ihk_magazin_logo_2
Biotech-Forschung – bis zum marktreifen Produkt sind Geduld und Kapital gefragt

Biotech-Forschung – bis zum marktreifen Produkt sind Geduld und Kapital gefragt

© kasto/Adobe Stock

Ökosystem mit Anziehungskraft

Ein dichtes Netzwerk aus Forschung, Unternehmen, Gründerzentren und Investoren macht Oberbayern zu einem führenden Biotech-Hotspot. Was den Standort ausmacht – und wo es noch etwas zu tun gibt.

Von Sabine Hölper, IHK-Magazin 10/2026

Im Frühjahr hat der US-Pharmakonzern Gilead das 2019 gegründete Münchner Krebsforschungsunternehmen Tubulis GmbH für bis zu 5 Milliarden US-Dollar (ca. 4,3 Milliarden Euro) übernommen. Der großvolumige Einstieg gilt als bislang größte Biotech-Transaktion in Deutschland. Und mehr noch: Er unterstreicht die Bedeutung Bayerns und Oberbayerns im globalen Biotech-Markt. „Der Deal ist ein großartiger Erfolg, jetzt kommen vermehrt Großinvestoren, Private-Equity-Gesellschaften und Family Offices aus den USA nach Bayern“, sagt Ralf Huss (64), Geschäftsführer der BioM Biotech Cluster Development GmbH in Martinsried.

Bayern, vor allem Oberbayern, hat sich zu einem der führenden Standorte für innovative Biotech-Unternehmen in Europa entwickelt. Der Aufschwung begann bereits Mitte der 1990er-Jahre. Damals gaben Mittel aus der High-Tech-Offensive Bayern (HTO) der Bayerischen Staatsregierung den entscheidenden Schub. 1997 wurde BioM gegründet, die zentrale Netzwerkorganisation für Medizin- und Biotechnologie in Bayern mit dem eigenen Inkubator „MAxL“ für Gründer.

Ralf Huss mit Brille und Bart sitzt im dunklen Anzug und weißem Hemd lächelnd vor grauem Hintergrund, die Hände gefaltet, porträtiert als BioM-Geschäftsführer.

© BioM

Jetzt kommen vermehrt Großinvestoren aus den USA nach Bayern.

Ralf Huss, Geschäftsführer BioM

Pioniere in Planegg

Bereits 2 Jahre zuvor, 1995, war das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie IZB an den Start gegangen. In Planegg bietet es seither eine moderne Forschungsumgebung und Firmenräume mit aktuell 26.000 Quadratmetern Fläche – Labore, Konferenzräume, auch ein Hotel und Restaurant sind vorhanden. 50 Start-ups sind an mittlerweile 2 Standorten angesiedelt, mehr als 200 waren es insgesamt in den vergangenen gut 30 Jahren. IZB und BioM haben das Biotech-Ökosystem in Oberbayern entscheidend mitgeformt.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Heute zählt Bayern rund 550 Unternehmen und fast 60.000 Beschäftigte in der Biotech-Branche. Zuletzt erreichten Finanzierungen von bayerischen Biotech-Unternehmen einen Rekordwert von mehr als 930 Millionen Euro. Hinzu kommt noch die Übernahme von Tubulis als herausragende Transaktion im Frühjahr 2026.

München top bei Pandemieforschung

Betrachtet man die Branche in Bayern, zeigt sich ein vielfältiges Bild. München ist einer der wichtigsten Hotspots. Eine Stärke der bayerischen Landeshauptstadt liegt in der Pandemieforschung, was nicht zuletzt der Pandemic Alliance Munich (PAM) zu verdanken ist. Sie ist auf Frühdiagnose und therapeutische Entwicklung fokussiert und will die Gesundheitsresilienz durch Innovationen, Dateninfrastruktur und nachhaltige Strategien verbessern.

„Die Biotechnologie ist ein zentraler Innovationsmotor für die Gesundheitswirtschaft Bayerns mit einer jährlichen Bruttowertschöpfung von etwa 1 Milliarde Euro und überdurchschnittlichen Wachstumsraten“, sagt Damaris Messer, Referentin Gesundheitswirtschaft bei der IHK für München und Oberbayern. In Würzburg, Regensburg, Straubing und Nürnberg sitzen ebenfalls innovative Organisationen und Firmen. In Regensburg etwa der BioPark mit 85 Firmen und fast 3 Milliarden Euro Umsatz, in Straubing der BioCampus.

