Von Harriet Austen, IHK-Magazin 9/2026
Nach Weihenstephan und zum Bier kam Josef Schrädler per Zufall. „Ich wollte promovieren und habe von der dortigen TUM im Bereich Brauwesen ein Angebot bekommen“, erzählt der studierte Betriebswirt. Dass er auf dem Berg bleiben sollte – damit hatte er damals nicht gerechnet. Heute kennt er als Direktor der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan alle Finessen rund um die Braukunst. Den Weg dahin beschreibt er als „harte, schwierige Geduldsprobe“.
Die Tür zu seinem späteren Berufsleben öffnete sich über seine Arbeit bei der Unternehmensberatung Weihenstephan GmbH. Neben seiner Promotion stieg Schrädler dort nicht nur zum Prokuristen auf, sondern erhielt ebenso Einblicke in Brauereien – auch in die beiden Staatsbrauereien Hofbräuhaus und Weihenstephan. Als dann dort eine Nachfolge anstand, sagte er sich: „Das könnte ich doch gleich selbst machen.“
Privatwirtschaftliche Staatsbrauerei
Seine Bewerbung war erfolgreich, Erfahrungswissen brachte er ja genügend mit. Doch Schrädler hatte eine Bedingung: „Ich wollte die althergebrachte Brauerei privatwirtschaftlich führen.“ Der Verwaltungsrat des Eigentümers, der Freistaat Bayern, war einverstanden und ließ ihm weitgehend freie Hand. Aus gutem Grund: Der neue Chef hatte früh erkannt, dass die 1040 gegründete ehemalige Klosterbrauerei „ein Riesenpotenzial“ besaß und sich mit der ältesten noch bestehenden Braustätte der Welt „eine gute Geschichte erzählen ließ“.
Das Sanierungskonzept für die Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan hatte Schrädler in der Beratung selbst entwickelt und auch seine Vision definiert: ein Hightech-Unternehmen, das Bier in Premiumqualität braut, international vermarktet und stabil nachhaltig wächst. „Ich habe an allem geschraubt“, sagt er. Er begann mit Kosteneinsparungen und Preiserhöhungen, um stabile Gewinne zu erwirtschaften – „ab da ging es stetig bergauf“.
Modernste Technik
Dann startete er ambitionierte Bauprojekte. „Damit die Brauer ein richtig gutes Bier herstellen können, müssen wir in die Technik investieren“, trug er dem Verwaltungsrat vor, der ihm die nötigen Darlehen bewilligte. Nach und nach ließ Schrädler Gärkeller, Lagerkeller, Abfüllanlagen, Entalkoholisierungsanlagen und Kombikeller neu bauen, erweitern oder modernisieren.
Die größte Investition mit rund 20 Millionen Euro betraf ein neues Logistikzentrum. „Sonst hätten wir nicht weltweit liefern können“, sagt der 63-Jährige. Die internationale Ausrichtung der Brauerei war ihm von Anfang an wichtig, um das Geschäftsrisiko möglichst breit zu streuen.
16 Sorten, 60 Länder, 70 Prozent Export
Inzwischen ist aus der Weißbierbrauerei ein Sortimentsbetrieb geworden, der 16 Biersorten herstellt und in 60 Länder liefert. Der Umsatz hat sich seit seinem Amtsantritt vervierfacht, viele internationale Auszeichnungen weisen auf die hohe Qualität hin. Der Export trägt 70 Prozent zum Umsatz bei, der Rest verteilt sich auf Gastronomie (20 Prozent) und Handel (10 Prozent). Größter Abnehmer sind die USA.
„Wir sind die älteste und zugleich modernste voll automatisierte und durchdigitalisierte Brauerei“, sagt Schrädler stolz. Nur so lasse sich die „unglaubliche“ Komplexität aufgrund der Ländervielfalt bewältigen. Seine Strategie, einen langfristigen, nicht imitierbaren Wettbewerbsvorteil zu erzielen, geht auf. Das Unternehmen wächst in Zeiten rückläufigen Bierkonsums in einem hart umkämpften Markt mit weltweiten Krisen, ohne sich an den üblichen Rabattschlachten zu beteiligen.
Synergien mit der TUM
Ein Pluspunkt ist die enge Verbindung zum Wissenschaftszentrum der TUM. Die Brauerei dient als Anschauungsbetrieb für die Studierenden. Umgekehrt fließen ständig innovative Ideen in den Braubetrieb. Der Brauereichef ist nebenbei Dozent für BWL der Getränkeindustrie. Er schätzt die Kompetenz am Berg und das umfangreiche Netzwerk. Kein Wunder, dass die weltweit bekannte Staatsbrauerei gute Leute anzieht, die „Teil des Erfolgs sein wollen“, so der Direktor, der in der Personalführung einen wichtigen Erfolgsfaktor sieht: „Ich bin Teammitglied und kommuniziere auf Augenhöhe.“
Erstes eigenes Restaurant
Bei der Akquise neuer Abnehmer will er allerdings „alles anders machen als die anderen“: Während seine Wettbewerber weiter ins Ausland drängen, will er nun im schwierigen Inlandsmarkt wachsen. „Mit unserem Image und unserer Bierqualität gelingt das auch“, ist Schrädler überzeugt. Den Schwerpunkt legt er dabei auf das Kernabsatzgebiet Bayern und setzt gleich mit der Eröffnung des ersten eigenen Restaurants in München, des „Weihenstephaner am Platzl“, ein deutliches Zeichen. „Unsere Brauerei ist ein Aushängeschild für den Freistaat.“