„Wir hatten eine Marktlücke entdeckt“, freut sich Zwiehoff junior. Der Wettbewerb hatte ausschließlich Fahrzeuge mit Dieselantrieben hergestellt beziehungsweise umgerüstet. Viele Anwender wünschten jedoch emissionsarme Elektroantriebe, weil sie mit solchen Technologien bereits in ihren Lagern und Produktionsstätten arbeiteten. Mit der Linde Material Handling GmbH (LMH) fand Zwiehoff einen geeigneten Partner für solche Lösungen. Der Flurförderfahrzeughersteller hatte langjährige Erfahrungen mit Elektrostaplern und steuerte den Antrieb für das Pionierfahrzeug Rotrac E2 bei.
66 Unimogs für Kasachstan
„Die Entscheidung für eine eigene Produktion war über Jahre gewachsen“, blickt Stephan Zwiehoff zurück. Vor allem der erfolgreiche Einstieg in Auslandsmärkte gab diesen Plänen Auftrieb. 2007 akquirierte das Rosenheimer Unternehmen in Kasachstan einen Großauftrag über 66 Unimog-Fahrzeuge. „Als Produzent können wir Änderungs- und Anpassungswünsche unserer Kunden sofort umsetzen“, hebt Zwiehoff den Vorteil des neuen Geschäftsfelds hervor.
Das Ziel war die Entwicklung von Premiumfahrzeugen, was das kleine Unternehmen mit den Partnern Daimler und LMH glaubhaft unterstreichen konnte. Beide sehen sich in ihren Märkten ebenfalls als Qualitätsführer. Es folgten weitere Rotrac-Modelle. Vor allem für Lasten bis zu 500 Tonnen erweisen sich die LMH-Elektroantriebe als gut geeignet. Für höhere Lasten bleibt der Unimog ein bewährtes Basisfahrzeug.
Produktion in Riedering, Instandhaltung in Steinach
Als Folge des neuen Geschäftsfelds expandierte Zwiehoff ins Rosenheimer Umland. In Riedering errichtete das Unternehmen einen Produktionsstandort, den Frank Zwiehoff, der Bruder des Geschäftsführers, leitet. In Steinach entstand ein weiterer Standort für Service- und Instandhaltungsarbeiten.
Weil die Zwiehoff-Ingenieure und -Techniker immer mehr Komponenten selbst entwickeln, baute das Unternehmen ein weltweites Servicenetzwerk auf und nutzt hierfür Stützpunkte der Partner Daimler, LMH und Mol CY, eines Fahrzeugherstellers in Belgien. Mit ihm hat Zwiehoff die Baureihe Rotrac RR entwickelt, die bis zu 4.000 Tonnen zieht, wahlweise mit Elektro- oder Dieselantrieb ausgerüstet werden kann und beinahe so groß wie eine Rangierlokomotive ist.
Zulassungsservice inklusive
Zum Service gehört auch die Betreuung der aufwendigen Zulassungsverfahren durch nationale und internationale Behörden. „Für jede Fahrzeugänderung muss eine neue Zulassung beantragt werden“, erläutert Zwiehoff. Weil diese Verfahren sich über Jahre hinziehen können, hat Daimler Truck sie an die Rosenheimer outgesourct.
Mit dem Lkw-Hersteller baut Zwiehoff die langjährige strategische Partnerschaft weiter aus: 2024 hat sich das Unternehmen zum „Unimog ExpertPartner“ zertifizieren lassen. „Daimler liefert die Basisfahrzeuge und wir entwickeln die Schienenführungssysteme und die Bremsanlagen“, erläutert Zwiehoff die Arbeitsteilung. Bei den Bremsen kooperieren die Rosenheimer mit dem Weltmarktführer für Bremssysteme Knorr-Bremse AG.
Technische Innovationen in der Pipeline
Für die Zukunft hat Zwiehoff einiges vor. Über mechanische Komponenten hinaus bauen die Rosenheimer IT-gestützte Steuerungs- und Überwachungssysteme in die Fahrzeuge ein. Mit Schienenfahrzeugexperten der TU Dresden und der RWTH Aachen entwickeln sie neue Produkte und Prozesse und konnten bereits einige Fahrzeuginnovationen realisieren. Auf der Branchenmesse transport logistic 2025 in München stellten sie das mit einer LMH-Batterie betriebene Kleinfahrzeug Rotrac E1 vor, das unter aufgeständerte Schienenwaggons fahren kann.
Langfristig hält Zwiehoff sogar autonome Fahrlösungen für denkbar. „Was technisch möglich ist, muss jedoch nicht unbedingt zulassungsfähig sein“, erinnert er an die hohen Behördenanforderungen für die Genehmigung neuer Fahrzeuge.