France and Bavaria advancing Europe's innovation
International Tech Talks 2026
Nachbericht: International Tech Talks – Advancing Europe's innovation am 26.03.2026
Es gibt nur ein Ziel: die Weltspitze
2. Ausgabe der International Tech Talks der IHK mit Schwerpunkt digitale Innovation: 200 Teilnehmer, Referenten werben für das Teamwork von München und Paris
Von Martin Armbruster
Im Fokus: Europas Rolle im globalen Tech-Race
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Das Format hat einen hohen Anspruch und auch in der zweiten Ausgabe hat es den beeindruckend gut erfüllt: Mit ihren International Tech Talks will die IHK die Menschen zusammenbringen, die an Europas Zukunft arbeiten – Vertreter von Start-ups, Scale-ups, Konzernen, Wissenschaft und Politik. Die jüngsten Tech Talks am 26. März in der IHK München standen unter dem Slogan "Wie Bayern und Frankreich Europas Innovation voranbringen". Kooperationspartner waren die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer (AHK Frankreich), die französischen Außenhandelsräte in Bayern (CCEs) das Netzwerk La French Tech Munich und das Enterprise European Network.
Nun ist Innovation ein weites Feld. Im Fokus der Veranstaltung sollte daher die digitale Souveränität Europas stehen. Wie brisant das Thema ist, zeigte schon die Besucherresonanz. Mit über 200 Teilnehmern war das Event faktisch ausgebucht. Im Atrium reichten die Sitzplätze nicht aus. Selbst das "Handelsblatt" hatte einen einen Redakteur zu den "Tech Talks" geschickt.
Für dieses Interesse hatte neben der Referentenliste ein Mann auf der anderen Seite des Atlantiks gesorgt. Es ist gut denkbar, dass Europa dem US-Präsidenten Donald Trump irgendwann dankbar sein muss. Trump und seine milliardenschweren "Tech-Bros" haben besser als alle politischen Appelle klargemacht, weshalb Europa künftig bei Schlüsseltechnologien auf eigenen Beinen stehen muss.
Wie schwierig dieser Kraftakt wird, daran ließen die Referenten und die Diskussion der Tech Talks keine Zweifel. Die Lage ist derzeit noch ziemlich düster. USA und China drohen im Technologie-Wettlauf zu enteilen, Europa mangelt es an Risiko-Bereitschaft und Kapital, der EU-Binnenmarkt ist noch immer zersplittert, Europas Wirtschaft ist im globalen Vergleich überreguliert, politisch sind die nationalen und populistischen Kräfte auf dem Vormarsch.
Digitalminister Dr. Mehring: "Wir müssen uns selbst ans Steuer setzen"
Bayerischer Digitalminister, Dr. Fabian Mehring
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Was die "Tech Talks" aber wirklich spannend machte, waren die Dinge, die Europa hoffen lassen. Bayerns Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler) lobte nicht nur das Engagement der IHK ("Wir sind hier in der Herzkammer der Wirtschaft"), er plädierte mit Leidenschaft dafür, die positiven Trends zu verstärken, die es im vermeintlich abgehängten Europa gibt.
"Make Europa great again" war so etwas wie der Leitspruch des Events. Mehring verwies auf das, was sich in Paris und München tut. Die "Financial Times" hält das Gründer-Ökosystem rund um die TUM München für das beste der Welt. Die "Station F" gilt derzeit als der größte Start-up-Hub der Welt. Rund 8.000 Start-ups sind dort am Werk. Mehr als 500 arbeiten in Paris auf einem Geschäftsfeld, das Trump in den USA gerade zertört: Klimaschutz-Technik.
Für Staatsminister Mehring liegt auf der Hand, was zu tun ist: Die beiden Start-up-Kraftzentren Paris und München miteinander verschmelzen; das nationale Kleinklein beenden, die Marktmacht des EU-Binnenmarkts mit 450 Millionen Menschen nutzen, Investoren und Talente für das europäische Projekt gewinnen. Ebenso wie die KI-Unternehmerin und IHK-Vizepräsidentin Dagmar Schuller forderte Mehring, man müsse raus aus Rolle des Anwenders für Hightech und Software aus China und den USA. "Wir müssen uns selbst ans Steuer setzen", sagte der Minister.
