Wie weibliche Nachfolge gelingt
Rein praktisch gelten für die Übergabe an Frauen dieselben Empfehlungen und Erfolgsfaktoren wie bei der Übergabe an Männer. Es gibt aber auch einige weibliche Spezifika – abgeleitet aus den Herausforderungen:
Rolle selbst definieren
Traditionelle Rollenbilder antizipieren
Frauen wissen, dass sie traditionellen Frauenbilder innerhalb der Familie, aber auch bei Mitarbeitenden, Partnern und Banken oder in ihrer Branche begegnen können und sich mit ihnen auseinandersetzen müssen.
Für die Praxis: Nachfolgeberaterin Carola von Peinen rät, die Rollendynamiken zu analysieren, die Herausforderungen zu erkennen, zugleich mögliche schwierige Situationen zu visualisieren und so Kommunikations- und Lösungsvorschläge vorzubereiten.
Sich für die Nachfolge in Stellung bringen
Frauen, die sich vorstellen können, das Familienunternehmen zu übernehmen, sollten dies explizit und rechtzeitig zum Ausdruck bringen und einplanen, dass dies zum Wettbewerb mit anderen, insbesondere den männlichen Familienmitgliedern führen kann.
Für die Praxis: Die WIFU-Stiftung schlägt vor, klare Absprachen mit den Senioren auch Geschwisterregelungen bzw. Regelungen mit anderen männlichen Familienmitgliedern zu finden. (WIFU 1)
An eigener Sichtbarkeit arbeiten
Frauen sollten eigene Akzente setzen und sich als Nachfolgerinnen eine unabhängige Sichtbarkeit und Legitimation verschaffen: Etwa indem sie sich zum Beispiel durch einen kollaborativen Führungsstil – oder auch durch andere innovative Ansätze oder Transformationen – von den Senioren differenzieren oder Anerkennung aus externen Jobs erlangen und mitbringen. (Naumann)
Selbstvergewisserung stärken
Sich Role-Models suchen
Vorbilder ermutigen mit ihren Geschichten und stärken den eigenen Weg. Dabei sind Rolemodels nicht nur Frauen, die die Nachfolge schon angetreten haben, sondern auch Unternehmerinnen der Seniorengeneration, Gründerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Abenteuerinnen. Sie werden mehr und sichtbarer. Geschichten von Role-Models finden sich zum Beispiel nicht nur auf dieser Website, sondern auch unter den weiterführend Links.
Mentoring und Coaching nutzen
Mentoring- und Coachingprogramme für Frauen in Führung haben sich bewährt, sie stärken das Selbstvertrauen und erleichtern den Weg in die neue Rolle beziehungsweise deren Umsetzung. Sie helfen auch, traditionellen Vorstellungen zu begegnen. Auch Coaching-Förderprogramme können nützlich sein. Zwei Beispiele:
- „TWIN – Two Women win“, das Mentoring-Programm der Käthe-Ahlmann Stiftung: Im TWIN-Mentoring begleitet eine erfahrene Geschäftsfrau ein Jahr lang ehrenamtlich eine Unternehmerin, die an einem persönlichen oder geschäftlichen Wendepunkt wie etwa der Nachfolge steht.
- „Förderung von Unternehmensberatungen für KMU“: Dies ist ein Angebot des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz sowie der Europäischen Union. Es hilft mit umfassender Beratung zu Fragen der Unternehmensführung wie Fachkräftesicherung, Digitalisierung, Prozessoptimierung, Nachhaltigkeit. Die IHK unterstützt dabei.
An Peergroups teilnehmen:
In Peergroups treffen sich Nachfolgerinnen, die entweder die Nachfolge schon angetreten haben oder sich noch darauf vorbereiten. Peergroups ermöglichen den regelmäßigen, dauerhaften Austausch, Selbstvergewisserung und Unterstützung sowohl in der Vorbereitungsphase als auch, wenn die Nachfolge schon angetreten wurde. Einige Peergroups erheben Teilnahmegebühren. Kostenlos sind etwa die
- Peergroup-Angebote der WIFU-Stiftung: Die Wittener WIFU-Stiftung vernetzt Nachfolgerinnen (auch Nachfolger) in verschiedenen kostenfreien Formaten: Online finden zum Beispiel das WIFU-Online-Forum und der NextGen@Stammtisch statt. Bei Interesse an sandra.becker@wifu-stiftung.de wenden.
- Selbst gründen: Unternehmerinnen und Nachfolgerinnen können selbst kostenlose Peergroups gründen – entweder über die Wirtschaftsförderung ihrer Gemeinden oder mit Unterstützung der Kammern. Unterstützung und Austausch bringen zugleich auch Frauengruppen in Branchenverbänden und natürlich der Unternehmerinnenausschuss und die Business-Women-Angebote der IHK.
Vereinbarkeit vorausplanen
Partner/-in auf Nachfolge einstimmen
Um die Partnerschaft auf die Nachfolge abzustimmen, empfiehlt der WIFU-Leitfaden Nachfolgerinnen neben klaren Rollendefinitionen und Absprachen auf jeden Fall einen „unromantischen“ Ehevertrag. Auch die Einbindung des Partners oder der Partnerin in Unternehmen wird als eine mögliche Option gesehen.
