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„Pragmatismus statt Bürokratie“ – Unternehmerin Christina Puello

„Pragmatismus statt Bürokratie“ – Unternehmerin Christina Puello

© DD Deutsche Dienstrad

„Mut, Haltung, Zusammenhalt“

Christina Puello, Geschäftsführerin der DD Deutsche Dienstrad GmbH, über Zuversicht, nachhaltige Transformation und den Weg Deutschlands aus der Krise.

Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 9/2026

Frau Puello, Ihre Familie baut seit mehr als 100 Jahren Fahrräder, längst auch E-Bikes. Ihr Unternehmen ermöglicht es Firmen, Diensträder zu leasen. Das sind alles nachhaltige Geschäftsideen. Liegt bei Ihnen Nachhaltigkeit quasi in den Genen?
Ja, das darf man so sagen. Wir sind seit mehr als fünf Generationen im Fahrradgeschäft. Ein Rad ist im Kern nachhaltig: Es bewegt Menschen emissionsfrei, hält lange und lässt sich reparieren. Dies war bei uns nie Marketing, sondern Alltag. Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit daher keine Pflichtübung, sondern die logische Fortsetzung dessen, was meine Großeltern und Eltern aufgebaut haben. Mit Deutsche Dienstrad habe ich diesem Erbe ein zweites nachhaltiges Geschäftsmodell zur Seite gestellt.

Bringt nachhaltiges, verantwortungsvolles Wirtschaften Unternehmen denn messbare Vorteile?
Unbedingt. Verantwortungsvolles Wirtschaften zahlt sich aus: Es macht Unternehmen attraktiver für Talente, unabhängiger von volatilen, fossilen Kosten, zukunftsfester und resilienter gegenüber Regulatorik und Kundenerwartungen.

Wer heute nicht nachhaltig denkt, verliert morgen Aufträge, Fachkräfte und Kapital. Richtig und rechtzeitig gemacht, ist Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil und kein Kostenfaktor, kein Verzicht, sondern Innovationstreiber.

Verantwortung übernehmen, nicht jammern

Die Nachhaltigkeitsbürokratie macht nachhaltiges Wirtschaften zugleich aufwendig. Nun gibt es Erleichterungen. Gut so?
Ich begrüße das ausdrücklich. Das EU-Omnibus-Paket ist für den Mittelstand eine echte Entlastung. Denn ehrlich: Nachhaltigkeit entsteht nicht im Berichtsformular, sondern im Handeln. Weniger komplexe Vorgaben bedeuten mehr Zeit für Produkt, Kunden sowie konkrete Maßnahmen und damit oft schnelleren Fortschritt. Wichtig ist nur, dass Entbürokratisierung nicht als Ausrede dient, Nachhaltigkeit ganz beiseitezulegen.

Wie kann die nachhaltige Transformation letztendlich gelingen?
Mit Mut, Haltung, Zusammenhalt. Mut, weil Transformation bedeutet, Gewohntes infrage zu stellen und trotz Unsicherheit voranzugehen. Die Mutigen sind es, die Innovationen bringen. Haltung, weil Wandel eine Richtung braucht. Und Zusammenhalt, weil Nachhaltigkeit eine Gemeinschaftsaufgabe ist: Konzern und Mittelstand, Politik und Wirtschaft, Frauen und Männer. Dazu gehören auch Partnerschaften über Grenzen hinweg, denn niemand transformiert allein. Eine gelungene Transformation würde uns zu einer Gesellschaft machen, die nicht jammert, sondern macht. Die Verantwortung übernimmt, statt sie wegzudelegieren, und die ihren Wohlstand nicht verwaltet, sondern erneuert.

Das Land wie einen Familienbetrieb führen

Worüber könnten wir stolpern?
Transformation gelingt nur, wenn Menschen wollen und mitgehen. Die größten Hemmnisse sehe ich in den Köpfen: in einer Bürokratie, die lähmt, in einer Kultur des Zauderns und im Schlechtreden des eigenen Standorts.

Was wünschen Sie sich von der Politik in Deutschland?
Sie sollte das Land so führen, wie wir Familienbetriebe führen: mit einer Langfriststrategie über Generationen hinweg statt über die nächste Legislatur.

Planbarkeit und Pragmatismus

Konkret wünsche ich mir vor allem drei Dinge: erstens verlässliche Rahmenbedingungen, echte Entbürokratisierung in der Fläche sowie echte Digitalisierung. Zweitens die richtigen Anreize für nachhaltige Mobilität und Investitionen, damit sich klimafreundliches Handeln auch rechnet.