Französisch-deutsche Schlüsselrolle
Jérôme Brouillet, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten, Französische Botschaft
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Jérôme Brouille, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten der französischen Botschaft in Berlin, griff die Vorlage Mehrings gerne auf. Brouille versicherte, auch in Paris sehe man die Gefahr, von China und den USA überrollt zu werden. Nach Lage der Dinge werde die französisch-deutsche Partnerschaft eine Schlüsselrolle spielen für das, was nötig sei: die digitale Souveränität Europas.
Was seinen Worten zufolge Hoffnung macht, ist das Bemühen von Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Jérôme Brouille sagte mit indirektem Hinweis auf die erratische Politik Trumps, die Unternehmen in beiden Ländern begriffen derzeit, warum Europa das brauche: Datenschutz und eine eigene Cloud-Lösung.
Disrupt or be disrupted
André Loesekrug-Pietri
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Dies leitete über zur Kernfrage der Tech Talks: "Kann Europa die Zukunft noch erfinden?" Damit beschäftigte sich in seinem Vortrag André Loesekrug-Pietri, ein Mann, der es wissen muss. Loesekrug-Pietri ist Vorsitzender und wissenschaftlicher Direktor der Joint European Disruptive Initiative, einer Agentur für Sprunginnovationen mit dem schönen Kürzel (JEDI).
"Kann Europa die Zukunft noch erfinden?" Die Antwort des JEDI-Chefs erinnerte an die alten Witze über Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber dafür muss eine Menge passieren. Loesekrug-Pietri erklärte, die heutige Lage Europas sei vergleichbar mit dem Wettlauf ins All, den die USA in den 50er und 60er Jahren führte.
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin umkreiste als erster Mensch im All im Raumschiff die Erde. In Washington empfand man das als Schmach. US-Präsident John F. Kennedy reagierte darauf 1962 mit seiner berühmten Rede "We choose to go to the Moon". Was Loesekrug-Pietri im IHK-Atrium als Knackpunkt beschrieb: Kennedy begnügte sich nicht damit, den technologischen Rückstand nur aufzuholen. Er definierte als Ziel, das technologisch Schwierigste, was damals vorstellbar war.
Loesekrug-Pietri betonte, Europa brauche heute eine ganze Reihe von Moonshot-Programmen – etwa für KI, Batterie-Technik, Energiewende, Rüstungsindustrie und Satelliten-Technologie. Ähnlich wie seine Vorredner, bescheinigte Loesekrug-Pietri der EU gute Ansätze. Für echte Durchbrüche müsse man aber Initiativen und Kräfte bündeln. Loesekrug-Pietri plädierte für die Schaffung eines European Technology Centers. Loesekrug-Pietri sprach dabei eine Warnung aus: Europa sei faktisch zur Innovation verdammt. Wenn das scheitere, werde die Demokratie schweren Schaden nehmen.
Mehr dazu lesen Sie im nachfolgenden Interview:
André Losekrug-Pietri im IHK-Interview
Innovationsexperte und ehemaliger Chefberater der französischen Verteidigungsministerin André Loesekrug-Pietri erklärt, was Europa besser machen muss, um im Wettbewerb mit China und den USA zu bestehen.
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Er hielt die Keynote auf den Tech Talks und war bei dem Kollegen vom Handelsblatt ein gefragter Mann: André Loesekrug-Pietri. Pietri ist Chef der europäischen Agentur für Sprunginnovationen "Joint European Disruptive Initiative" mit dem schönen Kürzel (JEDI), der Europäischen 'ARPA'. Nach seinem Vortrag und dem Gespräch mit dem "Handelsblatt" nahm er sich Zeit für ein Interview mit dem IHK-Redakteur Martin Armbruster.
Herr Loesekrug-Pietri, ohne Frankreich und Deutschland wird es nichts mit der Zukunft Europas. Nun haben beide Länder eine Regierung, die wenig Rückhalt bei den Bürgern hat. Was bedeutet das für die Wirtschaft?
Seien wir ehrlich: Wir sind miserabel bei Umsetzung und Geschwindigkeit – den beiden entscheidenden Erfolgsfaktoren des 21. Jahrhunderts. Und wir haben in Europa schlicht keine inspirierenden politischen Projekte mehr. Politische Führungskräfte in Frankreich, Deutschland und Brüssel sind zu sehr damit beschäftigt, die aktuelle Situation zu schützen, und man vergisst, die Zukunft tatkräftig vorzubereiten. Dabei ist unser Jahrhundert zunehmend das der "großen Wetten" – damit Gesellschaften die Zukunft gestalten, die sie wollen, und nicht eine Zukunft, die ihnen von anderen Staaten oder anderen politischen Systemen aufgezwungen wird.
