Von Melanie Rübartsch, IHK-Magazin 5-6/2026
Klebrige Kartoffeln im Flieger und Schnee bei der Ankunft – bei The Son Le führte das zu einiger Bestürzung, als er im Januar 2026 seine Heimat Vietnam verließ, um in München zu arbeiten. Seitdem ist der junge Fachmann für Restaurant- und Veranstaltungsgastronomie in dem Münchner Restaurant „Zento“ tätig, das von der Atuna GmbH betrieben wird.
Für Geschäftsführer Duy Tuan Nguyen ist The Son Le eine echte Hilfe: „In der Gastronomie ist es seit der Pandemie immer schwieriger geworden, geeignete Fachkräfte zu finden und langfristig zu halten“, sagt er. Das gelte erst recht für kleine Betriebe wie das „Zento“.
Gemeinsames Angebot von BA, IHKs und AHKs
Das Restaurant in der Münchner Innenstadt ist auf hochwertige japanische Küche spezialisiert, die Gäste sehr international. Die 8-köpfige Crew aus Köchen und Servicekräften muss sich blind verstehen, jeder Handgriff muss sitzen. Mithilfe der Kollegen hat „der Neue“ seinen Kulturschock mittlerweile überwunden. Mehr noch: „The Son Le ist eine sehr gute Ergänzung für unser Team“, sagt sein Chef. „Er ist sehr motiviert und hat wirklich schnell gelernt.“ Es sei gut gewesen, dass die Atuna GmbH diesen Weg des Recruitings ausprobiert habe.
Mit diesem Weg meint Nguyen das Projekt „Hand in Hand for International Talents“ (HiH), das von der DIHK Service GmbH in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) sowie den IHKs und AHKs in bestimmten Pilotregionen umgesetzt wird. Ziel des Projekts ist es, die Regelungen des 2020 in Kraft getretenen Fachkräfteeinwanderungsgesetzes in der Praxis zu testen. Das Gesetz soll qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. HiH will einen Prozess bieten, der das Rekrutieren für Unternehmen möglichst unkompliziert macht.
Unternehmen erhalten Beratung
„Vor dem Hintergrund des nach wie vor bestehenden Fachkräftemangels ist und bleibt es eine wichtige Chance, die Suche nach geeigneten Mitarbeitenden auch ins Ausland auszuweiten“, sagt Susanne Lingl, Referentin für Arbeitsmigration bei der IHK für München und Oberbayern. Sie berät im Rahmen von HiH Mitgliedsunternehmen zum Projekt.
„Trotz der Vereinfachungen durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz sind die damit verbundenen Prozesse rund um Berufsanerkennung, Visa und Integration für viele mittelständische Unternehmen herausfordernd.“
Aktuelle Top-Länder: Brasilien und Indien
Das Recruitingprojekt nimmt Unternehmen wortwörtlich an die Hand. Zu Beginn war es Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit, geeignete Pilotländer zu identifizieren. Der dortige Ausbildungs- und Berufsmarkt sollte sowohl zu der Nachfrage hierzulande passen als auch eine möglichst reibungslose Anerkennung der Ausbildung ermöglichen.
Das Ergebnis: Aktuell werden insbesondere Fachkräfte aus der Hotellerie und Gastronomie, aus der Bauelektrik und elektrischen Betriebs- und Elektrotechnik, aus der ITK-Technik sowie der metallverarbeitenden Industrie aus Brasilien und Indien vermittelt sowie bis vor Kurzem – wie in The Son Les Fall – aus Vietnam.
Bewerberprofile im Onlineportal
Die jeweiligen AHKs übernehmen die Vorauswahl geeigneter Kandidaten vor Ort. „Kriterien sind neben den beruflichen Abschlüssen und der Berufserfahrung die Sprachkenntnisse sowie die Motivation, auch längerfristig in Deutschland bleiben zu wollen“, erklärt IHK-Expertin Lingl. Alle Bewerber erscheinen mit Kurzprofilmappen in einem Pool auf der Projektseite von HiH. Hier können deutsche Unternehmen gezielt nach passenden Mitarbeitenden suchen.
Atuna-Geschäftsführer Nguyen ist über eine Internetrecherche auf das Projekt gestoßen. „Ich hatte von Kollegen aus der Branche gehört, dass sie ihre Auszubildenden auch im Ausland suchen. Daher habe ich mich gefragt, ob es nicht für meinen Fall ebenfalls solche Möglichkeiten gibt“, berichtet er.
Berufsanerkennung durch FOSA
Rund 60 Profile waren für den Gastrobereich hinterlegt. The Son Le kam direkt in Nguyens engere Auswahl. Per Videokonferenz fanden 2 Bewerbungsgespräche statt. Nach dem 2. stand die Entscheidung für beide Seiten fest.
Für The Son Le war der Schritt eine große Herausforderung und Chance. Nguyen wiederum hatte den Eindruck, ein lernwilliges und zuverlässiges neues Teammitglied zu bekommen. Le startete zunächst mit einer beruflichen Teilanerkennung. Ihm fehlten 8 Monate Berufspraxis für die Vollanerkennung. Diese kann er nun bei „Zento“ nachholen und anschließend die Vollanerkennung bei der IHK FOSA, der zentralen Anerkennungsstelle, beantragen.
Deutschkurs noch im Heimatland
Noch in Vietnam besuchte The Son Le im Rahmen von HiH einen Deutschkurs, um das B1-Niveau zu erlangen. Die IHK half dem Tandem dabei, rechtzeitig bis Januar 2026 das Visum zu erlangen.
Zentrales Thema: Onboarding
Bei der Integration des 25-Jährigen waren und sind alle Beteiligten gefragt: „Bis er sein heutiges WG-Zimmer gefunden hatte, konnte er bei einem Kollegen wohnen“, erzählt der Restaurantleiter. Das gesamte Team habe ihm geholfen, sich in München zurechtzufinden und organisatorische Dinge zu erledigen wie einen Mobilfunkvertrag abzuschließen oder ein Konto zu eröffnen. IHK-Referentin Susanne Lingl steht ebenfalls in engem Kontakt mit dem neuen Mitarbeitenden. Sie will sehen, wie er sich einlebt und wie die IHK ihn vor Ort noch unterstützen kann.
Gebühr für IHK-Services
Neben The Son Le sind in diesem Jahr bisher ein Industrieelektriker für Betriebstechnik aus Brasilien und ein indischer Zerspanungstechniker über das Projekt in Bayern eingereist. Für die Vermittlung und die von den IHKs übernommenen Services müssen die teilnehmenden Firmen eine von der Unternehmensgröße abhängige Dienstleistungspauschale entrichten (s. Kasten unten). Für die Atuna GmbH wurden 2.900 Euro netto fällig.
Aus Nguyens Sicht hat sich die Investition gelohnt. „Wir sind wirklich zuversichtlich, dass The Son länger bei uns bleiben wird.“ Der Restaurantchef würde auch bei der nächsten offenen Stelle wieder auf „Hand in Hand for International Talents“ zurückgreifen.