ihk_magazin_logo_2
Social Media – als Vertriebskanal zunehmend gefragt

Social Media – als Vertriebskanal zunehmend gefragt

© Fahng/Adobe Stock

Der richtige Mix

Im E-Commerce ergänzen Social-Media-Plattformen längst den eigenen Webshop oder Onlinemarktplätze. So können Unternehmen ihre Vertriebsmöglichkeiten erweitern.

Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 10/2026

Als Händler da zu sein, wo die Kunden ihre Zeit verbringen – das heißt für Karin Elsperger, Inhaberin der gleichnamigen Modeagentur in München, auf Social-Media-Plattformen präsent zu sein: „Vor allem mit Live-Shopping-Events auf Instagram mache ich gute Erfahrungen.“ Dabei ist die Unternehmerin eigentlich nicht im Endkundengeschäft tätig. Sie verkauft ausgefallene Damenmode italienischer Hersteller an ausgewählte deutsche Einzelhändler.

„Inzwischen werden die stationären Händler, also meine eigentlichen Kunden, aber immer weniger frequentiert“, erklärt sie. „Die Menschen shoppen lieber vom Sofa aus.“ Daher hat sie sich mit den Einzelhändlern zusammengetan. „Gemeinsam gehen wir online, präsentieren die Mode, erläutern und beraten live, pushen und verkaufen so die Waren.“ Sie betont: „Das ist Win-win für alle. Für mich persönlich sind Social-Media-Plattformen inzwischen ein relevantes Vertriebs- und Umsatzstandbein.“

„Strategisch kluger Plattformmix“

Mit ihrem Konzept ist Elsperger am Puls der Zeit. Nicht nur dass E-Commerce an sich immer wichtiger wird. Seit der Coronakrise hat der Onlineverkauf seinen Anteil am Einzelhandel ausgebaut und liegt aktuell bei 13,5 Prozent, so der Handelsverband Deutschland HDE. Zugleich verändert sich der Onlinehandel auch selbst: Händler vertreiben nicht mehr nur über den eigenen Webshop oder Marktplätze wie Amazon & Co., sondern zunehmend auch über Social-Media-Kanäle. Dieser Social Commerce kommt bei den Verbrauchern offensichtlich gut an: Knapp 30 Prozent aller deutschen Internetnutzer kaufen bereits über soziale Netzwerke ein, unter den jüngeren (16 bis 29 Jahre) sind es sogar 48 Prozent, ermittelte der Digitalverband Bitkom e.V. 2025.

„Onlinevertrieb heißt heute, einen strategisch klugen Plattformmix, der Onlineshop, Marktplätze und soziale Netzwerke umfasst, aufzubauen“, sagt IHK-Handelsreferent Peter Groten. „Wer auf einen Mix setzt, erreicht seine Zielgruppen da, wo sie sind, erweitert sie aber auch, weil er über seine übliche Blase hinausgeht – zumal sich die Plattformen wechselseitig ankurbeln“, ergänzt Susanne Dierl, Senior Consultant bei ibi research an der Universität Regensburg GmbH.

Marktplätze erweitern Services

Sie unterstützt im Rahmen des Projekts „Erfolgreich handeln“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums kleine und mittlere Händler bei Social-Media-Kampagnen. „Wer umgekehrt nicht auf mehreren und unterschiedlichen kommerziellen wie sozialen Plattformen aktiv ist, verliert an Sichtbarkeit für Kunden, Suchmaschinen und künstliche Intelligenz“, so Dierl.

Die Marktplätze und Social-Media-Portale haben sich für den Plattformmix bereits aufgestellt. Der Marktplatz kaufland.de zum Beispiel unterstützt Händler nicht nur mit Service und Support, technischen Tools und automatisiertem Marketing. Über Kaufland Global Marketplace ermöglicht er ihnen überdies Zugang zu acht weiteren europäischen Märkten und verschafft ihnen so Reichweite im In- wie Ausland. Zuletzt kamen die Niederlande und Spanien hinzu. Die Plattform, die als einer der am schnellsten wachsenden Marktplätze Europas gilt, positioniert sich zudem ausdrücklich als sichere europäische Alternative zu chinesischen Anbietern wie Shein und Temu, aber auch zu Amazon.

