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Sicherheit geht vor – die Verteidigungsbranche sucht Flächen

Sicherheit geht vor – die Verteidigungsbranche sucht Flächen

© filmbildfabrik/Adobe Stock

Es geht nur gemeinsam

Angesichts der Sicherheitslage stehen Firmen und Kommunen vor einem Kernproblem: Flächen sind knapp – für Produktion von Verteidigungstechnik ebenso wie für Wohnbebauung.

Von Daniel Boss, IHK-Magazin 5-6/2026

Es ist ein beispielloses Infrastrukturprogramm für die Bundeswehr, das bei der gebeutelten Bauwirtschaft in Deutschland Hoffnungen weckt: Bis 2045 wird ein Investitionsbedarf von rund 100 Milliarden Euro erwartet. Aktuell sind etwa 8.000 Bauprojekte in Arbeit, mit einem Bauvolumen von rund 1,7 Milliarden Euro und einem geplanten jährlichen Wachstum von bis zu 20 Prozent. Der Gebäudebestand umfasst rund 1.500 Liegenschaften an 270 Standorten mit insgesamt etwa 36.000 Gebäuden.

Das Programm ist Ausdruck der sicherheitspolitischen Zeitenwende – so wie das seit 2025 geltende Moratorium zur Nachnutzung militärischer Liegenschaften. Beispiele wie die Fliegerhorste in Fürstenfeldbruck und Erding verdeutlichen die Tragweite: Während zivile Konzepte für neue Stadtviertel mit vielen Wohnungen, Kultur und Gewerbe ins Stocken geraten, rückt eine erneute oder alternative militärische Nutzung in den Vordergrund. Wie lassen sich die unterschiedlichen Interessen miteinander in Einklang bringen?

Zivile Projekte stocken

„Es ist nicht so, dass sich die Kommunen 2011 über den Wegzug der Bundeswehr oder der alliierten Streitkräfte gefreut hätten, ganz im Gegenteil“, gibt Florian Gleich vom Bayerischen Städtetag die kommunale Sicht wieder. „Aber sie haben sich der Aufgabe angenommen und mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, mit Planern und mit zusätzlichem Personal Ideen entwickelt, wie neue Stadtquartiere, neue Schulen, Kitas, Wohnungen, Gewerbe und Straßen entstehen.“

Luftaufnahme des von Wald und Feldern umgebenen Fliegerhorsts Fürstenfeldbruck mit Kasernengebäuden, Wohnblöcken und Start- und Rollbahnen im Hintergrund.

Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck – die geplante Umwandlung ist abgesagt, die Bundeswehr zieht doch nicht ab

Die Konzepte in Erding oder Fürstenfeldbruck seien beeindruckend. „Viel Schweiß und Geld sind da hineingeflossen – vom Bund, vom Freistaat und von der jeweiligen Kommune.“ Doch alle diese Planungen scheinen nun „schlicht nicht mehr umsetzbar“, bedauert Gleich.

Verteidigungsindustrie wächst …

Auch aus Sicht der Unternehmen sind die Herausforderungen gewaltig. Denn mit dem Wachstum der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie steigt zugleich deren Bedarf an geeigneten Standorten – und damit der Druck auf die ohnehin knappen Flächen. Firmen aus der Verteidigungsbranche, darunter viele kleine und mittlere Unternehmen und nicht wenige davon in Bayern, sammeln derzeit Auftrag um Auftrag ein und suchen neue Areale für ihre Produktion.

Ein konkretes Beispiel für diese Herausforderung liefert die Zippermast GmbH in Bad Reichenhall. Der Spezialist für modulare Mastsysteme und Digitalisierung für Sicherheit, Verteidigung und sicherheitsrelevante Industrien befindet sich derzeit in Gebäuden, die den aktuellen und zukünftigen Anforderungen des Unternehmens nicht mehr voll gerecht werden. „Wir platzen aus allen Nähten“, wie Geschäftsführer Frank Woodcock sagt.

… und braucht Standorte

Die derzeit bebaute Fläche sei ausreichend für zirka 30 Mitarbeiter – und einen Zeithorizont bis etwa Ende 2026. „Mittelfristig müssen wir unsere Fläche auf mindestens 2.500 Quadratmeter erhöhen, am besten mit Erweiterungspotenzial, um für bis zu 100 Mitarbeiter Platz zu schaffen“, so Woodcock.

Dabei gebe es besondere Anforderungen für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, wie die ausfallsichere und ausreichende elektrische Versorgung – auch inklusive einer leistungsfähigen Trafostation und integrierter Speicher –, eine stabile Datenanbindung sowie Infrastrukturschutz wie Umzäunung und Schutzmaßnahmen gegen Drohnen oder sonstige Ausspähversuche.

