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Bilanz und Perspektiven – das Plenum im Börsensaal

Bilanz und Perspektiven – das Plenum im Börsensaal

© Hans-Rudolf Schulz

Abschied und Aufbruch

Auf der letzten Vollversammlung vor der IHK-Wahl gibt es Wertschätzung für das Ehrenamt und einen Blick nach vorn.

Von Martin Armbruster, IHK-Magazin 4/2026

Er hat in der Vollversammlung zwar keinen Sitz und keine Stimme mehr, aber für diese Sitzung kam Ehrenpräsident Eberhard Sasse eigens in die IHK. Er wusste um die Besonderheit: Die Vollversammlung tagte am 10. März zum letzten Mal vor der IHK-Wahl 2026. Jedem im IHK-Börsensaal war klar: So kommen wir nicht mehr zusammen.

Besonders war auch das: Peter Inselkammer führte als „Präsident in Vertretung“ durch die Sitzung. Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl erklärte die Hintergründe und den Ablauf dessen, was die Medien schon berichtet hatten. Nach dem Rücktritt von Klaus Josef Lutz vom Amt des Präsidenten im Januar 2026 hat Inselkammer das Amt übergangsweise bis zur konstituierenden Sitzung der neuen Vollversammlung am 8. Juli übernommen.

Rock `n` Roll meets Blasmusik

Gößl berichtete, der Kontakt mit Lutz sei weiterhin gut. Die Entwicklungen bei der BayWa AG blieben seit dem Rücktritt von Lutz als Aufsichtsratsvorsitzender Anfang 2024 belastend. Für die IHK habe Lutz Außerordentliches geleistet. Als IHK- und BIHK-Präsident habe er 560 Termine seit Mitte 2021 absolviert. „Das war Rock ’n’ Roll“, resümierte Gößl. Inselkammer griff das auf und sagte augenzwinkernd, mit ihm werde es eher Blasmusik. Er räumte ein, er habe diese Aufgabe nicht auf seiner persönlichen Agenda gehabt. Nach einem Tag Bedenkzeit sei er aber bereit gewesen und habe sich auch verpflichtet gefühlt, Verantwortung zu übernehmen.

Inselkammer bedankte sich beim Haupt- und Ehrenamt für „gelungenes Krisenmanagement“. Diese Fähigkeit scheint ohnehin eine Stärke der IHK zu sein. Dies machte Gößl in seinem Vortrag deutlich. Er erinnerte an ein Corona-Krisentreffen im März 2020 mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Sasse habe damals als BIHK-Präsident von der Staatsregierung zunächst 1 Milliarde Euro als Notfallhilfe für bayerische Kleinunternehmen gefordert – laut Gößl war damit Bayerns Corona-Soforthilfe geboren.

12 Milliarden Euro Corona-Wirtschaftshilfen

Die Corona-Krise prägte auch den Start der IHK-Arbeit der ablaufenden Wahlperiode 2021 bis 2026. Als Bewilligungsstelle für die Corona-Wirtschaftshilfen für ganz Bayern schulterte die IHK eine der größten Aufgaben ihrer Geschichte. Laut Gößl flossen rund 12 Milliarden Euro an 445.000 Antragsteller im Freistaat. Aber bei Corona ist es eben nicht geblieben.

Auf ihren 15 Sitzungen beschloss die Vollversammlung in den vergangenen 5 Jahren 40 Positionen im Gesamtinteresse der regionalen Wirtschaft. Dabei geben diese Zahlen nicht einmal ansatzweise wieder, wie dramatisch sich die Welt in dieser Zeit verändert hat. Ukraine-Krieg, Energiekrise, Donald Trump II, vorgezogene Bundestagswahl, Sondervermögen statt Schuldenbremse – für einen Moment ließ dieser Rückblick sogar Gößl selbst erstaunen: „Was war das für eine Reise!“

TikiTok-Azubi-Kampagne, hybride Meetings, Livestreams

Er betonte, wie sehr sich auch die IHK in diesen 5 Jahren verändert habe. Eine deutschlandweite IHK-Ausbildungskampagne auf TikTok mit über 42 Millionen Videoaufrufen – wer hätte sich das vorstellen können? Oder die digitalisierte Abwicklung der Vollversammlung mit Sitzungen im Hybridmodus, Abstimmungen per Smartphone, Wortmeldungen aus dem virtuellen Raum und Livestream im Web.

