Von Sabine Hölper, IHK-Magazin 10/2026
Für Camping war die Pandemie eine absolute Boom-Phase. Die Peißenberger Wohnwagen Gérard GmbH war da schon 54 Jahre auf dem Markt. Willi Gérard hatte das Unternehmen, das Wohnwagen und -mobile verkauft, verleiht und repariert sowie im eigenen Shop Zubehör anbietet, 1966 gegründet. Nun profitierte es von der gestiegenen Nachfrage, höheren Preisen und vom verbesserten Image des Campingurlaubs.
Genau in dieser speziellen Zeit erfolgte der Generationswechsel. Marie Gérard übernahm das Unternehmen und die Geschäftsführung von ihrem Vater. „Eigentlich war die Übergabe für 2020 geplant“, sagt sie. „Wegen der Pandemie haben wir sie auf 2021 verschoben.“ Seit 5 Jahren ist sie geschäftsführende Gesellschafterin.
Familienbetrieb statt Peter Maffay
Dabei war lange unklar, ob sie überhaupt ins Unternehmen einsteigen wird. Nach ihrem Medienmanagement-Studium arbeitete sie erst 8 Jahre lang für den Musiker Peter Maffay. Sie war bei der Bühnenshow Tabaluga-Tour dabei und baute die dazugehörige Tabaluga Enterprises GmbH mit auf, es machte ihr Spaß.
Nach 8 Jahren als Angestellte spürte sie aber auch den Wunsch, selbstständig zu sein. Schließlich war sie auf dem Firmengelände groß geworden, jobbte ab und zu im Betrieb. „Wenn man so aufwächst, prägt das. Da liegt der Wunsch, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, nahe“, sagt Marie Gérard und fügt hinzu: „Unternehmer haben eine besondere Art zu leben.“ Sie tragen viel Verantwortung, können aber auch vieles selbst gestalten.
Nachfolgerin sah das Potenzial
Die endgültige Entscheidung fürs Familienunternehmen fiel 2015, als sie ihren Vater zur Münchner Reise- und Freizeitmesse f.re.e begleitete. Hier erlebte sie ein paar Tage lang die Begeisterung der Camper – und die steckte sie an. „Ich habe da viel Potenzial gesehen“, sagt sie.
Kurz darauf trat sie ins Unternehmen ein. Allerdings nicht gleich in eine leitende Position. Sie fand, dass ihr Studium, „eine Art BWL mit Medienschwerpunkt“, zwar eine gute Grundlage geschaffen hatte. Auch ihre Erfahrungen als Angestellte waren hilfreich. Aber Gérard wollte mehr lernen, noch sicherer werden. Schließlich hatte sie wenig Ahnung vom Caravaningmarkt. Und Chefin sein will ebenfalls gelernt werden.
Weiterbildung bei der Rid Stiftung
Sie durchlief daher 3 Jahre das Förderprogramm „Unternehmensführung im Handel“ der Münchner Günther Rid Stiftung, absolvierte im Anschluss weitere Seminare. 2021 wagte sie dann den entscheidenden Schritt: Sie wechselte in die Geschäftsführung, die sie sich seither mit Klaus Ostenrieder, der seit vielen Jahren im Unternehmen in verantwortungsvoller Position tätig ist, teilt.
Gérard hat das Erbe ihres Großvaters angetreten, eines begeisterten Campers und eines Mannes mit ausgeprägtem Geschäftssinn. Hauptberuflich führte er einen Lebensmittelladen, nebenher baute er, Schritt für Schritt, einen Wohnwagenhandel auf. Es war die Zeit, als auf den Campingplätzen Zelte vorherrschten, der zunehmende Wohlstand aber den Wunsch nach mehr Komfort weckte. Willi Gérard erkannte den Wandel und die sich daraus ergebenden Chancen. Die ersten Wagen veräußerte er zum Teil direkt auf dem Campingplatz.
Campingurlaub – ist (wieder) cool
Es folgte eine klassische Aufstiegsgeschichte. An den heutigen Standort zog das Unternehmen 9 Jahre nach der Gründung. Der Patriarch stellte seinen Betrieb breit auf, bot Wohnmobile und Wohnwagen an. Aber er kümmerte sich auch früh um einen Nachfolger, der schnell gefunden war. Sohn Klaus-Wilhelm Gérard übernahm 1982 die väterliche Firma, in der er schon als Schüler mitgearbeitet hatte.
Nun, 4 Jahrzehnte später, führt die 3. Generation die Geschäfte. Marie Gérard hatte insofern einen leichten Start, als Campingurlaub zur Zeit ihres Antritts von uncool auf cool wechselte – im Rekordtempo. Aus Billigurlaub wurde teuer. Aus Spießer-Reisen wurde Freiheit. Oder wie die Unternehmerin es ausdrückt: „Campingurlaub wurde normal.“
Mehr Wohnmobile, mehr Vermietung
Der Boom bescherte Gérard Caravaning eine hohe Nachfrage. „Wir haben profitiert“, sagt sie. Allerdings nicht ganz so, wie mancher sich das denken mag. Denn es gab zu wenige Fahrzeuge, die man hätte verkaufen oder vermieten können. „Ich habe 50 bestellt und 12 bekommen“, sagt die Oberbayerin. Zudem fand sie einen Betrieb vor, der jahrelang Innovationen verschleppt hatte. Folglich hat die neue Eigentümerin in Gebäude, Mitarbeiter und Portfolio investiert.
Sie schaffte mehr Wohnmobile an, während vorher der Fokus auf Wohnwagen lag. Außerdem baute sie das Vermietungsgeschäft aus. Hatte Gérard Caravaning 2016 erst 20 Fahrzeuge in der Vermietung, waren es 2025 schon 60. „Aktuell sind es 40 Fahrzeuge, jedoch mit einer höheren Auslastung, sodass wir auf den gleichen Umsatz kommen, aber effektiver geworden sind“, sagt die Unternehmerin.
Angestellte mit Eigenverantwortung
Auch die Werkstatt baute sie aus, da Service für die Kunden immens wichtig ist. Sie stellte neue Leute ein, insgesamt ist die Belegschaft deutlich gewachsen. Doch sie musste sich ebenso von Mitarbeitenden verabschieden, zum Teil durch Renteneintritt, aber auch über Entlassungen. Marie Gérard steht, anders als ihr Vater, für einen modernen Führungsstil, erwartet Eigenverantwortung von den Angestellten.
Umsatz auf 11 Millionen Euro verdreifacht
Mit ihren Maßnahmen hat sie in wenigen Jahren den Umsatz annähernd verdreifacht – auf rund 11 Millionen Euro. Und das in einem nach Corona schwieriger gewordenen Markt. Daher, so sagt sie, befinde sie sich immer noch am Anfang der Umstrukturierung.
Wohnwagen als Zweitwohnsitz
Diesen Weg geht sie konsequent weiter. Auf eine charmante Art: Um nah am Betrieb zu sein, hat sie sich mit ihrem Ehemann, der auch im Unternehmen arbeitet, einen Wohnwagen auf dem Firmengelände ausgebaut – als Domizil für die Wochentage. Ihre Hauptwohnsitze in Starnberg und München seien zu weit weg vom Geschäft mit den rollenden Hotels.