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„Unsere Start-ups wollen nicht klein bleiben“ – Philipp Gerbert, Chef der TUM Venture Labs

„Unsere Start-ups wollen nicht klein bleiben“ – Philipp Gerbert, Chef der TUM Venture Labs

© Thorsten Jochim

„Wir spielen in der Weltliga“

Philipp Gerbert, Chef der TUM Venture Labs, erklärt, warum die Münchner Start-up-Schmiede ganz Deutschland hoffen lässt.

Von Martin Armbruster, IHK-Magazin 5-6/2026

Wer im Münchner Stadtteil Neuhausen in die Freddie-Mercury-Straße einbiegt, lässt die triste Gegenwart hinter sich. Das Munich Urban Colab ist Teil eines Gründer-Ökosystems, das die britische „Financial Times“ 3-mal in Folge als das beste Europas ausgezeichnet hat. Frei schwebende Treppen, sphärische Architektur, sehr cool das alles. Im MakerSpace wird gesägt, geschliffen, gefeilt. Bayerns Digitalminister Fabian Mehring (FW) ist an diesem Morgen da. Er erklärt in einem der „Event Spaces“, wie Digitalisierung Unternehmern helfen kann, einen Nachfolger zu finden.

Im Hoodie zum Interview

Die Mensa heißt hier „Flash Gordon“. Auf der Karte stehen Bowls, die Kultmarken Fritz Kola, Giesinger und der Dom Peringnon für 270 Euro, wenn die 1. Finanzierung steht. In diesen Räumen sitzen die TUM Venture Labs, die Spitzentechnologie züchten sollen. Venture-Labs-Chef Philipp Gerbert kommt im schwarzen „TUM Venture Labs“-Hoodie zum Interview. Er klingt anders als die TV-Experten in diesen Krisentagen. Er versprüht Zuversicht.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, Ihre Arbeit hier könnte Deutschlands Wirtschaft retten. Glauben Sie daran?
Ja, davon bin ich überzeugt.

Woher nehmen Sie diesen Optimismus?
Wir haben hier 2 Missionen. Die eine lautet, der nächsten Generation die Chance zu geben, in der Welt wieder etwas zu bewegen. Das geht aus unserer Sicht nur mit skalierbaren Organisationen und nur auf Basis neuer Technologien. Zweitens arbeiten wir daran, hier Europas besten Deeptech-Hub aufzubauen.

Aerospace, AI & Co. – 12 Labs für die Zukunft

Deeptech, was ist das eigentlich?
Alles, in dem signifikant viel technisches Know-how steckt. Wir haben hier 12 Labs gegründet, Aerospace/Defense, Robotics/AI, Quantum/Semicon, Healthcare, Food/Agro/Biotech und mehr. Biotech gehört für uns zu Deeptech. Wir haben auch ein Legaltech Colab (primär KI-basierte Prozesse für Rechtsdienstleistungen, Anmerkung d. Red.) an Bord.

Was machen die Venture Labs anders als das Gründerzentrum UnternehmerTUM?
Formal sind wir eine gemeinsame Initiative der Technischen Universität München TUM und der UnternehmerTUM. Die UnternehmerTUM fokussiert sich sehr stark auf die Kooperation mit der TUM School of Management, wir sind in den anderen Schools im MINT- und Biotech-Bereich integriert. Wir sind das Deeptech-Gründerzentrum der TUM.

TUM stellt Infrastruktur

Wie fördern Sie Deeptech?
Dafür muss man Einheiten schaffen, die beides haben, technisches Verständnis und Gründerexpertise. Wir haben hier den Aerospace-Ingenieur oder den Quantenphysiker, der auch Erfahrung in Entrepreneurship hat. Zweitens braucht es für Deeptech Labore. Fast die komplette Infrastruktur, die wir nutzen, liegt bei der TUM. Selbst das Robotics/AI Lab hier im Munich Urban Colab wird vom Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) der TUM betrieben.

