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Neue Perspektive – im irischen Sägewerk bekam Elias Wagenspöck einen anderen Blick auf sein Berufsfeld

Neue Perspektive – im irischen Sägewerk bekam Elias Wagenspöck einen anderen Blick auf sein Berufsfeld

© privat

Umfassend gebildet zurück

Praxiswissen, Selbstvertrauen und neue Perspektiven: Mit dem europäischen Förderprogramm Erasmus+ sammeln Azubis wertvolle Erfahrungen im Ausland. Davon profitieren sie selbst – und ihre Arbeitgeber.

Von Eva Schröder, IHK-Magazin 9/2026

Die Sägeblätter im irischen Holzwerk surrten täglich 12 Stunden, schnitten massive Baumstämme zu Brettern und Balken, außer ein paar irischen Wortfetzen nur Maschinenlärm. Begeistert ist Elias Wagenspöck davon noch immer: „Die Nachtschicht, 10 Tage mit den Instandhaltern im Werk unterwegs, das war richtig toll!“ Als der Technische Produktdesigner aus Altötting im Mai 2026 an den riesigen Anlagen mit seinen irischen, südafrikanischen und philippinischen Kollegen auf Zeit zugange war, bekam er eine neue Sichtweise auf sein Berufsfeld.

Bei seinem Arbeitgeber in Deutschland, der Esterer WD GmbH (EWD), konstruiert er am Rechner Bauteile für Sägemaschinen. Dank des europäischen Programms Erasmus+ konnte der 21-jährige junge Mann 4 Wochen in Irland arbeiten, bekam sein Gehalt, zusätzliches Taschengeld – und ganz viel Erfahrung, unbezahlbar.

Persönlichkeit und Know-how wachsen

Wie sowohl junge Mitarbeitende als auch ihre Arbeitgeber von einem Auslandsaufenthalt profitieren? „Sie kommen aus dem Ausland zurück und sind ein Stück größer geworden“, bringt es Andreas Heidenreich, Erasmus-Koordinator am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB), auf den Punkt. „Einem solchen Mitarbeiter können sie viel mehr zutrauen, weil er sich selbst viel mehr zutraut. Das ist wichtiger als der fachliche Zugewinn.“

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© IHK/Schröder

Diese Azubis kommen aus dem Ausland zurück und sind ein Stück größer geworden.

Andreas Heidenreich, Erasmus-Koordinator am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung

Dabei tauchen mitunter sogar Infos auf, die der entsendenden Firma unmittelbar nutzen. So bekam Wagenspöck mit, dass in einer EWD-Maschine 4 Druckwalzen verbaut werden, aber nur 2 vor Ort gebraucht werden, um den Baumstamm zum Sägeblatt zu transportieren. „Die Info aus erster Hand hat er mitgebracht und wir haben das schon als Änderung in der Maschinenreihe vermerkt“, sagt Markus Lexhaller, Leiter Mechanische Konstruktion bei EWD. Weniger Teile, die verschleißen können, weniger Kosten, höhere Laufsicherheit.

Lernen von anderen Kulturen

Genau dieses „Gefühl für die andere Seite“ hat Wagenspöck entwickelt, weil er so gut wie alle Abteilungen des Kunden durchlaufen hat. Schon vor 2 Jahren hatte er einen Business-Englisch-Kurs in Dublin gemacht, jetzt sei noch mehr Fachsprache sowie das Kulturelle hinzugekommen – eine neue Lebensart, andere Arbeitsabläufe. In Macroom, einer 4.000-Einwohner-Stadt im Süden Irlands nahe Cork, und vor allem in der Firma seien alle „brutal hilfsbereit“ ihm gegenüber gewesen. In einem Zimmer in einer Mitarbeiterwohnung lebte er günstig mit 3 Gastarbeitern zusammen. „Sie kochten 3-mal am Tag, ich durfte mitessen.“

Im Mai 2025 hatte Wagenspöck seine Abschlussprüfung gemacht, arbeitete dann ein Jahr bei EWD und konnte in diesem Mai Erasmus+ nutzen. Ein idealer Zeitpunkt, meint er, um mehr Überblick zu bekommen, was wichtig ist. „Ich weiß jetzt besser, wie sich Preise bilden und dass dieser Kunde wirklich fast 100 Prozent des Baumes verwertet.“

