ihk_magazin_logo_2
Das Unternehmen handlungsfähig halten – Knape-Geschäftsführer Steffen Knape

Das Unternehmen handlungsfähig halten – Knape-Geschäftsführer Steffen Knape

© Annelie Brux

Transparent und klar

Eine Familienverfassung hilft, Unternehmen über Generationen hinweg erfolgreich zu führen. Was das in der Praxis bedeutet, zeigt das Beispiel der Unternehmerfamilie Knape.

Von Eva Elisabeth Ernst, IHK-Magazin 3/2026

Gleich bei einem der ersten gemeinsamen Wochenenden tauchte der Begriff „Klassenfahrt“ auf und blieb haften. Über 2 Jahre hinweg fuhren die insgesamt 14 Mitglieder der Unternehmerfamilie Knape also auf „Klassenfahrt“. Es ging darum, eine Familienverfassung zu erarbeiten, in der Grundsätze und Regeln für das Miteinander in der Unternehmerfamilie sowie das unternehmerische Engagement festgelegt wurden.

Denn der Gesellschafterkreis der Knape Gruppe Holding GmbH, deren unternehmerischer Schwerpunkt im Gleisbau liegt, wird sich in den nächsten Jahren deutlich erweitern: Bislang zählen dazu die Geschwister Andrea Reverchon sowie Christian Knape und Steffen Knape. Doch nach und nach werden sie ihren insgesamt 11 Kindern ihre Anteile übertragen.

Familienfrieden sichern

„Wir wollen die Unternehmensgruppe auch mit einem deutlich größeren Gesellschafterkreis handlungsfähig halten und weiterentwickeln“, erklärt Steffen Knape, geschäftsführender Gesellschafter und Enkel des Gründers Max Knape. „An erster Stelle steht jedoch der Zusammenhalt der Familie: Wir verstehen uns sehr gut – und das soll auch so bleiben.“

Dass es beim Wechsel von der 2. auf die 3. Unternehmergeneration zu erheblichen Konflikten kam, die sowohl die Firma als auch den Familienfrieden beeinträchtigten, war für die 3 Gesellschafter ein wesentlicher Grund dafür, die Familienverfassung zu entwickeln. „Die Frage, ob wir uns alle auch dann noch gut verstehen, wenn Geschäftsinteressen berücksichtigt werden müssen, ist damit für mich geklärt“, sagt Steffen Knape. „Ich bin mir nun sicher, dass wir das hinbekommen.“

Statt Streit – neue Impulse

In Familienunternehmen verändert jede Nachfolge die interne Dynamik. Oft wächst die Zahl der Gesellschafter, manchmal sind mehrere Generationen gleichzeitig in der Geschäftsführung. Das kann für viele neue Impulse sorgen, die das Unternehmen voranbringen.

Aber es birgt eben auch Konfliktpotenzial, etwa wenn persönliche Streitigkeiten die unternehmerischen Entscheidungen beeinflussen. Werden offene Themen und schwelende Konflikte nicht angesprochen und geregelt, können sie auf Dauer sogar die Existenz des Unternehmens gefährden. Eine gemeinsam erarbeitete Familienverfassung kann das Risiko für eine solche Eskalation deutlich verringern.

IHK-Info: Unternehmensnachfolge – so gelingt sie

Umfangreiche Informationen zum Thema Unternehmensnachfolge und -übergabe gibt es auf der IHK-Website.

Ein Beirat unterstützt

Bei Knape legt die Familienverfassung unter anderem fest, dass die Unternehmensanteile in Familienbesitz bleiben sollen. Die Familienmitglieder beschlossen gemeinsam, unter welchen Voraussetzungen die Anteile innerhalb der Familie getauscht, vererbt und weitergegeben werden können. Auch die Anforderungen an Familienmitglieder, die in einem der Unternehmen der Gruppe tätig werden möchten, wurden definiert.

