Das Gefühl haben die Menschen im Inntal offenbar nicht.
Hier in Bayern nimmt man den betroffenen Landwirten Flächen gleich doppelt weg. Erst verlieren sie Flächen wegen des Schienenausbaus. Dann noch einmal, weil für die versiegelten Flächen Ausgleichsflächen ausgewiesen werden müssen. Da macht man dann Bitumen und Hecken darauf. Da hat kein Mensch etwas davon. Mit solchen Verrücktheiten kann man ein Projekt zum Scheitern bringen.
Was sagen Sie den Leuten, die keine neue Bahntrasse vor ihrem Wohnzimmer haben wollen?
Wir mussten in Südtirol auch Grundstücke enteignen. Trotzdem steht die große Mehrheit hinter dem Projekt. Wir können uns heute nicht mehr den Luxus leisten, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Wir dürfen nicht nur auf die Generation von heute schauen, sondern müssen auch an Morgen denken. Was wird aus den Kindern? Wir müssen wieder lernen, uns gemeinsam für die Dinge einzusetzen, die für unsere Zukunft wichtig sind.
Gehört dazu auch die Möglichkeit, mit dem Zug durch Ihren Tunnel in zweieinhalb Stunden nach Verona auf einen Cappuccino zu fahren?
Ja, absolut. Der Tunnel wird auch die Menschen besser verbinden. Verona gilt als südlichste Stadt Deutschlands, München als nördlichste Stadt Italiens. Da geht es also auch um Kultur. Trotzdem gibt es Leute, die uns erzählen, wir könnten einfach auf diese großen Chancen verzichten. Das ist schon ein starkes Stück.
Es gibt aber Leute, die sagen: Wir brauchen die neue Trasse nicht. Es reicht, die Bestandsstrecke auszubauen.
Ohne Tunnel werden die Probleme nicht gelöst, die wir heute haben. Heute fahren pro Tag etwa 200 Züge auf der Bestandsstrecke. Der BBT hat die Kapazität für zusätzliche 400 Personen- und Güterzüge am Tag. Jeder Logistiker und Spediteur weiß das: Der Tunnel funktioniert nur dann gut, wenn wir die Zulaufstrecken haben.
Was auffällt im Trassenstreit: Man redet über Tunnel und Lärmschutz, über die Folgen für die Wirtschaft spricht keiner.
Das ist leider wahr. Der BBT steht für lauter positive Dinge: Standort, Warenaustausch, weniger Straßenverkehr, Schutz der Umwelt, Wirtschaft. Italien hat seine Häfen ausgebaut und hat viele der 190 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds in gute Dinge investiert. Davon könnten Bayerns Firmen stärker profitieren, wenn wir heute schon den Tunnel hätten.
Sie haben die Vision einer europäischen Eisenbahn, die EU verliert sich im Klein-Klein. Lässt auch das Ihren Frustpegel steigen?
Wir haben da harte Erfahrungen gemacht. Wenn man etwa für Bauvorhaben in Österreich italienische Vergaberegeln einhalten muss. Das hat mehr Zeit gekostet, als wir erwartet hatten. Andererseits hat die EU das 10-Milliarden-Projekt mitfinanziert. Und der BBT bringt tatsächlich den Impuls, den wir für eine europäische Eisenbahn brauchen.
Woher nehmen Sie den Optimismus?
Ein Beispiel: Wir können im laufenden Betrieb im BBT die Lokführer nicht mehr tauschen, weil wir in Italien, Österreich und Deutschland unterschiedliche Standards für Ausbildung und Sprachkenntnisse haben. Der Lkw aus Polen fährt einfach durch, da reicht ein Führerschein. Solche Verrücktheiten können wir uns nicht mehr leisten.