Wissensdurst als Mitbringsel

Nun könne er über die 3D-Modelle, die er von den Sägemaschinen erstellt, hinausdenken, „vielleicht später einmal auch eine Maschine selbst auslegen. Ich habe einen ganz anderen Bezug zu unseren Maschinen bekommen.“

Die Erasmus-Zeit sei auch gut dafür, „herauszufinden, was man noch lernen mag“. Deshalb ist Wagenspöck nun entschlossen, sein Fachabitur zu machen, was bedeutet, 2 Samstage im Monat dafür einzusetzen, danach vielleicht ein Maschinenbau-Studium anzuhängen.

„Erasmus+ ist kein Urlaub“

Auf die Idee mit dem Auslandsaufenthalt hatte ihn sein früherer Berufsschullehrer Andreas Heidenreich gebracht. Der hatte selbst mit 17 einen USA-Aufenthalt erlebt und sieht diese Zeit als prägend an. „Erst dort ist mir bewusst geworden, wie besonders das deutsche Schul- und Ausbildungssystem ist. Kostenfrei, mit der Verbindung von theoretischem und praktischem Wissen – genau so, wie man es dann im Job braucht – Anwendungswissen eben.“ Heidenreich wurde auch aus diesem Grund Berufsschullehrer und arbeitete mehr als 10 Jahre als ehrenamtlicher IHK-Prüfer in der Ausbildung.

Ob 2-wöchiger Englisch-Sprachkurs auf Malta oder längere Aufenthalte – „Erasmus+ ist kein Urlaub“, sagt Heidenreich, heute Erasmus-Koordinator. „Der Hauptgewinn eines Auslandsaufenthalts ist immer die Persönlichkeitsentwicklung.“

EU fördert den Aufenthalt

Eine Aufgabe selbstständig in fremder Umgebung übernehmen zu dürfen, und das noch in einer fremden Sprache – „diesen Freiraum zu bekommen, ist eine Form von Respekt und Wertschätzung. Die kann sich auch in Loyalität auszahlen.“ Insgesamt steigere die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts den Wert der Ausbildung, sie werde vergleichbar zum Studium. Es gebe feste Fördersätze, Voll- oder Teilfinanzierung seien individuell zu klären (s. Kasten unten).

Meistens seien Filialen oder ein Kunde des Unternehmens bevorzugte Anlaufstellen. Durch einen solchen Aufenthalt könne etwa ein Anlagenmechaniker in einer Vertriebsniederlassung mitarbeiten, eine Hotelfachkraft in einem spezielleren Metier oder größeren Haus. Auch Ausbilder können sich mehrere Tage fördern lassen, zum Kennenlernen der Situation vor Ort für ihre zu betreuenden Azubis.

Zeitpunkt auf Betriebsabläufe abstimmen

Vom Zeitpunkt her passt es oft nach der Zwischenprüfung gut. Oder es bietet sich ein Berufsschulblock an, plus Arbeitswoche(n), die das Unternehmen „drauflegt“. Gerade schwächeren Schülern kann das Ausland einen Kick geben, hat der ehemalige Berufsschullehrer beobachtet. „Sie kommen wieder, sind plötzlich motivierter und sehen dann den Wert der schulischen Inhalte auch mehr.“

Sein Tipp in Sachen Versicherung: „Das Unternehmen tut sich leichter, wenn jemand übernommen und schon eingestellt ist und somit als Arbeitnehmer ins Ausland fährt.“

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Steuerberater Carsten Schmid (l.) mit dem Auszubildenden Simon Eberl, der zwei Monate in Windhoek arbeitete

Einsatz bis nach Afrika

Noch weitergehende Wirkungen erhofft sich Steuerberater Carsten Schmid. Er möchte seine Fachkräftelücke schließen. Aus seinem 15-köpfigen Team in Fürstenfeldbruck war der 19-jährige Simon Eberl, angehender Steuerfachangestellter im 2. Lehrjahr, im Juli und August in Windhoek in Namibia. Dort lernte er die Arbeit in einer 150-Personen-Kanzlei kennen.

