Veronika Kamm, neue Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Erding-Freising, über erste Erfolge, Ziele ihrer IHK-Arbeit, und das, was noch klemmt in der Flughafenregion

Von Martin Armbruster

Zwei Betrunkene in der S-Bahn Richtung Erding hatten mich noch gewarnt. Um den Standort, lallten sie, sei es schlecht bestellt: „Unsere Wirtschaft, die Infrastruktur alles am Oarsch“. Nach Krise sieht es aber hier am Bahnhof Erding nicht aus. Im Gegenteil. Straßen und Gehsteige sind sauber, es gibt Läden, Gastro und Bäcker. In anderen Teilen des Landes wäre man froh, wenn man all das hätte.

Nur die Bruthitze stört an diesem August-Nachmittag die städtische Idylle. Wir sind zum Interview verabredet mit einer Hoffnungsträgerin der IHK und der Flughafen-Region. Veronika Kamm ist neue Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Erding-Freising. Einen Tag zuvor hatte ich für das Interview angefragt und Kamm hatte sofort Ja gesagt. Die Frau hat Elan.

Diesen Schwung kann die Region gebrauchen. Als Ausschussvorsitzende spricht Kamm für rund 25.000 Unternehmen. In Ihrer eigenen Firma, dem Erdinger Familienunternehmen Huber Technik, teilt sie sich die Geschäftsführung mit ihrer Schwester Johanna. Ende Januar wurden die beiden Kamm-Schwestern in einer Hart-aber-Fair-Sendung einem bundesweiten Publikum vorgestellt.

Weil auch hier in Erding der ÖPNV schwächelt, soll mich einer der rund 120 Huber-Mitarbeiter am Bahnhof abholen. Aber dann, Überraschung, kommt die Chefin selbst. Sie lädt mich ein zu einer Mini-Stadtrundfahrt. Schon der Blick aus dem Auto macht klar, warum die Menschen hier gerne leben und weshalb die Flughafenregion bundesweit zu den wirtschaftlich stärksten gehört.

Die beiden Landkreise sind stolz auf ihre niedrige Arbeitslosenquote (Erding bei ca. 2,7 %, Freising bei ca. 3,4 %). Die Therme, das Weissbräu und der Flughafen haben Erding weltweit bekannt gemacht. In Freising sitzt mit Hawe Hydraulik einer der „Hidden Champions“. Für Forschung und Wissenschaft sorgt der TUM Campus in Weihenstephan mit Life Sciences, Biotechnologie und Agrarwissenschaften. Spannend das alles – und Veronika Kamm nimmt sich viel Zeit für unser Gespräch.

Frau Kamm, Sie waren die Wunschkandidatin Ihres Vorgängers Otto Heinz. Jetzt sind Sie im Amt. Wie hat er das angestellt?

Der Otto hat das sehr geschickt angestellt (lacht). Er hat mich im vergangenen Jahr angesprochen und mir gesagt, dass er dieses Amt nach 15 Jahren aufgeben werde. Er hat mich direkt gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte: den Vorsitz des Ausschusses zu übernehmen.

Warum hat er gerade Sie ausgesucht?

Ich glaube, er hat gemerkt, wie viel Spaß mir die Arbeit im Ausschuss macht. Ich war da auch extrem zuverlässig. Ich habe keine Sitzung ausgelassen. Otto Heinz sagte, ich sei Chefin eines guten Unternehmens. Mit mir an der Spitze könne der Ausschuss den Mittelstand glaubhaft vertreten. Das von einem gestandenen Unternehmer zu hören, hat mich bewegt. Da habe ich mich schon sehr geehrt gefühlt.

Wie lange haben Sie über das Angebot nachgedacht?

Ich habe das nur kurz mit meiner Schwester besprochen. Sie hat mir Mut gemacht und gesagt, ich wäre dumm, wenn ich den Schritt nicht machen würde. Sie sagte: „Also mach das!“ Damit war die Sache schnell entschieden.