Mit der IHK-Wahl 2026 steht nun das nächste Kapitel der IHK-Geschichte an. IHK-Bereichsleiterin Elke Christian erläuterte dem Plenum, wie die Wahl 2026 abläuft und wodurch sie sich auszeichnet. 649 Unternehmerinnen und Unternehmer haben sich beworben. Die Vollversammlung und die 20 Regionalausschüsse werden neu besetzt. 40 Prozent der aktuellen Vollversammlungsmitglieder treten nicht mehr zur Wahl an.

73 Jahre ehrenamtlich im Dienst der Wirtschaft

Ein sehr persönlicher und wertschätzender Punkt der Agenda war daher das „Dankeschön“ des Präsidenten an die Mitglieder, die nicht mehr für die Vollversammlung kandidieren. Mit Bild und Namen wurden in einer Präsentation die Unternehmerinnen und Unternehmer gezeigt, die sich länger als eine Wahlperiode für die IHK engagiert haben. Bei den Top 3, Erika Schindecker, Ingo Schwarz und Eduard Kastner, ging ein Raunen durch den Börsensaal: Allein sie stehen für 73 Jahre IHK-Ehrenamt.

Inselkammer nahm die Wahl zum Anlass, für das Ehrenamt in der IHK zu werben. Er sei seit 2011 in der Vollversammlung und inzwischen auch im Tourismusausschuss, im Regionalausschuss München und im Präsidium aktiv. „Mir ist diese Arbeit richtig ans Herz gewachsen“, versicherte er.

Im direkten Dialog mit Berlin – dank Ehrenamt

Ingo Schwarz schaltete ebenfalls einen „Werbeblock für das Ehrenamt“: „Ich will Sie motivieren. Es lohnt sich.“ Er belegte das mit seinen Erfahrungen während der Finanzkrise 2008. Die IHK-Organisation habe ihm damals die Chance gegeben, in Berlin als Unternehmer beim Krisenmanagement mitzuwirken. Niemand sonst hätte ihm die Gelegenheit geboten, persönlich mit den Bundesministern für Arbeit und für Finanzen über Rettungsmaßnahmen zu diskutieren.

Trotz dieser Abschiede und Rückblicke betonte Gößl, man wolle keine Wehmut verbreiten. Die Zeit erfordere „Kampfeslust“. Er unterstrich das mit seinem Bericht über das „Spitzengespräch der deutschen Wirtschaft“ mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Rahmen der Münchner Handwerksmesse. Merz habe von einem „Epochenbruch“ gesprochen. „Nichts wird wieder so, wie es einmal war“, sagte demnach der Kanzler und nannte als Beispiele die deutsche Exportweltmeisterschaft, billiges Gas und die vertrauensvolle Partnerschaft mit den USA.

Endlich Bezahldienst „made in Europe“

Das war der geostrategische Rahmen für den Vortrag von Bernd Hochberger über den europäischen Bezahldienst Wero. Hochberger, Vorstandsvorsitzender der Münchner Stadtsparkasse und Mitglied der Vollversammlung, erklärte, die Zeit sei reif für einen Bezahldienst „made in Europe“. Wero sei nicht nur um 50 bis 80 Prozent billiger als die US-Bezahldienste, es sei auch ethisch sauber: datenschutzkonform, einfach zu implementieren, man brauche zudem keine Kreditkarte dafür.

Bislang funktioniere Wero nur beim Onlineshopping, im Laufe des Jahres werde es auch am „Point of Sale“ problemlos gehen, wie zum Beispiel im stationären Einzelhandel. „Es wird Zeit dafür“, meinte Gößl. Wero sei mit jetzt schon 43 Millionen Nutzern in Europa auf einem guten Weg.

