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IHK Talk Wirtschaft 2030

Bei der 6. Veranstaltung unserer inspirierenden Talk-Reihe durch Oberbayern hat sich alles um Digitalisierung und das Thema WIRTSCHAFT 2030 gedreht.

Rückkehr der Werte

„Wirtschaft 2030“ – unter diesem Slogan stand am 28. März die 6. Ausgabe der IHK-Talkreihe „Ideen haben Kraft“. Die BWM Group Classic öffnete für diesen Event ihre Räume.

Künstliche Intelligenz und Ethik

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Peter Schwarzenbauer, Vorstand BMW AG

Peter Schwarzenbauer, als BMW-Vorstand verstantwortlich die für Digitalisierung seines Hauses, machte als letzter Referent der Talk-Reihe in seiner Rede die Blende ganz weit auf. „Es reicht nicht mehr tolle Produkte zu bauen. Entscheidend ist, mit welcher Haltung man heute sein Geschäft betreibt“, sagte Schwarzenbauer.

Laut Schwarzenbauer befinden sich heute auch Konzerne und Technologieführer „im Überlebenskampf“. Es gehe um die Kernfragen gesellschaftlicher Akzeptanz: „Was tut dieses Unternehmen für die Gesellschaft? Was würden wir vermissen, wenn es das Unternehmen nicht mehr gäbe?“ Ohne positive Antworten könne in den kommenden 15 bis 20 Jahren kein Unternehmen mehr existieren.

Die Stimmung, sagte Schwarzenbauer weiter, sei gefährlich gekippt. Wenn es nicht gelinge, neue Technologie mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verknüpfen, werde das die Gesellschaft zerreißen. Er kritisierte Konzerne, die alles dafür täten, ihre Gewinne zu maximieren und Steuern zu sparen. Die Folgen seien „viele unzufriedene abgehängte Menschen“ und alarmierende Wahlresultate".

Dirk Ramhorst, CIO bei Wacker Chemie, hat ehrgeizige Ziele. Er will Wacker bis 2030 zum „Digital-Leader“ deutscher Großunternehmen machen. Natürlich, berichtete der Wacker-Manager, schicke auch sein Unternehmen Leute nach Kalifornien, um sich Ideen zu holen. Im Unterschied zum „sehr oberflächlichen“ US-Ansatz habe Wacker als Chemie-Unternehmen schon immer langfristig gedacht. Ramhorst betonte, für Wacker stehe der Mensch im Fokus. Ziel sei, die Gesellschaft besser zu machen.

Dass es dafür auch „ethisch“ programmierte Algorithmen brauche, machte Prof. Katharina Zweig, an der TU Kaiserslauterin Lehrstuhlinhaberin für Sozioinformatik, in ihrem Vortrag deutlich. Google hält Kritikern gerne entgegen, die hauseigenen Such-Algorithmen arbeiteten neutral. Die Forscherin Zweig hält das für ein Märchen.

Warum das so ist, konnten die Teilnehmer selbst an einem Experiment erproben. Das Ganze diente als Antwort auf die Frage „wie kommt Ethik in den Rechner?“ Zweig erklärte kurz und knapp, was KI ist: Aus Daten der Vergangenheit Muster bilden und daraus Prognosen über die Folgen von Entscheidungen ableiten.

Die gesellschaftliche Brisanz machte die Wissenschaftlerin mit einem spielerischen Trick deutlich. Sie machte aus den 200-Talkgästen eine „Support Vector Machine“ für eine besonders sensible Suchfunktion: Wer kriegt in meiner Firma einen Job? Die Teilnehmer mussten auf einer Papier-Matrix eine Linie ziehen. Entscheidend waren die zwei Kriterien Berufsjahre und Dauer der Arbeitslosigkeit. Je nach dem, wie man die Linie zieht und Kriterien gewichtet, fallen Bewerber durch den Rost. Für Zweig ist klar, dass Werte darüber entscheiden, was Künstliche Intelligenz optimieren soll: die betriebswirtschaftliche Effizienz oder die soziale Verantwortung.

Während IHK-Präsident Eberhard Sasse es für falsch hält, würde der Staat vor der Entwicklung einer neuen Technologie schon wieder regulierend eingreifen, hält Zweig hät die heimliche Wirkung von Algorithmen für die Entwicklung der Gesellschaft für so weit reichend, dass darüber im Detail diskutiert werden müsse. Was Sasse und Zweig einte, war der Optimismus. Das, was Sinn mache, werde sich durchsetzen.

Maria Sievert, Gründerin der inveox GmbH, übernahm an diesem Abend die Rolle der Hoffnungsträgerin. Basis ihrer Geschäftsidee war ein Horror-Ereignis: Weil im Labor Proben vertauscht wurden, kam es zu einer falschen Krebsdiagnose. Einer gesunden Frau wurden beide Brüste entfernt. Weil in der Krebsdiagnose immer noch manuell gearbeitet wird, liegt die Fehlerquote bei 1 bis 15 Prozent.

inveox will mit seiner digitalen Lösung nicht nur sichere und bessere Befunde liefern, was auch die Heilungschancen bessert. Maria Sievert will auch Ängste abbauen. „Es geht nicht um die Alternative Mensch oder Maschine. Wir bieten den medizinisch-technischen Assistenten nur eine wahnsinnig gute Unterstützung an“, sagte Sievert.

Ebenso wie Algorithmen-Expertin Zweig sieht sie im neuen Datenschutz kein Risiko, sondern einen Wettbewerbsvorteil. Nur eines macht laut Sievert auch medizintechnischen Start-ups zu schaffen. Die Konkurrenz um IT-Fachkräfte ist hart. Allein in München gebe es 20.000 offene IT-Stellen. Dennoch glaubt Sievert bei der Personalsuche auch gegen Microsoft und Google bestehen zu können: weil inveox eben Werte hat.

BWM-Mann Schwarzenbauer meinte, der nötige Wandel der Unternehmen müsse bei den Mitarbeitern beginnen. Den BMW-eigenen 3.500 Ingenieuren sei sehr bewusst, welche sozio-ökologischen Folgen ihre Arbeit habe. Beim vollständigen Abschied vom Verbrennungsmotor könnten 5.000 bis 6.000 Jobs wegfallen. Die Zukunft verlange nach einer neuen Unternehmenskultur. Der 6. IHK-Talk in seinem Haus lieferte Ideen in Fülle dafür.