Und drittens einen deutlich besseren Zugang zu Wachstumskapital. Hier sind wir viel zu zaghaft. Was ich mir nicht wünsche, ist ein ständiges Hin und Her. Unternehmen brauchen Planbarkeit. Pragmatismus statt Bürokratie.

Die Welt besser übergeben!

Was bedeuten Ihnen Haltung und unternehmerische Verantwortung?
Für mich sind sie das Fundament von allem. Haltung und unternehmerische Verantwortung bedeuten, nicht nur an die nächste Bilanz oder den kurzfristigen Gewinn zu denken. Sondern an die nächste Generation, an Mitarbeitende, die Region, Gesellschaft, die Umwelt. Verantwortung zeigt sich im Tun. Man will das Unternehmen und die Welt doch besser übergeben, als man sie übernommen hat.

IHK-Info: 14. Bayerischer CSR-Tag am 29. September 2026

Angesichts geopolitischer Spannungen, fragiler Lieferketten und einer komplexen, dynamischen Regulierung beschäftigt sich der Bayerische CSR-Tag damit, „was jetzt wirklich zählt“. Veranstalter sind die neun bayerischen IHKs und das Bayerische Sozialministerium. Zu mehr Infos und zur kostenfreien Anmeldung geht es hier.

Daran ändert auch die aktuelle Krise nichts?
In Krisenzeiten werden Verantwortung und Haltung erst richtig sichtbar. Wenn der Druck steigt, ist es einfach, Werte über Bord zu werfen. Haltung heißt aber, gerade auch dann zu seinen Werten zu stehen, wenn es unbequem oder teuer wird. Unternehmerische Verantwortung besteht heute darin, Arbeitsplätze zu sichern, Menschen Orientierung zu geben und trotz Unsicherheit zu investieren. In jeder Krise entstehen neue Geschäftsmodelle. Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten.

„Vertrauen ist die eigentliche Währung“

Wer jetzt Verantwortung übernimmt, mutig vorangeht, investiert, macht auch anderen Mut, gewinnt, hält die Wirtschaft am Laufen. Das ist auch ein Dienst an der Gesellschaft und an der Demokratie. Verantwortung bedeutet aber ebenso, ehrlich zu sein: Wir müssen die Dinge benennen und dann anpacken.

Im Übrigen: Gerade in unsicheren Zeiten schauen Menschen darauf, wofür ein Unternehmen steht. Wer Haltung zeigt, gewinnt Vertrauen. Und Vertrauen ist heute die eigentliche Währung. Deshalb ist Haltung für mich ein harter Wettbewerbsfaktor.

Das Fahrrad befreite die Frauen

Sie sind Präsidentin des Verbands der Unternehmerinnen in Deutschland VdU. Wo steht Deutschland im Hinblick auf die Selbstständigkeit von Frauen?
Wir sind auf dem Weg, aber noch lange nicht am Ziel. In Deutschland gibt es rund 1,2 Millionen selbstständige Frauen, was eine enorme Kraft darstellt. Trotzdem sind Frauen in Führungsetagen, Aufsichtsräten, vor allem bei Gründungen und beim Wachstumskapital noch immer deutlich unterrepräsentiert.

Als VdU-Präsidentin sage ich klar: Wir brauchen gleiche Chancen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, echten Zugang zu Kapital für Gründerinnen und mehr Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder. Ende des 19. Jahrhunderts hat das Fahrrad Frauen ein Stück Freiheit gebracht. Dieses Bild gefällt mir: Frauen, die sich bewegen, bewegen die Welt. Genau dafür arbeite ich.

„Alles, was es für die Zukunft braucht“

Und wie lässt sich Ihrer Meinung nach Deutschland wieder aus der Krise bewegen?
Wir haben in Deutschland alles, was es braucht: einen starken Mittelstand, Weltklasse-Konzerne und kluge Köpfe. Wir nutzen sie nur zu selten gemeinsam. Wir dürfen nicht in Schockstarre verfallen.

Was wir wieder brauchen, sind Zuversicht und Machermentalität. Mein Appell lautet: Übernehmen wir Verantwortung, gehen wir mit gutem Beispiel voran und gestalten wir gemeinsam ein Land, das wir stolz und zukunftsfest an die nächste Generation übergeben.

Zur Person: Christina Puello

Christina Puello ist Gründerin und Geschäftsführerin der DD Deutsche Dienstrad GmbH in Schweinfurt. Das Unternehmen mit 140 Mitarbeitenden steht für nachhaltige und innovative Dienstrad- und Mobilitätslösungen, hat unter anderem den Lebenszyklus des Dienstrads komplett digital vernetzt. Seit 2024 ist Puello Präsidentin des Verbands der Unternehmerinnen in Deutschland. Sie ist Keynote-Speaker auf dem 14. Bayerischen CSR-Tag.