Vorerst werden die Tochterunternehmen weiterhin von ihren jeweiligen Geschäftsführern geleitet. Doch größere Entscheidungen treffen sie gemeinsam mit dem Beirat, der sich perspektivisch aus 2 externen Experten und 3 Gesellschaftern zusammensetzen wird. Die Mitglieder des Beirats wiederum werden alle 3 Jahre vom Gesellschafterkreis bestimmt. „Damit ist gesichert, dass die Familie immer ausschlaggebend entscheiden kann“, erklärt Steffen Knape. Vorausschauend wurde auch der Umgang mit innerfamiliären Konflikten geregelt.

Startschuss für den Generationswechsel

Am 5. Dezember 2025 unterzeichneten alle 14 Familienmitglieder die Vereinbarung. „Sie ist zwar nicht rechtlich, aber moralisch bindend“, sagt Knape. Derzeit werden noch alle relevanten juristischen Dokumente entsprechend angepasst. Zudem wurde mit der Familienverfassung der nächste Generationswechsel eingeleitet. „Mit 65 Jahren werde ich die unternehmerische Verantwortung sowie den Großteil meiner Anteile abgegeben haben“, sagt der heute 56-Jährige. Falls der Gesellschafterkreis dies ausdrücklich wünsche, könne er noch 1 Jahr länger an der Spitze des Unternehmens stehen. „Doch danach ist endgültig Schluss.“

In den Jahren bis zu seinem Abschied aus dem Unternehmen soll die nächste Generation auf ihre Rolle und auch auf die Verantwortung, die sie künftig trägt, vorbereitet werden. Schließlich ist das jüngste Mitglied der 4. Generation derzeit erst 17 Jahre alt.

14 Familienmitglieder reden mit

„Wir alle haben die Möglichkeit, als Gesellschafter einzusteigen und auch in einem der Unternehmen tätig zu werden“, sagt Patrick Reverchon, mit 34 Jahren der älteste Vertreter der Nachfolgegeneration. „Die Familienverfassung sorgt jedoch nicht nur für Klarheit und Transparenz innerhalb der Familie, sondern signalisiert auch den Mitarbeitenden und Führungskräften der Unternehmensgruppe Kontinuität und unser Commitment als Eigentümer.“

Die Terminfindung für die Treffen der 14 Familienmitglieder bezeichnet Patrick Reverchon durchaus als Herausforderung, genauso wie das – nicht zuletzt altersbedingte – heterogene betriebswirtschaftliche Know-how der 4. Generation. „Zudem fiel es uns eher schwer, Kritisches anzusprechen“, erinnert er sich. „Als wir über die Visionen für die Unternehmensgruppe und den strategischen Rahmen gesprochen haben, hat sich allerdings gezeigt, dass wir in manchen Fragen doch nicht alle auf einer Linie sind. Sich damit auseinanderzusetzen, war ein gutes Training für das, was auf uns zukommen wird.“

Gleiches Verständnis entwickeln

Das Leitbild für die Unternehmensgruppe bildet die Basis der Familienverfassung und den strategischen Rahmen für die Übergaben. „Diesem Thema sind wir bislang immer ausgewichen“, sagt Steffen Knape. Doch die Auseinandersetzung damit habe sich auch für ihn persönlich gelohnt: „Durch das gemeinsame Verständnis, wo wir hinwollen, fühle ich mich stärker legitimiert und lebe auch meine Rolle als geschäftsführender Gesellschafter anders als noch vor 2 Jahren.“

Professionelle Begleitung

Sowohl Knape als auch Reverchon betonen, wie wichtig die professionelle Begleitung des gesamten Ablaufs war. Dies übernahmen Caroline Höllein (siehe Experteninterview unten) und Christoph Bellmann von der Beratungsgesellschaft Weissmann & Cie. GmbH, die sich als „Zukunftsentwickler von Familienunternehmen“ positioniert. „Besonders beeindruckend war neben der Strukturierung des Prozesses auch das Vertrauen der nächsten Generation in die Berater“, sagt Knape.

