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Unter den Mangelberufen – Fachkraft in der Bauelektrik

Unter den Mangelberufen – Fachkraft in der Bauelektrik

© ORG/Adobe Stock

Die Lücke bleibt

Bis 2029 könnten der bayerischen Wirtschaft rund 220.000 Arbeitskräfte fehlen. In welchen Branchen und Berufen es eng wird, zeigt der aktuelle IHK Arbeitsmarktradar.

Von Melanie Rübartsch, IHK-Magazin 5-6/2026

Der Arbeitskräftemangel bleibt – trotz der schlechten Konjunktur. Einstellungsstopps oder gar Stellenabbau in einzelnen Branchen bedeuten nicht, dass für existierende Personallücken ausreichend geeignete Bewerber zur Verfügung stehen. Denn der Strukturwandel betrifft auch die Fachkräftenachfrage.

Ein Beispiel ist die Autoindustrie. Mit dem Technologiewandel vom Verbrenner zum E-Antrieb benötigen die Unternehmen zunehmend Mitarbeitende mit anderen Fähigkeiten und Kenntnissen als bisher. „In vielen Bereichen wächst die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen schneller, als diese über Aus- oder Weiterbildung gedeckt werden kann“, sagt Alexander Burstedde, Experte für Fachkräftesicherung beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Boomer verschärfen den Mangel

Die Differenz zwischen der Anzahl an offenen Stellen und den dafür passend qualifizierten Arbeitslosen, die auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ist die „Arbeitskräftelücke“. Sie beträgt in Bayern aktuell rund 140.000 Arbeitskräfte. Aufgrund des Struktur- und demografischen Wandels könnte sie bis 2029 weiter wachsen: auf 220.000. Das ist ein zentrales Ergebnis des IHK Arbeitsmarktradars Bayern 2026, den das IW im Auftrag der bayerischen IHKs (BIHK) erstellt hat.

„Der Renteneintritt der Babyboomer sowie eine zurückgehende Zuwanderung werden den Arbeitskräftemangel verschärfen – unabhängig von Konjunktur und KI“, sagt IHK-Experte Sebastian John. Die Folgen sind erheblich. Laut IW-Studie könnte die Arbeitskräftelücke einen jährlichen Wertschöpfungsverlust von bis zu 25 Milliarden Euro verursachen.

Hoher Bedarf im Gesundheitswesen

Betrachtet man einzelne Berufsgruppen, entsteht laut IW-Studie in Bayern die größte Arbeitskräftelücke bis 2029 bei Fachkräften im Verkauf (10.800), gefolgt von Erziehern (5.800), Fachkräften in der Lagerwirtschaft (5.100) und Fachkräften in der Bauelektrik (4.900).

Unter den Branchen ist die Unternehmensverwaltung, -führung und -beratung am stärksten betroffen mit 26.500 fehlenden Arbeitskräften. Im Einzelhandel sind es 17.900 und im Gesundheitswesen 16.800 Personen. Das Gesundheitswesen gehört – neben IT- und Informationsdienstleistungen und öffentlicher Verwaltung – zu den 3 Wirtschaftszweigen, in denen die Zahl der Beschäftigten am stärksten steigen wird. „Der Bedarf wächst im Gesundheitsbereich also schneller als das Angebot an Arbeitskräften. Ein wichtiger Grund dafür ist die Alterung der Gesellschaft“, so IW-Experte Burstedde.

Berufsausbildung stark gefragt

Mit Blick auf das Qualifikationsniveau fehlen die meisten Arbeitskräfte laut Studie auf dem Level Fachkraft, das sind in der Regel Absolventen einer Ausbildung. Hier dürfte die Lücke 2029 rund 130.000 Personen betragen. Bei Spezialisten (Fortbildungsabschlüsse wie Meister oder Fachwirt sowie Bachelor-Absolventen) gibt es voraussichtlich 36.000 Arbeitskräfte zu wenig. Auf dem Niveau Experte, also Arbeitskräfte mit akademischen Abschlüssen wie Master oder Staatsexamen, könnten 41.000 fehlen.

„Bei den Experten ist die Lücke niedriger als ursprünglich erwartet“, sagt Burstedde. Für Berufseinsteiger mit Studienabschluss ist es derzeit schwer, einen Job zu finden. Kandidaten mit abgeschlossener Berufsausbildung bleiben hingegen sehr gefragt. Burstedde: „Um das Angebot perspektivisch zu steigern, muss der attraktive Karriereweg Ausbildung wieder stärker in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Er sollte zum Beispiel in der Berufsorientierung eine bedeutendere Rolle spielen und Weiterbildung berücksichtigen.“

Moderate Konkurrenz: Bundeswehr

Neben den allgemeinen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt haben sich die Wissenschaftler 2 spezielle Themen genauer angesehen: Zum einen untersuchten sie mögliche Effekte des geplanten Stellenaufbaus bei der Bundeswehr, zum anderen zu erwartende Auswirkungen durch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität, mit dem der Bund unter anderem Straßen, Brücken und Tunnel in Deutschland erneuern und ausbauen möchte.

