Von Manfred Gößl, IHK-Magazin 5-6/2026
In der Iran-Krise ist alles möglich. Das gilt auch für die zentrale Frage: Wann können Schiffe die Straße von Hormus, die Aorta der Energieversorgung, wieder glaubwürdig sicher passieren? Trotz maximaler Unsicherheit gibt es, nach vorn geblickt, fünf verlässliche Zusammenhänge.
Erstens: Der Schaden für die globale Wirtschaft ist umso größer, je länger die Straße von Hormus verstopft ist. Und je stärker die Öl- und Gasanlagen beschädigt sind.
Zweitens: Ein verknapptes Angebot führt zu steigenden Preisen. Verknappt sind vor allem Flüssiggas und Edelgase wie etwa Helium, Öl, Rohbenzin, Diesel und Kerosin. Auch die weiteren Folgen sind klar: Einkaufspreise und Lohnforderungen werden steigen, erhoffte Zinssenkungen werden gestoppt. Ab Sommer müssen wir sogar mit Zinserhöhungen rechnen. Das dämpft wiederum die Investitionen und bremst das Wachstum. Machen wir uns nichts vor: Für die deutsche Wirtschaft reicht es 2026 im besten Fall für ein Mini-Wachstum. Im schlechtesten Fall rutschen wir ins Minus – je nachdem, wie sich die Iran-Krise weiter entwickelt.
Drittens: Staatliche Preiseingriffe können die Angebotsverknappung nicht beseitigen. Sie lindern nur das Symptom, sind aber sehr teuer: Die für zwei Monate gesenkte Energiesteuer kostet 1,6 Milliarden Euro. Und danach? Haben wir die Kraft, dieses Schmerzmittel wieder abzusetzen? Verzichten wir auf geplante Steuerreformen? Steigen Steuern sogar? Verschulden wir uns noch mehr? Oder spart der Bund an anderer Stelle für eine dauerhaft niedrigere Energiesteuer?
Viertens: Die EU-Kommission warnt angesichts des knappen Angebots vor Tankrabatten. Wenn mehrere EU-Länder gleichzeitig die Steuern auf Mineralöl senken, riskieren sie damit, „den Engpass zu verschärfen“, warnte Energie-Kommissar Dan Jørgensen. Engpass? Das Bundeswirtschaftsministerium schließt einen Versorgungsengpass als Worst-Case-Szenario nicht aus.
Fünftens: Eine verantwortungsbewusste Politik stellt die Lage so dar, wie sie ist. Sie bestimmt einen kompetenten „Kümmerer Energieversorgung“, wie zum Beispiel einen ermächtigten Staatssekretärsausschuss oder den Nationalen Sicherheitsrat. Sie bespricht ihre Maßnahmen mit externen Experten. Sie entscheidet schnell und klar. Sie korrigiert erkannte Fehler ohne Scheu. Und sie informiert offensiv und regelmäßig. Auch über die Sorgen unserer Mitgliedsfirmen: Kann nach Kerosin auch Diesel knapp werden? Müssen rare Treibstoffe rationiert werden? Wer regelt eine mögliche Zuteilung?
Je unsicherer die Welt um uns herum ist, desto mehr sollten wir uns auf unsere eigenen Handlungskompetenzen konzentrieren. „Sagen, was ist“ heißt: Wirtschaft und Menschen auf einem steinigen Weg mitzunehmen. Wie man macht, was geht, zeigt der kanadische Premierminister Mark Carney in seiner kurzen Online-Ansprache „Forward Guidance“: Klare und regelmäßige Kommunikation über die eigenen Maßnahmen schafft Vertrauen und Orientierung in harten Zeiten.
Auch hier haben wir in Deutschland noch viel Luft nach oben!