Wir sind mit Healthcare im TUM Klinikum Rechts der Isar, mit Aerospace in Ottobrunn, mit Food/Agro in Weihenstephan. Einige Labs sitzen in Garching und in den TUM-Fakultäten in der Innenstadt.

„Einzigartiges geschaffen“

Wie kamen Sie auf diese 12 Labs?
Wir haben analysiert: Wo gibt es bei der TUM spezifische Stärken? Wo gibt es große Weltmärkte? Wie werden wir einzigartig?

Haben Sie das erreicht?
Ja, wir haben etwas Einzigartiges geschaffen. Ein wichtiger Benchmark war Boston, weil man dort sehr klar die vorherrschenden Modelle erkennt. Harvard (in Cambridge, im Großraum Boston, d. Red.) funktioniert wie die UnternehmerTUM. Sie haben die iLabs, die Teams aller Fachrichtungen in Entrepreneurship schulen. Das MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge ist fachlich sehr stark in Biotech, KI, Robotics und Climatetech. Aber diese MIT-Labs sind fragmentiert und arbeiten kaum zusammen.

Synergien statt Silodenken

Was machen Sie hier anders?
Wir wollten Domain-Know-how, aber keine Silostrategie. Bei uns hat jedes Start-up und jeder Partner Zugang zu allen Labs. Das schafft Synergien, die es für technische Durchbrüche braucht. Das ist derzeit recht einzigartig in der Welt.

Bringt das die Forschung, die unser Land bewegt?
Davon sind hier alle überzeugt. Wir haben hier ein herausragendes Ökosystem. Die TUM ist die technologisch am breitesten aufgestellte Universität, die wir in Europa haben – und gleichzeitig seit mehreren Jahren top-ranked. Wir spielen in der Weltliga. Das zeigen auch die globalen Partnerschaften, die wir aufgebaut haben. Die herausragendste ist sicher die bei Climatetech.

Vorteile durch internationale Partner

Worum geht es da?
Wir hatten anfangs Probleme, ein vielversprechendes Climate & Circular Lab zu starten. Zu uns kamen herausragende Talente mit grottenschlechten technischen Geschäftsideen. Die wollten die Welt verbessern, haben sich mit EU-Regulierung und Subventionen beschäftigt, aber hatten nichts, was sich auf dem globalen Markt durchgesetzt hätte.

Wie haben Sie das geändert?
Wir haben 2023 angefangen, mit den 3 Organisationen zu kooperieren, die in den USA Spitzen-Entrepreneure in Climatetech hervorbringen: die Breakthrough Energy, die Organisation von Bill Gates, die John Doerr School in Stanford und die Energy Initiative MITEI am MIT. Das MIT hatte seine Initiative schon vor fast 2 Dekaden gestartet und ein Entrepreneurship-Lab aufgebaut. Ein sehr guter Kurs, der dann auf Stanford übertragen wurde.

Geldverdienen im „harten Markt“

Was hat Ihnen das gebracht?

Wir waren 2 Jahre nach Beginn unserer Kooperation in der gleichen Liga. Das zeigten der MIT Energy Prize und die Fellowships von Breakthrough Energy: Anfangs konnten sich unsere Start-ups dafür nicht einmal qualifizieren. Inzwischen gehören sie zu den geförderten Preisträgern.

Philipp Gerbert im schwarzen TUM Venture Labs Hoodie im Gespräch am Tisch, gestikulierend während eines Interviews im modernen Büro.

© Thorsten Jochim

Kann sein, dass die Amerikaner zehnmal mehr Geld haben, dann müssen wir eben smarter sein.

Philipp Gerbert, CEO TUM Venture Labs

Deutschland tut sich schwer mit der kommerziellen Umsetzung. Wie bekommen wir das besser hin?
Man kann da einiges von Elon Musk lernen. Der sagt sich: Ich nehme jede Subvention mit, die ich kriegen kann, aber meine Strategie ist sehr klar: Ich will am Ende mit meinem Geschäftsmodell auch in einem harten Markt wie beispielsweise Indien Geld verdienen. Wer das nicht schafft, wird scheitern. Das habe ich beim Niedergang der deutschen Solarindustrie selbst miterlebt.

