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Will Recycling vorantreiben – Merlin Reingruber, Geschäftsführer Mayerhofer Elektronik

Will Recycling vorantreiben – Merlin Reingruber, Geschäftsführer Mayerhofer Elektronik

© Sym

Zinnteller zu Hightech

Die Firma Mayerhofer Elektronik zeigt, wie sich Ressourcen effizient nutzen lassen. In der Verwendung von recyceltem Zinn gilt der 15-Personen-Betrieb als Pionier.

Von Daniel Boss, IHK-Magazin 5-6/2026

Mit dem Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinem Werk ist es so eine Sache: Wie viel Handeln sich aus der jeweiligen Biografie ableiten lässt, ist kaum genau zu fassen – und soll an dieser Stelle auch nicht versucht werden. Im Fall des Unternehmers Merlin Reingruber lässt der Blick in die Jugend aber vielleicht doch den einen oder anderen Rückschluss auf sein heutiges Tun zu.

Aufgewachsen in idyllischer Umgebung am Starnberger See, zeigte der heute 47-Jährige als Teenager „eindeutig revolutionäre Tendenzen“, wie er selbst sagt. Poster im Hintergrund seines Homeoffices zeigen John Travolta mit Pistole im Kultfilm „Pulp Fiction“ und den jungen Clint Eastwood in „Für eine Handvoll Dollar“. 3 Ehrenrunden, so Reingruber, habe er in der Schule drehen müssen. Auch das VWL-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) endete rasch mit der Exmatrikulation: „Ich bin an der Statistikprüfung gescheitert“, erklärt der Mann ein Vierteljahrhundert später ohne Bedauern.

Karriere in der Kreislaufwirtschaft

Mit der dann folgenden Lehre zum Systemelektroniker und der anschließenden Meisterprüfung begann seine Karriere in einer Branche, in der er seine innovativen und außergewöhnlichen Ideen offenbar besonders gut umsetzen kann. Das Stichwort lautet „Kreislaufwirtschaft“. Es handelt sich um den sorgsamen Umgang mit wertvollen und zugleich endlichen Ressourcen. Die Mayerhofer Elektronik GmbH im oberbayerischen Sauerlach geht dieses Thema aktiv an – und Reingruber ist geschäftsführender Gesellschafter mit Minderheitsbeteiligung.

Das mittelständische Unternehmen mit 15 Mitarbeitenden fertigt elektronische Baugruppen und Geräte für verschiedene Branchen – von der Industrieelektronik bis zur Medizintechnik. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist das Unternehmen als sogenannter EMS-Dienstleister tätig. Das Kürzel steht für „Electronic Manufacturing Services“. Ein Kerngeschäft von Mayerhofer ist die Bereitstellung von elektronischen Geräten und Systemen. Und dafür braucht es zwingend Zinn. „Ohne Lötzinn würde die Welt, wie wir sie heute kennen, nicht funktionieren“, sagt Reingruber.

Merlin Reingruber hält mit ausgestreckten Händen eine bestückte Leiterplatte in die Kamera, der Hintergrund ist unscharf.

Platine – mit recyceltem Lötzinn

Primärzinn-Quellen am Versiegen

Ohne die wichtigen Bauteile laufen weder Waschmaschinen noch können Flugzeuge abheben. Kommunikation, Energieversorgung und zahllose weitere Bereiche sind von Elektronik abhängig. Die weltweite Zinnförderung konzentriert sich auf wenige asiatische Hauptakteure. „Wenn sie nicht mehr liefern würden, würde alles stillstehen. Die Abhängigkeit ist also extrem hoch“, sagt Reingruber und fügt hinzu: „Man geht davon aus, dass die Primärzinn-Quellen ohnehin in wenigen Jahrzehnten erschöpft sind.“

Vor diesem Hintergrund ist Mayerhofer dazu übergegangen, recyceltes Zinn aus Deutschland in der Produktion zu verwenden. Seit 2019 arbeitet das Unternehmen eng mit einer niedersächsischen Recyclingfirma und einer sächsischen Feinhütte zusammen. Von ihnen beziehen die Oberbayern seither ihr Lötzinn.