Wie kamen Sie überhaupt zum Ehrenamt?

Unsere Mutter hat uns das vorgelebt. Sie hat sich sehr bei der Handwerkskammer und in vielen anderen Gremien engagiert. Das wollte ich grundsätzlich auch, schon weil ich viel vom Netzwerken halte. Nur wollte ich beim Ehrenamt meinen eigenen Weg gehen.

Und dann kamen Sie zur IHK.

Ja, die Gelegenheit dazu kam mit der IHK-Wahl 2021. Ich kannte damals schon einige Mitglieder des Regionalausschusses. Ich habe mir das angeschaut und mir gesagt: Ich probiere das mal und kandidiere dafür. Ich bin dann prompt auf Platz 1 gelandet mit den meisten Stimmen. Offenbar schätzen mich andere Unternehmerinnen und Unternehmer. Die Arbeit im Ausschuss hat mir von Beginn an Spaß gemacht, vor allem der Austausch untereinander. Das will ich so weitermachen.

Sie sind nun Vorsitzende. Was haben Sie mit dem Ausschuss vor?

Der Otto Heinz hat das schon super gemacht. Er war mit seinem Unternehmen in seiner Moosburger Heimat für mein Empfinden aber etwas zu Freising-lastig (lacht). Da will ich für mehr Balance sorgen. Zudem sind wir in unserem Ausschuss noch nicht so weit wie die Kollegen in Altötting-Mühldorf. Die haben bei jeder Sitzung eine sagenhaft hohe Präsenz. Das will ich auch erreichen. Ich hätte auch gerne vier Sitzungen im Jahr, bislang hatten wir immer nur drei. Ich will, dass wir uns häufiger sehen und uns besser vernetzen.

Was haben Sie sich persönlich vorgenommen?

Ich will dafür sorgen, dass die IHK-Präsenz noch spürbarer wird. Ich will das Gesicht sein für die regionale Wirtschaft. Wenn jemand aus der Wirtschaft bei uns der Politik Themen nahebringen will, muss für ihn der Regionalausschuss Erding-Freising die erste Adresse sein.

Wie hat denn das Umfeld auf Ihre Wahl reagiert?

Wir hatten vor zwei Wochen einen ganz coolen Wirtschaftsempfang in Dorfen. Der war super gut. Wir und ich persönlich haben viele Leute eingeladen, die noch nicht so den engen Kontakt mit der IHK haben. Das hat sich absolut gelohnt. Im vergangenen Jahr hatten wir in Freising beim Wirtschaftsempfang rund 60 Teilnehmer, jetzt in Dorfen waren es rund 130. Dafür habe ich viel und gutes Feedback bekommen.

Wie haben Sie das geschafft, so viele Gäste für diesen Event zu gewinnen?

Ich glaube, viele waren einfach neugierig. Die wollten wissen: Wie läuft das jetzt mit der neuen und jungen Ausschussvorsitzenden? Man hatte hohe Erwartungen. Und ich denke, das war ein guter Start.

Was wollen Sie sonst noch ändern?

Ich will unsere Ausschuss-Sitzungen lebendiger machen, wir brauchen mehr Zeit für die Diskussion und für das Mitmachen. Unternehmer wollen nicht nur dasitzen, bis man ihnen ein Positionspapier auf den Tisch legt und sagt: So. Das ist jetzt unser IHK-Standpunkt. Unternehmer wollen mitgestalten.

Was schlagen Sie vor?

Eine unserer besten Ausschuss-Sitzungen war, als wir eine Art Workshop hatten. Wir wurden in Arbeitsgruppen aufgeteilt. Jeder konnte seine Ideen auf eine Flipchart schreiben. Da hatte jeder das Gefühl: Meine Stimme wird gehört. So etwas müssten wir häufiger machen, wenn es zeitlich möglich ist.

Wie geht es Ihrer Region? Ist der Flughafen immer noch die Job- und Wachstumsmaschine?

