Tief im roten Bereich
IHK-Umweltdialog 2026 zum Thema Klimaanpassung: Die Risiken steigen und setzen Unternehmen unter Zugzwang
Es war perfektes Timing. Der IHK-Umweltdialog 2026 fand statt in einem Sommer, in dem man nicht weiß, was deprimierender ist: die nächste Hitzewarnung oder die nächste Wahlumfrage. Rund 100 Teilnehmer folgten am 16. Juni der Einladung der bayerischen IHKs und des Umweltclusters Bayern und kamen in den Börsensaal der IHK. An diesem Dienstag wurde Umwelt- und Klimageschichte geschrieben.
Der 16. Juni markiert den Beginn einer Hitzewelle, wie sie so Europa noch nicht erlebt hat. Der Metereologe Karsten Brandt bekannte gegenüber dem Volksmedium „Bild“, die jüngsten Wetterdaten machten ihn sprachlos. „Werte bis zu 44 Grad in Deutschland hat es noch nie gegeben“, stellte Brandt fest. Die „Financial Times“, schreibt, die hohe Luftfeuchte habe die Hitze noch brutaler gemacht. Die Wissenschaftler sind sicher: Das sei die Folge des Klimawandels.
Offenbar kam der Umweltdialog genau zur richtigen Zeit. Sein Thema „Effizient resilient: Klimaanpassung erfolgreich meistern“ könnte aktueller nicht sein. Dass man davon Lichtjahre entfernt ist, die Veranstaltung und die folgenden Tage sollten das zeigen. Bemerkenswert schon das: Die WHO hat der EU offiziell Nichtstun vorgeworfen. Viele Menschenleben seien bedroht.
In Deutschland gibt es seit 2024 für die Klimaanpassung immerhin ein Gesetz. Kommunen und Länder müssen nun Vorsorgemaßnahmen gegen Hitze, Dürre und Starkregen entwickeln. Die damalige Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) sprach von einem „Durchbruch“. Zu spüren war davon in den Hitzetagen nichts.
Dabei gäbe es gute Vorschläge, was man tun könnte: Schwammstadt-Konzepte, Hitzeaktionspläne und mehr Stadtgrün. Trotzdem haben weniger als 20 Prozent der Gemeinden und Landkreise etwas gemacht. Bis 2023 sollen es 80 Prozent sein. Der Städtetag fragt bislang ohne Antwort an, wer das finanzieren soll.
Auch die Firmen gehen ins Risiko. IHK-Bereichsleiter Martin Drognitz unterstrich das mit Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Demnach wird der Klimawandel bis 2050 wirtschaftliche Schäden von 280 bis über 900 Milliarden Euro verursachen. Jeder einzelne Hitzetag kostet die Wirtschaft schätzungsweise 431 Millionen Euro.
Cluster-Chef Alfred Mayr klagte über eine verquere Frontstellung. 42 Prozent der Unternehmer würden heute einen Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Wirtschaft sehen. Der Umweltcluster engagiere sich seit Jahren für das Gegenteil: beide Pole miteinander verbinden. Für die taz lautet das Fazit aus dem Juni 2026 so: „Gute Wirtschaftspolitik geht nur mit guter Klimapolitik.“
Eigentlich selbstverständlich. Nur führt in Wahlumfragen deutlich eine Partei, die die Diskussion über den Klimawandel für Hysterie hält. Christian Moser, umweltpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, räumte im Börsensaal dann auch ein, das Thema Klimaschutz erlebe derzeit „politische Turbulenzen“. Moser äußerte sich verblüffend ehrlich. Klimaanpassung? „Wir haben keine Strategie.“
Es tat der Veranstaltung folglich gut, mit Prof. Harald Kunstmann, Klimaforscher an der Uni Augsburg, einen Experten an Bord zu haben, der die Fakten richtig einordnete. Kunstmann räumte mit Mythen auf. Unter dem Slogan „Klimawandel dahoam“ widersprach er der irrigen Vorstellung, im schönen Bayern werde es wohl nicht so schlimm kommen. Das Gegenteil ist der Fall. Kunstmann sagte, die globale Erwärmung um 2 Grad werde „regional amplifiziert“, falle also in oberbayerischen Landkreisen deutlich heftiger aus.
Was laut Kunstmann den Klimawandel-Leugnern in die Hände spielt: Es wird immer wieder mal ein kühles Jahr oder viel Schnee im Winter geben. Die Datenlage und der Trend seien aber eindeutig. Es wird heißer, trockener und feuchter. Was den Bürgern schwer zu vermitteln sei: Der Klimawandel fördere beide Extreme, Starkregen und Sommerdürren. Steuere man nicht gegen, werde es einen Kampf um das Wasser geben.
