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Ausprobieren erwünscht – digitale Kompetenzen zu entwickeln, braucht Freiräume

Ausprobieren erwünscht – digitale Kompetenzen zu entwickeln, braucht Freiräume

© BGStock72/Adobe Stock

Wichtig ist das Tun

Bei digitalen Kompetenzen besteht Nachholbedarf. Experten raten zu einem Kulturwandel in den Unternehmen – und geben konkrete Tipps.

Von Daniel Boss, IHK-Magazin 7-8/2026

Die Bestandsaufnahme ist klar und deutlich: „Digitale Kompetenzen sind die Grundlage für erfolgreiche Digitalisierung. Doch im internationalen Vergleich steht Deutschland hier nur mittelmäßig da,“ stellt die IHK für München und Oberbayern in ihrem Positionspapier zu dem Thema fest. Unter den 27 EU-Ländern liegt Deutschland bei digitalen Kompetenzen nur auf Rang 15, so der Digital Economy and Society Index der Europäischen Union.

Wie aber lassen sich digitales Wissen und Fähigkeit verbessern? Und wo setzen Firmen am besten an? Gerhard Müller ist Vorsitzender des IHK-Ausschusses Digitalisierung, der das Positionspapier mit erarbeitet hat, und kennt die Situation zahlreicher Unternehmen.

Vor allem 3 Felder hält er für geschäftskritisch: „1. Die Datenkompetenz, also der strukturierte Umgang und das Denken mit Zahlen und Daten. Es genügt nicht, einfach nur Excel zu öffnen.“

Der 2. Punkt sei KI-Kompetenz im Alltag – „vom guten Prompt bis zur kritischen Bewertung des Ergebnisses“.

Als 3. Aspekt nennt er das Bewusstsein für Cybersicherheit, „weil heute jeder Klick Konsequenzen hat“.

4. Aspekt: Kulturtechnik unserer Zeit

Die Ursache für die mittelmäßige Position Deutschlands liegt nach Müllers Ansicht vor allem in der Haltung, die Unternehmen zur Digitalisierung einnehmen. Sie behandelten sie als IT-Projekt, das man delegieren könne. „Tatsächlich aber ist sie – nach Lesen, Schreiben, Rechnen – die 4 Kulturtechnik unserer Zeit, gerade durch KI“, so Müller. Die größte Kompetenzlücke macht er nicht in der Firmen-IT aus, „sondern in der Mitte der Belegschaft und im Top-Management“.

Ähnlich wie Müller betont auch Iwe Kardum, Geschäftsführer der inSyca IT Solutions GmbH in München, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) beim Kompetenzaufbau die Digitalisierung nicht als einmaliges Projekt betrachten sollten, sondern als essenziellen Prozess, der im Unternehmen integriert werden muss. Digitale Prozesse würden zu häufig durch manuelle Zwischenschritte unterbrochen. „Ein instabiler Ablauf im Tagesgeschäft bietet meist den besten Einstiegspunkt“, so Kardum. „Verbesserungen lassen sich dort direkt messen und schrittweise ausbauen.“

In den Arbeitsalltag integrieren

Wie digitale Kompetenz im Alltag entsteht, zeigt die bachmaier GmbH in Bischofswiesen, Hersteller von maßgefertigtem Gehörschutz. Sie verfolgt einen konsequent praxisnahen Ansatz. „Digitale Themen werden bei uns nicht isoliert vermittelt, sondern direkt in den Arbeitsalltag integriert“, erklärt COO Marco Leipold. Das bedeutet: konkrete Anwendungsfälle, kleine, schnell umsetzbare Pilotprojekte und feste Zeiträume, in denen sich Teams gezielt mit neuen Lösungen beschäftigen.

Gerhard Müller, Vorsitzender des IHK-Ausschusses Digitalisierung, lächelnd im Porträt mit hellblauem Hemd vor neutral grauem Hintergrund.

© privat

Digitale Kompetenz entsteht durch Anwendung, nicht durch Folien.

Gerhard Müller, Vorsitzender IHK-Ausschuss Digitalisierung

Entscheidend sei dabei die Übertragbarkeit: „Was sich im Kleinen bewährt, wird strukturiert weiterentwickelt und skaliert. So entsteht Schritt für Schritt echte digitale Kompetenz im Unternehmen – nicht theoretisch, sondern im täglichen Tun.“ Die Firma hat dafür eine eigene KI-Lernplattform für Mitarbeitende etabliert.