Große Wetten also…
Ganz genau, "big, calculated bets". Und genau das ist unsere Mission bei JEDI: die technologischen Durchbrüche zu entwickeln, die Deutschland und Europas künftige Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität sichern werden.
Wir reden über Weltraumforschung, KI und Sprachmodelle, Autonomes Fahren, Drohnen und Roboter, Gentechnik, Fusion. Niemand weiß, ob man die Wette gewinnen wird. Klar ist aber: Es ist wie beim Lottoschein. Kaufe ich kein Los, bin ich garantiert nicht dabei. Das genau passiert heute in Europa. Und unsere Volkswirtschaften werden immer abhängiger von dem, was im Rest der Welt geschieht.
Was heißt das jetzt für Europas Wirtschaft?
Bevor wir jetzt über Staatsschulden und schwache Regierungen reden, müssen wir uns fragen: Wo sind die großen Ambitionen in Europa? Ich habe den Eindruck: Wir sind heute abgehängt von allem, was Erfolg bringt und wir reagieren nur. In den USA ist die Maschine in vollem Gang: Metaverse war eine Wette von Facebook, die schiefging – oder vielleicht zu früh war. Die 1,8 Milliarden Dollar, die Microsoft ursprünglich in OpenAI investiert hat, waren ein Volltreffer. Die haben den Marktwert von Microsoft um mehr als 1.000 Milliarden erhöht. SpaceX ist eine andere solcher erfolgreichen Wetten.
Und wir Europäer? Wetten wir nicht?
Das ist meine Sorge. Wir sind zu vorsichtig und defensiv geworden. Es ist schwer zu erkennen, welche großen Wetten wir eigentlich eingehen. Und da kommen wir zurück auf die Politik. Viele Bürger fragen sich heute: Haben wir überhaupt noch Einfluss auf das, was alles auf uns zukommt? Wir haben kein gemeinsames Ziel mehr für uns als Gesellschaft. Alle Eltern stellen sich die Frage: Werden es meine Kinder mal besser haben? In Frankreich und Deutschland lautet heute die klare Antwort: Nein.
Die Populisten schlachten das aus.
Ja, es gibt diesen Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit, geopolitischer Lage und Demokratie. Wenn die Leute das Gefühl haben, dass von ihrer Regierung keine Lösungen mehr kommen, werden sie politisch andere Dinge versuchen. Nichts zeigt das besser, als in Frankreich der Unterschied zwischen der ersten und zweiten Amtszeit von Emmanuel Macron.
Was stellen Sie da fest?
Er hat 2017 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Revolution". Gleich ob man ihn gewählt hatte oder nicht – das hat eine riesige Hoffnung geweckt. Zu Beginn der zweiten Amtszeit klang Macron schon ganz anders. Da ging es plötzlich um den Schutz Frankreichs. Wir sind in Frankreich wieder am Ausgangspunkt angelangt, und die Extremen sind ganz nahe an der Macht. Eine riesige, verpasste Chance.
Ist das nicht verständlich als Reaktion auf die Sorgen der Bürger?
Ja, das schon, nur kommt man mit so einer defensiven Haltung nicht mehr weit. China ist nicht deshalb so erfolgreich, weil es nur seinen eigenen Markt geschützt hat. China hat gesehen: Bei der Konkurrenz um Verbrenner-Autos ist für uns nichts drin. Also machen wir Elektroautos. Und bauen systematisch die ganze Industrie auf, und kaufen nicht nur das Endprodukt. Das ist eine Strategie, das ist clever.
Und China verkauft die hier, mitten im Autoland Bayern, keine hundert Meter von der IHK entfernt.
Richtig, BYD hat seinen Showroom gegenüber. Wir sehen das auch im Krieg in der Ukraine. Wenn man nur defensiv agiert, erreicht man nichts. E-Autos aus China, Cloud-Lösungen und Space-Komponenten aus den USA: Außer Zöllen und Versuchen, die eigenen Märkte zu schützen, fällt Europa dazu bislang wenig ein. Und bei Energie, zentral für unsere politische Freiheit und unsere Industrie, hat sich unsere Abhängigkeit von Importen in den letzten 25 Jahren nicht geändert und liegt immer noch bei ungefähr 60 %. Ein politisches und strategisches Versagen.
