Münchens OB Dominik Krause erklärt, wie er die Aufbruchsstimmung in der Stadt nutzen und 50.000 neue Wohnungen bauen will

Von Martin Armbruster


Es ist in diesen Räumen des Münchner Rathauses schwer, nicht beeindruckt zu sein. Schon im Vorzimmer des Oberbürgermeisters hat man einen guten Blick auf den Marienplatz. Daneben ist der Balkon, auf dem der FC Bayern seine Meisterschaften feiert. Auf dem Schreibtisch des OBs liegen nur ein paar Akten. Hier wird also über einen 10-Milliarden-Etat und die Zukunft einer Metropole entschieden.

Während der OB mit unserem Fotografen beim Shooting ist, gibt es Zeit für einen Blick in das Buchregal. Spannend, welche Autoren ein OB so liest: Hans-Jochen Vogel, Franz Kotteder und Helmut Dietls „A bissl was geht immer“. Das nährt den Verdacht: Hier arbeitet ein Münchner, der seine Stadt liebt. Dann rauscht er herein, Münchens neuer OB Dominik Krause. Und das Gespräch startet mit Schwung.

Herr Krause, Glückwunsch. Einen Punkt haben Sie bei der IHK schon gemacht. Unsere Vizepräsidentin Karin Elsperger hält Ihre Social Media-Beiträge für sehr gelungen.

Danke für das Lob, aber ich hoffe, dass ich die IHK auch anderweitig gut abholen kann (lacht).

Wie kamen Sie darauf, Reels auf Instagram zu machen? Haben Sie die Idee von Robert Habeck?

Ich habe angefangen, Social Media zu machen, als ich 2. Bürgermeister geworden bin. Das ist wie eine Bürgersprechstunde, nur eben digital. Klar gab und gibt es einige, die das kritisch sehen.

Sie haben es aber trotzdem gemacht.

Ja, weil Politik heute nur mit guter Kommunikation funktioniert. Man erreicht wahnsinnig viele Menschen auf Social Media. Entscheidend ist für mich, wie man diese Reichweite nutzt. Man kann da zeigen, wie man Hamburger isst. Mir geht es eher darum, Inhalte rüberzubringen. Das Feedback war von Anfang an sehr positiv. Die Leute freuen sich, wenn sie auf Insta erfahren: Was tut die Stadt eigentlich, und was bewegt sich.

Die TV-Bilder Ihrer grünen Wahlparty haben bundesweit Eindruck gemacht. Wie viel ist von dieser Euphorie noch übrig?

Es war wirklich unglaublich, diese Aufbruchsstimmung zu erleben, die es in der Stadt vor der Stichwahl gab. Natürlich hat mich das gefreut, weil das auch mit meiner Person verbunden wurde. Es geht aber darüber hinaus. Die Leute wünschen sich einen Aufbruch in ihrer Stadt.

Wie gehen Sie damit um?

Um den Punkt kreiste schon mein ganzer Wahlkampf: Wir haben eine wunderschöne Stadt. Es ist toll hier zu leben. Aber wir müssen jetzt dringend etwas tun, damit es weiter bezahlbare Wohnungen gibt, einen zuverlässigen ÖPNV und gute Arbeitsplätze. Das ist der Wunsch der Münchner. Ich gebe alles dafür, den zu erfüllen. Und ja, ich spüre diese Euphorie noch immer – in der Stadtgesellschaft und in der Stadtverwaltung.

Euphorie in der Verwaltung. Es fällt schwer, sich das vorzustellen.

Aber das ist für mich das Entscheidende. Politiker und Bürgermeister halten Reden und geben politische Linien vor, konkret umsetzen müssen es andere. Mein Job als OB ist, dafür zu sorgen, dass wir eine Verwaltung haben, die Lust hat, die Arbeit zu machen und die Stadt voranzubringen. München braucht eine Verwaltung, die nicht auf Impulse von außen wartet, sondern selbst voranschreitet.

Eine Person in dunklem Anzug und hellem Hemd steht auf einem Balkon neben bepflanzten Blumenkästen. Im Hintergrund sind mehrere Gebäude eines städtischen Platzes sowie ein Turm mit Uhr zu sehen.