Ja, auf alle Fälle. Jeder hier indentifizert sich mit dem Flughafen. Das ist auch ein Stück Heimat. Viele arbeiten dort, die Hotellerie in Freising lebt auch davon. Mit der Munich Arena in Hallbergmoos entsteht im Flughafenumfeld derzeit eine weitere Attraktion.

Der Boom hat auch Schattenseiten. Hohe Mieten, Wohnungsmangel. Was tut sich da in der Flughafenregion?

Meiner Meinung nach viel zu wenig. Unser OB (Maximilian Gotz, CSU) sieht das natürlich anders. Er sagt, er tue, was er könne. Aber offensichtlich reicht das nicht. Das Angebot an bezahlbaren Wohnungen ist super knapp. Das ist ein riesiges Problem.

Spüren Sie das auch in Ihrem Unternehmen?

Ja, absolut. Wir können hier keine Konzernlöhne bezahlen. Wir bezahlen solide Mittelstandslöhne. Aber manche Mitarbeiter, die hier mit 40 Stunden Vollzeit beschäftigt sind, sind faktisch auf Sozialwohnungen angewiesen, wenn sie eine neue Wohnung suchen. Da läuft doch etwas grundlegend falsch im System. Wir haben in unserer Belegschaft auch schon Leute verloren, die wegziehen mussten, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten.

Die verkehrstechnische Anbindung der Flughafenregion ist chronisch schlecht. Wieso passiert da nichts?

Das Problem belastet alle. Auf der Straße: ewiger Stau. Schiene und ÖPNV: Das Angebot ist für den Bedarf unserer Region viel zu dürftig. Aber es tut sich einfach nichts. Der OB, der Landrat (Martin Bayerstorfer, CSU), die deutsche Bahn, der MVV – niemand fühlt sich für die Misere zuständig, jeder schiebt Verantwortung weiter. Das ist leider typisch für die Haltung unserer Gesellschaft heutzutage.

Was würden Sie sich wünschen?

Eine zuverlässigere S-Bahn wäre schon mal gut. Zum Semesterstart fällt die Strecke Erding – Markt Schwaben wieder komplett aus. Viele die in München studieren, wohnen hier, weil die Münchner Mieten noch unbezahlbarer sind. Mit dem Schienenersatzverkehr brauchen die eineinhalb Stunden bis München. Diese Zustände sind untragbar.

Wie schwer wiegt dieses Standort-Handicap?

Wir haben nur eine eingleisige Strecke bis Markt Schwaben. Eingleisig! Das geht einfach nicht. Darunter leidet die gesamte Region. Warum schaffen das andere Länder, wieso kriegen wir das nicht hin? Ich war im vergangenen Jahr in Japan. Dort kommen die Hochgeschwindigkeitszüge auf die Sekunde pünktlich. Wir haben noch nicht einmal eine vernünftige Busanbindung nach Dorfen.

Spüren Sie das auch in Ihrem Unternehmen?

Wir können nicht wie BMW ein Netz mit eigenen Werksbussen unterhalten. Wir hatten einen Mitarbeiter, der im Asylbewerberheim in Dorfen gewohnt hat. Seine Einstellung wäre fast daran gescheitert, weil nicht klar war, wie er rechtzeitig zum Schichtbeginn mit dem Bus nach Erding kommen kann. Es ist ein Trauerspiel.

Sie haben nun auch einen Sitz in der IHK-Vollversammlung. Welche Themen wollen Sie dort anpacken?

Ich habe viele wichtige Themen. Eines ist mit Sicherheit die Bürokratie. Die ist für uns kleine Mittelständler einfach das Problem Nummer 1. Ich nenne nur zwei Beispiele: Entgelttransparenzgesetz und Abfallverordnung. Jeder Punkt bedeutet für uns einen Rattenschwanz an neuen Tätigkeiten. Im schlimmsten Fall müssen wir dafür neue Stellen schaffen.

Seit Jahren verspricht die Politik den Bürokratieabbau. Wieso geht es da nur so mühsam voran?

