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Setzt auf technologische Durchbrüche in Europa – Innovationsexperte André Loesekrug-Pietri

Setzt auf technologische Durchbrüche in Europa – Innovationsexperte André Loesekrug-Pietri

© Goran Gajanin DAS KRAFTBILD

„Unzählige Chancen liegen vor uns!“

Der Leiter der europäischen Agentur für Sprunginnovationen JEDI, André Loesekrug-Pietri, erklärt, was Europa besser machen muss, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Von Martin Armbruster, IHK-Magazin 7-8/2026

Herr Loesekrug-Pietri, ohne Frankreich und Deutschland wird es nichts mit der Zukunft Europas. Nun haben beide Länder eine Regierung, die wenig Rückhalt bei den Bürgern hat. Was bedeutet das für die Wirtschaft?
Seien wir ehrlich: Wir sind miserabel bei Umsetzung und Geschwindigkeit – den beiden entscheidenden Erfolgsfaktoren des 21. Jahrhunderts. Und wir haben in Europa schlicht keine inspirierenden politischen Projekte mehr. Politische Führungskräfte in Frankreich, Deutschland und Brüssel sind zu sehr damit beschäftigt, die aktuelle Situation zu schützen, und man vergisst, die Zukunft tatkräftig vorzubereiten. Dabei ist unser Jahrhundert zunehmend das der „großen Wetten“ – damit Gesellschaften die Zukunft gestalten, die sie wollen, und nicht eine Zukunft, die ihnen von anderen Staaten oder anderen politischen Systemen aufgezwungen wird.

Große Wetten also …
Genau das ist unsere Mission bei der Joint European Disruptive Initiative, kurz JEDI. Wir wollen die technologischen Durchbrüche entwickeln, die Deutschlands und Europas künftige Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität sichern. Wir reden über Weltraumforschung, KI und Sprachmodelle, autonomes Fahren, Drohnen und Roboter, Gentechnik, Kernfusion.

Niemand weiß, ob man die Wette gewinnen wird. Klar ist aber: Kaufe ich kein Los, bin ich garantiert nicht dabei. Das genau passiert heute in Europa. Und unsere Volkswirtschaften werden immer abhängiger von dem, was im Rest der Welt geschieht.

„Wo sind die großen Ambitionen in Europa?“

Was heißt das für Europas Wirtschaft?
Bevor wir jetzt über Staatsschulden und schwache Regierungen reden, müssen wir uns fragen: Wo sind die großen Ambitionen in Europa? Ich habe den Eindruck: Wir sind heute abgehängt von allem, was Erfolg bringt, und reagieren nur.

In den USA ist die Maschine in vollem Gang. Metaverse war eine Wette von Facebook, die schiefging – oder vielleicht ihrer Zeit voraus war. Die 1,8 Milliarden Dollar, die Microsoft ursprünglich in OpenAI investiert hat, waren ein Volltreffer. Die haben den Marktwert von Microsoft um deutlich mehr als 1.000 Milliarden Dollar erhöht. SpaceX ist eine andere dieser erfolgreichen Wetten.

Und wir Europäer? Wetten wir nicht?
Das ist meine Sorge. Wir sind zu vorsichtig und defensiv geworden. Es ist schwer zu erkennen, welche großen Wetten wir eigentlich eingehen. Viele Bürger fragen sich heute: Haben wir überhaupt noch Einfluss auf das, was alles auf uns zukommt? Wir haben kein gemeinsames Ziel mehr für uns als Gesellschaft. Alle Eltern stellen sich die Frage: Werden es meine Kinder mal besser als wir haben? In Frankreich und Deutschland lautet heute die klare Antwort: Nein.

Prioritäten statt Gießkannenprinzip

Was schlagen Sie vor?
Action talks – das bedeutet: Nur das, was schnell umgesetzt wird, hat auch Wirkung. Ich glaube, Europa leidet unter einem Denkfehler. Gute Politik wird definiert als Projekte, die viele Milliarden kosten. Diese Großprojekte dauern viel zu lange, die Milliarden verpuffen. Auch das in Europa gängige Gießkannenprinzip bewirkt nur eines: Es kostet viel. Weil man nicht den Mut hat, richtige Prioritäten zu setzen. Was auch heißt, Projekte zu stoppen oder Regionen nicht zu unterstützen. Wir müssen der Welt beweisen, dass unser demokratisches System wieder erfolgreich sein kann.

Sie haben von einer Kraftanstrengung wie bei der bemannten Raumfahrt gesprochen. Ist es dafür nicht zu spät?
Wie schnell sich heute alles drehen kann, sehen Sie bei Google. Alle hielten die Marktmacht Googles mit „Google Search“, der Stichwortsuche also, für unantastbar. Und dann kommt so eine kleine Firma wie OpenAI, die durch richtige Sätze, die „Prompts“, Suchen ermöglicht, und setzt Google unter riesigen Druck. Das ist eine wunderbare Botschaft der Hoffnung für Europa – aber nur wenn wir richtig den Mut haben, unsere Methoden radikal zu verändern.

Trends identifizieren – und voranschreiten

Was sollte Europa daraus lernen?
Wir müssen uns anschauen, wo die Karten neu gemischt werden und neue Chancen entstehen. Deshalb haben wir bei JEDI eine der besten technologischen Vorausschauen in Europa entwickelt, um die wichtigsten Technologietrends zu identifizieren und diese großen Wetten entsprechend zu priorisieren.

Ein Beispiel: Die Rechenzentren für KI werden gigantisch viel Energie verbrauchen. Ein riesiges Problem. Europa hätte sich da fragen müssen: Können wir KI-Modelle entwickeln, die deutlich energieeffizienter sind? Das haben die Chinesen mit DeepSeek versucht – das hätte aber aus Europa kommen sollen. Wir hatten dies bei JEDI schon 2024 identifiziert.