Weil auch von Frankreich und Deutschland zu wenig kommt?
Die Bundesregierung ist wirklich schwach. Das zeigen die Einschätzungen von BDI und anderen Wirtschaftsverbänden. In Frankreich hält Macron tolle Reden, seine Regierung ist aber kaum noch handlungsfähig, weil der Staat völlig überschuldet ist und nur vertikal regiert. Als drittes Problem haben wir die EU-Kommission, die viele Dinge ankündigt, aber davon viel zu wenig umsetzt, weil es in Bürokratie versinkt und auch auf Opposition der Mitgliedsländer trifft. Das alles schafft nur eines: Frust.
Was schlagen Sie vor?
Action talks – das bedeutet: Nur das, was schnell umgesetzt wird, hat auch Wirkung. Ich glaube, Europa leidet unter einem Denkfehler. Gute Politik wird definiert als Projekte, die viele Milliarden kosten. Diese Großprojekte dauern viel zu lange, die Milliarden verpuffen. Auch das in Europa gängige Gießkannen-Prinzip bewirkt nur eines: Es kostet viel. Weil man einfach nicht den Mut hat, richtige Prioritäten zu setzen, was auch heißt, Projekte zu stoppen oder Regionen nicht zu unterstützten. Autoritäre Systeme wie China oder Singapur machen das Gegenteil, sie setzen klare Prioritäten. Und das sehr erfolgreich. Und als Humanist und Demokrat ist es sehr schmerzhaft. Demokratien sollten es besser machen – wir müssen der Welt beweisen, dass unser System wieder erfolgreich sein kann.
Woran liegt das?
Das hat viele Gründe. Der Föderalismus mag gut für die Demokratie sein, ist auch sehr gut für Kreativität und Wettbewerb. Aber was Technologieführerschaft fördert, ist das Gegenteil: Konzentration, Cluster-Bildung. Das gilt auch für die Forschungsgelder. Wir fördern allein in Frankreich sieben Space Launcher-Projekte. Es wäre sinnvoll, sich nach einigen Monaten auf die zwei besten Modelle zu konzentrieren. Aber niemand hat den Mut, das zu entscheiden. Genau dasselbe mit den Hightech-Clustern in Deutschland. Giesskannenprinzip pur.
Welche Folgen hat das?
Das schwächt in Europa die ganze Branche. Man geht nicht "all in", was nötig wäre, um einen Global Player zu erzeugen. Es liegt an uns Europäern, einen Weg zu finden, wie wir uns besser auf die Zukunft ausrichten und eine demokratische Gesellschaft schaffen können, die vorausschauender handelt – zweifellos durch eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft, der Stiftungen und der vielen Talente, über die wir in ganz Europa verfügen.
Sie haben in Ihrem Vortrag von Europa eine Kraftanstrengung wie bei der bemannten Raumfahrt gefordert. Ist es dafür nicht zu spät?
Wie schnell sich heute alles drehen kann, sehen Sie bei Google. Alle hielten die Marktmacht Googles für unantastbar. "Google search", Stichwort-Suche also. Und dann kommt so eine kleine Firma wie OpenAI daher, die nicht mehr mit Worten aber durch richtige Sätze ('Prompts') Suchen ermöglicht – und setzt Google unter riesigen Druck. Das ist eine wunderbare Botschaft der Hoffnung für Europa!
Was sollte Europa daraus lernen?
Wir müssen uns anschauen, wo die Karten neue gemischt werden und neue Chancen entstehen. Deshalb haben wir bei JEDI eine der besten technologischen Vorausschauen in Europa entwickelt, um die wichtigsten Technologietrends zu identifizieren und diese großen Wetten entsprechend zu priorisieren. Ein Beispiel: Die Rechenzentren für KI werden gigantisch viel Energie verbrauchen. Ein riesiges Problem. Europa hätte sich da fragen müssen: Können wir KI-Modelle entwickeln, die deutlich energieeffizienter sind? Das haben die Chinesen mit Deepseek versucht – das hätte aber aus Europa kommen sollen. Wir hatten dies seit 2024 schon identifiziert…
Wie kommt es zu dieser Kette verpasster Chancen?
