Person mit Schutzhelm, roter Brille und neongelber Sicherheitsjacke steht mit verschränkten Armen in einem beleuchteten Tunnel; entlang der Tunnelwand verlaufen Kabel und Halterungen, der Gang läuft perspektivisch nach hinten schmaler zusammen.

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Interview

Martin Ausserdorfer: „Unser bestes Argument ist die Realität“

Der Direktor der BBT Beobachtungsstelle Martin Ausserdorfer erklärt, warum es den Brenner-Basistunnel braucht, es auf der deutschen Seite klemmt, und er dennoch Hoffnung in die deutsche Verkehrspolitik hat. Sein Auftritt war ein Höhepunkt des Treffens der Verkehrsreferenten der deutschen IHK-Organisation, das am 6. bis 8. Mai 2026 bei der IHK München stattfand: Mit seinem Vortrag machte Ausserdorfer vor, was hierzulande die politisch Verantwortlichen verlernt haben: mit Leidenschaft für ein Großprojekt kämpfen.

Nach seiner Rede stellte sich Ausserdorfer den Fragen von IHK-Redakteur Martin Armbruster.

Herr Ausserdorfer, im Juli, wenn sich ganz Deutschland mit der Fußball-WM beschäftigt und für das Plenum die Sommerpause ansteht, wird der Bundestag über die Trasse für den Brenner-Nordzulauf entscheiden. Gibt es in Berlin ein Happy end?

Es wird schwierig. Das wissen wir. Aber wir haben auch Hoffnung. Wenn ich die Hoffnung aufgebe, mache ich es denen noch leichter, die das Projekt bremsen oder verhindern wollen. Deshalb kämpfen wir bis dahin weiter.

Das tun wir auch, nur nicht geschlossen. In München und Berlin wird die Zulaufstrecke gefordert. Im Inntal, dort wo es brennt, mag sich von der Politik niemand für die Trasse hinstellen. Wie soll der Bürger das verstehen?

Das stimmt absolut. Wir reden über eines der wichtigsten Projekte der europäischen Geschichte. Und es ist schon verrückt, wie dumm wir uns anstellen. Aber die Politik muss jetzt die Weichen stellen. Wer soll es denn sonst machen? Wir haben den Tunnel, die Trasse, die Argumente. Jetzt muss von der Politik das richtige Signal kommen.

Die Bahn hat fast sieben Jahre für einen Trassenvorschlag gebraucht, der von Kommunalpolitik und Bürgerinitiativen bekämpft wird. Einige Spediteure sagen schon, der Nord-Zulauf kommt nicht vor 2050.

Wir hatten uns von Deutschland mehr erhofft, klar. Bayern hat dreimal in Folge den Bundesverkehrsminister gestellt – und es ist fast nichts passiert. Die deutsche Politik hat den BBT unfassbar schlecht kommuniziert. So überzeugst du die Menschen nicht. Wir hoffen jetzt, dass sich Bayern besinnt und mit der Bahn auf die Menschen zugeht. Nur so kommen wir zu Ergebnissen.

Die Projekt-Gegner sagen, die neue Zulaufstrecke sei zu teuer. Sie koste bis zu 15 Milliarden Euro.

Was uns Tag für Tag am teuersten kommt, ist, den Tunnel und seine Zulaufstrecken nicht zu bauen. Wenn sich etwas am Projekt verteuert, das kommt vor bei so großen Investitionen.

Für die Menschen, Wirtschaft und Umwelt ist der heutige Zustand des Brenner-Transits untragbar. Deswegen brauchen wir den BBT. Niemand hat eine andere Lösung.

Martin Ausserdorfer, Direktor der BBT Beobachtungsstelle

In den Pfingstferien eskaliert der Streit um den Alpentransit-Verkehr. Am 30. Mai hat der Bürgermeister von Gries am Brenner eine Demo gegen den Verkehr im Wipptal organisiert. Einen Tag lang Vollsperrung der A 13, dazu die Sprit- und Dieselpreise. Zeigt das Zweiflern, wie wichtig der BBT ist?

