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Will den undurchsichtigen Bürokratiedschungel lichten: Münchens neuer OB Dominik Krause

Will den undurchsichtigen Bürokratiedschungel lichten: Münchens neuer OB Dominik Krause

© Thorsten Jochim

„Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft“

Münchens neuer Oberbürgermeister Dominik Krause erklärt, wie er die Aufbruchstimmung in der Stadt nutzen will und wie 50.000 neue Wohnungen entstehen sollen.

Von Martin Armbruster, IHK-Magazin 9/2026

Schon im Vorzimmer des Oberbürgermeisters (OB) im Münchner Rathaus hat man einen guten Blick auf den Marienplatz. Daneben ist der Balkon, auf dem der FC Bayern seine Meisterschaften feiert. Auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters liegen nur ein paar Akten. Hier wird über einen 10-Milliarden-Etat und die Zukunft einer Metropole entschieden. Dann rauscht er schon herein, Münchens neuer grüner OB.

Herr Krause, einen Punkt haben Sie bei der IHK schon gemacht. Vizepräsidentin Karin Elsperger hält Ihre Social-Media-Beiträge für sehr gelungen.
Danke für das Lob, aber ich hoffe, dass ich die IHK auch anderweitig gut abholen kann (lacht).

Die TV-Bilder Ihrer grünen Wahlparty im März 2026 haben bundesweit Eindruck gemacht. Wie viel ist von dieser Euphorie noch übrig?
Es war unglaublich, diese Aufbruchstimmung zu erleben, die es in der Stadt vor der Stichwahl gab. Natürlich hat mich das gefreut, weil das auch mit meiner Person verbunden wurde. Es geht aber darüber hinaus. Die Leute wünschen sich einen Aufbruch in ihrer Stadt.

Aufbruchstimmung – auch in der Verwaltung

Wie gehen Sie damit um?
Um den Punkt kreiste schon mein ganzer Wahlkampf: Wir haben eine wunderschöne Stadt. Es ist toll, hier zu leben. Aber wir müssen jetzt dringend etwas tun, damit es weiter bezahlbare Wohnungen gibt, einen zuverlässigen ÖPNV und gute Arbeitsplätze. Das ist der Wunsch der Münchner. Ich gebe alles dafür, den zu erfüllen. Und ja, ich spüre diese Euphorie noch immer – in der Stadtgesellschaft und in der Stadtverwaltung.

Euphorie in der Verwaltung. Es fällt schwer, sich das vorzustellen.
Aber das ist für mich das Entscheidende. Politiker und Bürgermeister halten Reden und geben politische Linien vor, konkret umsetzen müssen es andere. Mein Job als OB ist, dafür zu sorgen, dass wir eine Verwaltung haben, die Lust hat, die Arbeit zu machen und die Stadt voranzubringen. München braucht eine Verwaltung, die nicht auf Impulse von außen wartet, sondern selbst voranschreitet.

Sehen Sie dafür erste Anzeichen?
Das ist gerade das Tolle. Nur ein paar Tage nach der Wahl stand die Leitungsebene des Planungsreferats in Mannschaftsstärke bei mir im Büro. Die Kollegen haben mir von sich aus viele Vorschläge gemacht, wie wir beim Thema bezahlbares Wohnen vorankommen. Nehmen Sie das Stichwort Umbauagentur …

Bezahlbares Wohnen: 10 Seiten Reformvorschläge

… die Agentur, die für die Umwandlung von leer stehenden Büroflächen in Wohnungen sorgen soll …
Ich habe die verschiedenen Referate angesprochen mit der Bitte, mir zu sagen, wie wir das als Stadt angehen können, welche Ideen sie haben. Von den Referaten kamen jeweils bis zu 10 Seiten voller guter Vorschläge zurück.

Für die Umsetzung brauchen Sie wohl auch den Stadtrat. Ist Ihre Mango-Koalition dafür stabil genug?
Wir haben intensive Gespräche geführt mit der CSU und mit unseren Mango-Partnern (Grüne/Rosa Liste, SPD, FDP, Freie Wähler). Es gab von allen Seiten ein hohes Verantwortungsbewusstsein und den Willen, etwas voranzubringen. Das zeigt sich auch darin, dass wir seit Langem erstmals wieder über die Grenze zwischen Regierungsblock und Opposition hinweg gemeinsam agieren. Das war bei der Referentenwahl so, das setzt sich bei inhaltlichen Themen fort.