Kunstmann sagte weiter, nur wenige hätten bislang die Tragweite der Veränderungen begriffen: „Die Welt wird eine andere sein“, sagte der Klimaforscher. Alle bestehenden Planungsgrundlagen seien hinfällig, die Kosten liefen komplett aus dem Ruder. Allein das Hochwasser im Ahrtal 2021 habe Schäden in Höhe von 29 Milliarden Euro angerichtet. Das liegt weit über dem Jahresetat des Bundesforschungsministeriums von rund 21 Milliarden.
In Bayern sieht er bislang keine Idee, wie das zusammengehen soll – sinkende Grundwasserspiegel, Dürren, Hochwasser, Hagelschäden und die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der Fläche. Spannend etwa die Frage, wo das Wasser herkommen soll für die Rechenzentren (KI!), die Bayerns Zukunft sichern sollen. Nur eines davon verbraucht so viel Wasser wie eine Stadt mit 30.000 bis 50.000 Einwohnern.
Kunstmann hält es ferner für keine gute Idee, sich bei Hochwasser- oder Hagelschäden auf eine Versicherung zu verlassen. Die ersetze nur den Wert, den das betroffene Unternehmen zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses hatte. Cluster-Chef Mayr kritisierte, das System sei nur begrenzt lernfähig: Nach der Flut im Ahrtal würden 90 Prozent der zerstörten Gebäude exakt an der gleichen Stelle wieder aufgebaut.
Wie bedenklich die Risikolage der Unternehmen ist, verdeutlichte das Themenforum „Klimarisiken und Versicherungsschutz“. Markus Werner, Hauptabteilungsleiter für Angebots- und Risk-Management Komposit bei der Versicherungskammer Bayern, räumte da mit dem Irrtum auf, dass mit dem Abschluss einer Versicherungspolice alles gesichert werde. Ohnehin seien 60 Prozent der Unternehmen gegen Elementarschäft nicht- oder unterversichert.
Werner betonte, der Schritt Nummer eins sei die Prävention. Ohne eigene Schutzmaßnahmen der Unternehmen sei das System der Versicherung und Rückversicherung nicht zu finanzieren. Dafür biete man Unternehmen Risikoanalyse und „Schritt-für-Schritt-Anleitungen“ an. Ideen dafür lieferte auch das Themenforum „Von der Betroffenheit zur konkreten Maßnahme“ unter Leitung von Ronja Bayerle, Mitarbeiterin im Infozentrum UmweltWirtschaft (IZU) am Bayerischen Landesamt für Umwelt.
In München riefen die Stadtwerke zum Wassersparen auf. In Frankreich musste der Betreiber EDF die Stromproduktion seiner Atomkraftwerke drosseln, weil zu wenig Kühlwasser da war. Daraufhin kletterten die Spotmarktpreise für Strom in Frankreich und Deutschland am Dienstag auf den höchsten Stand seit Mitte Januar 2025.
Eiffelturm, das Louvre-Museum und Kolloseum wurden zumindest zeitweise geschlossen. EU-weit geriet die Hitze zum Stresstest für Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime und die Arbeit auf Baustellen. Gewerkschaften forderten Trinkpausen wie bei der Fußball-WM für Bauarbeiter, Obstpflücker oder Busfahrer. Französische Rathäuser und Schweizer Kinos boten ihre klimatisierten Räume leidenden Bürgern an.
Deutschland schließlich hat im Juni 2026 gelernt, was 40 Grad heißen: Zug- und Produktionsausfälle, abgesagte Volksfeste, der Halbmarathon in Hamburg storniert, Störung der Liefer- und Logistikketten. Die gesamte Schadensbilanz wird vermutlich erst im Herbst auf dem Tisch liegen. Sigrid Huber Produktmanagerin bei MTU Aero Engines. Viele Unternehmen dürften nun begreifen, dass sie reagieren, dass sie „resilient“ werden müssen.
Wie anspruchsvoll diese Aufgabe ist, erklärte auf dem Umweltdialog Sigrid Huber, Produktmanagerin bei MTU Aero Engines. Das beginnt bei den Temperaturen am Arbeitsplatz und reicht bis hin zu den globalen Lieferketten. Als 2024 die Preise für Kakao wegen Missernten in der Elfenbeinküste und Ghana explodiert sind, spürte man das auch beim Mozartkugel-Hersteller Reber in Bad Reichenhall.
