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Unter Wasser – Wetterextreme treten immer häufiger auf (im Bild Hochwasser in Deggendorf)

Unter Wasser – Wetterextreme treten immer häufiger auf (im Bild Hochwasser in Deggendorf)

© medienweber/Adobe Stock

Krisenfest durch Nachhaltigkeit

Wie Unternehmen in einer Welt multipler Krisen mit nachhaltigen Maßnahmen ihre Lieferfähigkeit und ihre Marktposition sichern.

Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 4/2026

Risiken entstehen, verstärken und verändern sich, sie fordern die Wirtschaft heraus. Ludger Eilers, General Manager Europe der NovaTaste Gruppe, bleibt dennoch gelassen. Sein Unternehmen ist spezialisiert auf Geschmackslösungen für Lebensmittelhersteller, Großhandel, Handwerks- sowie Gastronomiebetriebe und hat unter anderem einen Standort im oberbayerischen Freilassing. Auf die Herausforderungen fühlt sich Eilers gut vorbereitet: „Ob Klimafolgen, Zölle oder Kriege in Lieferländern – durch unsere umfassende Nachhaltigkeitsstrategie können wir Risiken gut abfedern.“

Tatsächlich belasten die Folgen des Klimawandels die Wirtschaft zunehmend: extreme Wetterereignisse, Hitzeperioden, Wasserknappheit und Artensterben. Allein in Bayern werden bis 2055 zehn Hitzetage mehr im Median und längere Trockenperioden erwartet. Gleichzeitig findet im Frühjahr schon jetzt bis zu 30 Prozent häufiger Starkregen statt.

Zudem knarzt es geopolitisch an vielen Stellen: Bewährte internationale Übereinkünfte werden zunehmend infrage gestellt. Es gibt Zölle, Sanktionen, staatlich gestützte Cyberattacken, Kriege. „Wir erleben derzeit einen historischen Umbruch der internationalen Ordnung. Nichts ist mehr, wie es war“, sagt Kira Vinke, Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. „Unternehmen müssen dies in ihrer Risikoprävention mitdenken.“

„Echter Stabilitätsfaktor“

Gerade in Bezug auf wachsende oder wieder erstarkte Risiken wie den Klimawandel oder geopolitische Veränderungen sieht BIHK-Expertin Henrike Purtik Nachhaltigkeit als wirkungsvolles Mittel, um Unternehmen wettbewerbs- und zukunftsfähig zu halten: „Auch wenn Nachhaltigkeit heute oft mit Bürokratie verbunden wird: Für Betriebe kann sie ein echter Stabilitätsfaktor sein – sie reduziert Abhängigkeiten und macht Lieferketten robuster.“

Unterschiedlichste Risiken

Widerstandsfähigkeit ist für Firmen unverzichtbar angesichts der zahlreichen Risikofaktoren: Überflutungen beschädigen Server, Maschinen, Lager oder Verkaufsräume. Extreme Hitze belastet nicht nur im Freien arbeitende Beschäftigte, auch die Lagerung von Produkten wird gefährdet, Seewege brechen als innereuropäische Logistikrouten weg. Weil pflanzliche Rohstoffe bei Hitze oder zu viel Regen schlecht gedeihen oder Schädlingen zum Opfer fallen, sind sie weniger und damit zu deutlich höheren Kosten verfügbar.

Wenn stärkere Tornados den internationalen Seeweg erschweren, fallen Lieferungen aus oder verspäten sich. Durch Kriege wie etwa gerade im Nahen Osten, durch Zölle oder Sanktionen verringert sich die Zahl der möglichen Lieferanten und Märkte. Und das ist nur ein Ausschnitt der Risiken.

