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Gutes Team – Johannes Reiter mit seiner Tochter Vreni von Schönberg

Gutes Team – Johannes Reiter mit seiner Tochter Vreni von Schönberg

© Thorsten Jochim

170 Schritte vom Schaf bis zur Joppe

Seit 150 Jahren stellt das Trachtenhaus Karl Jäger Jacken her – in Handarbeit. Wie das Familienunternehmen erfolgreich Tradition und Moderne verbindet.

Von Sebastian Schulke, IHK-Magazin 3/2026

Die Treppenstufen aus Holz knarzen. Sie winden sich in die 2. Etage eines altehrwürdigen Hauses mitten in Miesbach. Ein Haus, in dem bereits seit mehr als 150 Jahren fleißig entworfen und geschneidert wird – vor allem Trachten und Joppen. „Da kann uns keiner etwas vormachen“, sagt Edda, die seit 35 Jahren im „Trachtenhaus Karl Jäger“ als Zuschneiderin arbeitet. „Wir machen unsere Joppen bis heute komplett von Hand. Deswegen stehe ich ja auch hier.“ Sie nimmt die nach Maß angefertigten Schablonen von Trachtenvereinen, Jägerschaften oder Schützenvereinen und zeichnet die Umrisse auf den edlen Loden, um daraus die Zuschnitte für die Schneiderei herzustellen.

Zuschneiderin Edda zeichnet mit einer Schablone Schnittmuster auf einen Lodenstoff, um Stoffteile für Trachtenjacken im Trachtenhaus Karl Jäger vorzubereiten.

Seit 35 Jahren im Unternehmen – Zuschneiderin Edda

„Unsere Schneiderinnen sitzen direkt eine Etage darunter. Sie machen aus den zugeschnittenen Stoffteilen eine Tegernseer Joppe mit den entsprechenden Stickereien“, erklärt Edda. Feinste Lodenballen in den unterschiedlichsten Farbtönen stapeln sich in ihrem Raum. Dazu hängen auf Kleiderbügeln schier unzählige Schablonen. „Da hat sich in den vergangenen 150 Jahren einiges angesammelt“, sagt Johannes Reiter, der seit 1996 die Geschäfte der Karl Jäger Bayrisches Trachtenhaus GmbH leitet. In seinen Händen hält er die alte Kupferschablone für die maßgeschneiderte Joppe von Ludwig Thoma. Besonderes Extra: eine Tasche für Zigarren, die der bayerische Schriftsteller gern rauchte.

Veredelt mit gestickten Ornamenten

Die handgefertigten Kleidungsstücke aus der Region finden auch heute ihre Kunden. Das 1876 gegründete Unternehmen setzt dabei erfolgreich auf Tradition und Qualität – und modernes Marketing via Instagram. Stetige Erneuerung gehört von Anfang an zum Geschäftsmodell.

Begonnen hat alles mit einer Schneiderei, die Josef Jäger in seinem Haus im Stadtzentrum von Miesbach eröffnete. Der „Schneider Jäger“ stellte Jacken, Hosen, Mäntel und Westen her. Sein Sohn Karl Jäger entwickelte 1910 die „Original Miesbacher Joppe“ mit ihren Eichenlaub-Stickereien. „Raimund Jäger, der Bruder von Karl, war Bildhauer. Beide kamen auf die Idee, die Natur auf die Tracht zu übertragen“, erklärt der heutige Firmenchef. „So entwarf Raimund die verschiedenen Ornamente wie Eichenlaub, Frauenmantel, Efeu oder Edelweiß.“ Jede Region und jeder Verein habe da seine ganz eigene Joppe und Tracht.

Von Tracht bis Uniform

Regale voller hängender Zuschnittschablonen aus Papier und Karton, darunter gestapelte Lodenstoffe im Lager des Trachtenhauses Karl Jäger.

Firmenschatz – auf Bügeln hängen unzählige Zuschnittschablonen

Die sehr hochwertigen Joppen und Trachten waren schon damals sehr gefragt, nicht nur rund um Miesbach im Alpenraum. 1926 brachte die Familie Jäger einen Trachtenkatalog heraus und baute einen Versandhandel auf, der Trachtenvereine bis nach Nordamerika belieferte. Als Karl Jäger aus der 3. Generation die Schneiderei nicht übernahm, verpachtete die Familie das Geschäft 1976 an Michael Wismeth, der neben Trachten seinen Fokus auf Uniformen und Dienstbekleidung legte.

Nach weiteren 20 Jahren kam schließlich die Familie Reiter ins Spiel. Johannes Reiter und sein Bruder Markus Reiter übernahmen das Trachtenhaus Karl Jäger, mit dem sie bereits verbunden waren. Denn ihr Vater, Josef Reiter, betrieb in Dietramszell eine Lodenweberei. Sohn Johannes gestaltete damals als gelernter Webereitechniker eigene Kollektionen, die er bereits seit einigen Jahren an das Trachtenhaus in Miesbach verkaufte.

