Primärzinn-Quellen am Versiegen
Ohne die wichtigen Bauteile laufen weder Waschmaschinen noch können Flugzeuge abheben. Kommunikation, Energieversorgung und zahllose weitere Bereiche sind von Elektronik abhängig. Die weltweite Zinnförderung konzentriert sich auf wenige asiatische Hauptakteure. „Wenn sie nicht mehr liefern würden, würde alles stillstehen. Die Abhängigkeit ist also extrem hoch“, sagt Reingruber und fügt hinzu: „Man geht davon aus, dass die Primärzinn-Quellen ohnehin in wenigen Jahrzehnten erschöpft sind.“
Vor diesem Hintergrund ist Mayerhofer dazu übergegangen, recyceltes Zinn aus Deutschland in der Produktion zu verwenden. Seit 2019 arbeitet das Unternehmen eng mit einer niedersächsischen Recyclingfirma und einer sächsischen Feinhütte zusammen. Von ihnen beziehen die Oberbayern seither ihr Lötzinn.
Opas Spielzeug als wertvoller Rohstoff
„Wir sind deutschlandweit Pioniere auf diesem Gebiet“, sagt der Geschäftsführer. Ob Zinnteller, Pokale oder die berühmten Zinnsoldaten – „vieles aus Opas Zeiten lässt sich heute in recycelter Form in hochmoderner Technik nutzen“. Das bedeutet: Weniger neues Zinn aus dem Bergbau ist notwendig. „Damit bleibt ein wertvoller Rohstoff im Wirtschaftskreislauf und muss nicht erneut unter hohem Energie- und Ressourcenaufwand gewonnen werden“, so Reingruber.
Dieser Ansatz folgt dem Prinzip der zirkulären Wirtschaft: Ziel ist es, Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten und Ressourcen effizient einzusetzen. Gerade in der Elektronikbranche sei das, so Reingruber, von großer Bedeutung, da die Herstellung elektronischer Systeme mit einem hohen Bedarf an Rohstoffen verbunden sei.
Durch nachhaltige Konzepte und den Einsatz von Recyclingmaterialien soll die Umweltbelastung reduziert und eine langfristig stabile Versorgung mit Ressourcen unterstützt werden.
Nachhaltig konstruieren
Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie ist der Entwicklungsansatz „Design for Sustainability“. Bereits bei der Konstruktion elektronischer Systeme werden Aspekte wie Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit berücksichtigt. Ziel ist es, Produkte zu entwickeln, die langfristig genutzt und später möglichst vollständig in den Materialkreislauf zurückgeführt werden können.
Darüber hinaus arbeitet Mayerhofer in Netzwerken und Kooperationen mit anderen Unternehmen zusammen, um nachhaltige Lösungen in der Elektronikbranche voranzutreiben. „Allein können wir das als kleines Unternehmen nicht stemmen“, betont Reingruber. Mayerhofer gehört mit weiteren kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zur Schwienbacher Gruppe mit Sitz in München.
Umstellung rechnet sich
Wie ökonomisch sinnvoll ist der neue Ansatz? Die eigentliche Verwendung von Recyclingzinn sei nicht mit Mehrkosten verbunden, betont Reingruber. „Bis zur Umstellung mussten wir allerdings jede Menge Zeit und Geld in die Recherche zu Recyclingmethoden, Lieferanten und so weiter investieren.“ Wie viel Geld genau, habe er nicht ausgerechnet – „und möchte es auch in Zukunft lieber nicht tun“, so der Geschäftsführer lachend. „Doch es hat sich auf jeden Fall gelohnt.“
Sowohl Mayerhofer als auch weitere Unternehmen im Verbund profitierten inzwischen vom Einsatz des recycelten Zinns. „Unter anderem ist es für viele unserer Kunden sehr interessant, weil sie es in ihre Nachhaltigkeitsberichte aufnehmen können.“ Eine bis heute bestehende Herausforderung sei allerdings die Zertifizierung von recyceltem Zinn für kritische Einsatzbereiche wie zum Beispiel im Flugzeugbau. „Bei der Regulatorik besteht durchaus Optimierungsbedarf seitens der Politik“, findet der Unternehmer.
Plattform, um Wissen zu teilen, statt zu horten
Man möchte annehmen, dass Mayerhofer den in langen Jahren erarbeiteten Vorsprung um jeden Preis verteidigen will. Aber: „Wir sind nicht nur bereit, unser Wissen mit anderen Marktteilnehmern zu teilen, sondern drängen sogar förmlich darauf.“ Die Ecosystem Development & Operations Company Sym – auch ein Unternehmen der Schwienbacher Gruppe – will, ausgehend von München, Unternehmen auf der Plattform Symsuite vernetzen, um faires und nachhaltiges Wirtschaften zu fördern.
Revolutionär sucht Gleichgesinnte
Einige Erfolge gab es schon. Dennoch fühlt sich Reingruber häufig wie der „Rufer in der Wüste“. Zahlreiche Unternehmen in der Elektronikbranche reagierten „extrem zurückhaltend“ auf recycelte Stoffe. Davon will sich der Ottobrunner aber nicht abhalten lassen. Schließlich sei er „schon immer revolutionär unterwegs gewesen“.