Dabei tauchen mitunter sogar Infos auf, die der entsendenden Firma unmittelbar nutzen. So bekam Wagenspöck mit, dass in einer EWD-Maschine 4 Druckwalzen verbaut werden, aber nur 2 vor Ort gebraucht werden, um den Baumstamm zum Sägeblatt zu transportieren. „Die Info aus erster Hand hat er mitgebracht und wir haben das schon als Änderung in der Maschinenreihe vermerkt“, sagt Markus Lexhaller, Leiter Mechanische Konstruktion bei EWD. Weniger Teile, die verschleißen können, weniger Kosten, höhere Laufsicherheit.
Lernen von anderen Kulturen
Genau dieses „Gefühl für die andere Seite“ hat Wagenspöck entwickelt, weil er so gut wie alle Abteilungen des Kunden durchlaufen hat. Schon vor 2 Jahren hatte er einen Business-Englisch-Kurs in Dublin gemacht, jetzt sei noch mehr Fachsprache sowie das Kulturelle hinzugekommen – eine neue Lebensart, andere Arbeitsabläufe. In Macroom, einer 4.000-Einwohner-Stadt im Süden Irlands nahe Cork, und vor allem in der Firma seien alle „brutal hilfsbereit“ ihm gegenüber gewesen. In einem Zimmer in einer Mitarbeiterwohnung lebte er günstig mit 3 Gastarbeitern zusammen. „Sie kochten 3-mal am Tag, ich durfte mitessen.“
Im Mai 2025 hatte Wagenspöck seine Abschlussprüfung gemacht, arbeitete dann ein Jahr bei EWD und konnte in diesem Mai Erasmus+ nutzen. Ein idealer Zeitpunkt, meint er, um mehr Überblick zu bekommen, was wichtig ist. „Ich weiß jetzt besser, wie sich Preise bilden und dass dieser Kunde wirklich fast 100 Prozent des Baumes verwertet.“
Wissensdurst als Mitbringsel
Nun könne er über die 3D-Modelle, die er von den Sägemaschinen erstellt, hinausdenken, „vielleicht später einmal auch eine Maschine selbst auslegen. Ich habe einen ganz anderen Bezug zu unseren Maschinen bekommen.“
Die Erasmus-Zeit sei auch gut dafür, „herauszufinden, was man noch lernen mag“. Deshalb ist Wagenspöck nun entschlossen, sein Fachabitur zu machen, was bedeutet, 2 Samstage im Monat dafür einzusetzen, danach vielleicht ein Maschinenbau-Studium anzuhängen.
„Erasmus+ ist kein Urlaub“
Auf die Idee mit dem Auslandsaufenthalt hatte ihn sein früherer Berufsschullehrer Andreas Heidenreich gebracht. Der hatte selbst mit 17 einen USA-Aufenthalt erlebt und sieht diese Zeit als prägend an. „Erst dort ist mir bewusst geworden, wie besonders das deutsche Schul- und Ausbildungssystem ist. Kostenfrei, mit der Verbindung von theoretischem und praktischem Wissen – genau so, wie man es dann im Job braucht – Anwendungswissen eben.“ Heidenreich wurde auch aus diesem Grund Berufsschullehrer und arbeitete mehr als 10 Jahre als ehrenamtlicher IHK-Prüfer in der Ausbildung.
Ob 2-wöchiger Englisch-Sprachkurs auf Malta oder längere Aufenthalte – „Erasmus+ ist kein Urlaub“, sagt Heidenreich, heute Erasmus-Koordinator. „Der Hauptgewinn eines Auslandsaufenthalts ist immer die Persönlichkeitsentwicklung.“
EU fördert den Aufenthalt
Eine Aufgabe selbstständig in fremder Umgebung übernehmen zu dürfen, und das noch in einer fremden Sprache – „diesen Freiraum zu bekommen, ist eine Form von Respekt und Wertschätzung. Die kann sich auch in Loyalität auszahlen.“ Insgesamt steigere die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts den Wert der Ausbildung, sie werde vergleichbar zum Studium. Es gebe feste Fördersätze, Voll- oder Teilfinanzierung seien individuell zu klären (s. Kasten unten).
Meistens seien Filialen oder ein Kunde des Unternehmens bevorzugte Anlaufstellen. Durch einen solchen Aufenthalt könne etwa ein Anlagenmechaniker in einer Vertriebsniederlassung mitarbeiten, eine Hotelfachkraft in einem spezielleren Metier oder größeren Haus. Auch Ausbilder können sich mehrere Tage fördern lassen, zum Kennenlernen der Situation vor Ort für ihre zu betreuenden Azubis.
Zeitpunkt auf Betriebsabläufe abstimmen
Vom Zeitpunkt her passt es oft nach der Zwischenprüfung gut. Oder es bietet sich ein Berufsschulblock an, plus Arbeitswoche(n), die das Unternehmen „drauflegt“. Gerade schwächeren Schülern kann das Ausland einen Kick geben, hat der ehemalige Berufsschullehrer beobachtet. „Sie kommen wieder, sind plötzlich motivierter und sehen dann den Wert der schulischen Inhalte auch mehr.“
Sein Tipp in Sachen Versicherung: „Das Unternehmen tut sich leichter, wenn jemand übernommen und schon eingestellt ist und somit als Arbeitnehmer ins Ausland fährt.“