Ich denke, das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Der EU fehlt die Vision, die Menschen zu überzeugen und zu begeistern. Aus diesem Grund ist JEDI auch ein politisches Projekt. Der US-Präsident Kennedy hat 1962 mit seiner Rede zur geplanten Mondlandung keine technischen Details erklärt: "we choose to go to the moon, not because it is easy, but because it is hard". Enorm inspirierend. Es ging ihm um die Vision, das Schwierigste zu schaffen, was damals denkbar war: binnen sieben Jahren einen US-Astronauten auf den Mond zu bringen, und ihn wieder sicher zurückbringen. Eine gewagte Wette. Ja, eine riesige, kalkulierte Wette, und das ganze Land hat dabei gewonnen – mit den Themen Computer, Gesundheit, neue Materialien, Elektrizität, das hat einen richtigen Boom ausgelöst – und heute profitieren die USA immer noch davon.
Worauf könnte Europa heute wetten?
Man spricht ja vom Jahrhundert der Metalle. Wir werden für Windräder und E-Autos nach heutigem Stand Unmengen an Lithium, Kupfer, Kobalt und so weiter brauchen. Der richtige Ansatz wäre da doch die Überlegung, ob man diese Metalle nicht ersetzen oder wesentlich effizienter und umweltfreundlicher gewinnen könnte. Leider sehe ich nicht, dass dieses Thema in der Politik hohe Priorität hätte. Bei JEDI haben wir auch Technologieprogramme gestartet, um Energiespeicherung radikal zu verbessern: im Bereich Fusion, zur Messung und Bekämpfung von Desinformation, zur Kohlenstoffbindung in Böden, zur Nutzung des Mikrobioms der Ozeane für die Arzneimittelentwicklung, zu Drohnenschwärmen, oder um die Industrie durch Robotik und KI ganz neu zu erfinden… Unzählige Chancen liegen vor uns – wir müssen uns nur die Mittel geben, sie auch zu ergreifen. Und nicht alles vom Staat oder von staatlichen Agenturen erwarten.
Die Vollendung des EU-Binnenmarkts scheint ja ähnlich schwierig zu sein wie der Flug zum Mond.
Das wäre ein ganz wichtiger Prozess. Mario Draghi fordert das seit Jahren, weil er sehr klar sieht: In Europa lohnt es sich weniger als in China oder in den USA ein Risiko einzugehen, weil es noch immer einen zersplitterten Absatzmarkt gibt. Wir leben mit der Illusion, wir hätten einen Binnenmarkt. In Wahrheit gibt es den gerade für die Felder nicht, auf denen Zukunft entsteht: Energie, Cybertechnologie und KI.
Denken wir zu provinziell?
Mir fällt es tatsächlich schwer, die Bundesregierung zu verstehen. Der Kanzler fordert mehr Europa, der Finanzminister die Kapitalmarktunion. Aber dann will eine italienische Bank die Commerzbank übernehmen, und man reagiert in Berlin so, als ginge es um das nationale Überleben. Und wir reden von der Commerzbank, die schon lange kein Superhero mehr ist. Genau dasselbe in Paris, wenn es heißt, eine effizientere Rakete zu bauen oder einen Wettbewerber zu Musk’s Starlink. Jeder spricht von Europa und handelt dann national. Wir werden ALLE dabei verlieren.
Macron hat immerhin bei jeder Gelegenheit mehr Europa gefordert.
Ach, in Frankreich wäre es doch genau dasselbe. Würde morgen jemand versuchen, die Societe Generale zu kaufen, gäbe es einen Aufschrei. Oh mein Gott, was kommt da auf uns zu! Diese Kleinstaaterei ist ganz schlimm. Die beiden größten europäischen Banken – Santander und BNP – sind achtmal so klein wie J.P. Morgan. Wir haben in Europa 36 Mobilanbieter, in China und in den USA gibt es nur 3.
Befürworten Sie Oligopole?
Nein, ich bin für Wettbewerb. Aber unser Kartellrecht stammt aus einer Zeit, in der man nur die nationalen Märkte im Blick hatte. Heute ist das eine Hürde. Die Wettbewerber von München sind nicht in Paris oder London, aber in Palo Alto oder Shenzhen.
Haben Sie nicht die Hoffnung, dass sich nun spätestens mit dem Iran-Krieg das Denken in Europa radikal verändert?