Beschleunigung statt Bürokratie

Zippermast will im Berchtesgadener Land bleiben. Aber: „Das Angebot von Gewerbebauflächen ist äußerst gering.“ Zwar steht eine Immobilie in der Nähe zum Verkauf. Und Landkreis, Gemeinde und Freistaat würden das Unternehmen in diesem konkreten Fall auch unterstützen, betont Woodcock. „Leider benötigt dieses Areal aber entgegen ersten Annahmen eine komplette Neubeplanung, da die Bestandsgebäude nicht effektiv in eine moderne Entwicklungs- und Fertigungsumgebung integriert werden können.“

Also geht die Suche im Umfeld wohl weiter. Sollte sie dauerhaft erfolglos bleiben, müsste das Unternehmen womöglich ins benachbarte Österreich abwandern. Doch davon möchte Woodcock zum jetzigen Stand nicht ausgehen. Für schnell wachsende kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie würde sich der Zippermast-Geschäftsführer Beratungsstellen wünschen – „besonders in Bezug auf die gesamte behördliche Koordination. Aspekte wie Brandschutz und Umweltauflagen werden schnell zum Kompetenz- und Zuständigkeitsmarathon.“

Positive Effekte für Kommunen

Einen harten Interessenkonflikt zwischen der Branche und den Kommunen sieht er als regional verwurzelter Unternehmer allerdings nicht. „Die Zusammenarbeit zwischen Genehmigungsbehörden und Unternehmen muss eben in der Praxis geübt werden.“

Porträt von Frank Woodcock, Geschäftsführer der Zippermast GmbH, vor neutralem Hintergrund, freundlich lächelnd und in weißem Hemd.

© Zippermast

Das Angebot von Gewerbebauflächen ist äußerst gering.

Frank Woodcock, Geschäftsführer Zippermast

Schließlich profitieren Gemeinden und Städte von starken Firmen in ihrem Gebiet. Die Kommunen wissen auch, was die wachsenden Unternehmen aus der Sicherheitssparte brauchen. „Die Industrie sucht nach neuen Standorten, die spezifischen Anforderungen genügen müssen: Die Produktion erfordert einen Abstand zur Wohnbebauung und eine Verfügbarkeit ausreichend großer Flächen.

Zentrale Anlaufstellen gefordert

Gleichzeitig muss eine gute Anbindung an das Straßen- und Schienennetz gegeben sein“, zählt Wirtschaftsreferent Gleich vom Bayerischen Städtetag auf. „Notwendig ist auch ein lebenswertes Umfeld für die Menschen, die als Angestellte in die Stadt kommen.“

Was da helfen könne? Verständlicherweise wünsche sich die Wirtschaft zentrale Ansprechpartner und schnellere Genehmigungsprozesse, meint Gleich. Nur ließen sich diese nicht von heute auf morgen verändern. „Viel entscheidender sind unseres Erachtens eine zentrale Anlaufstelle und klare Kommunikationswege. Bei kleineren Kommunen kann dies die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister sein, bei größeren Kommunen der Wirtschaftsförderer oder die Baureferentin“, so Gleich.

Zusätzliche Arbeitsplätze entstehen

Wie erfolgreiche Zusammenarbeit von Kommune und Unternehmen in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel der MBDA Deutschland GmbH in Schrobenhausen: Ende 2024 erfolgte dort der erste Spatenstich für die Erweiterung einer neuen Produktionsanlage. In Bayern entsteht europaweit das 1. Werk für Patriot-Lenkflugkörper. „Durch die Standorterweiterung mit umfangreichen Baumaßnahmen wurden und werden viele zusätzliche Arbeitsplätze mit langfristiger Perspektive in der Region geschaffen“, sagt der zuständige MBDA-Manager Ralf Schlingmann.

Er spricht von „Synergien zwischen Firmeninteressen, Interessen unserer Beschäftigten und Interessen der Kommunen“. Während der Genehmigungsverfahren habe man eine sehr gute Unterstützung von sämtlichen staatlichen Stellen erhalten. „In Summe gab es keine unüberwindlichen Hindernisse und die Genehmigungsbehörden haben zügige Genehmigungsverfahren unterstützt und gefördert.“

Pragmatismus statt „Goldrandlösungen“

Als größte Herausforderung nennt Schlingmann den „enormen zeitlichen Druck“, der auch die interne Organisation betrifft: „Wir mussten unsere Bauabteilung seit 2024 erheblich vergrößern, um die derzeit 17 Großbaustellen zusammen mit Planungsbüros zu betreuen.“ Aus den Fachbereichen wurden Experten ausgewählt, die neben ihrer täglichen Arbeit an der Planung und Einrichtung neuer Gebäude mitarbeiten. „Für die meisten sind diese Aufgaben neu“, so Schlingmann.

Es müsse an alles gedacht werden und dabei sei keine Zeit für „Goldrandlösungen“. Auf Basis seiner Erfahrungen rät Schlingmann Unternehmen, die sich neu ansiedeln oder vergrößern wollen, unbedingt frühzeitig Kontakt mit den beteiligten Behörden und Fachstellen aufzunehmen.