Die Feinheiten des Social Commerce

Der US-amerikanische Marktplatz Amazon wiederum ermöglicht Händlern inzwischen den Verkauf in 10 EU-Stores. Im preisgünstigen Segment gibt es seit 2025 mit Amazon Haul auch in Europa eine Alternative zu Shein und Temu. Mit Amazon Live steht ein Streamingdienst für Produktwerbung zur Verfügung, allerdings bislang nur in den USA und Indien.

Die Social-Media-Plattformen sind ebenfalls aktiv: Instagram etwa eröffnet mit Instagram Shopping einen In-App-Verkauf, leitet zum Bezahlen aber an externe Websites weiter. TikTok bietet mit TikTok Shop seit 2021 in Großbritannien und seit 2025 auch in Deutschland medienbruchfreies Einkaufen an: Der In-App-Verkauf funktioniert vom Aussuchen bis zum Bezahlen ohne Wechsel der Plattform. Der Kunde klickt auf ein Produkt im Reel, im Foto oder beim Live-Shopping und kann es direkt bestellen und bezahlen.

Push versus Pull – Kunden richtig abholen

Die Angebote zu nutzen, heißt aber mehr, als nur Präsenz zu zeigen. „Jede Plattform hat ihre eigene Logik, die die Händler aktiv zu bedienen haben, damit sie erfolgreich sind“, sagt ibi-research-Beraterin Dierl. Klassische Onlineshops oder Marktplätze setzen vor allem auf den Pull-Effekt: Die Käufer nutzen sie, wenn sie gezielt nach einem bestimmten, bekannten Produkt oder einer Funktionalität suchen. Hier braucht es auf Händlerseite Marken, aussagekräftige Titel, Beschreibungen und Fotos.

Susanne Dierl mit langem dunklem Haar steht im Büroflur und blickt in die Kamera; sie berät Händler zu Social-Commerce-Strategien und Plattformmix.

© ibi research

Es muss mehrmals in der Woche, wenn nicht gar täglich, Aktion stattfinden.

Susanne Dierl, Senior Consultant ibi research an der Universität Regensburg

„Social Media zielt hingegen auf den Push-Effekt: Algorithmen und Likes spielen die Produkte in die Feeds. So können Bedürfnisse geweckt, Produkte und Marken entdeckt werden“, erklärt die Expertin. „Wir sprechen hier auch von Discovery Commerce.“ Wichtig sei, dass Social Media für die Nutzer nicht nur eine weitere Beschaffungsplattform sind. „Das sind sie genau nicht“, betont Dierl. „Und deshalb dürfen sie auch für die Verkäufer nicht nur eine weitere Art von Werbeauftritt sein.“

Aktion? Am besten täglich!

Die Performance müsse den Nutzererwartungen entsprechen, müsse kommunikativ, interaktiv, persönlich, nahbar sein, alle typischen Social-Media-Formate vom Product-Tag über Reels bis zum Influencer-Auftritt einbringen. „Der Höhepunkt sind Live-Events – was in Deutschland im Gegensatz zu Asien aber noch in den Kinderschuhen steckt.“

Was dabei nicht unterschätzt werden darf: Insbesondere die Content-basierten Social-Media-Aktivitäten führen dauerhaft zu Aufwand. „Die Profile dürfen nicht brachliegen, es muss mehrmals in der Woche, wenn nicht gar täglich, Aktion stattfinden“, weiß Dierl. Händler sollten prüfen, inwieweit sie die Zeit, Ideen und Personalkapazitäten haben – und auch die Lagerbestände, wenn ein Produkt durch virale Empfehlungen mal durch die Decke geht. „Allerdings lässt sich ein viraler Hit nicht vorhersehen“, sagt Dierl. „Es geht also darum, sich klarzumachen, auf wie viele und welche Plattformen man zunächst geht, damit man seine Kunden erreicht, sich aber auch nicht überfordert.“

Immer attraktiver: Live-Shopping

Am Beispiel TikTok Shop lässt sich zeigen, wie Social und Discovery Commerce in der Praxis funktionieren: „Tatsächlich entdecken mehr als 80 Prozent der Nutzer über TikTok neue Produkte, mehr als 70 Prozent neue Marken“, nennt Max Burianek, Leiter TikTok Shop Deutschland, Ergebnisse einer firmeneigenen Erhebung.