Schmid ist von der deutschen Community in Namibia begeistert. Er recherchierte viel vorab, flog hin, führte einige Gespräche, prüfte rechtliche Bedingungen und testete auch selbst die Technik vor Ort. Für Eberl hat er eine persönliche Betreuung sowie Vollverpflegung in einem Hotel organisiert. Denn der junge Azubi stellte neben seinen Ausbildungsinhalten als eine Art Scout auch an 3 Schulen in Windhoek das deutsche duale Ausbildungssystem vor.

„Coole Möglichkeit“

„Davon erhoffe ich mir Kandidaten, die Deutsch sprechen, dann bei uns ihre Ausbildung machen und später von Namibia aus für uns arbeiten“, sagt Schmid. Die Zeitverschiebung von nur einer Stunde, „sehr gutes Internet in der Hauptstadt“ und die deutschen Verbindungen aus der Kolonialzeit, wie die einzige außereuropäische deutschsprachige Zeitung, findet er ideal. „So eine Möglichkeit zu bekommen, ist cool“, sagt Eberl, der von seinen Freunden schon etwas um diese Erfahrung beneidet wird.

Auch Ausbildungsbetrieb profitiert

Der Pilotcharakter dieser Aufenthalte hat in Altötting und Fürstenfeldbruck jeweils seinen ganz eigenen Reiz entfaltet. Wagenspöcks Aufenthalt wird bei EWD als „Glücksgriff“ empfunden – und öffnet Räume. „Tolle Kunden von uns gibt es auch in der Schweiz, Italien, Tschechien – da haben wir viele Möglichkeiten“, sagt Konstruktionsleiter Lexhaller. Er hat selbst als junger Industriemechaniker 14 Tage in einem Pariser Unternehmen verbracht. „Sprachlich war’s sportlich, aber einfach toll, so früh das Vertrauen zu bekommen, selbstständig arbeiten zu dürfen.“ Deshalb befürwortete er auch sofort Wagenspöcks Irland-Wunsch. Als Inspiration teilte der seine Erfahrungen auch auf dem EWD-Instagram-Account.

„Alle sollen Erasmus+ nutzen“

Jetzt, Anfang September, fangen 12 Azubis bei EWD an – in 4 Berufen, ein Rekord. EWD-Geschäftsführer Urs Affolter hat mit Personalerin Patricia Kraus schon im Intranet veröffentlicht: „Alle dürfen, nein, sollen sogar Erasmus+ nutzen!“ Die Sägewerkspezialisten wollen das ausbauen – für mehr frühe Verantwortung ihrer Nachwuchskräfte.

IHK-Info: So gelingt der Weg ins Ausland mit Erasmus+

Erasmus+ ist das Programm zur Förderung lebenslangen Lernens der Europäischen Union (EU), das die berufliche und persönliche Weiterentwicklung unterstützt. Seit 1987 hat es nach EU-Angaben 18,4 Millionen Menschen „lebensverändernde Lernerfahrungen ermöglicht“. Die Zahl der Teilnehmenden hat sich seit 2014 fast verdoppelt. Pro Jahr gehen bis zu 12.000 junge Leute aus Bayern ins Ausland via Erasmus+. Interessierte Unternehmen können sich am besten an ihre kooperierenden Berufsschulen wenden oder sich beim Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) beraten lassen. Weitere Informationen gibt es auf der Website von Erasmus+ Bayern.

Benefit für Azubis

Azubis erhalten während des Auslandsaufenthalts für Kost und Logis je nach Land durchschnittlich 50 bis 70 Euro pro Tag von der EU. Der Reisekostenzuschuss liegt bei 200 bis 1.700 Euro. Vom entsendenden Unternehmen gibt es eine Freistellung für den geförderten Zeitraum, das reguläre Gehalt des Betriebs, teilweise ein Taschengeld. Erasmus+ zu nutzen ist während der Ausbildung und bis zu einem Jahr nach dem Abschluss möglich. Weitere Infos auf der EU-Website Erasmus+.