Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 9/2026
Frau Puello, Ihre Familie baut seit mehr als 100 Jahren Fahrräder, längst auch E-Bikes. Ihr Unternehmen ermöglicht es Firmen, Diensträder zu leasen. Das sind alles nachhaltige Geschäftsideen. Liegt bei Ihnen Nachhaltigkeit quasi in den Genen?
Ja, das darf man so sagen. Wir sind seit mehr als fünf Generationen im Fahrradgeschäft. Ein Rad ist im Kern nachhaltig: Es bewegt Menschen emissionsfrei, hält lange und lässt sich reparieren. Dies war bei uns nie Marketing, sondern Alltag. Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit daher keine Pflichtübung, sondern die logische Fortsetzung dessen, was meine Großeltern und Eltern aufgebaut haben. Mit Deutsche Dienstrad habe ich diesem Erbe ein zweites nachhaltiges Geschäftsmodell zur Seite gestellt.
Bringt nachhaltiges, verantwortungsvolles Wirtschaften Unternehmen denn messbare Vorteile?
Unbedingt. Verantwortungsvolles Wirtschaften zahlt sich aus: Es macht Unternehmen attraktiver für Talente, unabhängiger von volatilen, fossilen Kosten, zukunftsfester und resilienter gegenüber Regulatorik und Kundenerwartungen.
Wer heute nicht nachhaltig denkt, verliert morgen Aufträge, Fachkräfte und Kapital. Richtig und rechtzeitig gemacht, ist Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsvorteil und kein Kostenfaktor, kein Verzicht, sondern Innovationstreiber.
Verantwortung übernehmen, nicht jammern
Die Nachhaltigkeitsbürokratie macht nachhaltiges Wirtschaften zugleich aufwendig. Nun gibt es Erleichterungen. Gut so?
Ich begrüße das ausdrücklich. Das EU-Omnibus-Paket ist für den Mittelstand eine echte Entlastung. Denn ehrlich: Nachhaltigkeit entsteht nicht im Berichtsformular, sondern im Handeln. Weniger komplexe Vorgaben bedeuten mehr Zeit für Produkt, Kunden sowie konkrete Maßnahmen und damit oft schnelleren Fortschritt. Wichtig ist nur, dass Entbürokratisierung nicht als Ausrede dient, Nachhaltigkeit ganz beiseitezulegen.
Wie kann die nachhaltige Transformation letztendlich gelingen?
Mit Mut, Haltung, Zusammenhalt. Mut, weil Transformation bedeutet, Gewohntes infrage zu stellen und trotz Unsicherheit voranzugehen. Die Mutigen sind es, die Innovationen bringen. Haltung, weil Wandel eine Richtung braucht. Und Zusammenhalt, weil Nachhaltigkeit eine Gemeinschaftsaufgabe ist: Konzern und Mittelstand, Politik und Wirtschaft, Frauen und Männer. Dazu gehören auch Partnerschaften über Grenzen hinweg, denn niemand transformiert allein. Eine gelungene Transformation würde uns zu einer Gesellschaft machen, die nicht jammert, sondern macht. Die Verantwortung übernimmt, statt sie wegzudelegieren, und die ihren Wohlstand nicht verwaltet, sondern erneuert.
Das Land wie einen Familienbetrieb führen
Worüber könnten wir stolpern?
Transformation gelingt nur, wenn Menschen wollen und mitgehen. Die größten Hemmnisse sehe ich in den Köpfen: in einer Bürokratie, die lähmt, in einer Kultur des Zauderns und im Schlechtreden des eigenen Standorts.
Was wünschen Sie sich von der Politik in Deutschland?
Sie sollte das Land so führen, wie wir Familienbetriebe führen: mit einer Langfriststrategie über Generationen hinweg statt über die nächste Legislatur.
Planbarkeit und Pragmatismus
Konkret wünsche ich mir vor allem drei Dinge: erstens verlässliche Rahmenbedingungen, echte Entbürokratisierung in der Fläche sowie echte Digitalisierung. Zweitens die richtigen Anreize für nachhaltige Mobilität und Investitionen, damit sich klimafreundliches Handeln auch rechnet.
Und drittens einen deutlich besseren Zugang zu Wachstumskapital. Hier sind wir viel zu zaghaft. Was ich mir nicht wünsche, ist ein ständiges Hin und Her. Unternehmen brauchen Planbarkeit. Pragmatismus statt Bürokratie.
Die Welt besser übergeben!
Was bedeuten Ihnen Haltung und unternehmerische Verantwortung?
Für mich sind sie das Fundament von allem. Haltung und unternehmerische Verantwortung bedeuten, nicht nur an die nächste Bilanz oder den kurzfristigen Gewinn zu denken. Sondern an die nächste Generation, an Mitarbeitende, die Region, Gesellschaft, die Umwelt. Verantwortung zeigt sich im Tun. Man will das Unternehmen und die Welt doch besser übergeben, als man sie übernommen hat.