Da bin ich skeptisch. Now oder never, das habe ich schon zu oft gehört. Was ist denn aus der Zeitenwende geworden, die der damalige Bundeskanzler Scholz 2022 verkündet hat? Haben sich die Kaufprozesse beim Bundesverteidigungsministerium wirklich verändert? Kaufen wir tatsächlich die Dinge ein, die in den Kriegen der Zukunft gebraucht werden? Seit Februar 2022 sind knapp 80 Prozent der zusätzlichen Rüstungsausgaben an Unternehmen außerhalb Europas gegangen. Wurde der Draghi-Bericht – ein Bericht, der als "existentiell" für die Wettbewerbsfähigkeit Europas und für dessen Überleben gilt – tatsächlich umgesetzt? Bei JEDI gehen wir davon aus, dass weniger als 15 % davon tatsächlich umgesetzt wurden. Wir haben dazu sogar den ‚Draghi Tracker‘ entwickelt. Mehr dazu sehr bald…
Denken wir in Europa nicht strategisch genug?
Unsere ganze öffentliche Verwaltung und auch unsere Konzerne sind in Silos organisiert. Das Ziel von JEDI besteht gerade darin, diese geografischen (um europäisch zu denken) und sektoralen (um in Bezug auf die Auswirkungen und nicht auf die Prozesse zu denken) Silos zu überwinden. Da fehlt das Verbindende, der Gesamtplan. Man kann Elon Musk nun mögen oder hassen. Aber sein transversaler Ansatz ist ein Grund, warum er so erfolgreich ist. Und genau bei diesen Schnittstellen passieren die disruptiven Innovationen.
Können Sie erklären, was das ist: Musks transversaler Ansatz?
Vor mehreren Tagen hat er erklärt, er habe zu wenig Chips. So geht es vielen anderen auch. Musk reagiert darauf, wie nur Musk reagiert: Er baut die Chips nun selbst. Und zwar nicht die Standardware – hochtechnologisch – die heute aus Taiwan kommt. Musk entwickelt und baut nun exakt die Chips, die er für Raumfahrt und seine Robo-Taxis braucht. Wir sehen das auch in China. BYD war ein Batteriehersteller, der macht jetzt Autos und hat eigene Schiffe, um die nach Europa zu bringen. Musk ist extrem vertikal ausgerichtet, während wir in Europa zwei Jahrzehnte lang an die "Fabless"-Innovation geglaubt haben – ein Unsinn! Industrie braucht Hochtechnologie. Hochtechnologie braucht Industrie, um extrem schnell testen zu können.
Was bedeutet das alles für die kleinen Mittelständler, die wir hier in Oberbayern haben?
Ich glaube, die haben heute bessere Chancen. Neben Geld sind heute Tempo und Agilität entscheidend. Das einzige, worauf sich Politik konzentrieren sollte, sind die Rahmenbedingungen, insbesondere den europäischen Binnenmarkt zu vollenden. Das bringt einen riesigen Heimvorteil, insbesondere für KMUs. Dann tun sich kleine Organisationen leichter, auf den Wandel zu reagieren. KI könnte diesen Vorteil noch vergrößern. Kleine Firmen können mit KI heute die gleiche Schlagkraft entwickeln, die früher nur Großunternehmer hatten. Mit Mut, Geschwindkeit und einer gewissen Radikalität im Handeln schaffen wir das.
Das Interview führte Martin Armbruster, IHK für München und Oberbayern
Das Beispiel Celonis zeigt: "Es geht"
Thomas Zeller (r.) und Prof. Dagmar Schuller (l.)
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Das stärkste Plädoyer für Europa hielt an diesem Nachmittag Oliver Zeller, Innovationschef der Münchner Wunderfirma Celonis. Das einstige Start-up Celonis ist heute an der Börse mit rund 13 Milliarden Euro etwa doppelt so viel Wert wie die gesamten Reste der deutschen Stahlindustrie. Zeller ist offensichtlich ein Mann, der es wissen muss. Auch er sprach Europas Schwächen an: zu viel Bürokratie, die Versuche europäischer Regierungen, selbst Software zu entwickeln. Aber das Beispiel Celonis zeige: "Es geht."
Zeller versprühte Zuversicht. Europa stehe für Werte, Moral und Demokratie. Es sei ein Vorbild für die übrige Welt. Vertrauen sei die Basis für die weitere Entwicklung der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Zeller gab sich davon überzeugt: Für Unternehmen, Investoren und Talente sei Europa derzeit "the place to be".