Das hoffe ich, weil sonst wird es gefährlich. Wenn ich mir heute die Situation Tirols anschaue, da ist doch völlig egal, aus welcher Partei der Landeshauptmann ist. Niemand wird sagen: Na kommt, wir lassen die Lkws einfach durch! Die Lkw-Blockade Österreichs wird wahlentscheidend sein. Der Konflikt wird bleiben. Daran ändert auch die Klage Italiens nichts. Wir brauchen eine Alternative zur Straße. Das sollte heute jeder verstehen.

Italiens Premierministerin Giorgia Meloni nahm im September an der Feier für den Brenner-Durchstich teil. Fanden Sie das ermutigend?

Ja, absolut. Das war ein Game-Changer. Meloni hat mit ihrem Besuch deutlich gemacht, welche Bedeutung der BBT für Italiens Wirtschaft und den europäischen Warenverkehr hat. Und sie hat neue Prioritäten gesetzt. Für Italien ist die Eisenbahn im Verkehr der Hoffnungsträger Nummer 1.

Bei dieser Feier war kein deutscher Minister oder Staatssekretär dabei. Wie peinlich ist das für uns?

Wenn du die Menschen überzeugen willst, musst du schon selbst zeigen, wie wichtig dir das Projekt ist. Wenn sich der Ministerpräsident Bayerns und der Bundeskanzler hier am Brenner hinstellen und sagen würden, Deutschland braucht diesen Tunnel, würde das die Leute beeindrucken. Ich sage Ihnen noch ein Beispiel …

Wir sind gespannt.

Zu Beginn der Corona- und Wirtschaftskrise haben Politiker gesagt, sie machen nur noch in Deutschland Urlaub. Das hatte Wirkung. Wir haben das auch in Südtirol gespürt. Wir hatten auch deswegen weniger deutsche Urlauber und Übernachtungen. Schon mit Worten können Politiker etwas bewegen. Darauf bauen wir jetzt vor der Abstimmung im Bundestag.

Die Menschen überzeugen – die Sprecher der Bahn machten das auf den Dialogforen mit ihren Zahlen auch nicht gut. Warum gibt es bei uns niemanden, der wie Sie mit Leidenschaft für den Tunnel kämpft?

Jeder macht Fehler, auch in der Kommunikation. Da geht es auch um die Fragen: Wie führe ich meine Mitarbeiter? Wie viel Rückhalt gebe ich ihnen? Ich habe immer für meine Freiheit gekämpft. Heute kämpfe ich für den BBT mit einem super Team. Ich gebe denen viel Freiräume, was uns allen gut tut. Ich freue mich, wenn meine Mitarbeiter in der Zeitung stehen.

Sie sagen, in Südtirol stünden heute 80 Prozent der Menschen hinter Ihrem Projekt. Wie haben Sie diese Zustimmung hinbekommen?

Unser bestes Argument ist die Realität. In Südtirol ertrinken wir im Verkehr. Wir haben immer wieder klar gemacht, dass wir dafür eine Lösung brauchen. Inzwischen haben das die Bürgermeister verstanden. Was ich verrückt finde, ist, wie man im Deutschland mit den betroffenen Landwirten umgeht.

Was machen Sie da in Südtirol anders?

Es gab Ausgleichsmaßnahmen für Gemeinden entlang der Südtiroler Zulaufstrecke. Die BBT SE (die Errichtergesellschaft, die Red.) hat dafür knapp 50 Millionen Euro bezahlt. Wir haben das koordiniert. Damit wurden neue Wasserleitungen, Straßenbeleuchtung und die Errichtung von Rad- und Gehwegen bezahlt.

Das gibt den Menschen das gute Gefühl, sie haben etwas davon.

Martin Ausserdorfer, Direktor der BBT Beobachtungsstelle

Das Gefühl haben die Menschen im Inntal offenbar nicht.

Hier in Bayern nimmt man den betroffenen Landwirten Flächen gleich doppelt weg. Erst verlieren sie Flächen wegen des Schienenausbaus. Dann noch einmal, weil für die versiegelten Flächen Ausgleichsflächen ausgewiesen werden müssen. Da macht man dann Bitumen und Hecken darauf. Da hat kein Mensch etwas davon. Mit solchen Verrücktheiten kann man ein Projekt zum Scheitern bringen.