© Thorsten Jochim

München braucht eine Verwaltung, die nicht auf Impulse von außen wartet, sondern selbst voranschreitet.

Münchens OB Dominik Krause

Sehen Sie dafür erste Anzeichen?

Das ist ja gerade das Tolle. Nur ein paar Tage nach der Wahl stand die Leitungsebene des Planungsreferats in Mannschaftsstärke bei mir im Büro. Die Kollegen haben mir von sich aus viele Vorschläge gemacht, wie wir beim Thema bezahlbares Wohnen vorankommen. Nehmen Sie das Stichwort Umbauagentur …

Ist das die Agentur, die für die Umwandlung von leer stehenden Büroflächen in Wohnungen sorgen soll?

Ja, genau. Ich habe die verschiedenen Referate angesprochen mit der Bitte, mir zu sagen, wie wir das als Stadt angehen können, welche Ideen sie haben. Von den Referaten kamen jeweils bis zu zehn Seiten voller guter Vorschläge zurück.

Für die Umsetzung brauchen Sie wohl auch den Stadtrat. Ist Ihre Mango-Koalition dafür stabil genug?

Wir haben intensive Gespräche geführt mit der CSU und mit unseren Mango-Partnern (Grüne/Rosa Liste, SPD, FDP, Freie Wähler). Es gab von allen Seiten ein hohes Verantwortungsbewusstsein und den Willen, etwas voranzubringen. Das zeigt sich auch darin, dass wir seit Langem erstmals wieder über die Grenze zwischen Regierungsblock und Opposition hinweg gemeinsam agieren. Das war bei der Referentenwahl so, das setzt sich bei inhaltlichen Themen fort.

Der Stadtwerke-Chef sagte mir, mit Ihnen werde das Teamwork super laufen. Man sagt, Sie hätten einen Draht zu unserem IHK-Präsidenten Peter Inselkammer. Wie gut sind Ihre Kontakte zur Wirtschaft?

Ich hatte in meiner Zeit als 2. Bürgermeister viel mit der IHK zu tun, ich war auch bei einer IHK-Ausschusssitzung. Im Wahlkampf habe ich mit vielen Unternehmen gesprochen. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, damit wir München gestalten können. Wir können uns die schönsten Dinge überlegen. Ohne Gewerbesteuer wird es nichts mit bezahlbarem Wohnraum, mehr Grünflächen und ÖPNV.

Wie sieht denn Ihre Vision der Zukunft Münchens aus?

Wenn man das konkret herunterbricht, landen wir bei unserer Olympia-Bewerbung. Wir haben ein sehr nachhaltiges Bewerbungskonzept. Die Dinge, die wir für Olympia bewegen, werden die Stadt prägen: der ÖPNV-Ausbau, die Entwicklung im Münchner Nordosten. Ich würde mir auch eine Entwicklung im Norden wünschen. Was ich wahnsinnig wichtig finde, ist auch die Münchner Selbstwahrnehmung als Weltstadt mit Herz.

Sie betonen Münchens Weltoffenheit. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich glaube, dass der Faktor total entscheidend ist für die Lebens- und Standortqualität. Das höre ich gerade von den Tech-Unternehmen, die nach München kommen. Die sind gerne hier, weil ihre Mitarbeiter in einem weltoffenen Klima frei leben können. Ich finde, gerade in Zeiten zunehmenden Rechtsextremismus müssen wir das Selbstbewusstsein haben, diesen Punkt anzusprechen. Weltoffenheit gehört zu Münchens Identität, und es ist essentiell für den Wirtschaftsstandort.

Eine Person in dunklem Anzug und hellem Hemd steht in einer großen historischen Halle vor einer breiten Steintreppe. Die Architektur ist geprägt von hohen Gewölbebögen aus Naturstein und einer hängenden Leuchte.

© Thorsten Jochim

Weltoffenheit gehört zu Münchens Identität, und es ist essentiell für den Wirtschaftsstandort.

Münchens OB Dominik Krause

Ihre Wahl hat Sensation gemacht. Eine Schweizer Zeitung schreibt: Schulden, Verkehr, Wohnen – Krause muss jetzt liefern. Was empfinden Sie, wenn Sie so etwas lesen?

