Von Stefan Bottler, IHK-Magazin 9/2026
Die meisten Lkw-Züge sind bis zu 16,50 Meter lang und 2,60 Meter breit. Drohnen können solche Fahrzeuge auch aus großer Höhe einwandfrei identifizieren. Diese gute Erkennbarkeit von oben ist ein großer Vorteil für die Energiewirtschaft: Sie will mithilfe der Luftaufnahmen herausfinden, wie hoch der künftige Strombedarf ausfällt, wenn immer mehr Unternehmen ihre Lkw-Fuhrparks elektrifizieren und ihre Nutzfahrzeuge regelmäßig aufladen.
Konkret funktioniert das so: Im Auftrag des Energiekonzerns E.ON hat die Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V. (FfE) in München mit OpenStreetMap-Geodaten alle deutschen Gewerbestandorte mit Lkw-Parkplätzen erfasst. Anschließend ermittelt sie mit hochauflösenden Luftbildern, wie groß die Nachfrage nach den Stellplätzen ist, und untersucht mit KI-Tools, ob und wie Verteilnetze und Ladeinfrastruktur auf- beziehungsweise ausgebaut werden müssen.
Zukünftigen Ladebedarf erkennen
Die Erkenntnisse fließen auch in das Projekt „E-Boost Lkw“ ein, das die IHK für München und Oberbayern im Rahmen der Allianz Mobile Zukunft München (MZM) gestartet hat. Der Allianz gehören mehr als 20 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Hand an. Die IHK organisiert dazu Konferenzen in Münchner Gewerbegebieten und ermittelt zusammen mit örtlichen Unternehmen, Kommunen und Netzbetreibern, wie sich der Einsatz von E-Lkws und damit der Bedarf an Ladeinfrastruktur entwickelt.
„Die Teilnehmer machen sich ein Bild über den künftigen Leistungsbedarf beim Einsatz von E-Lkws“, erläutert Ernst Riehle, IHK-Referent für Mobilität und Wirtschaftsverkehr. „Flottenbetreiber, die bereits jetzt auf E-Lkws wechseln wollen oder dies in naher Zukunft vorhaben, können bei diesen Terminen ihren künftigen Strombedarf sichtbar machen.“ Das wiederum hilft Kommunen und Netzbetreibern, die künftigen Anforderungen ans Stromnetz abzuschätzen und Tempo und Umfang der weiteren Entwicklung genau zu planen.
Im Wettbewerb um Strom: Lkws versus KI
Die IHK lädt zunächst in die großen Gewerbegebiete im Münchner Norden und Osten ein. Die ersten Gebietskonferenzen fanden in Eching und München-Riem mit Kirchheim-Heimstetten statt, die nächsten Termine sind am 21. September 2026 in Garching und am 29. Oktober 2026 im Rahmen des „Tags der Mobilität“ der Ost-Allianz an der Messe München geplant. „Die Konferenzen legen die Basis für tiefergehende Gespräche mit den Flottenbetreibern“, zieht Bayernwerk-Manager Tobias Schmid nach den ersten Terminen Bilanz.
„Der Lkw steht auf dem Strommarkt in harter Konkurrenz zu anderen Großverbrauchern“, erklärt IHK-Experte Riehle den Hintergrund des Projekts. Der weltweite KI-Boom lässt die Nachfrage durch Rechenzentren geradezu explodieren. Aber auch die Elektrifizierung der Heizung durch Wärmepumpen und andere alternative Elektroprodukte sowie die industrielle Herstellung von grünem Wasserstoff durch Elektrolyse treiben den Strombedarf deutlich nach oben. Jetzt kommt noch der E-Lkw hinzu.
Aufladen in der Fahrerpause
Als Folge der kräftig gestiegenen Treibstoffpreise dürften viele Flottenbetreiber schneller als erwartet auf E-Lkws umsteigen, zumal sie – zumindest für eigene Ladestationen – auch noch Fördergelder in Anspruch nehmen können. Dem Quartalsreport Elektromobilität der Innovationsagentur Bayern Innovativ zufolge fährt jedes 50. schwere Nutzfahrzeug über 7,5 Tonnen, das in den ersten 3 Monaten 2026 neu zugelassen wurde, mit E-Antrieb. Die schweren Trucks jedoch verbrauchen überdurchschnittlich viel Strom: Pro 100 Kilometer können bis zu 150 Kilowattstunden (kWh) anfallen: Das ist 5-mal mehr, als ein Pkw benötigt.
Außerdem müssen schwere Lkws in kurzer Zeit möglichst viel Strom laden und benötigen Ladeleistungen ab 150 kW aufwärts. Die Technik hierfür ist längst da. Mit dem neuen Schnellladestandard Megawatt Charging System (MCS) sind Ladeleistungen von weit über 1.000 kW möglich. Der Lkw kann problemlos binnen 30 bis 45 Minuten – also innerhalb der gesetzlichen Fahrerpause – aufgeladen werden.
Mangel an Lkw-Ladesäulen
Standorte, die auch von Lkws angefahren werden können, sind derzeit noch rar. Die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur (NLL) in Berlin zählt im Großraum München nur 4 Standorte, die für schwere Nutzfahrzeuge geeignet sind. Im Bundesgebiet sind es 88.