Und Ihre Kontakte zur Wirtschaft – wie gut sind die?
Ich hatte in meiner Zeit als 2. Bürgermeister viel mit der IHK zu tun, ich war auch bei einer IHK-Ausschusssitzung. Im Wahlkampf habe ich mit vielen Unternehmen gesprochen. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, damit wir München gestalten können. Wir können uns die schönsten Dinge überlegen. Ohne Gewerbesteuer wird es nichts mit bezahlbarem Wohnraum, mehr Grünflächen und ÖPNV.

Olympia prägt Münchens Entwicklung

Wie sieht denn Ihre Vision der Zukunft Münchens aus?
Wenn man das konkret herunterbricht, landen wir bei unserer Olympiabewerbung. Wir haben ein sehr nachhaltiges Bewerbungskonzept. Die Dinge, die wir für Olympia bewegen, werden die Stadt prägen: der ÖPNV-Ausbau, die Entwicklung im Münchner Nordosten. Ich würde mir auch eine Entwicklung im Norden wünschen. Was ich wahnsinnig wichtig finde, ist zudem die Münchner Selbstwahrnehmung als Weltstadt mit Herz.

Sie betonen Münchens Weltoffenheit. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Ich glaube, dass der Faktor entscheidend ist für die Lebens- und Standortqualität. Das höre ich gerade von den Tech-Unternehmen, die nach München kommen. Die sind gern hier, weil ihre Mitarbeiter in einem weltoffenen Klima frei leben können. Ich finde, gerade in Zeiten zunehmenden Rechtsextremismus müssen wir das Selbstbewusstsein haben, diesen Punkt anzusprechen. Weltoffenheit gehört zu Münchens Identität und ist essenziell für den Wirtschaftsstandort.

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© Thorsten Jochim

Weltoffenheit gehört zu Münchens Identität und ist essenziell für den Wirtschaftsstandort.

Dominik Krause, Oberbürgermeister München

Die Stadt muss sparen, aber auch investieren – wie wollen Sie den Spagat hinbekommen?
Bei den laufenden Ausgaben müssen wir besser werden. Effizienter arbeiten, digitalisieren, mehr Einnahmen generieren. Da brauchen wir mindestens eine schwarze Null. Gleichzeitig wächst die Stadt. Also brauchen wir mehr ÖPNV, Schulen, Kitas und neue Wohnungen. Für diese Investitionen müssen wir leider auch Schulden aufnehmen, ansonsten stehen wir in 20 Jahren vor unlösbaren Problemen.

„Politik muss sich trauen, Ziele zu formulieren“

War es ein Fehler, 50.000 neue Wohnungen zu versprechen?
Das werde ich häufig gefragt. Aber erstens basiert die Zahl auf Studien, die wir auf dem Tisch haben. Zweitens: Wenn sich Politik nicht mehr traut, klare Ziele zu formulieren, tun das andere an unserer Stelle. Die von Rechtsaußen. Das darf nicht passieren. Ich kann nicht versprechen, Münchens Wohnungsproblem zu lösen. Aber ich kann ein Ziel vorgeben, auch wenn es ambitioniert ist. Und die Stadtverwaltung arbeitet mit Hochdruck daran, das umzusetzen.

Gibt es schon Fortschritte?
Wir haben die Umbauagentur beschlossen. Wir wollen knapp 2 Millionen Quadratmeter leer stehender Bürofläche in Wohnraum umwandeln. Ich hatte einen Wohnungsgipfel mit der Bau- und Immobilienwirtschaft. Wir haben uns angeschaut, wo es klemmt bei Finanzierung und Baurecht. Wir arbeiten an Rahmenbedingungen für die sozialverträgliche Bodennutzung SoBoN. Wir sind daran, den Münchner Standard zu etablieren, damit man vereinfacht bauen kann.

Vielleicht haben die Eigentümer keine Lust auf Umwandlung, weil sie mit Büroflächen mehr verdienen.
Gerade von denen haben wir sehr positives Feedback bekommen. Es haben sich viele Eigentümer gemeldet, die gesagt haben, ja, ich will leer stehende Büroflächen umwandeln. Darum geht es jetzt doch gerade, den ganzen Schwung mitzunehmen.

