Ihre Wahl hat Sensation gemacht. Eine Schweizer Zeitung schreibt: Schulden, Verkehr, Wohnen – Krause muss jetzt liefern. Was empfinden Sie, wenn Sie so etwas lesen?
Das sind große Erwartungen. Aber ich empfinde es als Privileg, als OB diese Dinge anschieben zu können. Um es nochmal zu sagen: Am Ende geht es um eine Gemeinschaftsleistung. Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft – alle müssen mitziehen, wenn unsere Stadt besser werden soll.
In einem Punkt wird sie wohl schlechter. Das Ende der kostenlosen Kita in München hat die Linke im Bundestag aufgegriffen.
Die Haushaltskrise stellt uns vor große Hausaufgaben. Wir können uns nicht mehr alles leisten. Die Mango will und muss sparen: eine halbe Milliarde Euro weniger im laufenden Verwaltungshaushalt bis Ende der 20er Jahre. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr investieren.
Sparen und investieren – wir wollen Sie den Spagat hinbekommen?
Bei den laufenden Ausgaben müssen wir besser werden. Effizienter arbeiten, digitalisieren, mehr Einnahmen generieren. Da brauchen wir mindestens eine schwarze Null. Gleichzeitig wächst die Stadt. Also brauchen wir mehr ÖPNV, Schulen, Kitas und neue Wohnungen. Für diese Investitionen müssen wir leider auch Schulden aufnehmen, ansonsten stehen wir in 20 Jahren vor unlösbaren Problemen.
War es nicht ein Fehler, 50.000 neue Wohnungen zu versprechen?
Das werde ich häufig gefragt. Aber erstens basiert die Zahl auf Studien, die wir auf dem Tisch haben. Zweitens: Wenn sich Politik nicht mehr traut, klare Ziele zu formulieren, tun das andere an unserer Stelle. Die von Rechtsaußen. Das darf nicht passieren. Ich kann nicht versprechen, Münchens Wohnungsproblem zu lösen. Aber ich kann ein Ziel vorgeben, auch wenn es ambitioniert ist. Und die Stadtverwaltung arbeitet mit Hochdruck daran, das umzusetzen.
Gibt es da schon Fortschritte?
Wir haben die Umbauagentur beschlossen. Wir wollen knapp 2 Millionen Quadratmeter leer stehender Bürofläche in Wohnraum umwandeln. Ich hatte einen Wohnungsgipfel mit der Bau- und Immobilienwirtschaft. Wir haben uns angeschaut, wo es klemmt bei Finanzierung und Baurecht. Wir arbeiten an Rahmenbedingungen für die sozialverträgliche Bodennutzung SoBoN. Wir sind daran, den Münchner Standard zu etablieren, damit man vereinfacht bauen kann. Sie sehen: Wir feuern schon aus allen Rohren.
Vielleicht haben die Eigentümer keine Lust auf Umwandlung, weil sie mit Bürofläche mehr verdienen.
Gerade von denen haben wir sehr positives Feedback bekommen. Es haben sich viele Eigentümer gemeldet, die gesagt haben, ja, ich will leer stehende Büroflächen umwandeln. Darum geht es jetzt doch gerade, den ganzen Schwung mitzunehmen.
Gilt das auch für die Münchner Lokalbaukommission, die im Ruf steht, Deutschlands größte Bauverhinderungsbehörde zu sein?
Ich gebe zu: Wir müssen einiges besser machen, digitalisieren, Prozesse beschleunigen und so weiter. Ich will die Kolleginnen und Kollegen in der LBK aber auch in Schutz nehmen. Die müssen umsetzen, was sie an Vorgaben haben. Ob diese Vorgaben Sinn machen und welche Potentiale es gibt – genau das schauen wir uns jetzt genau an.
Welche Lehren ziehen Sie als grüner OB aus der jüngsten Hitzewelle?
Da passiert schon etwas. Die Stadtwerke bauen die Fernkälte weiter aus. Aber was das Trinkwasser angeht, hatten wir tatsächlich eine Ausnahme-Situation, wie wir sie seit 50 Jahren nicht mehr hatten. Wir brauchen ein Hitzeschutz-Konzept, klar. Wir müssen Klimaschutz betreiben. Der Ausbau der Erneuerbaren – das ist auch ein Standortfaktor. Das macht uns weniger abhängig vom Import fossiler Brennstoffe.