Kinderbetreuung gut organisieren
Nachfolgerinnen mit Kindern oder Kinderwunsch können schon vor der finalen Übergabe beginnen, die persönliche Vereinbarkeit zu organisieren. Das kann damit einhergehen, im Unternehmen familienfreundliche Strukturen zu planen oder aufzubauen, eine Betriebskita einzurichten oder über eine Tandem-Geschäftsführung nachzudenken (WIFU 1). Dazu kann aber auch gehören, im Ort Strukturen anzustoßen oder ein Kindertaxi zu initiieren, damit Kinder auch während der Betriebszeiten zu ihren Terminen kommen (Naumann). Zur Vereinbarkeit gehört ebenfalls, innerhalb der Kleinfamilie die partnerschaftliche Verteilung der Care-Arbeit rechtzeitig zu klären oder Unterstützung zu suchen. (WIFU 1)
Exkurs Rahmenbedingungen
Nicht alle Herausforderungen können Nachfolgerinnen durch eigene Aktivitäten lösen, es braucht auch entsprechende Rahmenbedingungen – die IHK setzt sich in ihrer Position „Unternehmerin und Gründerinnen stärken“ für eine vielfältige Unterstützung von Unternehmerinnen ein.
- bedarfsgerechte, flexible und zuverlässige Kinderbetreuungsangebote auch in den Randzeiten nach 17 Uhr, an Wochenenden und in den Ferien
- ein zuverlässiges Unterstützungsangebot bei der Pflege von Angehörigen
- bessere Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten rund um die Geburt eines Kindes und in der Elternzeit und wie man sich für diese Zeit gezielt absichern kann
- weniger bürokratische Anforderungen, um leichter Betriebskitas gründen zu können
- Möglichkeiten, schulpflichtige Kinder mit auch außerhalb der Ferien mit auf Geschäftsreise zu nehmen.
Qualifikation und Finanzen
Nicht an der Qualifikation zweifeln
Kompetenz entsteht nicht nur durch ein exakt auf das Unternehmen abgestimmtes Fachstudium. Auch Kompetenzen aus anderen Disziplinen geben wertvolle Impulse. Spezifisches Fachwissen oder auch Führungswissen lässt sich zudem in Fort- und Weiterbildungen aufbauen.
Emotionale Intelligenz als Vorteil erkennen
Nachfolgeberaterin Carola von Peinen betont, dass Frauen oft ein gutes Gespür für die Veränderungen und Unsicherheiten haben, die Nachfolgeprozesse in Unternehmen auslösen. Sie schaffen es Mitarbeitende, Partner und Kunden in die neue Situation mitzunehmen, einzubinden und Vertrauen zu schaffen. Diese emotionale Intelligenz sei ebenfalls ein wichtiger Teil der Gesamtkompetenz, die Unternehmensführung benötigt.
Für Investitionen weibliche Business Angels ansprechen
Business-Angels werden in der Regel mit Start-up-Finanzierung assoziiert. Inzwischen unterstützen sie aber auch Zukunftsinvestitionen in mittelständischen Unternehmen. Insbesondere auf Frauen ausgerichtete Business-Angel-Netzwerke wollen damit zugleich auch Diversität und die Rolle von Nachfolgerinnen stärken.
- Female Investors Network
- Encourage Ventures
- Women’s Investors Alliance
- VdUinvest – Plattform für Investorinnen und Gründerinnen
Nachfolge durch Kauf
Kauf als Alternative zur Gründung sehen
Aufgrund der vielen fehlenden Nachfolgenden sensibilisieren IHK und DIHK für den Kauf übergabereifer Unternehmen. Frauen mit dem Wunsch nach Selbstständigkeit sollten diese Option auf jeden Fall prüfen.
Nachfolgebörsen kontaktieren
Wer über einen Kauf eine Nachfolge antreten will, kann über die IHK Nachfolgebörse oder die Nachfolgebörse des Bundeswirtschaftsministeriums nexxt übergabereife Unternehmen suchen. Sowohl IHK als auch nexxtbieten Veranstaltungen speziell für Nachfolgerinnen.
Programm „Entrepreneurship through Acquisition“
Die UnternehmerTUM, das Entrepreneurshipzentrum der TUM, bietet als kostenloses Angebot das Programm „Entrepreneurship through Acquisition“. Mit dem Angebot möchte UnternehmerTUM unternehmerischen Talenten die Unternehmensübernahme als Alternative zur Neugründung schmackhaft machen. Dazu bietet es die Förderung von Wissenstransfer und die aktive Vernetzung verschiedener Akteure wie unternehmerische Talente, Unternehmen mit offener Nachfolge und Investoren. Das Programm spricht auch Frauen an.
Weibliche Business Angels auch beim Kauf einbinden
Auch beim Unternehmenskauf unterstützen Business Angels inzwischen immer häufiger. Insbesondere bei frauenspezifischen Business-Angel-Netzwerken ist es ein erklärtes Ziel, die weibliche Nachfolge durch Kauf zu unterstützen. Siehe auch oben.