Wirtschaft und Wissenschaft eng verzahnt

Dass insbesondere München und Umgebung eine zentrale Rolle für die Biotech-Branche spielen, liegt unter anderem an dem dichten und vielfältigen Netzwerk in der bayerischen Landeshauptstadt: den Spitzenhochschulen Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und Technische Universität München (TUM), der starken Industrie, den modernen Kliniken, den zahlreichen Netzwerkinitiativen und Veranstaltungen, ferner renommierten Forschungseinrichtungen wie Fraunhofer, Helmholtz und Max Planck.

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) etwa plant einen neuen Campus, der die beiden bestehenden Institute – das Max-Planck-Institut für Biochemie und das Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz – ersetzen und Martinsried als international bedeutenden Life-Science-Forschungsstandort weiter stärken soll. Der Freistaat Bayern unterstützt das Leuchtturmprojekt mit bis zu 500 Millionen Euro.

Investitionen in 3-stelliger Millionenhöhe

Das sind nicht die einzigen Investitionen, die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationen am Standort fördern. So hat zum Beispiel das Pharmaunternehmen Roche im Februar 2026 sein neues Diagnostik-Innovationszentrum in Penzberg eingeweiht, in das der Konzern rund 300 Millionen Euro investiert hat. Die LMU wiederum will 63 Millionen Euro für das ICON-Forschungszentrum in Großhadern ausgeben. Die Liste ließe sich noch um viele andere Projekte ergänzen.

Helge Jochens und Frank Wallrapp, Geschäftsführer der Twogee Biotech GmbH, stehen nebeneinander mit verschränkten Armen vor schwarzem Hintergrund.

Starteten im BioM-Inkubator MAxL – die beiden Twogee-Biotech-Geschäftsführer Helge Jochens (li.) und Frank Wallrapp gründeten ihr Unternehmen 2025 und sehen sich vom Münchner Ökosystem stark unterstützt

Die positiven Rahmenbedingungen ziehen Gründer an. Etwa Frank Wallrapp (46), der gemeinsam mit Helge Jochens Mitte 2025 die Twogee Biotech GmbH gegründet hat. Das junge Unternehmen entwickelt maßgeschneiderte Enzym- und Stammlösungen, um biogene Reststoffe der Industrie in nachhaltige Rohstoffe der zweiten Generation, genauer 2G-Zucker, umzuwandeln. Somit ermöglicht das Münchner Start-up Unternehmen, landwirtschaftliche Nebenprodukte und Abfälle wirtschaftlich in hochwertige, biobasierte Chemikalien oder Kraftstoffe zu transformieren.

Ein weiteres oberbayerisches Start-up ist die RNhale GmbH. Das 2023 gegründete Unternehmen um Mitgründer und Geschäftsführer Benjamin Winkeljann (34) entwickelt RNA-Medikamente zum Inhalieren, die mithilfe von als Trockenpulver formulierten Lipid-Nanopartikeln direkt in die Lunge gebracht werden sollen. Ziel sind neue Therapien für schwere Atemwegserkrankungen wie Asthma und die chronische Lungenerkrankung COPD.

Beide Start-ups konnten auch deshalb ihre Gründung realisieren und innerhalb kurzer Zeit Erfolge vorweisen, weil sie vom bayerischen Ökosystem profitiert haben. Twogee Biotech begann seine Selbstständigkeit im BioM-Inkubator MAxL und sitzt jetzt im Innovations- und Gründerszentrum Biotechnologie IZB. RNhale ist eine Ausgründung aus der LMU und arbeitet aktuell im IZB sowie im BioM-Inkubator MAxL. „Der Standort München ist sehr gut für unsere Branche, das Ökosystem hat uns stark unterstützt“, so Twogee-Geschäftsführer Wallrapp.

Benjamin Winkeljann, Geschäftsführer des Biotech-Start-ups RNhale, steht im Freien, trägt weißes Hemd und dunkle Weste und blickt lächelnd in die Kamera.