Wie steht es mit Klimaanpassung? Brauchen wir Kühlräume wie in Athen?
Das wird schwierig. Wir werden ja immer wieder verspottet für unser Baumpflanz-Programm mit 3.500 Bäumen. Aber es gibt eben nichts Besseres gegen Hitze als Bäume. Tatsächlich kostet ein Baum in der City bis zu 95.000 Euro. Dann ist der Aufschrei groß. Die Politik muss dann mühsam erklären: Nicht der Baum ist so teuer, sondern das Entsiegeln der Fläche. Aber damit sichern wir die Attraktivität unserer Fußgängerzone auch in Hitze-Sommern – das ist wichtig für den Einzelhandel.
Was ist dran an dem Vorwurf, Sie seien auf Radwege fixiert?
Auf meine Anweisung hin wurde der neue Radweg entlang der Lindwurmstraße temporär in eine Busspur umgewidmet, damit der Schienenersatzverkehr besser fließt. Das hat mir ziemlichen Ärger eingetragen in der Radlbubble, aber die Situation dort war einfach inakzeptabel. Sie sehen: Ich entscheide nicht dogmatisch, sondern überlege, was am besten für die Stadt ist. Laut Statistik ist München nicht mehr Deutschlands Stauhauptstadt Nr. 1. Das hat einen Grund: Mehr Menschen fahren mit dem ÖPNV, gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Über diesen Mix stimmen die Münchner jeden Tag ab, das ist der Mix, den sie haben wollen.
Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Wir bauen den ÖPNV aus. Und wir brauchen eine vernünftige Radinfrastruktur. Mit Blick auf die Haushaltslage geht es derzeit um mehr Radsicherheit und das Schließen von Radlücken. Davon profitieren alle. Das schafft auf der Straße mehr Platz für die, die mit dem Auto unterwegs sein müssen.
Der Einzelhandel klagt über Geschäftseinbußen wegen der vielen Baustellen in der Stadt. Haben Sie Ideen, wie man das ändern könnte?
Das ist ein ewiges Ärgernis, ich weiß. Aber wir arbeiten dran und haben im Wirtschaftsausschuss gerade erst die vollständige Digitalisierung des Genehmigungsverfahrens für Baustellen beschlossen. Das wird das Antragsverfahren deutlich verkürzen. Auch der Baustellenfonds wird kommen, da arbeiten wir gerade dran.
Wie steht es um das ewige Problem der Bürokratie?
Auf das Thema wurde ich im Wahlkampf immer wieder angesprochen. Tatsächlich haben wir über alle staatlichen Ebenen hinweg einen wahnsinnigen Bürokratie-Dschungel gezüchtet. Wir sind da auch schon dran: Kritische Rechtsvorschriften auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene, die die tägliche Arbeit der Verwaltung erschweren, werden jetzt stadtweit gesammelt und katalogisiert. Die Ergebnisse werden wir an den Freistaat Bayern weiterleiten, um Verbesserungen zu bewirken. Ich will zudem einen Bürokratie-Monster-Wettbewerb initiieren. Bürger und Unternehmer können uns sagen, wo es am schlimmsten klemmt. Das hilft uns, besser zu werden. Was nicht zwingend gebraucht wird, soll weg.
Ist das in Ihrem Regal da die Olympische Fackel von 1972?
Es ist eine der Fackeln, die 1972 auf einer Strecke des olympischen Fackellaufs eingesetzt wurde. Und der Bierschlegel, der da drunter liegt, den hat mir unsere Wiesn-Stadträtin (Anja Berger, Grüne) geschenkt, als ich OB geworden bin.
Haben Sie das schon einmal geübt, das Fassanstechen?
Als 2. Bürgermeister habe ich immer mal wieder Fässer angezapft, da hat es immer mit zwei bis drei Schlägen geklappt. Beim Anstich auf dem Oktoberfest schauen natürlich ein paar mehr Leute zu. Mein absoluter Traum wäre, dass wir in 10 oder 14 Jahren hier eine neue olympische Fackel reinstellen können.