Mit Qualität gegen Fast Fashion

„Unsere Familie kennt sich bestens mit der Herstellung feinster Lodenstoffe aus“, erklärt Johannes Reiter. „Zusammen mit der Schneiderei vom Trachtenhaus Jäger entstand so eine Verbindung, bei der beide Seiten ihre Stärken voll zur Geltung bringen können. Wir sind mit dem gesamten Produktionsverlauf vertraut, bestimmen und gestalten ihn. Bei externen Prozessen arbeiten wir mit befreundeten Betrieben aus unserer Region zusammen.“

Das garantiere sehr hohe Qualität und setze ein klares Zeichen gegen die Fast-Fashion-Industrie, bei der ein Kleidungsstück schnell mal den halben Erdball umrunde, wie Reiter kritisiert: Die Rohbaumwolle komme aus den USA, der Polyesteranteil aus Fernost. Gewebt werde in Deutschland und geschneidert in Tunesien. Wenn die Jacke oder Hose dann letztlich in einem Modegeschäft in Bayern lande, habe sie umgerechnet 19.000 Kilometer zurückgelegt.

Expansion mit tollem Team

„Bei uns sind es nur ein paar Meter“, sagt Johannes Reiter und betont: „Unsere Joppen sind noch wirklich Handarbeit, werden mit viel Leidenschaft und Liebe hier in Miesbach hergestellt. Ich konstruiere dabei auch die Mischung der Wolle, sage der Weberei genau, was zu tun ist, um einen sehr hochwertigen und langlebigen Lodenstoff zu bekommen.“ Vom Schaf bis zur Jacke sind es laut Reiter um die 170 Schritte.

Blick in die Schneiderei des Stammhauses mit einer fertigen Trachtenjoppe am Bügel und mehreren Arbeitsplätzen, an denen Mitarbeiterinnen nähen.

Schneiderei im Stammhaus – fünf Mitarbeiterinnen arbeiten hier

Mittlerweile hat die Familie neben dem Trachtenhaus in Miesbach weitere Geschäfte eröffnet – in Tegernsee, Bad Tölz und Rosenheim. Im Stammhaus befindet sich die Schneiderei, in der eine Meisterin zusammen mit 4 Mitarbeiterinnen sitzt. „Christina, Lucie, Anette und Maria legen hier Hand an. Elke ist für Reparaturen und Änderungen zuständig. Ein tolles Team“, sagt Vreni von Schönberg mit ihrem Sohn auf dem Arm, der erst ein paar Wochen alt ist. Sie steht in der Schneiderei neben ihrem Vater, der stolz lächelt.

Tochter wird bald Nachfolgerin

„Vreni wird das Geschäft bald übernehmen“, sagt er. Und seine Tochter erinnert sich: „Als Kinder haben wir hier im Trachtenhaus gern Verstecken gespielt.“ Mit 15 Jahren und später als Studentin habe sie immer wieder als Verkäuferin mitgearbeitet. „Ich bin sehr mit unserem Trachtenhaus verbunden und bringe zur Tradition die Moderne mit hinein.“

Verkaufsraum des Trachtenhauses Karl Jäger mit zahlreichen Trachtenjacken, Westen und Pullovern, ordentlich präsentiert auf Kleiderstangen und Tischen.

Große Auswahl – manche Kunden reisen extra aus dem Ausland an, um im Laden auszusuchen

„Das Persönliche ist wichtig“

Vreni von Schönberg hat BWL studiert und während der Coronapandemie den Onlineshop aufgebaut. Zudem ist das altehrwürdige Trachtenhaus auf Instagram zu finden. „Marketing, Personal, der Onlineshop und Messen sind gerade meine Schwerpunkte. Meine Mutter kümmert sich um unseren Laden Reiter-Loden in Bad Tölz“, erzählt sie und meint: „Mir gefällt, dass das Persönliche immer noch sehr wichtig ist. Wir haben Kunden aus aller Welt, die extra nach Miesbach und in unsere anderen Geschäfte kommen. Unsere Tradition und Qualität zahlen sich aus.“

Mit Social Media auf Azubi-Suche

Das soll auch in Zukunft so bleiben. Zwar macht sich der Fachkräftemangel beim Trachtenhaus Karl Jäger bemerkbar. „Das ist auch bei uns ein Thema“, sagt Vreni von Schönberg. „Doch mit viel Geduld und über Social-Media-Kanäle bieten sich neue Wege und Möglichkeiten, die wir bei der Suche nach Auszubildenden nutzen.“ Schließlich handle es sich nicht um verstaubte Mode, sondern um moderne und funktionale Kleidungsstücke.

Joppen für jedermann

„Joppen konnten sich früher nur Privilegierte leisten“, sagt Geschäftsführer Reiter. Doch das habe sich geändert. Joppen und Trachten seien auch bei jungen Menschen angesagt. Sie würden im Alltag genauso wie bei Festlichkeiten getragen, seien wasserabweisend, äußerst robust, würden wärmen und ein Leben lang halten. Das schätzen nicht nur Trachtenvereine, Jägerschaften und Schützenvereine.