Gefahren erkennen – und aktiv managen

Inzwischen haben die meisten Unternehmen die Bedrohungen realisiert. Sie beginnen, ihre Resilienz zu stärken, beobachtet Jan-Marten Krebs, Vorstand der Sustainable AG Unternehmensberatung in München. „Manche Risiken werden schon gut gemanagt. Bei anderen fehlen hingegen oft noch Konzepte.“

Unternehmen sollten in jedem Fall auch die Chancen sehen. „Um resilienter zu werden, braucht es Innovationen für Organisation, Prozesse, Produkte, Logistik. Das differenziert zugleich vom Wettbewerb, macht attraktiv.“ Auch er ist überzeugt: „Die Innovationen und anderen Resilienzmaßnahmen sollten dabei unbedingt auf die Nachhaltigkeit einzahlen. Mehr Nachhaltigkeit führt dauerhaft zu mehr Resilienz – und Geschäftserfolg.“

Ganzheitliche Risikoanalyse

Zunächst braucht es aber eine Bestandsaufnahme. „Unternehmen sollten bei der Risikoanalyse stets ganzheitlich vorgehen, alle Abteilungen, Partner, Lieferanten und auch Kunden, die ganze Wertschöpfungskette mit einbinden“, rät Krebs. Das Gleiche gilt für die Lösungen.

„Es ist wirkungsvoller, wenn alle Akteure die Maßnahmen miteinander abstimmen“, ergänzt Ronja Bayerle, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Infozentrum UmweltWirtschaft (IZU) in Augsburg. Das IZU entwickelt und erprobt derzeit ein excelbasiertes Klimaanpassungstool, mit dem Unternehmen Klimarisiken für jeden Standort in Bayern abfragen und ihre individuelle Vulnerabilität einschätzen können. Zudem erhalten sie passende Maßnahmenvorschläge.

Messbare Ziele, aber auch Investitionen

Um Lösungen zu finden, rät Experte Krebs zu interdisziplinären Innovationsworkshops. Dabei sollten Unternehmen auch ihre bisherige Managementlinie überprüfen. „Wenn das Geschäftsmodell nachhaltiger und resilienter werden soll, ist die Vorgabe, nur zum günstigsten Preis einzukaufen, kontraproduktiv“, erläutert er. „Es braucht neben Visionen und messbaren Zielen auch Investitionen.“ Diese rechnen sich über Effizienzsteigerungen oder neue Geschäftsfelder meist schneller als erwartet.

Wie Unternehmen durch nachhaltige Maßnahmen die Resilienz erhöhen können, zeigen Beispiele:

  • Betriebsgelände zu entsiegeln verbessert die Grundwassersituation, reduziert Überflutungsrisiken und sichert Wasser für betriebliche Prozesse.
  • Eigenstromerzeugung und Energieeffizienzmaßnahmen senken mittelfristig Kosten und Preisvulnerabilität, reduzieren den CO2-Ausstoß und erhöhen zugleich die Energiesicherheit und die Unabhängigkeit von weltweiten Öl- und Gasimporten.
  • Kreislaufansätze, zirkuläres Design mit langlebigen, recyclingfähigen Materialien und Reparaturfähigkeit helfen Ressourcen einzusparen, stärken die Versorgungssicherheit und mindern Lieferkettenrisiken.

Best Practice: Nachhaltigkeit als strategischer Rahmen

Zurück zu NovaTaste: Das Unternehmen beschäftigt 2.400 Mitarbeitende an 20 Standorten in 12 Ländern, betreibt 11 Innovationszentren. Nachhaltigkeit bildet den strategischen Rahmen für alle Entscheidungen. NovaTaste ist nach den Umweltmanagementsystemen ISO 14001 und EMAS zertifiziert, dekarbonisiert systematisch Standorte und Produkte.

Ludger Eilers, General Manager von NovaTaste, steht im grauen Sakko und schwarzem Shirt in einem modernen Bürogebäude.

© NovaTaste

Durch unsere umfassende Nachhaltigkeitsstrategie können wir Risiken gut abfedern.

Ludger Eilers, General Manager NovaTaste

Durch eigene Solaranlagen und zusätzlichen Grünstrom, Energieeffizienz in der Produktion sowie optimierte und wo möglich elektrifizierte Logistik und Mobilität stärken die Standorte ihre Energiesicherheit. Klimabedingte oder geopolitische Lieferrisiken fängt NovaTaste durch Weiterentwicklung der Geschmacksmixturen, den Einsatz alternativer Rohstoffe, ein umfangreiches, flexibles Zulieferernetzwerk und die Unterstützung betroffener Lieferanten auf.