Aufträge für lokale Firmen

„Aus unserer Sicht ist eine transparente Kommunikation ganz entscheidend“, betont er. „Auch wenn Pläne nicht fertig sind, lohnt es sich, die jeweiligen Entwürfe auszutauschen und alle Beteiligten mit auf die Reise zu nehmen.“

Wird das Projekt dann umgesetzt, sei es sinnvoll, lokale Firmen zu beauftragen. „Das Netzwerk regionaler Unternehmen und das Netzwerk mit den Genehmigungsbehörden hat uns nachhaltige Lösungen und Flexibilität gebracht“, so Schlingmann. „Wenn wir auf Hilfe angewiesen waren, haben wir gute Erfahrungen mit langfristigen Partnerschaften gemacht und allein wegen der regionalen Nähe mit lokalen Partnern immer auch kurzfristig Hilfe erhalten.“

Produktion auf 250.000 Quadratmetern

Darauf könne man auch in Zukunft zurückgreifen. Denn durch den steigenden Bedarf an zusätzlichen Verwaltungs- und Produktionsflächen werde MBDA weitere Flächen kaufen. Derweil plant das Verteidigungs-Start-up Helsing GmbH den Erwerb eines rund 250.000 Quadratmeter großen Grundstücks in Hallbergmoos. Das Münchner Unternehmen hatte im vergangenen März einen Großauftrag der Bundeswehr zur Produktion von Drohnentechnologie erhalten. Auf dem Gelände der „Senderwiese“ soll nun eine Produktionsanlage mit automatisierten Montagelinien entstehen.

3-stelliger Millionenbetrag

In einem weiteren Schritt ist der Aufbau eines Technologiehubs für Forschung und Entwicklung vorgesehen. In das Projekt soll ein 3-stelliger Millionenbetrag fließen. Rund 300 Arbeitsplätze sollen direkt entstehen, hinzu kommen weitere Stellen bei Zulieferern und Partnerunternehmen.

Staat schafft rechtliche Voraussetzungen

Solche Projekte sollen zunehmend leichter werden, weil Vorschriften vereinfacht werden (siehe Kasten unten). „Wir sehen aktuell einen Paradigmenwechsel: Der Staat – auf Bundes- wie auf Landesebene – schafft erstmals die rechtlichen Voraussetzungen, um Verteidigungsinfrastruktur schneller und im engen Schulterschluss mit der Wirtschaft umzusetzen“, sagt Bernhard Eichiner, Referatsleiter Industrie, Innovation, Beratung bei der IHK für München und Oberbayern.

„Entscheidend wird nun sein, dass diese Beschleunigung auch in der Praxis ankommt und Unternehmen gleichzeitig ausreichende Planungssicherheit bei regulatorischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen erhalten.“

IHK-Info: Schneller, einfacher – der rechtliche Rahmen für Bauprojekte der Verteidigungsindustrie und kritischen Infrastruktur

Bund und Länder haben zahlreiche Vorgaben geändert, um Bauprojekte der Verteidigungsindustrie und kritischer Infrastruktur zu erleichtern. Dazu gehören zum Beispiel:

Gesetz zur Beschleunigung von Beschaffungsmaßnahmen für die Bundeswehr (BwBBG): Es sieht schnellere Vergaben, Generalunternehmermodelle, beschleunigte Bauprojekte vor und im Vergaberecht höhere Wertgrenzen, vereinfachte Verfahren.
Paragraf 37a Baugesetzbuch (BauGB): Er erleichtert Verteidigungsbauten und gilt auch für Lieferkettenunternehmen.
KRITIS-Dachgesetz: Es setzt Mindestanforderungen für kritische Infrastruktur.
Gesetz zur Förderung der Bundeswehr in Bayern: Es zielt auf stärkere Unterstützung von Bundeswehr-Standorten, Infrastrukturprojekten und Ansiedlungen im Freistaat ab.

Planungsrecht wird beschleunigt

Weitere Anpassungen im Bau- und Planungsrecht streben die schnellere Realisierung sicherheitsrelevanter Infrastruktur durch vereinfachte Genehmigungsprozesse, verkürzte Verfahren und priorisierte Behandlung entsprechender Vorhaben an.

Für alle Unternehmen wichtig: Leer stehende Hallen, Fabriken oder Lager können auf rechtlicher Grundlage unter Umständen als kritische Infrastruktur eingestuft und für Verteidigungszwecke genutzt werden. Unternehmen haben die Pflicht, die Sicherstellung von Betrieb, Schutz und Zugriffsmöglichkeiten im Verteidigungsfall zu gewährleisten.

Weitere Infos auch auf der IHK-Ratgeberseite zu Verteidigungsindustrie und Innovation.