Erfolg durch gemeinsame Vision

Dass sich die aktuellen und die künftigen Gesellschafter darin einig sind, über einen langen Zeitraum hinweg kräftig zu investieren, freut ihn ganz besonders. Schließlich ist das Marktumfeld für Unternehmen im Bahnbau derzeit besonders günstig. „Ich sehe es als großen Vorteil einer familiengeführten Unternehmensgruppe, dass wir sehr langfristig agieren können – sofern wir eine gemeinsame Vision verfolgen und uns einig sind.“

Experten-Interview:
„Genügend Zeit für emotionale Themen nehmen“

Caroline Höllein, Beraterin bei Weissmann & Cie., steht mit verschränkten Armen in einem modernen Büro.

© Weissmann & Cie.

Caroline Höllein, Associate Partner bei Weissmann & Cie.

Wie stellen Unternehmerfamilien eine Familienverfassung auf? Beraterin Caroline Höllein, Associate Partner bei Weissmann & Cie., erläutert die einzelnen Schritte.

Frau Höllein, wann sollten Unternehmer an eine Familienverfassung denken?

Wenn sich in einem Familienunternehmen eine gewisse Komplexität ergibt, weil Eigentum und operative Führung bei verschiedenen Personen liegen und dabei die Rollen und Erwartungen der Gesellschafter geklärt werden müssen. Auch der Eintritt der nächsten Generation ins Unternehmen kann Anlass für eine Familienverfassung sein.

Vor allem wenn bereits erste latente Spannungen innerhalb der Familie auftreten, sollte man sich damit beschäftigen, bevor sich Fronten verhärten und Kommunikation kaum mehr möglich ist.

Relevante Themen bestimmen

Wie gehen Sie beim Aufstellen einer Familienverfassung vor?

Auch wenn der Prozess sehr strukturiert ist, gibt es keine Blaupause für eine Familienverfassung. Jede Unternehmerfamilie, jedes Unternehmen und jede Familie ist anders. Das gegenseitige Kennenlernen in der 1. Phase ist jedoch immer wichtig. Wir investieren viel Zeit in Einzelgespräche und die Bestandsaufnahme, um mit allen Beteiligten ein Gesamtbild der relevanten Themen zu erarbeiten und potenzielle oder bereits existierende Spannungsfelder zu identifizieren.

Praktische Regelungen erarbeiten

Was kommt in Phase 2?

Hier entwickeln wir gemeinsame Werte und ein gemeinsames Familienverständnis. Zudem sollte das Verhältnis zwischen Familie und Unternehmen geklärt werden. Wer darf unter welchen Voraussetzungen im Unternehmen tätig sein? Welche Eigentumsstrukturen gibt es? Wie sollen sie sich entwickeln? Wie können Anteile erworben, verkauft oder weitergegeben werden? Wie sieht die künftige Ausschüttungspolitik aus? Wie gestalten wir Nachfolgeprozesse? Auch Maßnahmen zur Konfliktbewältigung gehören in eine Familienverfassung.

Sich die nötige Zeit nehmen

Wie lange dauert das Ganze?

Man sollte mit etwa 12 Monaten rechnen. Meist dauert es jedoch 18 bis 24 Monate, bis wirklich alles geregelt ist und die Familienverfassung auch rechtlich in juristisch bindenden Dokumenten wie etwa Gesellschaftsverträgen, Testamenten oder Eheverträgen verankert ist. Wir führen mehrere Familienworkshops durch. Das sind in der Regel 1-tägige Veranstaltungen an neutralen Orten, weg vom Tagesgeschäft.

Wichtig ist, dass auch für die Bearbeitung emotionaler Themen genügend Zeit ist. Zwischen den einzelnen Workshops sollten 4 bis 6 Wochen liegen, um Inhalte sacken zu lassen. Mitunter sind auch individuelle Gespräche und Coachings mit einzelnen Familienmitgliedern sinnvoll.