Schulungen in Brennpunkt-Regionen

„Wir wissen den Wert langfristiger Lieferbeziehungen zu schätzen, sind aber auch auf rechtzeitige und ausreichende Rohstofflieferungen angewiesen“, sagt Manager Eilers. In von Klimawandel betroffenen Gebieten hilft das Unternehmen daher mit Schulungen, um Erträge abzusichern. „Mit den Zulieferern in der Ukraine sind wir auch in Kriegszeiten in Kontakt, haben einen langen Atem. Auch springen andere Zulieferer vorübergehend ein.“

Die engen Beziehungen zu Lieferanten, Kunden und Mitarbeitenden seien ein wesentlicher Bestandteil der Resilienzstrategie: „Das sind gemeinsame Lernprozesse und Gespräche auf Augenhöhe: proaktiv, innovativ, gestützt durch Ziele, Leitlinien und Audits zum Nutzen für Menschen und Planet – und zu beiderseitigem wirtschaftlichem Vorteil.“

Chemisches Recycling als neuer Geschäftszweig

Nicht zuletzt bietet die Notwendigkeit erhöhter Resilienz auch Chancen für neue Geschäftsmodelle. Ein Beispiel dafür ist die bayerische PRUVIA GmbH. Gerade errichtet das junge Unternehmen im oberbayerischen Gendorf seine erste kommerzielle Industrieanlage. Mittels Pyrolyse verwandelt es dort Kunststoffabfälle, die nicht mechanisch recycelt werden können, zurück in Öl und somit in den Ausgangsstoff für neue Kunststoffprodukte.

Andreas Kurz, Chief Operating Officer von PRUVIA, steht an einem Tisch, trägt Brille und hellblaues Hemd, lächelt in die Kamera.

© Thomas Paulmann

Wir fördern die Kreislaufwirtschaft und stärken die Rohstoffbasis.

Andreas Kurz, Chief Operating Officer PRUVIA

„Diese lassen sich ohne Qualitätsverlust beliebig oft in den Stoffkreislauf zurückführen. Dabei ermöglicht das chemische Recycling durch Pyrolyse im Gegensatz zum mechanischen Recycling auch die Herstellung hochwertiger neuer Kunststoffprodukte, etwa für den Lebensmittelbereich“, erklärt Andreas Kurz, der das operative Geschäft bei PRUVIA leitet. Aktuell landen von europaweit 30 Millionen Tonnen gemischten Kunststoffabfällen aus Haushalten jährlich rund 12,4 Millionen in der Verbrennung und 6,9 Millionen Tonnen auf Deponien. „Das darf nicht sein“, so Kurz. „Durch die Plastikabfälle hat Europa quasi ein riesige s eigenes Ölfeld – wir müssen, wir können es nachhaltig nutzen.“

Pyrolyse fördert Kreislaufwirtschaft – und Unabhängigkeit

Die Nachhaltigkeits- und Resilienzimpulse liegen für ihn auf der Hand: „Gegenüber der Verbrennung können wir bis zu 80 Prozent CO2 einsparen. Wir fördern die Kreislaufwirtschaft und stärken die Rohstoffbasis vor Ort. Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und von Öllieferungen sinkt.“ Zugleich entstehen etwa in Entwicklungsländern Einkommens- und Entwicklungschancen, wenn dort Plastiksammelstrukturen etabliert werden.

Natürlich hat Kurz auch die Resilienz des eigenen Unternehmens im Blick: „Pyrolyse ist ein energieintensiver Prozess. Durch unseren innovativen Technologieansatz hinsichtlich Wärmeeintrag und integrierter Wärmerückgewinnung haben wir den Gesamtprozess jedoch energetisch sehr effizient ausgelegt.“

IHK-Info: Resilienz von Unternehmen

Für Unternehmen, die ihre Resilienz stärken wollen, gibt es zahlreiche Informationsangebote. Die IHK für München und Oberbayern bietet auf ihrer Website mehrere Ratgeber
zu Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility
zu Klimaschutz und zur Energiewende
zu betrieblicher Umweltschutz Kreislaufwirtschaft