Was sagen Sie den Leuten, die keine neue Bahntrasse vor ihrem Wohnzimmer haben wollen?

Wir mussten in Südtirol auch Grundstücke enteignen. Trotzdem steht die große Mehrheit hinter dem Projekt. Wir können uns heute nicht mehr den Luxus leisten, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Wir dürfen nicht nur auf die Generation von heute schauen, sondern müssen auch an Morgen denken. Was wird aus den Kindern? Wir müssen wieder lernen, uns gemeinsam für die Dinge einzusetzen, die für unsere Zukunft wichtig sind.

Gehört dazu auch die Möglichkeit, mit dem Zug durch Ihren Tunnel in zweieinhalb Stunden nach Verona auf einen Cappuccino zu fahren?

Ja, absolut. Der Tunnel wird auch die Menschen besser verbinden. Verona gilt als südlichste Stadt Deutschlands, München als nördlichste Stadt Italiens. Da geht es also auch um Kultur. Trotzdem gibt es Leute, die uns erzählen, wir könnten einfach auf diese großen Chancen verzichten. Das ist schon ein starkes Stück.

Es gibt aber Leute, die sagen: Wir brauchen die neue Trasse nicht. Es reicht, die Bestandsstrecke auszubauen.

Ohne Tunnel werden die Probleme nicht gelöst, die wir heute haben. Heute fahren pro Tag etwa 200 Züge auf der Bestandsstrecke. Der BBT hat die Kapazität für zusätzliche 400 Personen- und Güterzüge am Tag. Jeder Logistiker und Spediteur weiß das: Der Tunnel funktioniert nur dann gut, wenn wir die Zulaufstrecken haben.

Was auffällt im Trassenstreit: Man redet über Tunnel und Lärmschutz, über die Folgen für die Wirtschaft spricht keiner.

Das ist leider wahr. Der BBT steht für lauter positive Dinge: Standort, Warenaustausch, weniger Straßenverkehr, Schutz der Umwelt, Wirtschaft. Italien hat seine Häfen ausgebaut und hat viele der 190 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds in gute Dinge investiert. Davon könnten Bayerns Firmen stärker profitieren, wenn wir heute schon den Tunnel hätten.

Sie haben die Vision einer europäischen Eisenbahn, die EU verliert sich im Klein-Klein. Lässt auch das Ihren Frustpegel steigen?

Wir haben da harte Erfahrungen gemacht. Wenn man etwa für Bauvorhaben in Österreich italienische Vergaberegeln einhalten muss. Das hat mehr Zeit gekostet, als wir erwartet hatten. Andererseits hat die EU das 10-Milliarden-Projekt mitfinanziert. Und der BBT bringt tatsächlich den Impuls, den wir für eine europäische Eisenbahn brauchen.

Woher nehmen Sie den Optimismus?

Ein Beispiel: Wir können im laufenden Betrieb im BBT die Lokführer nicht mehr tauschen, weil wir in Italien, Österreich und Deutschland unterschiedliche Standards für Ausbildung und Sprachkenntnisse haben. Der Lkw aus Polen fährt einfach durch, da reicht ein Führerschein. Solche Verrücktheiten können wir uns nicht mehr leisten.

Die übrige Welt wartet nicht mehr auf aus. Ganz Europa braucht den Tunnel.

Martin Ausserdorfer, Direktor der BBT Beobachtungsstelle

Es gibt Kritiker, die sagen: Der Tunnel bringt verkehrstechnisch nichts. Das, was der von der Straße auf die Schiene bringt, wird quasi vom generellen Verkehrswachstum wieder aufgefressen.

Wenn der Tunnel plus Zulaufstrecken steht, können wir eine gute Flasche aufmachen. Dann haben wir pro Jahr eine Million Lkws weniger auf der Brenner-Autobahn. Das ist keine Verbesserung, das ist eine Revolution im Alpentransitverkehr.

Zur Person: Martin Ausserdorfer seit 2007 mit zunehmender Verantwortung beim Projekt Brenner Basistunnel (BBT) tätig; seit 2015 Bürgermeister der Marktgemeinde St. Lorenzen (BZ); seit 2021 Geschäftsführer der Rail Traction Company