Das sind große Erwartungen. Aber ich empfinde es als Privileg, als OB diese Dinge anschieben zu können. Um es nochmal zu sagen: Am Ende geht es um eine Gemeinschaftsleistung. Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft – alle müssen mitziehen, wenn unsere Stadt besser werden soll.

In einem Punkt wird sie wohl schlechter. Das Ende der kostenlosen Kita in München hat die Linke im Bundestag aufgegriffen.

Die Haushaltskrise stellt uns vor große Hausaufgaben. Wir können uns nicht mehr alles leisten. Die Mango will und muss sparen: eine halbe Milliarde Euro weniger im laufenden Verwaltungshaushalt bis Ende der 20er Jahre. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr investieren.

Sparen und investieren – wir wollen Sie den Spagat hinbekommen?

Bei den laufenden Ausgaben müssen wir besser werden. Effizienter arbeiten, digitalisieren, mehr Einnahmen generieren. Da brauchen wir mindestens eine schwarze Null. Gleichzeitig wächst die Stadt. Also brauchen wir mehr ÖPNV, Schulen, Kitas und neue Wohnungen. Für diese Investitionen müssen wir leider auch Schulden aufnehmen, ansonsten stehen wir in 20 Jahren vor unlösbaren Problemen.

War es nicht ein Fehler, 50.000 neue Wohnungen zu versprechen?

Das werde ich häufig gefragt. Aber erstens basiert die Zahl auf Studien, die wir auf dem Tisch haben. Zweitens: Wenn sich Politik nicht mehr traut, klare Ziele zu formulieren, tun das andere an unserer Stelle. Die von Rechtsaußen. Das darf nicht passieren. Ich kann nicht versprechen, Münchens Wohnungsproblem zu lösen. Aber ich kann ein Ziel vorgeben, auch wenn es ambitioniert ist. Und die Stadtverwaltung arbeitet mit Hochdruck daran, das umzusetzen.

Gibt es da schon Fortschritte?

Wir haben die Umbauagentur beschlossen. Wir wollen knapp 2 Millionen Quadratmeter leer stehender Bürofläche in Wohnraum umwandeln. Ich hatte einen Wohnungsgipfel mit der Bau- und Immobilienwirtschaft. Wir haben uns angeschaut, wo es klemmt bei Finanzierung und Baurecht. Wir arbeiten an Rahmenbedingungen für die sozialverträgliche Bodennutzung SoBoN. Wir sind daran, den Münchner Standard zu etablieren, damit man vereinfacht bauen kann. Sie sehen: Wir feuern schon aus allen Rohren.

Vielleicht haben die Eigentümer keine Lust auf Umwandlung, weil sie mit Bürofläche mehr verdienen.

Gerade von denen haben wir sehr positives Feedback bekommen. Es haben sich viele Eigentümer gemeldet, die gesagt haben, ja, ich will leer stehende Büroflächen umwandeln. Darum geht es jetzt doch gerade, den ganzen Schwung mitzunehmen.

Gilt das auch für die Münchner Lokalbaukommission, die im Ruf steht, Deutschlands größte Bauverhinderungsbehörde zu sein?

Ich gebe zu: Wir müssen einiges besser machen, digitalisieren, Prozesse beschleunigen und so weiter. Ich will die Kolleginnen und Kollegen in der LBK aber auch in Schutz nehmen. Die müssen umsetzen, was sie an Vorgaben haben. Ob diese Vorgaben Sinn machen und welche Potentiale es gibt – genau das schauen wir uns jetzt genau an.

Welche Lehren ziehen Sie als grüner OB aus der jüngsten Hitzewelle?

Da passiert schon etwas. Die Stadtwerke bauen die Fernkälte weiter aus. Aber was das Trinkwasser angeht, hatten wir tatsächlich eine Ausnahme-Situation, wie wir sie seit 50 Jahren nicht mehr hatten. Wir brauchen ein Hitzeschutz-Konzept, klar. Wir müssen Klimaschutz betreiben. Der Ausbau der Erneuerbaren – das ist auch ein Standortfaktor. Das macht uns weniger abhängig vom Import fossiler Brennstoffe.