Schätzt die Top-Forschung am Standort – RNhale-Geschäftsführer Benjamin Winkeljann

Finanzierung noch ausbaufähig

Sein Branchenkollege Winkeljann sieht das ähnlich: „Der Standort München bietet für die Biotechnologie ein dichtes Netz an Unternehmen, Universitäten und Instituten. Vor allem bezüglich der Forschung ist hier der Boden bereitet.“ Er weist aber auch auf Nachholbedarf hin: „Insbesondere die Finanzierung ist noch nicht in der Breite angekommen. Das Kapital reicht nicht für die Masse.“

Denn Biotechnologie-Unternehmen brauchen enorm viel Kapital in der Frühphase. In der langen Anlaufphase bis zum Markteintritt vergehen viele Jahre, in denen hohe Kosten für Forschung und Entwicklung anfallen und es noch keine Umsätze gibt. BioM-Geschäftsführer Huss bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Vor allem da, wo ein erhöhtes Risiko besteht, etwa bei frühen klinischen Studien, fehlt das Geld.“ Die meisten Experten, darunter auch die IHK für München und Oberbayern, plädieren aus diesem Grund dafür, Investitionsanreize für institutionelle Anleger, Risikokapitalgeber und Private Equity aus dem In- und Ausland zu verstärken.

Firmen und Geldgeber zusammenbringen

Damit aussichtsreiche Jungfirmen und Investoren schneller in Kontakt kommen, haben zum Beispiel BioM und die LMU mit ihrem neuen Vizepräsidenten für Entrepreneurship im März 2026 eine Kooperation geschlossen. Als Unternehmer kennt Philipp Baaske beide Welten. 2008 startete er mit Stephan Duhr als LMU-Ausgründung die NanoTemper Technologies GmbH. Inzwischen ist sie weltweit erfolgreich mit biophysikalischen Messgeräten für die Grundlagenforschung, Biotechnologie sowie die Pharmaindustrie.

BioM-Geschäftsführer Huss: „Durch die enge Verzahnung von universitärer Spitzenforschung, klinischer Expertise und unserem spezialisierten Inkubator MAxL schaffen wir gemeinsam optimale Bedingungen für die nächste Generation von Biotech- und Healthtech-Start-ups in Bayern.“ Die Unternehmen der Branche jedenfalls sind optimistisch, was ihre Entwicklung angeht. Das zeigt eine Umfrage aus dem Frühjahr 2026. Darin bewertet nicht nur mehr als die Hälfte der befragten Firmen die aktuelle Lage als positiv. Die große Mehrheit erwartet außerdem, dass es in den nächsten 3 bis 5 Jahren für sie weiter aufwärts geht.

Stichwort: Hightech-Zentrum in Penzberg

Lichtdurchflutetes, mehrstöckiges Atrium im Roche-Entwicklungszentrum Penzberg mit umlaufenden Bürogängen, Laborbereichen, Sitzinseln und zentralen weißen Deckenelementen.

© Roche

Das Atrium im neuen Roche-Entwicklungszentrum für Diagnostik am Standort Penzberg

Für das Pharmaunternehmen Roche ist das oberbayerische Penzberg ein bedeutsamer Teil seiner Investitionsstrategie. Von den mehr als 3,5 Milliarden Euro, die der Konzern seit 2020 in die deutschen Standorte steckte, floss rund die Hälfte nach Penzberg.

Anfang des Jahres 2026 eröffnete dort eines der modernsten Entwicklungszentren für Diagnostik weltweit. Roche arbeitet in dem Neubau an innovativen In-vitro-Diagnostika zum Beispiel für Alzheimer, Multiple Sklerose und Infektionskrankheiten sowie an Testverfahren für die personalisierte Medizin.

Herzstück des Gebäudes ist ein zentrales Lager für 2,5 Millionen biologische Proben als Grundlage neuer Entwicklungen. Das Atrium (s. Foto) verbindet den Labor- mit dem Bürogebäudeteil. Insgesamt investierte der Konzern rund 300 Millionen Euro in den Hightech-Neubau und setzte konsequent auf Digitalisierung, Automatisierung und Robotik.

Stichwort: Scale-ups aus Oberbayern

Scale-ups sind aufstrebende Unternehmen, die den anfänglichen Firmenaufbau erfolgreich hinter sich gebracht haben. Sie haben das Potenzial, die Großunternehmen von morgen zu werden.

Die IHK für München und Oberbayern unterstützt mit dem Scale-up Council zusammen mit Partnern aus dem Munich Innovation Ecosystem diese jungen, innovativen und schnell wachsenden Firmen. Das Ziel: die Hidden Champions von morgen zu halten und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern.