Erste Fortschritte sind erzielt. Für eine leistungsfähige Verteidigungsindustrie als Bestandteil der deutschen Sicherheits- und Wirtschaftspolitik gibt es jedoch zahlreiche Erfordernisse, die ein Eckpunktepapier der IHK für München und Oberbayern aus dem April 2026 klar benennt. Entscheidend zu Anfang seien schnellere Beschaffungs- und Vergabeverfahren für die Bundeswehr. Zugleich geht es aber auch um langfristige Beschaffungsstrategien und verlässliche politische Rahmenbedingungen.
Langfristige Zusagen, bessere Planung
„Gerade im Bereich innovativer Verteidigungs- und Dual-Use-Technologien sind Investitionen häufig mit hohen Vorlaufkosten und langfristigen Entwicklungszyklen verbunden“, betont Röbel. „Die USA praktizieren seit Jahren langfristige Beschaffungszusagen und Abnahmeverpflichtungen. So werden strategisch wichtige Technologien gezielt gefördert, Produktionskapazitäten aufgebaut und qualifizierte Fachkräfte langfristig gesichert.“
Dem stimmt Philipp Bryxi, Mitglied der Geschäftsleitung der IABG Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH in Ottobrunn, zu: „Investitionen in betriebliche Infrastruktur und hoch qualifizierte Fachkräfte amortisieren sich über viele Jahre, nicht über einen Haushaltszyklus. Je weiter der Planungshorizont reicht, desto eher können wir vorausschauend Kapazitäten aufbauen, statt der Nachfrage hinterherzulaufen.“ Mehrjährige Zusagen und verlässliche Abnahmeperspektiven, sagt Bryxi, reduzierten das Investitionsrisiko erheblich.
Deutlich mehr Nachfrage
Das Unternehmen IABG definiert sich als herstellerunabhängiger Hightech-Dienstleister für Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Cybersicherheit und Verteidigung. Der Fokus liegt auf der Absicherung neuer Technologien. Das Unternehmen mit rund 1.300 Mitarbeitenden ist vielfach für den Bund tätig. „Wir unterstützen die Bundeswehr bei herausfordernden technischen Fragestellungen, von der Analyse über Simulationen bis hin zu Testmaßnahmen, und stellen deutlich mehr Nachfrage fest“, so Bryxi.
Eine weitere IHK-Forderung sind bessere Finanzierungsmöglichkeiten. Hier gibt es erkennbar Bewegung. „Lange wurde der Sicherheits- und Verteidigungssektor von Teilen des Kapitalmarkts unter ESG-Gesichtspunkten zurückhaltend behandelt beziehungsweise abgelehnt“, sagt Bryxi. ESG steht für Environmental, Social und Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und bezeichnet ein umfassendes Regelwerk zur Bewertung der nachhaltigen und ethischen Praxis von Unternehmen. „Obwohl wir explizit kein Rüstungsbetrieb sind, waren wir ebenfalls betroffen.“
Teil einer nachhaltigen Wirtschaft
Hier habe ein Umdenken eingesetzt. Nationale Sicherheit werde zunehmend als Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität und damit als legitimer Teil einer nachhaltigen Wirtschaft verstanden, stellt Bryxi fest. „Diese Klarstellung begrüßen wir, weil sie den Zugang zu Kapital für die gesamte Branche verbessert.“ Das IHK-Papier fordert zudem, auch Skalierungen zu erleichtern, Produktionserweiterung zu beschleunigen und insgesamt den Austausch zwischen Firmen und Hochschulen für mehr Innovationsgeist zu intensivieren. Dazu gehört auch, die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Bedeutung des Weltraums zu gestalten
(siehe Artikel: „Stark im Weltraum“).
Dem „Dauerbrenner“ Bürokratie stehen viele Unternehmen zwiespältig gegenüber. „Wir sehen grundsätzlich, dass sich die Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren positiv entwickelt haben“, sagt ARX-Geschäftsführer Röbel. „Gleichzeitig erleben wir in Europa weiterhin einen hohen Compliance- und Regulierungsaufwand.“ Die Herausforderung bestehe darin, die richtige Balance zwischen Sicherheit, Innovation und Geschwindigkeit zu finden.
Innovationsfreude – aber sicher
„Wir wollen neue Technologien schnell in die praktische Anwendung bringen und regulatorische Anforderungen möglichst effizient gestalten“, so Röbel. Das bedeute nicht, Sicherheitsstandards aufzugeben, sondern Regelungsmechanismen so weiterzuentwickeln, dass sie Innovationsfreude nicht behindern und dem aktuellen Bedarf gerecht werden.
Dazu gehören Röbel zufolge beispielsweise schnellere und transparentere Genehmigungsverfahren, klare Zuständigkeiten sowie frühzeitige Test- und Erprobungsmöglichkeiten für neue Technologien unter kontrollierten Bedingungen. „So können Innovationen zügiger in die Anwendung gelangen, ohne Kompromisse bei Sicherheit und Qualität einzugehen.“
Direkter Zugang zur Bundeswehr
Erfolge sind durchaus zu sehen. Die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat sich nach Erfahrung der TYTAN Technologies GmbH in München – spezialisiert auf die Entwicklung von Drohnenabwehr – in letzter Zeit „spürbar verbessert und beschleunigt“, so Balázs Nagy, Mitgründer und CEO. Für Scale-ups sei es demnach heute leichter geworden, Aufträge zu erhalten und Zugänge zu den Behörden aufzubauen.
„Ein echter Gewinn ist das InnoZ in Erding“, sagt Nagy. „Darüber bekommen wir einen guten, direkten Zugang zur Bundeswehr und schnelle, praxisnahe Testmöglichkeiten.“ Das InnoZ ist ein Anfang des Jahres eröffnetes Innovationszentrum der Bundeswehr. Es dient als zentrale Drehscheibe, um zivile Technik wie zum Beispiel Drohnen und KI schneller für Verteidigungszwecke nutzbar zu machen. Und es soll explizit als Brücke zwischen Industrie, Start-ups und Bundeswehr dienen.
Auf Fortschritten aufbauen
TYTAN-Chef Nagy fasst die Situation der Branche so zusammen: „Die Fortschritte bei Zugang und Tempo sind da – jetzt geht es darum, aus dem Momentum verlässliche, langfristige Planbarkeit zu machen. Genau das versetzt uns in die Lage, zu skalieren und unseren Beitrag zu einer souveränen europäischen Verteidigung zu leisten.“