.

Sie werden auf der Veranstaltung nachher Zuversicht spenden…

Ja, das hoffe ich. Ich kann nur Geschichten über meine eigene Arbeit erzählen. Ob die Zuversicht spenden, müssen dann die Leute, die mir zuhören, entscheiden.

Können Sie den Kern Ihrer Geschichten in einem Satz zusammenfassen?

Ich glaube die Kernaussage ist, dass wir Technologie nur sehr schwer zentral regulieren können. Jede denkbare Anwendung Künstlicher Intelligenz wird höchstwahrscheinlich realisiert. Das einzige, was wir tun können, ist, dem Trend Gutes entgegenzusetzen. Ich sehe in guten Anwendungen wahnsinnige Chancen für unsere Gesellschaft. Zu denen kommen wir – wie ich schon gesagt habe – dadurch, dass wir im ständigen Austausch mit der Gesellschaft bleiben. Die Veranstaltung heute ist eine gute Möglichkeit dafür.

Heute Abend teilen Sie sich das Podium mit einer mittelständischen Unternehmerin und einem Philosophen. Glauben Sie, dass Sie von deren Aussagen lernen können?

Ich glaube, dass ich eine Menge von ihnen lernen kann. Das ist der eigentlich Grund, warum ich hier in München bin. Ich bin gekommen, um zu lernen.

Kommt nach der Herrschaft der weißen alten Männer der Industriekonzerne nun die Ära der jungen weißen Männer der IT-Branche?

Das ist ein riesiges Problem, das wir aktiv lösen müssen, in dem wir die benachteiligten Leute in den Vordergrund stellen …

Sie meinen Frauen, Schwarze, Hispanos?

Ja, es geht um Frauen und ethnische Minderheiten – also genau jene Menschen, die heute nicht auf der Bühne stehen.

Siemens-Chef Joe Kaeser sorgt sich um die Stabilität unserer Demokratie und Gesellschaft. Er sagt, Siemens mache pro Jahr sechs Milliarden Euro Gewinn – das sei gut, weil es 377.000 Jobs sichere. Problematisch sei, dass ein Hedgefonds mit nur 100 Mitarbeitern genauso viel Gewinn mache. Lässt sich das so klar trennen, oder hat Kaeser hier einen Punkt?

(denkt nach) Wenn ich ehrlich bin, hat er da einen Punkt. Ich bin selbst kein Fan reiner Finanztransaktionen. Das Geschäft läuft doch in der Regel so, dass Fonds-Betreiber andere Fonds berauben – auf der anderen Seite sitzt eben ein anderer Schlipsträger, der bei diesen Deals seine Milliönchen verliert. Da tun mir beide Seiten nicht so wahnsinnig leid. Aus wirtschaftlicher Sicht ist doch eindeutig der Organismus viel wertvoller, der tatsächlich ein Produkt baut.

Sie sprechen heute auch zu Familienunternehmern und Mittelständlern, die etwas ratlos vor dem Schlagwort Digitalisierung stehen. Haben Sie für einen Tipp, wie sie das angehen sollen?

Ich glaube nicht, dass es eine Strategie gibt, die für jeden passt. Was ich aber rate: Auf die eigenen Stärken setzen. In Deutschland gibt es ja ständig den Schrei nach besseren Informatik-Programmen an den Unis und Software-Entwicklern. Gleichzeitig haben wir aber gerade im Mittelstand die besten Maschinenbauer und Elektro-Ingenieure der Welt. Die Firmen hier haben die Fachleute, die auch im Silicon Valley sehr gefragt wären. Also sich bitte nicht verrückt machen – einfach weiter perfekte Produkte und Lösungen liefern. Was die digitale Transformation angeht, haben kleine Firmen gegenüber großen Mittelständlern Vorteile, weil das dezentral ablaufen muss. Es bringt den Großen wenig, einen Chief Innovation Officer einzustellen, der das dann alles in die Hand nimmt. Viel wichtiger ist, dass man den Mitarbeitern die Chance gibt, ihre Prozesse und ihren Alltag umzubauen. Diese Leute muss man fördern und befördern. Sie werden ihre Kollegen mitziehen.