Ich glaube, wir haben inzwischen so ein dichtes Geflecht an Melde- und Nachweispflichten, dass keiner mehr durchblickt oder die Folgen abschätzen kann. Es ist auch nicht mehr sofort klar, wer die Bürokratie verursacht hat. Und da, wo wir gute Vorschläge machen, blockt die Politik ab.

Welchen Vorschlag meinen Sie?

Ich bin in einem DIN-Gremium. Wir sorgen für Standardisierung und Normung in der Tierhaltung, im Oktober haben wir eine Tagung in Stockholm. Wir haben eine wunderbare neue Din-Norm niedergeschrieben, die für uns sehr wichtig ist, weil wir damit Standards für die Tierhaltung definieren. Wir versuchen, das jetzt der Politik nahezubringen.

Und warum zieht die nicht mit?

Die Politik hat aktuell kein Interesse mehr an Iso- und Din-Normen. Ausgerechnet die Politik deklariert diese Normen als Ursprung und Auslöser für Bürokratismus. Meiner Meinung nach ist das grundlegend falsch.

Hat sich für Sie wenigstens das Fachkräfte-Problem entschärft?

Ja, momentan kann ich offene Stellen schnell besetzen. Als kleiner Mittelständler freut mich das, andererseits zeigt uns das: Andere Betriebe und Branchen kränkeln. Vor einem halben Jahr haben wir einen Technischen Zeichner gesucht und 120 Bewerbungen bekommen. Schön für uns, aber bedenklich für die Lage der Wirtschaft. Die Unternehmen stellen offenbar kaum noch ein.

Sie beschäftigen Mitarbeiter aus 18 Nationen, und es gibt einen scharfen Rechtsruck im Land. Macht Ihnen das Sorgen?

Ja, darüber mache ich mir definitiv Gedanken. Wir haben hier Mitarbeiter mit türkischer oder kosovarischer Abstammung. Die sagen: Puuh, was passiert gerade in diesem Land? Die wenigsten von ihnen sagen, dass sie auch als Rentner hierbleiben wollen. Die wollen zurück in ihre Heimat. Ein Grund ist: Sie können sich dort mehr leisten. Der zweite Grund ist leider die Stimmung im Land.

Sie selbst sind ja ein sehr weltoffenes Unternehmen. Sie exportieren viel.

Unser Unternehmen besteht aus zwei Sparten. Meine Schwester verantwortet den Maschinen- und Anlagenbau. Ich bin quasi die Gummi-Chefin: Wir stellen Gummi-Matten für die Rinderhaltung her. Wir exportieren in mehr als 40 Länder. Hauptabsatzmärkte für die Gummi-Matten sind die USA und Kanada. Der Grund sind einfach die Betriebsgrößen. Wenn sich ein US-Landwirt für Gummi-Matten aus Erding entscheidet, schicken wir gerne zwei oder drei Container rüber. Ein großer Landwirt in Deutschland hat vielleicht 200, in Norddeutschland 600 Kühe.

Sind Sie kein Opfer von Trumps-Zollpolitik?

Von den Medien wurde die Nachricht gepusht, kein deutsches Unternehmen würde mehr in die USA exportieren. Das ist Unsinn. Ich war vor Kurzem selbst dort. Wir liefern so viel in die USA wie nie zuvor. Unsere Kunden, die US-Agrarausstatter, wachsen eben, und wir wachsen mit. Mir ist allerdings bewusst, dass das nicht für jedes Unternehmen gilt, das in den USA Geschäfte macht. Aber so ganz düster, wie es oft dargestellt wird, ist es, denke ich, nicht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten bei der Poltik hätten, wie würde der lauten?

Dass man den einzelnen Unternehmer nicht nur als Risiko sieht, das reguliert und kontrolliert werden muss. Ich glaube, es täte dem ganzen Land gut, wenn uns die Politik wieder mehr vertrauen und machen lassen würde.