Opas Spielzeug als wertvoller Rohstoff

„Wir sind deutschlandweit Pioniere auf diesem Gebiet“, sagt der Geschäftsführer. Ob Zinnteller, Pokale oder die berühmten Zinnsoldaten – „vieles aus Opas Zeiten lässt sich heute in recycelter Form in hochmoderner Technik nutzen“. Das bedeutet: Weniger neues Zinn aus dem Bergbau ist notwendig. „Damit bleibt ein wertvoller Rohstoff im Wirtschaftskreislauf und muss nicht erneut unter hohem Energie- und Ressourcenaufwand gewonnen werden“, so Reingruber.

Dieser Ansatz folgt dem Prinzip der zirkulären Wirtschaft: Ziel ist es, Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten und Ressourcen effizient einzusetzen. Gerade in der Elektronikbranche sei das, so Reingruber, von großer Bedeutung, da die Herstellung elektronischer Systeme mit einem hohen Bedarf an Rohstoffen verbunden sei.

Durch nachhaltige Konzepte und den Einsatz von Recyclingmaterialien soll die Umweltbelastung reduziert und eine langfristig stabile Versorgung mit Ressourcen unterstützt werden.

Nachhaltig konstruieren

Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist der Entwicklungsansatz „Design for Sustainability“. Bereits bei der Konstruktion elektronischer Systeme werden Aspekte wie Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit berücksichtigt. Ziel ist es, Produkte zu entwickeln, die langfristig genutzt und später möglichst vollständig in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können.

Darüber hinaus arbeitet Mayerhofer in Netzwerken und Kooperationen mit anderen Unternehmen zusammen, um nachhaltige Lösungen in der Elektronikbranche voranzutreiben. „Allein können wir das als kleines Unternehmen nicht stemmen“, betont Reingruber. Mayerhofer gehört mit weiteren kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zur Schwienbacher Gruppe mit Sitz in München.

Umstellung rechnet sich

Wie ökonomisch sinnvoll ist der neue Ansatz? Die eigentliche Verwendung von Recyclingzinn sei nicht mit Mehrkosten verbunden, betont Reingruber. „Bis zur Umstellung mussten wir allerdings jede Menge Zeit und Geld in die Recherche zu Recyclingmethoden, Lieferanten und so weiter investieren.“ Wie viel Geld genau, habe er nicht ausgerechnet – „und möchte es auch in Zukunft lieber nicht tun“, so der Geschäftsführer lachend. „Doch es hat sich auf jeden Fall gelohnt.“

Sowohl Mayerhofer als auch weitere Unternehmen im Verbund profitierten inzwischen vom Einsatz des recycelten Zinns. „Unter anderem ist es für viele unserer Kunden sehr interessant, weil sie es in ihre Nachhaltigkeitsberichte aufnehmen können.“ Eine bis heute bestehende Herausforderung sei allerdings die Zertifizierung von recyceltem Zinn für kritische Einsatzbereiche wie zum Beispiel im Flugzeugbau. „Bei der Regulatorik besteht durchaus Optimierungsbedarf seitens der Politik“, findet der Unternehmer.

Plattform, um Wissen zu teilen, statt zu horten

Man möchte annehmen, dass Mayerhofer den in langen Jahren erarbeiteten Vorsprung um jeden Preis verteidigen will. Aber: „Wir sind nicht nur bereit, unser Wissen mit anderen Marktteilnehmern zu teilen, sondern drängen sogar förmlich darauf.“ Die Ecosystem Development & Operations Company Sym – auch ein Unternehmen der Schwienbacher Gruppe – will, ausgehend von München, Unternehmen auf der Plattform Symsuite vernetzen, um faires und nachhaltiges Wirtschaften zu fördern.

Revolutionär sucht Gleichgesinnte

Einige Erfolge gab es schon. Dennoch fühlt sich Reingruber häufig wie der „Rufer in der Wüste“. Zahlreiche Unternehmen in der Elektronikbranche reagierten „extrem zurückhaltend“ auf recycelte Stoffe. Davon will sich der Ottobrunner aber nicht abhalten lassen. Schließlich sei er „schon immer revolutionär unterwegs gewesen“.