Wie steht es mit Klimaanpassung? Brauchen wir Kühlräume wie in Athen?

Das wird schwierig. Wir werden ja immer wieder verspottet für unser Baumpflanz-Programm mit 3.500 Bäumen. Aber es gibt eben nichts Besseres gegen Hitze als Bäume. Tatsächlich kostet ein Baum in der City bis zu 95.000 Euro. Dann ist der Aufschrei groß. Die Politik muss dann mühsam erklären: Nicht der Baum ist so teuer, sondern das Entsiegeln der Fläche. Aber damit sichern wir die Attraktivität unserer Fußgängerzone auch in Hitze-Sommern – das ist wichtig für den Einzelhandel.

Was ist dran an dem Vorwurf, Sie seien auf Radwege fixiert?

Auf meine Anweisung hin wurde der neue Radweg entlang der Lindwurmstraße temporär in eine Busspur umgewidmet, damit der Schienenersatzverkehr besser fließt. Das hat mir ziemlichen Ärger eingetragen in der Radlbubble, aber die Situation dort war einfach inakzeptabel. Sie sehen: Ich entscheide nicht dogmatisch, sondern überlege, was am besten für die Stadt ist. Laut Statistik ist München nicht mehr Deutschlands Stauhauptstadt Nr. 1. Das hat einen Grund: Mehr Menschen fahren mit dem ÖPNV, gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Über diesen Mix stimmen die Münchner jeden Tag ab, das ist der Mix, den sie haben wollen.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Wir bauen den ÖPNV aus. Und wir brauchen eine vernünftige Radinfrastruktur. Mit Blick auf die Haushaltslage geht es derzeit um mehr Radsicherheit und das Schließen von Radlücken. Davon profitieren alle. Das schafft auf der Straße mehr Platz für die, die mit dem Auto unterwegs sein müssen.

Der Einzelhandel klagt über Geschäftseinbußen wegen der vielen Baustellen in der Stadt. Haben Sie Ideen, wie man das ändern könnte?

Das ist ein ewiges Ärgernis, ich weiß. Aber wir arbeiten dran und haben im Wirtschaftsausschuss gerade erst die vollständige Digitalisierung des Genehmigungsver­fahrens für Baustellen beschlossen. Das wird das Antragsverfahren deutlich verkürzen. Auch der Baustellenfonds wird kommen, da arbeiten wir gerade dran.

Wie steht es um das ewige Problem der Bürokratie?

Auf das Thema wurde ich im Wahlkampf immer wieder angesprochen. Tatsächlich haben wir über alle staatlichen Ebenen hinweg einen wahnsinnigen Bürokratie-Dschungel gezüchtet. Wir sind da auch schon dran: Kritische Rechtsvorschriften auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene, die die tägliche Arbeit der Verwaltung erschweren, werden jetzt stadtweit gesammelt und katalogisiert. Die Ergebnisse werden wir an den Freistaat Bayern weiterleiten, um Verbesserungen zu bewirken. Ich will zudem einen Bürokratie-Monster-Wettbewerb initiieren. Bürger und Unternehmer können uns sagen, wo es am schlimmsten klemmt. Das hilft uns, besser zu werden. Was nicht zwingend gebraucht wird, soll weg.

Ist das in Ihrem Regal da die Olympische Fackel von 1972?

Es ist eine der Fackeln, die 1972 auf einer Strecke des olympischen Fackellaufs eingesetzt wurde. Und der Bierschlegel, der da drunter liegt, den hat mir unsere Wiesn-Stadträtin (Anja Berger, Grüne) geschenkt, als ich OB geworden bin.

Haben Sie das schon einmal geübt, das Fassanstechen?

Als 2. Bürgermeister habe ich immer mal wieder Fässer angezapft, da hat es immer mit zwei bis drei Schlägen geklappt. Beim Anstich auf dem Oktoberfest schauen natürlich ein paar mehr Leute zu. Mein absoluter Traum wäre, dass wir in 10 oder 14 Jahren hier eine neue olympische Fackel reinstellen können.