Mehr digitalisieren, Prozesse beschleunigen

Gilt das auch für die Münchner Lokalbaukommission (LBK), die im Ruf steht, Deutschlands größte Bauverhinderungsbehörde zu sein?
Ich gebe zu: Wir müssen einiges besser machen, digitalisieren, Prozesse beschleunigen und so weiter. Ich will die Kolleginnen und Kollegen in der LBK aber auch in Schutz nehmen. Die müssen umsetzen, was sie an Vorgaben haben. Ob diese Vorgaben Sinn machen und welche Potenziale es gibt – genau das schauen wir uns jetzt an.

Welche Lehren ziehen Sie als grüner OB aus der jüngsten Hitzewelle?
Da passiert schon etwas. Die Stadtwerke bauen die Fernkälte weiter aus. Aber was das Trinkwasser angeht, hatten wir tatsächlich eine Ausnahmesituation, wie wir sie seit 50 Jahren nicht mehr hatten. Wir brauchen ein Hitzeschutzkonzept, klar. Wir müssen Klimaschutz betreiben. Der Ausbau der Erneuerbaren – das ist auch ein Standortfaktor. Das macht uns weniger abhängig vom Import fossiler Brennstoffe.

1 Baum, bis zu 95.000 Euro für Entsiegelung

Wie steht es mit Klimaanpassung? Brauchen wir Kühlräume wie in Athen?
Das wird schwierig. Wir werden immer wieder verspottet für unser Baum-pflanz-Programm mit 3.500 Bäumen. Aber es gibt eben nichts Besseres gegen Hitze als Bäume. Tatsächlich kostet ein Baum in der City bis zu 95.000 Euro. Dann ist der Aufschrei groß. Die Politik muss mühsam erklären: Nicht der Baum ist so teuer, sondern das Entsiegeln der Fläche. Aber damit sichern wir die Attraktivität unserer Fußgängerzone auch in Hitzesommern – das ist wichtig für den Einzelhandel.

Was ist dran an dem Vorwurf, Sie seien auf Radwege fixiert?
Auf meine Anweisung hin wurde der neue Radweg entlang der Lindwurmstraße temporär in eine Busspur umgewidmet, damit der Schienenersatzverkehr besser fließt. Das hat mir ziemlichen Ärger eingetragen in der Radl-Bubble, aber die Situation dort war einfach inakzeptabel. Sie sehen: Ich entscheide nicht dogmatisch, sondern überlege, was am besten für die Stadt ist. Laut Statistik ist München nicht mehr Deutschlands Stauhauptstadt Nummer eins. Das hat einen Grund: Mehr Menschen fahren mit dem ÖPNV, gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Über diesen Mix stimmen die Münchner jeden Tag ab, das ist der Mix, den sie haben wollen.

Der Einzelhandel klagt über Geschäftseinbußen wegen der vielen Baustellen in der Stadt. Haben Sie Ideen, wie man das ändern könnte?
Das ist ein ewiges Ärgernis, ich weiß. Aber wir arbeiten dran und haben im Wirtschaftsausschuss gerade erst die vollständige Digitalisierung des Genehmigungsverfahrens für Baustellen beschlossen. Das wird das Antragsverfahren deutlich verkürzen. Auch der Baustellenfonds wird kommen.

Bürokratie-Monster-Wettbewerb

Wie steht es mit dem ewigen Problem Bürokratie?
Auf das Thema wurde ich im Wahlkampf immer wieder angesprochen. Tatsächlich haben wir über alle staatlichen Ebenen hinweg einen wahnsinnigen Bürokratie-Dschungel gezüchtet. Wir sind da auch schon dran: Kritische Rechtsvorschriften auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene, die die tägliche Arbeit der Verwaltung erschweren, werden jetzt stadtweit gesammelt und katalogisiert. Die Ergebnisse werden wir an den Freistaat Bayern weiterleiten, um Verbesserungen zu bewirken. Ich will zudem einen Bürokratie-Monster-Wettbewerb initiieren. Bürger und Unternehmer können uns sagen, wo es am schlimmsten klemmt. Das hilft uns, besser zu werden. Was nicht zwingend gebraucht wird, soll weg.

Zur Person: Dominik Krause

Dominik Krause (36) ist seit Mai 2026 Münchens Oberbürgermeister, zuvor war er bereits 2 Bürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt. Der Grünen-Politiker hat Physik an der Technischen Universität München (TUM) studiert und sitzt seit 2014 im Stadtrat.