„Die Folgen der Bundeswehr-Akquise für den bayerischen Arbeitsmarkt sind als eher moderat einzustufen“, erläutert Burstedde die Ergebnisse. Die Beschäftigung in Bayern verringert sich dadurch bis 2029 nur um rund 14.000 Personen (0,2 Prozent). Der Wehrdienst und die zusätzlichen Soldaten werden allerdings die Arbeitskräftelücke um rund 5 Prozent erhöhen. „In speziellen Bereichen wie etwa der technischen Produktionsplanung oder der Metall- und Elektroindustrie ist damit zu rechnen, dass die Bundeswehr ein Konkurrent von privatwirtschaftlichen Arbeitgebern wird“, so der Ökonom. Wie stark sich das auf die Arbeitskräftelücke auswirke, hänge dabei auch davon ab, wie sehr sich die Bundeswehr in diesen Bereichen selbst als Ausbilder engagieren wird.

Kaum Zuwanderung aus der EU

Bei den Infrastrukturberufen ist die Lage kritischer. Hier ist der Arbeitsmarkt heute schon sehr angespannt. Bis 2029 könnten laut IW dadurch knapp 70 Prozent aller offenen Stellen nicht mehr mit inländischen Arbeitskräften zu besetzen sein. In dieser Rechnung ist das Auftragsplus durch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität noch gar nicht enthalten. Vor allem im Tiefbau und in Planungsberufen ist von einem nennenswerten Mehrbedarf an Arbeitskräften auszugehen, obwohl dort heute schon große Lücken bestehen.

In EU-Drittstaaten rekrutieren

„In der Vergangenheit konnte insbesondere die Lücke bei den Fachkräften zu einem großen Teil durch Beschäftigte aus dem EU-Ausland geschlossen werden“, sagt Burstedde. Aber die Zuwanderung aus dem EU-Ausland kommt gerade zum Erliegen. „Insofern ist es wichtig, dass Deutschland auch im Wettbewerb um Fachkräfte aus EU-Drittstaaten attraktiv ist“, so der Experte.

Zum Bleiben bewegen

Die Rekrutierung von Fachkräften aus dem Ausland bleibt eine große Chance für Unternehmen, dem Fachkräftemangel zu begegnen. „Dabei ist es entscheidend, passende Mitarbeitende nicht nur zu finden, sondern diese auch langfristig zu binden“, sagt IHK-Experte John. Unternehmen sollten dazu weiter an ihren Onboarding- und Integrationsprozessen arbeiten.

Eigene Hebel im Kampf gegen die Arbeitskräftelücke haben Firmen auch in puncto Weiterbildung oder Umschulungen. John: „Hier sollten auch die Förderbedingungen von Seiten der Agentur für Arbeit noch flexibler und unbürokratischer gehandhabt werden. Berufliche Weiterbildungsmaßnahmen sollten etwa auch förderbar sein, wenn sie weniger als 121 Unterrichtsstunden dauern.“

Familienfreundlichkeit ausbauen

Schließlich bleibt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zentral. Würde es gelingen, die durchschnittliche Arbeitszeit der Frauen in Teilzeit nur um wenige Stunden zu erhöhen, hätte das starke Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot.

Top 3: Frauen, Ältere, Zuwanderer

Wie entscheidend es ist, nicht nur die Erwerbsbeteiligung von Frauen, sondern auch die von älteren Beschäftigten zu steigern sowie den Zuzug ausländischer Fachkräfte zumindest auf dem aktuellen Niveau zu halten, zeigt die Langfristprognose des IW: Ohne steigende Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung könnte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Bayern bis 2039 um 10,8 Prozent sinken. Gibt es dagegen weiter hohe Zuwanderung und arbeiten mehr Frauen und ältere Beschäftigte, dann könnte der Wert sogar um 3,2 Prozent anwachsen – trotz des demografischen Wandels.

IHK-Info: Arbeitsmarktradar Bayern und Oberbayern 2026 

Sämtliche Ergebnisse des IHK-Arbeitsmarktradars Bayern 2026 gibt es im Internet. Über ein Online-Tool können Arbeitgeber dort zudem passgenaue Auswertungen für ihre Branche, verschiedene Berufe und Qualifikationsniveaus sowie für ihre Region abrufen.

Aktuelle Zahlen für München und Oberbayern

Laut IHK Arbeitsmarktradar 2026 dürfte der Arbeitskräftemangel in München und Oberbayern bis 2029 auf rund 56.000 Personen steigen. Die Zahl der offenen Stellen wird dann bei rund 113.000 liegen. Die Arbeitskräftelücke könnte in der Region Oberbayern 2029 Wertschöpfung in Höhe von 7,5 Milliarden Euro kosten.

Stellenaufbau in IT oder Beratung

Den größten Zuwachs an Beschäftigung haben bis 2029 mit einem Plus von 15.000 Stellen die Softwareentwickler auf Expertenniveau (Akademiker mit Master oder Staatsexamen). Auch bei Spezialisten (Meister, Fachwirte und Bachelor-Absolventen) im Beruf „Leitung Unternehmensorganisation“ und bei Experten in der Unternehmensberatung wird es zu einem deutlichen Stellenaufbau kommen.

Der größte Rückgang an Beschäftigung ist bis 2029 für Helfer und Fachkräfte im Gastronomieservice zu erwarten. Auch Bankkaufleute auf Fachkräfteniveau und Fachkräfte im Objekt-, Werte- und Personenschutz dürften bis dahin einen deutlichen Rückgang an Beschäftigung verzeichnen.