Eine KfW-Umfrage vom März dieses Jahres bestätigt das. Demnach ziehen sich deutsche Mittelständler zunehmend aus ihrem US-Geschäft zurück. Das "Handelsblatt" meldet, US-Investoren würden verstärkt Kapital von den USA nach Europa umschichten, angetrieben durch Sorgen über die US-Wirtschaftspolitik, hohe Bewertungen bei Tech-Aktien und geopolitische Risiken.
Trumps Superkräfte, sie schwinden offenbar rapide. Auch das öffnet Europa ein Fenster der Gelenheiten. Nur ist dafür die Zeit – das machten die Tech Talks deutlich – ein entscheidender Faktor. Dagmar Schuller bemühte dafür einen Vergleich aus dem Fußball. Harry Kane, sagte sie, hätten nicht 10.000 Spiel-Analysen zum Weltklasse-Stürmer gemacht. Talent entwickle sich erst im Training und Spiel auf dem Platz. Das Potenzial zur Weltklasse habe Europa auch. Jetzt müsse die Umsetzung kommen.
Panels im Überblick
Shaping Europe’s Competitive Digital Future: Frameworks, Innovation, and Industrial Scale
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
Im Hauptpanel wurde diskutiert, wie Europa seine digitale Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann, indem institutionelle Rahmenbedingungen, technologische Innovation und industrielle Bedürfnisse stärker aufeinander abgestimmt werden. Anhand einer europäischen Cloud‑Initiative wurde aufgezeigt, wo entlang der digitalen und industriellen Wertschöpfungskette derzeit Verwundbarkeiten bestehen – von fehlender Infrastruktur über fragmentierte Märkte bis hin zu Skalierungshemmnissen für innovative Unternehmen.
Die Panelistinnen und Panelisten beschrieben die Herausforderungen, mit denen europäische Technologieakteure konfrontiert sind, wenn sie im europäischen Markt bleiben und von hier aus wachsen wollen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Frage nach einer möglichen "European Preference", also dem gezielten Einsatz europäischer Lösungen in strategischen Bereichen.
Deutlich wurde: Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, braucht Europa schnellere Entscheidungsprozesse, verlässliche Rahmenbedingungen und einen stärkeren Schulterschluss zwischen Politik, Industrie und Technologieentwicklern.
Fazit: Europas digitale Souveränität hängt entscheidend davon ab, wie gut es gelingt, Innovation, Marktstrukturen und politische Weichenstellungen europaweit zu koordinieren und gemeinsam zu skalieren.
Es diskutierten:
- Olivier de la Boulaye, Group Sales Director Healthcare, OVH Cloud
- Vincent Rijnbeek, RVP Sales, Dataiku
- Prof. Dagmar Schuller, Vice President, Chamber of Commerce and Industry for Munich and Upper Bavaria (IHK)
- Oliver Zeller, Director of Innovation, Celonis
Moderation: Patrick Brandmaier, CEO, Franco-German Chamber of Industry and Commerce
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
In der AI‑Session wurde deutlich, dass Europa über starke KI‑Start-ups, hochwertige industrielle Daten und wachsendes technologisches Know-how verfügt – diese Potenziale jedoch besser vernetzt und gebündelt werden müssen.
Zentral war der Ruf nach einer gemeinsamen europäischen Vision für KI, die nationale Einzelinitiativen überwindet und europäische Stärken strategisch zusammenführt.
Als mögliches Alleinstellungsmerkmal Europas wurde Trustworthy AI hervorgehoben: Europa kann sich mit verantwortungsvoller und verlässlicher KI als Wettbewerbsvorteil positionieren. Allerdings müssen dafür die Regelwerke konsequent praxisfreundlicher und innovationsorientierter ausgestaltet werden.
Fazit: Europa hat die Voraussetzungen, im globalen KI‑Wettbewerb eine führende Rolle einzunehmen – wenn Zusammenarbeit, klare Zielbilder und ein europäischer Ansatz konsequent gestärkt werden.