„Aufmerksamkeit bringen vor allem Storytelling über Influencer oder Creator und ergänzend guter eigener Content der Anbieter. Dabei geht es stets um Authentizität. Videos sind das Format, das die User am meisten schätzen. Doch auch Live-Shopping wird immer attraktiver.“

Abstrahleffekt auf die anderen Kanäle

TikTokShop unterstützt die Verkäufer mit Beratung und Schulungen, wie sie den Shop am besten nutzen, sowie mit Kontakten zur Creator- beziehungsweise Influencer-Community. „Dabei steht Content-basierter Commerce nicht für sich allein“, betont Burianek. Er strahle immer auch auf die anderen Kanäle ab und erhöhe dort die Verkäufe.

Das 2021 gegründete Start-up GirlGotLashes GmbH in Grünwald ist gleich mit einem Plattformmix gestartet. Das Unternehmen hat einen sogenannten Aktivator entwickelt, der Wimpernextensions mehrere Tage am Augenlid haften lässt; es verkauft importierte Wimpern gemeinsam mit dem Aktivator sowie weitere Beauty-Accessoires. Zielgruppe sind Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, zudem sogenannte Best Agers.

Da sein, wo die Kunden sind

„Unsere Kundinnen haben bestehende Kauf- und Onlinepräferenzen, fühlen sich auf verschiedenen Plattformen wohl. Um möglichst viele zu erreichen, um Stammkundinnen zu bedienen und Neukundinnen zu gewinnen, müssen wir sie also auch auf verschiedenen Plattformen ansprechen“, erläutert Marketingchef Moritz Köllinger. Die Kundinnen können die Wimpernsets daher im stationären Einzelhandel, im firmeneigenen Onlineshop, auf amazon.com und kaufland.de, über YouTube, Instagram und TikTok Shop erwerben.

Moritz Köllinger, Marketingchef von GirlGotLashes, lächelnd vor hellblauem Hintergrund in grauem Hoodie mit dem Markenlogo „GirlGotLashes“ auf der Brust.

© GirlGotLashes

Der Plattformmix bringt unsere Marke voran. Daher bleiben wir auf mehreren Kanälen aktiv.

Moritz Köllinger, Marketingchef GirlGotLashes

Eigenes Studio mit Moderatorin

„Die Präsenz auf TikTok Shop hat uns einen großen Schub an Aufmerksamkeit und Abverkauf gegeben“, sagt Köllinger. „So entstand hier auch schnell ein Schwerpunkt unserer Marketingaktivitäten.“ Um über TikTok Shop noch erfolgreicher zu sein, hat das Unternehmen in ein eigenes Studio investiert und eine Moderatorin fest angestellt. Sie präsentiert 4-mal in der Woche 4 Stunden Live-Shopping. Es gibt Tage, da erreicht sie mehrere 10.000 Menschen. Außerdem arbeitet das Unternehmen noch mit professionellen Influencern zusammen.

Lebensnahe Geschichten

„Social Commerce ist Aufwand, braucht gute Geschichten, auch Spontaneität“, betont Köllinger. „Wir müssen die Nutzerinnen in ihrer Lebenssituation abholen, ihnen nahekommen, dabei auch persönlicher werden, von uns selbst erzählen. Unsere Moderatorin und die Influencer beherrschen das gut.“ Das Unternehmen profitiere vom Plattformmix. „Er bringt unsere Marke voran. Daher bleiben wir auch in Zukunft auf mehreren Kanälen aktiv. Social Media bringen uns jedoch eine besondere Aufmerksamkeit.“

IHK-Info: Welche Varianten es beim Social-Media-Verkauf gibt – diese Begriffe sind wichtig

  • Social Commerce: Kaufanbahnung und Verkauf über soziale Netzwerke, zum Beispiel über Produkt-Tags, Creator-Posts, Reels, Stories, Direktnachrichten oder Live-Formate.
  • Discovery Commerce: Produkte werden nicht primär über Suchanfragen gefunden, sondern durch algorithmische Empfehlungen, Creator, Videos, Trends und Community-Inhalte entdeckt.
  • In-App-Kauf: Der Kaufprozess findet ganz oder teilweise innerhalb einer Plattform-App statt. Bei TikTok Shop ist der Kaufabschluss direkt in der App Teil des Konzepts; bei Instagram ist der Kaufabschluss mit externen Websites verbunden.
  • Live-Shopping: Produkte werden in einem Livestream vorgestellt, erklärt oder demonstriert – ähnlich wie beim Teleshopping. Zuschauer können Fragen stellen, Angebote sehen und direkt kaufen.
  • Creator/Influencer: Sie bewerben für den Händler und Hersteller die Produkte und stützen so den Verkauf – oft auf Provisionsbasis.