Das Thema Klimaanpassung ist offensichtlich so komplex, dass viele Unternehmen gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. In der Diskussion auf dem Umweltdialog nannte Cluster-Chef Mayr die Umweltbürokratie als weitere Hürde. Mayr kritisierte, von Brüssel aus werde mit der EU-„Frühstücksrichtlinie“ sogar der Marmeladen-Aufstrich reguliert.
Der CSU-Politiker Moser argumentierte ähnlich. Er sagte, Bürokratie und Ordnungspolitik würden Unternehmen die Lust auf die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung nehmen. Er plädierte für positive Anreize. Man müsse diese Prozesse „incentivieren“ und daraus „Business Cases“ entwickeln.
Nun schlug die Stunde von Kunstmann. Er forderte, angesichts der Lage müsse man alle Register ziehen. Selbstverständlich brauche es für Klimaschutz und Klimaanpassung einen Regulierungsrahmen. Er verglich das mit der Schulpflicht: bei vielen unbeliebt, aber absolut nötig. Es dürfe keine Tabus mehr geben. Warum also nicht ein Tempolimit?
Den Einwurf Mayrs, die Klimaforscher hätten das bisherige „Worst-Case“-Szenario (RCP8.5) für den globalen Temperaturanstieg aufgrund falscher Daten zurückgezogen, nannte Kunstmann „perfide“. Das Gegenteil sei der Fall: Das Szenario wurde gestrichen, eben weil die Klimaschutzmaßnahemn der letzten Jahrzehnte eine Wirkung gezeigt haben.
Gar nichts hielt Kunstmann zudem vom Vorschlag des Cluster-Chefs, auf neue Technologien wie die Kernfusion zu hoffen. „Wir müssen endlich damit aufhören, die Lösung unserer Probleme in die Zukunft zu verschieben“, forderte der Wissenschaftler. Alles, was man für Klimaschutz brauche, sei da. Man müsse das Ganze nur umsetzen.
Wenig Verständnis hatte Kunstmann auch für eine Teilnehmerin, die fragte, ob es angesichts des heutigen Zustands der Welt überhaupt noch lohne, in Klimaschutz zu investieren. Kunstmann sagte, mit Blick auf künftige Generationen sei das zynisch. Jedes „Zehntelgrad“ Erwärmung, das man verhindere, schaffe bessere Lebensbedingungen und spare viele Milliarden ein.
Er schlug vor, wer mit Klimaschutz nichts am Hut habe, möge das Ganze aus rein ökonomischer Sicht sehen. Aktuell habe doch der Iran-Krieg gezeigt, wohin die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten führe. Kunstmann berichtete über seinen Dubai-Besuch von vor einigen Jahren. Dubai sei vor ein paar Jahrzehnten noch ein Fischerdorf gewesen. Die heutigen Glaspaläste seien dort gebaut worden mit vielen Milliarden Euro unseres Geldes.
Unter dem Strich bot der Umweltdialog eine spannende Diskussion über top-aktuelle Themen. Das hätte noch mehr Besucher verdient gehabt. Das erste Lob gab es schon zur Kaffeepause. Svenja Weber, als Nachhaltigkeitsmanagerin der Hofpfisterei ohnehin vom Fach, meinte, für sie habe sich die Teilnahme sicher gelohnt.
Weber, auch im Umweltausschuss der IHK aktiv, fand das Themenforum „Klimarisikoanalyse der betrieblichen Wertschöpfungskette“ besonders wertvoll. Die Nachhaltigkeitsberaterin Anne Bauer erklärte da, wie man sich schon mit einer Excelliste Klarheit verschaffen kann, über die Risiken, die der Klimawandel für das Unternehmem schaffen kann. „Für mich war das super hilfreich. Das sind die Fragen, mit denen ich mich beschäftige“, sagte Svenja Weber.
Sabine Müller schreibt auf LinkedIn, für sie sei das Fazit der Veranstaltung die Frage, ob wir weiter auf die Regulierung und „die da oben“ warten wollen – oder einfach „anfangen, unsere Zukunft eigenverantwortlich zu gestalten“. Dafür müsse man auch bereit sein, das eigene Geschäftsmodell zu verändern. Offensichtlich hat der Umweltdialog 2026 ein Ziel erreicht: Die Diskussion in der Wirtschaft läuft weiter.
Von Martin Armbruster