Gezielter Wissenstransfer, Impulse von außen

Externe Unterstützung nutzt das Unternehmen hingegen sehr selektiv. „Wir setzen weniger auf klassische Beratung, sondern stärker auf gezielten Wissenstransfer durch Netzwerke, Partnerschaften und den Austausch mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen“, so Leipold. „Uns ist wichtig, Impulse von außen aufzunehmen, diese aber immer in unsere eigenen Strukturen zu übersetzen.“

Bei der Wissensvermittlung auf das perfekte Schulungskonzept zu warten, hält IHK-Ausschussvorsitzender Müller für keine gute Idee: „Digitale Kompetenz entsteht durch Anwendung, nicht durch Folien.“ Vielmehr sollten sich KMU pro Quartal einen Anwendungsfall vornehmen – zum Beispiel KI-gestützte Angebotserstellung oder automatisierte Rechnungsprüfung – und ihn mit den eigenen Leuten umsetzen, bei Bedarf mit Unterstützung von außen. Lernen am Werkstück schlägt nach Müllers Meinung jede E-Learning-Plattform, sofern man die Zeit dafür im Kalender blockt.

Führung muss digitalen Wandel vorleben

Bei der erfolgreichen Entwicklung digitaler Fähigkeiten spielen die jeweiligen Führungskräfte und die Unternehmenskultur zwangsläufig entscheidende Rollen. „In Oberbayern fehlt es nicht an klugen Mitarbeitenden, sondern an Geschäftsführungen, die selbst klicken, ausprobieren und Fehler zugeben“, sagt Müller. Er plädiert für eine Führung, die den digitalen Wandel vorlebt, Zeit zum Experimentieren freigibt und Scheitern nicht abstraft. Ohne diesen Kulturwandel verpuffe jede Investition in Tools – „das ist die unbequeme Erkenntnis aus meiner Ausschussarbeit“, so Müller.

Bachmaier-Manager Leipold sieht das ähnlich. „Wenn Führung ausschließlich auf Effizienz fokussiert, aber keine Räume für Lernen schafft, wird Entwicklung ausgebremst“, betont er. Gefragt seien Führungskräfte, die Orientierung geben, selbst neugierig bleiben und aktiv vorleben, dass Lernen Teil der täglichen Arbeit ist.

Modernisiertes „Survival of the fittest“

Für Leipold steht fest: „In naher Zukunft werden jene Unternehmen erfolgreich sein, die sich kontinuierlich weiterentwickeln, Technologien gezielt einsetzen und konsequent vom Kunden her denken.“ In gewisser Weise sei das ein „survival of the fittest“ – allerdings nicht im klassischen Sinn von Größe oder Ressourcen. „Durchsetzen wird sich, wer am schnellsten lernt, sich anpasst und Technologie in echten Nutzen übersetzt.“

Welche konkreten Maßnahmen sollten Unternehmen priorisieren, um im Wettbewerb digital aufzuholen? Müller empfiehlt unter anderem, KI als 4. Kulturtechnik im Unternehmen zu verankern, verbindlich, mit Zeit und Budget für den Azubi bis zum Vorstand. Sein Credo: „Weniger Strategiepapiere, mehr Umsetzung.“ Wer in den nächsten 12 Monaten keine 2 produktiven KI-Anwendungsfälle vorzuweisen habe, so ist er überzeugt, „wird in 5 Jahren international nicht mehr mitspielen.“

Schüler auf Flughöhe bringen – und die Lehrer

Aus Sicht der IHK muss an vielen Hebeln angesetzt werden, um digitale Kompetenzen zu stärken: So sollte bereits im Bildungssystem, insbesondere in den Schulen, eine umfassende Daten-, KI- und Medienkompetenz aufgebaut sowie Grundlagen der Informatik vermittelt werden. Dafür müssen Lehrkräfte entsprechend qualifiziert und Bildungseinrichtungen adäquat ausgestattet sein. Für Firmen gilt es, bestehende Unterstützungsangebote, wie die Digitalzentren, zu bündeln und wirksam zu gestalten.

Gleichzeitig sollten für Beschäftigte niedrigschwellige Anreize für kontinuierliches Lernen geschaffen werden, etwa durch die strukturelle Anerkennung auch kleinerer Lerneinheiten, sogenannte Microlearning-Zertifikate. Der Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft muss weiter ausgebaut werden. Zudem setzt die Wirtschaft auf digital kompetente, verantwortungsbewusste Verbraucher statt auf zusätzliche Regulierung sowie auf niedrigschwellige Informationsangebote für die breite Gesellschaft – wie sie beispielsweise Österreich mit seiner digitalen Kompetenzoffensive seit einigen Jahren bereitstellt.

IHK-Info: Digitale Kompetenzen

Die IHK-Website enthält umfassende Informationen rund um das Thema digitale Kompetenzen. Dort finden sich zudem alle Forderungen der IHK, um die digitalen Kompetenzen in Deutschland auszubauen