Es diskutierten:
- Laurence Fornari, Head of Sales, Digigram Group
- Luca Franke, GTM DACH, Mistral AI
- Andreas Preißer, Head of Business Relations, Baiosphere - the Bavarian AI Network
- Lucas Spreiter, Founder of Venta AI & Regional Manager Bavaria of KI Bundesverband (German AI Association)
- Nadine Stockinger, AI Governance Manager | Vehicle Development Process, BMW Group
Moderation: Franziska Neuberger, IHK für München und Oberbayern
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
In der Session „How do industrial leaders and start-ups strengthen Europe’s technological sovereignty in space and defense?“ standen aktuelle Entwicklungen in der Verteidigungs- und Raumfahrttechnologie sowie ihre Bedeutung für Europas Sicherheit im Mittelpunkt.
Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der wachsenden Rolle von Drohnen, sowohl im Bereich Aufklärung als auch im Combat‑Einsatz. Die Diskussion machte deutlich, dass Europa hier strategisch nachziehen muss, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Fähigkeiten auszubauen.
Große Aufmerksamkeit erhielt zudem das europäische Vergabewesen. Die Frage, ob die bestehenden Beschaffungsprozesse angesichts rasanter technologischer Sprünge und Just‑in‑Time‑Produktion noch zeitgemäß sind, wurde intensiv diskutiert. Mehrere Stimmen betonten, dass Europa insgesamt zu langsam ist – auch, weil die Strukturen oft komplex und langwierig sind.
Im Vergleich wurde hervorgehoben, dass Frankreich über deutlich effizientere Entscheidungs- und Beschaffungswege verfügt, da das Land seit Jahren stärker in Defense‑Technologien investiert und eine kontinuierliche Industrieentwicklung aufweist. Deutschland hingegen holt erst seit Kurzem auf, nachdem der Sektor lange im Schatten stand.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung des Weltraums (Space) für Sicherheit und Resilienz Europas hervorgehoben – von Satellitenkommunikation über Erdbeobachtung bis hin zu neuen kommerziellen und strategischen Anwendungen.
Fazit: Um Europas technologische Souveränität in Verteidigung und Raumfahrt zu stärken, braucht es schnellere Entscheidungsprozesse, modernisierte Vergabestrukturen sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups.
Auf dem Panel diskutierten:
- Eric Even, Head of Space Digital | SVP, Airbus Defence and Space
- Stephanie Lingemann, Senior Director Air Domain, Helsing
- Bastien Mancini, CEO, Delair
Moderation: Yves-Antoine Brun, Les Conseillers du Commerce Extérieur de la France (CCE)
© IHK für München und Oberbayern / Goran Gajanin DAS KRAFTBILD
In der Session „Financing Europe’s Deep Tech Future“ wurde deutlich, dass erfolgreiche Innovationsfinanzierung weit über die Bereitstellung von Kapital hinausgeht. Die Panelistinnen und Panelisten diskutierten, welche Rahmenbedingungen europäische Technologieunternehmen benötigen, um von der frühen Entwicklung in den globalen Maßstab zu gelangen – insbesondere in Bereichen wie Deep Tech, Fusionsenergie, Cybersecurity und skalierende Softwareunternehmen.
Klar wurde: Entscheidend sind Strukturen und Bedingungen, die Wachstum ermöglichen. Dazu zählen vor allem der Zugang zu großen, risikobereiten Kundinnen und Kunden, schnellere Entscheidungsprozesse, ein verlässlicher und innovationsfreundlicher regulatorischer Rahmen sowie ein gestärktes Vertrauen in europäische Technologieanbieter. Als weiteres Schlüsselelement wurde die Bedeutung enger Public-Private Partnerships hervorgehoben, um langfristige technologische Vorhaben zu ermöglichen und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Fazit: Europa braucht nicht nur mehr Kapital, sondern vor allem ein Ökosystem, das Skalierung erlaubt – mit klaren Regeln, mutigen Kunden und einer gemeinsamen Ambition, technologische Spitzenleistungen in Europa zu halten und global erfolgreich zu machen.
- Jérémie Falzone, Partner, Revaia
- Dr. Saskia Horsch, Director Corporate Affairs, Marvel Fusion
- Itziar Estevez Latasa, General Partner, IRIS Capital
- Dr. Nils Schwerdfeger, COO, Myra Security
Moderation: Sabine Flechet, Board Member, La French Tech Munich
Impressionen
Save the Date: 18.03.2027
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"Der Binnenmarkt ist eine Illusion. Wir müssen in Europa endlich wieder mutig werden, und unsere Zukunft in unseren Händen nehmen"