Klimaindustrie forcieren

Wie haben es die Chinesen geschafft, uns da so abzukochen?
Die haben die Schwäche gesehen und eiskalt genutzt: Die deutschen Solarhersteller waren zu träge. Für sie war es einfacher, in Berlin höhere Einspeisevergütungen zu beantragen, als zu versuchen, in Malaysia wettbewerbsfähig zu sein. China hat 2007 Maschinen für die Produktion von Solarzellen bestellt. Die hatten nur Deutschland im Visier. Alle sahen das, keiner hat reagiert. So etwas darf uns nie wieder passieren.

Sehen Sie keinen Lerneffekt?
Die EU macht mit ihrer Klimapolitik den alten Fehler. Sie reguliert, verbietet und subventioniert. Sie hat aber kaum Maßnahmen ergriffen, um eine wettbewerbsfähige Klimaindustrie aufzubauen. Es heißt nur immer abstrakt: Klimaschutz, da gibt es riesige wirtschaftliche Chancen.

Hightech als Wachstumsbringer

Was ja stimmt.
Ja, super Einsicht, sehr schön. Den Markt für Solar haben wir aber komplett verloren, beim Wind sind wir dabei, ihn zu verlieren, die Batterien haben wir verloren. Da sage ich: Come on, Europa, was ist los? Die EU-Politik hilft noch nicht einmal dem Klimaschutz: Die Schlacht um die Erreichung der globalen Klimaziele wird in Asien entschieden. Dort haben wir aber nur Einfluss, wenn wir kompetitive Lösungen liefern.

Nötig sind innovative Hightech-Lösungen. Daran arbeiten Sie doch.
Absolut. Gemeinsam mit der Boston Consulting Group und der UnternehmerTUM haben wir in einem Report Wachstumspfade aufgezeigt. Wir machen deutlich, wie aus der Hightech Agenda Deutschland eine Wachstumsstrategie generiert werden kann. Es geht um die Themen KI/Robotik, Mikroelektronik, Quantentechnologien, Biotech, Energie und nachhaltige Mobilität.

Ukraine: Testfeld für Defense-Industrie

Wo stehen wir da im Wettbewerb?
Bei einigen Themen sind wir gut dabei, bei anderen sind wir weit abgehängt. Da könnten wir ganze Branchen verlieren.

Lassen sich solche Rückstände überhaupt aufholen?
2022 hatten wir fast keine Unternehmen im Verteidigungsbereich. Dann kam der Ukraine-Krieg. Heute haben wir im Münchner Raum den größten Defense-Tech-Hub Europas. Da sprechen wir primär über Cyber/AI, autonome Systeme, den Weltraum und das elektromagnetische Spektrum von Radar bis Laser. In der Ukraine sind 6 unserer Teams aktiv. Unter Beteiligung der Bundeswehr-Uni hat zum Beispiel ARX Robotics dort ihre selbstfahrenden Fahrzeuge im Einsatz. ARX kann heute der NATO sagen: Hier habt ihr eine Lösung, die ist kampferprobt.

Mitgründer des Munich Quantum Valley

Was tut sich in den anderen Labs?
Wir sind heute der New Space Hub in Europa. Auch in Agro/Food haben wir die stärkste Start-up-Pipeline. Bei KI haben wir eine Kooperation mit der ETH Zürich und Baden-Württemberg („AI Triangle“), unterstützt von der Dieter Schwarz Stiftung. Wir bauen in unserem Campus in Heilbronn ein KI-Cluster auf. Neben der TUM kommen die ETH Zürich und das Max-Planck-Institut dorthin. Bei Robotics arbeiten wir mit New York Robotics und Japan zusammen. Auch beim Quantencomputing geht es voran. Wir haben das Munich Quantum Valley mitgegründet.