Dauerbrenner Erbschaftssteuer

Der Hauptgeschäftsführer stimmte das Plenum schon mal auf die Aufgaben der kommenden 5 Jahre ein. Ganz oben auf seiner Liste steht die Erbschaftsteuer. Alle deutschen Familienbetriebe sehen mit Bangen dem anstehenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts entgegen. Gößl befürchtet, das könne im „Worst Case“ die Stilllegung oder den Zwangsverkauf vieler Betriebe bedeuten. Man müsse alles tun, um die Besteuerung des Betriebsvermögens zu verhindern.

Gößl setzt dabei auf Bayerns Ministerpräsidenten, der im „Machtzentrum Koalitionsausschuss“ eine entscheidende Stimme habe. Söder hatte in der Gesprächsrunde mit den Spitzen der bayerischen IHKs im Dezember 2025 seine klare Position für die Beibehaltung der Verschonung des Betriebsvermögens verdeutlicht.

Gößl sagte weiter, die IHK habe die Themen Sicherheit und Verteidigung schon aufgegriffen, als die betroffenen Firmen noch unter einem Imageproblem litten, angesiedelt zwischen Tabak- und Glücksspielbranche. „Bei uns ist die Rüstungsindustrie zu Hause“, betonte Gößl. Und das sei gut für Land, Sicherheit, Wachstum und Beschäftigung.

Kleiner Schritt Richtung Bürokratieabbau

Das ewige Top-Thema Bürokratie beschäftigte die Vollversammlung ebenfalls auf ihrer letzten Sitzung. Gößl berichtete über das bei einer IHK-Reise nach Schweden entstandene Konzept von Modellregionen, das jetzt tatsächlich Gesetz in Bayern wird. Er informierte über die IHK-Initiative für vereinfachte Nachhaltigkeitsberichterstattung, die mittlerweile von allen Bankenverbänden und der EU-Kommission mitgetragen wird.

Die Vollversammlung beschloss überdies mit überwältigender Mehrheit die Position „Mutterschutz für Selbstständige stärken“ siehe Artikel „Positionen der IHK“.

Die IHK lehnt damit die Einführung von gesetzlichen Mutterschutzfristen und Tätigkeitsverboten ebenso ab wie die Versicherungspflicht in einer Krankenkasse. Absicherung und Vorsorge von Selbstständigen müssten in der Eigenverantwortung bleiben.

Ausbau der Netze und erneuerbarer Energien synchronisieren

Weiterer Punkt auf der Mängelliste: die quälend langsamen Planungs- und Genehmigungsprozesse. Gößl machte deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien mit dem Netzausbau in Einklang gebracht werden müsse. Das Netz sei der Bestimmer, die Energieträger folgen. Beim Netzanschluss müsse unbedingt priorisiert werden. Ganz vorn sollten dabei die Wirtschaft und die Arbeitsplätze stehen. Eine höhere Anschlusspriorität forderten auch Unternehmer aus dem Plenum: Sie haben die Installation großer PV-Anlagen aufgegeben oder verschoben, weil kein Netzanschluss absehbar ist.

Zum Ende der Wahlperiode konnte Gößl noch einen weiteren Erfolg der IHK-Arbeit melden. Erstmals hat Bayern ein eigenes Ladenschlussgesetz mit ausgeweiteten Öffnungsmöglichkeiten bekommen. Die IHK hatte sich zusammen mit dem Einzelhandelsverband intensiv dafür eingesetzt. Nun liege es an den Städten und Gemeinden, von den neuen Freiheiten auch Gebrauch zu machen.

Spürbare Lust, sich zu engagieren

Offenbar hat Ingo Schwarz recht: Der Einsatz für die IHK lohnt sich. Beim abschließenden Abendessen war sie jedenfalls an jedem Tisch zu spüren – die Lust, sich zu engagieren. „Hier in der Vollversammlung, das macht mir einfach Spaß“, versicherte eine Unternehmerin. Sie steht derzeit nur noch vor einer Herausforderung: Sie muss gewählt werden. Zum 1. Mal hat sie sich dafür eine Marketingstrategie überlegt – und baut dabei auf die US-Lösung ChatGPT.

IHK-Info: Alle Infos zur IHK-Wahl 2026

Hier auf der Website zur IHK-Wahl direkt die 649 Kandidatinnen und Kandidaten kennenlernen – jede Stimme zählt. Für die oberbayerische Wirtschaft.