Wäre es für unsere Wirtschaft nicht ideal, Künstliche Intelligenz mit unserer klassischen Produktion zu verschmelzen?

Ja, sicher. Mit Künstlicher Intelligenz lassen sich Prozesse hervorragend optimieren, aber wir müssen das aus der Perspektive des Menschen betrachten. Wir brauchen immer noch den Elektro-Ingenieur, der die richtigen Fragen an die KI stellt. Und ich gehe davon aus, dass diese Rolle für den Menschen noch wichtiger wird. Allerdings wird das das Arbeitsmarktproblem nicht lösen, das wir zumindest eine Zeitlang haben werden.

Kann Künstliche Intelligenz zur Lösung globaler Probleme wie Klimawandel oder Armut beitragen?

Genau auf diesem Feld versuche ich zu arbeiten. Künstliche Intelligenz ist letztlich nur ein Werkzeug, wie ein Hammer. Wir haben unglaublich gute Chancen, diesen Hammer für Mustererkennung im positiven Sinn einzusetzen. Wir können besser erkennen, wie Armut entsteht und sie gezielter bekämpfen. Wir können Klimaschutz effizienter betreiben, vieles besser messen. KI ist für den Menschen da. Entscheidend ist, mit dem Problem anzufangen und dann zur Lösung zu kommen. Wer den Klimawandel stoppen will, muss beim Klimawandel anfangen.

Glauben Sie an die Kraft des guten Vorbilds?

Ja, aber ich glaube auch an die Kraft des schlechten Vorbilds. Dazu gehört der aktuelle Facebook-Skandal. Das wird weitreichende Folgen haben.

Brauchen wir angesichts immer neuer Skandale mehr Regulierung?

Auch das, aber Regulierung alleine wird die Probleme nicht lösen. Regulierung ist immer langsam, sie hinkt der Technologie hinterher. Sie wird gerade im Internet immer Lücken haben, die man ausnutzen kann.

Ist es mit der erträumten Freiheit im Internet schon vorbei? Mutiert das Ganze nicht längst zu einer gigantischen Verlaufs- und Werbemaschine?

Das kann passieren. Dagegen müssen wir Nutzer uns wehren. Wir brauchen hohe Anforderungen für beide Seiten. Die Unternehmen müssen klar machen, was getracked wird, was mit den Daten passiert. Auch im Nutzverhalten muss sich etwas ändern. Das reicht in die Ausbildung hinein. Wir sind heute erschreckend abhängig von unseren Smartphones. Das ist ein Problem.

Wo sehen Sie das Problem?

Facebook ist ein gutes Beispiel. Da läuft das Werbegeschäft über die eigene App. Die Werbung ist personalisiert bis zum geht nicht mehr. Diese App wurde letztlich von Psychologen gebaut, die ein Suchtverhalten erstreben. Da steht Facebook klar in der Verantwortung.

Haben Sie neue Ideen für gute Apps?

Ich habe ein neues Projekt in Kenia. Ich baue dort mit Partnern eine KI-basierte Plattform für Besitzer kleiner Tante-Emma-Läden, um sie an den globalen Finanzmarkt anzuschließen. Und ich arbeite an einem Projekt, mit dem ich ein chronisches Problem des US-Justizsystems lösen will. Die Zahlen sprechen für sich. Die USA stellen 5 Prozent der Weltbevölkerung, in den US-Gefängnissen sitzen aber 20 Prozent der weltweit Inhaftierten ein. Ein Großteil der US-Sträflinge ist schwarz. Das kann so nicht mehr weitergehen. Hier kann Technologie dazu beitragen, den Rassismus des US-Rechtssystems aufzudecken und zu beseitigen.