Haben wir bei Chips eine Chance?
Als wir hier angefangen haben, hielt ich das für aussichtslos. Dann begann die Bundesregierung, in Dresden eine Chip-Produktion aufzubauen, Infineon kam als Partner rein. Zum Glück haben wir herausragende TUM-Lehrstühle für Mikroelektronik und Chip-Design. Wir arbeiten eng mit der TU Eindhoven zusammen, die von den holländischen Weltklasse-Herstellern wie ASML und NXP unterstützt wird. Heute haben wir eine gute Semicon-Pipeline. Es ist toll, wenn man so etwas miterlebt.

Kooperation mit dem Mittelstand

Die Bundesregierung will das TUM-Modell bundesweit verbreiten. Ist das der richtige Ansatz?
Ich finde diese „Start-up Factories“-Initiative klasse. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, um die Tech-Souveränität Europas wieder aufzubauen. Das Ganze ist gut angelaufen. Wir haben mit 10 Start-up-Hubs angefangen, die UnternehmerTUM steuert das als Koordinationszentrum mit ihrem Learning and Exchange Center. Das schafft Synergien.

Sind auch Mittelständler für Sie als Partner interessant?
Ja, wenn sie entsprechende Ambitionen haben. Unsere Start-ups wollen nicht klein bleiben. Die Durst GmbH ist ein Beispiel, bei dem die Zusammenarbeit mit uns jetzt anläuft. Das ist ein Familienunternehmen, das die Dynamik eines Start-ups hat. In Straubing kooperieren wir eng mit mittelständischen Unternehmen, ebenso wie im mittelständisch geprägten Heilbronn.

Von Bayern an die Weltspitze

Kommt der nächste Global Player aus München?
Mit Sicherheit. Das Unternehmen Proxima Fusion ist sehr aussichtsreich. Der Stellerator ist für Kernfusion die vielleicht beste Technologie. Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, aus dem das Unternehmen hervorgegangen ist, ist global führend. Kann sein, dass die Amerikaner 10-mal mehr Geld haben, dann müssen wir eben smarter und besser sein. Ein Kandidat ist auch Marvel Fusion, die sind bei der Laserfusion sehr stark.

„Start-ups haben den Mut dazu“

Es gibt auch kritische Stimmen. Die warnen vor zu viel Start-up-Hype.
Europas beste Fusionstechnologie wird heute von einem Start-up entwickelt. Wer hätte sich das vor 10 Jahren vorstellen können? Ist irgendeines der Großunternehmen in die Quantentechnologie oder in die Fusion eingestiegen? Unsere Start-ups haben den Mut dazu.

Europäisch bleiben

Was nützt das, wenn die Gründer nur den Exit im Kopf haben?
Wenn zum Beispiel arculus, ein Münchner Software- und Robotikunternehmen, von Jungheinrich (Hamburger Intralogistikanbieter, d. Red.) gekauft wird, sehe ich da kein grundsätzliches Problem. Außerdem ist Münchens Start-up-Szene anders. Wir kopieren keine digitalen B2C-Modelle aus den USA und ein Start-up zu gründen, ist kein „Lifestyle“. Unsere Stärken sind B2B und Hardcore-Tech. Isar Aerospace hätte schon oft verkaufen können. Aber die wollen europäisch bleiben und hier groß werden.

Kapital ist vorhanden

Gibt es dafür bei uns auch genügend Kapital?
Das kann eine Hürde sein, aber Kapital ist mobil. Singapur will mit viel Geld bei uns einsteigen. Kanadische Pension Funds klopfen bei uns an. Da geht es um viele Milliarden für das nächste große Ding. Es gibt also schon Kapital, das hier investieren will.

Machen Sie uns Hoffnung. Schaffen wir die Rettung unserer Wirtschaft?
Wenn jetzt Brüssel nicht allzu sehr querschießt und Berlin sogar ein wenig hilft, dann kriegen wir das hin.

Zur Person: Philipp Gerbert

Philipp Gerbert ist seit 2021 CEO der TUM Venture Labs in München. Der Physiker arbeitete zuvor unter anderem für die McKenna Group im Silicon Valley und war Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group.