Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 10/2026
Hitzewellen, Brände, Dürren und niedrige Flusspegel haben es in diesem Sommer erneut gezeigt: Das Klima ist aus dem Gleichgewicht geraten. Das europäische Emissionshandelssystem ETS (Emission Trading System) soll gegensteuern und die CO2-Emissionen senken. Es wurde bereits 2005 eingeführt und gilt als das zentrale Klimaschutzinstrument der EU.
Mit dem ETS I nahm die EU zunächst energieintensive Industrieanlagen und große Kraftwerke, später den Luft- und Seeverkehr in die Pflicht. Mit dem ETS II kommen ab 2028 nun die Sektoren Gebäude und Verkehr hinzu. Tatsächlich sind die CO2-Emissionen im Anwendungsbereich des ETS I seit dem Startjahr in Deutschland um 49 Prozent und in Europa um 51 Prozent gesunken, so die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt in Berlin.
Eigenständige Systeme: ETS I und ETS II
Mit ETS II sollen zusätzliche Anreize zur Emissionsminderung in den Sektoren Gebäude und Verkehr gesetzt werden – sie hinken bisher europaweit den Klimazielen hinterher. ETS II wurde im Rahmen des Green-Deal-Pakets „Fit for 55“ entwickelt und beschlossen. ETS I und ETS II werden bis auf Weiteres unabhängig voneinander organisiert, aber aufeinander abgestimmt. ETS II ist kein neuer Anwendungsbereich des bisherigen ETS I, sondern ein eigenständiges Emissionshandelssystem mit eigener Zertifikatemenge und eigenen Marktmechanismen.
„In der Praxis sind ETS I und II weit mehr als ein klimapolitisches Instrument“, betont Fanny Meierhofer, IHK-Referentin Klimapolitik und Klimaschutz. „Es beeinflusst zentrale unternehmerische Entscheidungen, wirkt sich auf Kostenstrukturen, Investitionen und langfristige Standortstrategien aus. Die Wirtschaft muss handeln.“
Inverkehrbringer in der Pflicht
Worauf müssen sich die Unternehmen einstellen? (Siehe auch unten letzter Artikelabsatz)
Grundsätzlich arbeitet das Emissionshandelssystem mit marktwirtschaftlichen Anreizen. Betroffene Firmen ersteigern für jede Tonne CO2, die sie verursachen, Emissionsberechtigungen. Deren Preis bildet sich durch Angebot und Nachfrage. Im ETS I liegt er aktuell um die 80 Euro. Zugleich senkt die EU die CO2-Obergrenze beziehungsweise die Höchstmenge an Zertifikaten jedes Jahr.
Im Gegensatz zum ETS I müssen beim ETS II die Emissionsrechte bereits von den Inverkehrbringern von fossilen Heiz- und Treibstoffen, wie Importeuren, Händlern oder Raffinerien, erworben werden. Sie alle müssen erstmalig bis Mai 2029 rückwirkend für das Geschäftsjahr 2028 Emissionszertifikate abgeben.
Folge: höhere Energie- und Spritpreise
„Keine Zertifikate brauchen sie für nachhaltige biogene Kraftstoffe“, sagt Fabian Schmid, Experte der DEHSt. „In der europäischen Rechtsgrundlage für das ETS II ist zudem etwa Diesel für Loks und die Landwirtschaft ausgenommen.“ Nationale Erweiterungen sind zwar möglich. Der Koalitionsvertrag sieht jedoch vor, dass die deutschen Brennstoffemissionen in der Landwirtschaft nicht Teil des ETS II sein sollen.
Einstellen auf ETS II müssen sich grundsätzlich alle Nutzer fossiler Brennstoffe: „Mitbetroffen sind die privaten Haushalte, Speditionen, Busunternehmen, Wohnungsbaugesellschaften, Vermieter von Büro- und Gewerbeflächen, aber auch Industrie- und Verarbeitungsunternehmen, die nicht unter das ETS I fallen“, so Schmid. Sie müssen mit höheren Treibstoff- und Energiepreisen oder Nebenkosten rechnen.
Energieeffizienz als Wettbewerbsvorteil
Die Konsequenz: „Das ETS II steigert den Investitionsdruck für die Wirtschaft“, sagt IHK-Immobilienreferentin Chiara Wahler. „Aber es gibt auch erprobte Hebel.“ Wer auf Energieeffizienz, Dekarbonisierung, energetische Sanierung und technische Innovationen setzt, für neue Gebäude geothermiefähige oder fernwärmenahe Standorte wählt, kann Risiken begrenzen und zukünftige Kosten sparen. „Er sichert sich damit zugleich Wettbewerbsvorteile, Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit oder kann einen positiven Business Case generieren, weil seine Gebäude, Anlagen oder Produkte mit wenig fossilen Energien oder ohne auskommen“, betont Wahler. Wie zum Beispiel Nico Schoenecker, Geschäftsführer der AutobusOberbayern GmbH (s. Kasten unten).