Entscheidend sei dabei die Übertragbarkeit: „Was sich im Kleinen bewährt, wird strukturiert weiterentwickelt und skaliert. So entsteht Schritt für Schritt echte digitale Kompetenz im Unternehmen – nicht theoretisch, sondern im täglichen Tun.“ Die Firma hat dafür eine eigene KI-Lernplattform für Mitarbeitende etabliert.
Gezielter Wissenstransfer, Impulse von außen
Externe Unterstützung nutzt das Unternehmen hingegen sehr selektiv. „Wir setzen weniger auf klassische Beratung, sondern stärker auf gezielten Wissenstransfer durch Netzwerke, Partnerschaften und den Austausch mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen“, so Leipold. „Uns ist wichtig, Impulse von außen aufzunehmen, diese aber immer in unsere eigenen Strukturen zu übersetzen.“
Bei der Wissensvermittlung auf das perfekte Schulungskonzept zu warten, hält IHK-Ausschussvorsitzender Müller für keine gute Idee: „Digitale Kompetenz entsteht durch Anwendung, nicht durch Folien.“ Vielmehr sollten sich KMU pro Quartal einen Anwendungsfall vornehmen – zum Beispiel KI-gestützte Angebotserstellung oder automatisierte Rechnungsprüfung – und ihn mit den eigenen Leuten umsetzen, bei Bedarf mit Unterstützung von außen. Lernen am Werkstück schlägt nach Müllers Meinung jede E-Learning-Plattform, sofern man die Zeit dafür im Kalender blockt.
Führung muss digitalen Wandel vorleben
Bei der erfolgreichen Entwicklung digitaler Fähigkeiten spielen die jeweiligen Führungskräfte und die Unternehmenskultur zwangsläufig entscheidende Rollen. „In Oberbayern fehlt es nicht an klugen Mitarbeitenden, sondern an Geschäftsführungen, die selbst klicken, ausprobieren und Fehler zugeben“, sagt Müller. Er plädiert für eine Führung, die den digitalen Wandel vorlebt, Zeit zum Experimentieren freigibt und Scheitern nicht abstraft. Ohne diesen Kulturwandel verpuffe jede Investition in Tools – „das ist die unbequeme Erkenntnis aus meiner Ausschussarbeit“, so Müller.
Bachmaier-Manager Leipold sieht das ähnlich. „Wenn Führung ausschließlich auf Effizienz fokussiert, aber keine Räume für Lernen schafft, wird Entwicklung ausgebremst“, betont er. Gefragt seien Führungskräfte, die Orientierung geben, selbst neugierig bleiben und aktiv vorleben, dass Lernen Teil der täglichen Arbeit ist.
Modernisiertes „Survival of the fittest“
Für Leipold steht fest: „In naher Zukunft werden jene Unternehmen erfolgreich sein, die sich kontinuierlich weiterentwickeln, Technologien gezielt einsetzen und konsequent vom Kunden her denken.“ In gewisser Weise sei das ein „survival of the fittest“ – allerdings nicht im klassischen Sinn von Größe oder Ressourcen. „Durchsetzen wird sich, wer am schnellsten lernt, sich anpasst und Technologie in echten Nutzen übersetzt.“
Welche konkreten Maßnahmen sollten Unternehmen priorisieren, um im Wettbewerb digital aufzuholen? Müller empfiehlt unter anderem, KI als 4. Kulturtechnik im Unternehmen zu verankern, verbindlich, mit Zeit und Budget für den Azubi bis zum Vorstand. Sein Credo: „Weniger Strategiepapiere, mehr Umsetzung.“ Wer in den nächsten 12 Monaten keine 2 produktiven KI-Anwendungsfälle vorzuweisen habe, so ist er überzeugt, „wird in 5 Jahren international nicht mehr mitspielen.“
Schüler auf Flughöhe bringen – und die Lehrer
Aus Sicht der IHK muss an vielen Hebeln angesetzt werden, um digitale Kompetenzen zu stärken: So sollte bereits im Bildungssystem, insbesondere in den Schulen, eine umfassende Daten-, KI- und Medienkompetenz aufgebaut sowie Grundlagen der Informatik vermittelt werden. Dafür müssen Lehrkräfte entsprechend qualifiziert und Bildungseinrichtungen adäquat ausgestattet sein. Für Firmen gilt es, bestehende Unterstützungsangebote, wie die Digitalzentren, zu bündeln und wirksam zu gestalten.
Gleichzeitig sollten für Beschäftigte niedrigschwellige Anreize für kontinuierliches Lernen geschaffen werden, etwa durch die strukturelle Anerkennung auch kleinerer Lerneinheiten, sogenannte Microlearning-Zertifikate. Der Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft muss weiter ausgebaut werden. Zudem setzt die Wirtschaft auf digital kompetente, verantwortungsbewusste Verbraucher statt auf zusätzliche Regulierung sowie auf niedrigschwellige Informationsangebote für die breite Gesellschaft – wie sie beispielsweise Österreich mit seiner digitalen Kompetenzoffensive seit einigen Jahren bereitstellt.