Wie kommt es zu dieser Kette verpasster Chancen?
Ich denke, das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Der EU fehlt die Vision, die Menschen zu überzeugen und zu begeistern. Aus diesem Grund ist JEDI auch ein politisches Projekt.

Mondlandung: Eine Vision für Menschen

US-Präsident John F. Kennedy erklärte 1962 mit seiner Rede zur geplanten Mondlandung keine technischen Details: „We choose to go to the moon, not because it is easy, but because it is hard.“ Enorm inspirierend. Es ging ihm um die Vision, das Schwierigste zu schaffen, was damals denkbar war: binnen 7 Jahren einen US-Astronauten auf den Mond und wieder zurück zu bringen.

Eine gewagte Wette.
Ja, eine riesige, kalkulierte Wette, und das ganze Land hat dabei gewonnen – mit den Themen Computer, Gesundheit, neue Materialien, Elektrizität, das hat einen richtigen Boom ausgelöst – und heute profitieren die USA immer noch davon.

Eigeninitiative gefragt

Worauf könnte Europa heute wetten?
Wir werden für Windräder und Elektroautos nach heutigem Stand Unmengen an Lithium, Kupfer, Kobalt und so weiter brauchen. Der richtige Ansatz wäre da doch die Überlegung, ob man diese Metalle nicht ersetzen oder wesentlich effizienter und umweltfreundlicher gewinnen könnte. Leider sehe ich nicht, dass dieses Thema in der Politik hohe Priorität hätte.

Nächtlicher Raketenstart der Europäischen Weltraumorganisation ESA; von unten ist die startende Trägerrakete mit hell lodernden Triebwerken zu sehen.

„Wir wollen technologische Durchbrüche entwickeln“ – etwa in der Weltraumforschung

Bei JEDI haben wir zurzeit mehrere Technologieprogramme: um Energiespeicherung radikal zu verbessern, im Bereich Kernfusion, zur Messung und Bekämpfung von Desinformation, zur Kohlenstoffbindung in Böden, zur Nutzung des Mikrobioms der Ozeane für die Arzneimittelentwicklung, zu Drohnenschwärmen oder um die Industrie durch Robotik und KI ganz neu zu erfinden. Unzählige Chancen liegen vor uns – wir müssen uns nur die Mittel geben, sie auch zu ergreifen. Und nicht alles vom Staat oder von staatlichen Agenturen erwarten.

Die Vollendung des EU-Binnenmarkts scheint ja ähnlich schwierig zu sein wie der Flug zum Mond.
Das wäre ein ganz wichtiger Prozess. Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi fordert das seit Jahren, weil er sehr klar sieht: In Europa lohnt es sich weniger als in China oder in den USA, ein Risiko einzugehen, weil es noch immer einen zersplitterten Absatzmarkt gibt.

Noch kein Binnenmarkt für Zukunftsmärkte

Wir leben mit der Illusion, wir hätten einen Binnenmarkt. In Wahrheit gibt es den gerade für die Felder nicht, auf denen Zukunft entsteht: Energie, Cybertechnologie und KI. Da kann man so viel Geld reinschütten, wie man will – mit der Vollendung des Binnenmarkts muss Politik jetzt endlich anpacken und nicht mit mehr Gießkanne kommen.

Befürworten Sie Oligopole?
Nein, ich bin für Wettbewerb. Aber unser Kartellrecht stammt aus einer Zeit, in der man nur die nationalen Märkte im Blick hatte. Heute ist das eine Hürde. Die Wettbewerber von München sind nicht in Paris oder London, aber in Palo Alto oder Shenzhen.

Silos überwinden, transversal denken

Denken wir in Europa nicht strategisch genug?
Unsere ganze öffentliche Verwaltung und auch unsere Konzerne sind in Silos organisiert. Das Ziel von JEDI besteht gerade darin, diese geografischen – um europäisch zu denken – und sektoralen – um in Bezug auf die Auswirkungen und nicht auf die Prozesse zu denken – Silos zu überwinden. Da fehlt das Verbindende, der Gesamtplan. Man kann Elon Musk nun mögen oder hassen. Aber sein transversaler Ansatz ist ein Grund, warum er so erfolgreich ist. Und genau bei diesen Schnittstellen passieren die disruptiven Innovationen.

Was bedeutet das alles für die kleinen Mittelständler, die wir hier in Oberbayern haben?
Ich glaube, die haben bessere Chancen. Neben Geld sind heute Tempo und Agilität entscheidend. Das Einzige, worauf sich Politik konzentrieren sollte, sind die Rahmenbedingungen – insbesondere, um den europäischen Binnenmarkt zu vollenden. Das bringt einen riesigen Heimvorteil vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Dann tun sich kleine Organisationen leichter, auf den Wandel zu reagieren.

Schlagkräftige KMU, auch dank KI

Künstliche Intelligenz könnte diesen Vorteil noch vergrößern. Kleine Firmen können mit KI heute die gleiche Schlagkraft entwickeln, die früher nur Großunternehmen hatten. Mit Mut, Geschwindigkeit, einer gewissen Radikalität im Handeln – und JEDI natürlich – schaffen wir das.

Das Interview in voller Länge gibt es hier.

Zur Person: André Loesekrug-Pietri

André Losekrug-Pietri (53) begann beim Luft- und Raumfahrtkonzern Aérospatiale. Später arbeitete der Deutschfranzose lange im Bereich Private Equity und Venture Capital, war außerdem Chefberater der französischen Verteidigungsministerin.
Heute ist er Präsident und Wissenschaftlicher Direktor der Joint European Disruptive Initiative (JEDI), der europäischen Agentur für Sprunginnovationen, der europäischen ARPA.